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Islam ist ein Filter für Kultur

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Islam, Kultur und Vielfalt: Warum Islam die Menschen nicht zu Kopien macht, sondern das Gute lokaler Traditionen bewahrt, reinigt und fördert.

(iz). Islam ist keine ethnische Subkultur. Genau gegen dieses Missverständnis richtet sich der folgende Text: Er zeigt ihn als religiöse Ordnung, die lokale Kultur nicht auslöscht, sondern prüft, ordnet und, wo sie gut ist, bejaht.

Es gibt eine verbreitete, doppelte Verengung des Islam. Islamkritiker sehen in ihm oft nur einen fremden Block, gebunden an Araber, an das Bild einer bestimmten Region oder an eine starre Zivilisation.

Manche Muslime übernehmen das unfreiwillig von der Gegenseite und verwechseln Norm mit arabischer Gewohnheit, Frömmigkeit mit Folklore, Universalität mit Uniformität. Beides führt in die Irre.

Denn Allahs Din ist nicht an eine Ethnie gekettet, aber ebenso wenig kulturfrei. Er kommt nicht als leere Form in die Welt, sondern als Offenbarung, die an Menschen mit ihren Sprachen, Sitten und Symbolen herantritt.

Wer seine Frühgeschichte und die Verbreitung betrachtet, erkennt gerade darin seine erstaunliche Weite. In Indonesien, dem größten mehrheitlich muslimischen Land der Welt, kam der Islam einige Jahrhunderte später. Entscheidend ist aber nicht das Datum, vielmehr die Art der Ausbreitung.

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Foto: Irisland/Shutterstock | Lizenz: Shutterstock, erworben

Er begegnete dort nicht einem kulturellen Vakuum, sondern einer bereits geordneten Welt aus Hofkultur, Handel, Dichtung, Ritual und Frömmigkeit. Lokale Traditionen, Weisheiten und Formen wurden nicht einfach zerschlagen, sondern im Licht islamischer Lehre umgedeutet und aufgenommen.

Die berühmten neun Wali Songo stehen genau für diese Art der Einladung: lehrend, geduldig, kunstsinnig, politisch klug und ohne rohe Kulturverachtung.

Das ist kein Synkretismus im Sinne eines beliebigen Mischens. Es ist etwas Strengeres und zugleich Menschlicheres: Islam wirkt wie ein Filter, nicht wie ein Farb- und Geruchsentzug.

In Umar Faruq Abd-Allahs Text „Islam and the Cultural Imperative“ wird dieser Gedanke mit großer Klarheit formuliert. Gute kulturelle Konventionen können rechtsähnliches Gewicht haben, solange sie der Offenbarung nicht widersprechen.

Die überlieferte Weisheit des Fiqh kennt nicht nur das Verbot, sondern ebenso die Anerkennung des Gewachsenen. Abd-Allah beschreibt Islam und seine Scharia geradezu als klaren Fluss, der seine Farbe aus dem Boden empfängt, über den er fließt.

Hier liegt auch der innere Zusammenhang zur Schule von Medina und zu Malik. Die malikitische Tradition ist nicht darauf angewiesen, Kultur gegen Religion auszuspielen. Sie kennt das Gewicht lokaler Praxis, sofern diese nicht die Grundnormen bricht.

Wissen Aischa

Foto: Archiv

Medina ist in diesem Sinn nicht nur ein Ort, sondern ein Prüfstein: Nicht jede Gewohnheit wird heilig, aber das Gute im Gewohnheitsrecht wird nicht leichtfertig vernichtet. Darin liegt eine eigentümliche Würde des islamischen Rechts: Es ist universal, ohne ortlos zu sein.

Dass dieser Weg historisch fruchtbar war, zeigt Indonesien besonders deutlich. Die Wali Songo arbeiteten nicht mit kultureller Demütigung, vielmehr mit Übersetzung. Sie nutzten Theater, Musik, Bildung, Moscheebau und die Sprache der Menschen.

Selbst dort, wo ältere Formen weiterlebten, wurden sie nicht bloß verboten, sondern islamisch umgeformt. Gerade deshalb konnte sich Allahs Din als tiefes Milieu und nicht nur als äußere Hülle ausbreiten. Religion gewann Autorität nicht durch kulturelle Aggression, stattdessen durch geistige Souveränität.

Gerade dieser Punkt ist wichtig, weil er an eine Gegenwart erinnert, in der Muslime in Europa häufig zwischen zwei Fallen stehen. Die eine ist die Forderung, endlich vollständig „wie die anderen“ zu werden. Die gegenteilige die Versuchung, aus Identitätspolitik eine starre kulturelle Abschottung zu machen.

Goethe Divan Koran

Foto: Dana Ward, Unsplash

Beides ist schwach. Tragfähig ist vielmehr der Weg der Brücke: nicht der Preisgabe des Eigenen, sondern der verständigen Vermittlung. Genau in dieser Tonlage schreiben wir bspw. über Weimar als Brücke zwischen der deutschen Kultur und Muslimen, von Florenz als Ort islamisch-europäischer Anknüpfung und Dialog als Praxis von Begegnung statt bloßer Rhetorik.

Auch Umar Faruq Abd-Allah liefert dafür ein wichtiges Bild. In seinem Gesprächsmaterial betont er, dass Muslime nicht gezwungen sind, kulturell zu kapitulieren, wenn sie in einer neuen Umgebung leben.

Der Prophet selbst habe Unterschiede nicht eingeebnet, sondern anerkannt. Das berühmte Beispiel der Äthiopier, die in der Prophetenmoschee tanzten und trommelten, zeigt: Der Islam verlangte nicht kulturelle Selbstaufgabe. Er lässt Raum für Würde, Form und Freude.

Vielleicht liegt genau darin eine der stärksten Antworten auf die Gegenwart. In einer Zeit globaler Standardisierung, in der viele Kulturen durch eine monotone Weltform bedroht sind, erinnert der Islam an eine andere Ordnung: Einheit ohne Uniformität.

Die Offenbarung kommt nicht, um die Völker zu entkleiden, sondern um das Gute in ihren Gewohnheiten zu sichten und zu heben. Das ist weder Nostalgie noch Beliebigkeit.

Es ist eine alte, aber immer wieder neue Weisheit. Islam wird dort am lebendigsten, wo er Menschen nicht zu Kopien macht, sondern zu glaubenden Persönlichkeiten in ihren je eigenen Welten.

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Wie unterscheiden sich Imam, Mufti und Qadi?

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Wer heute in Deutschland über eine Fatwa, einen Mufti, einen Imam oder einen Qadi spricht, verwendet Begriffe, die selten unbefangen gehört werden.

(iz). In Medien und politischen Debatten erscheinen sie häufig als Chiffren für Fremdheit, Autorität oder sogar Bedrohung. Dabei wird oft nicht nur über den Islam gesprochen, sondern auch über Vorstellungen, die mit den tatsächlichen Bedeutungen dieser Begriffe wenig zu tun haben.

Das hat Folgen für muslimische Gemeinden und für die öffentliche Wahrnehmung ihrer religiösen Vertreter. Der Imam einer Moschee, ein islamischer Rechtsgelehrter und ein Qadi werden nicht selten in einen Topf geworfen, als bezeichneten ihre Titel dieselbe Stellung oder dieselbe Art von Autorität.

Doch ihre Aufgaben, Voraussetzungen und Grenzen sind verschieden – und gerade diese Unterschiede geraten in der gegenwärtigen Debatte schnell aus dem Blick.

Besonders die Fatwa ist zu einem Wort geworden, das außerhalb muslimischer Zusammenhänge beinahe automatisch mit Verbot, Drohung oder Gewalt verbunden wird. Dabei ist sie zunächst eine Rechtsmeinung zu einer konkreten Frage.

Ihr Gewicht hängt davon ab, wer sie formuliert, auf welcher Grundlage sie beruht und ob sie die Lebenswirklichkeit der Fragenden überhaupt kennt. Ähnlich verhält es sich mit dem Imam und dem Qadi: Ihre Aufgaben überschneiden sich im allgemeinen Sprachgebrauch oft, sind aber keineswegs dieselben.

„Traurige Beispiele sind politische oder militärische Bewegungen, die an die Macht kommen, und Muftis ernennen, die Fatawa erlassen, um ihre Handlungen zu rechtfertigen. Dazu gehören auch Muftis, die nicht die nötigen Voraussetzungen erfüllen oder Meinungen veröffentlichen, die Muslime zum Gespött von Nichtmuslimen machen“, meint Malik del Pozo, Lehrer für Qur’an, islamisches Recht und Arabisch.

Die Liste zeitgenössischer Meinungen, die in den Augen von Nichtmuslimen sehr skurril erscheinen müssen, ist sehr lang und reicht von erhängten VHS-Kassetten, geht über absurde Rechtsmeinungen, die gelegentlich aus Kairo in unseren Breiten ankommen und endet nicht mit dem Verbot von Mickey Mouse oder dem Fahrverbot für saudische Frauen.

Foto: Krysja/Shutterstock | Lizenz: Shutterstock

Eine Fatwa bezieht sich im Allgemeinen auf ein neues Urteil, das von einer geeigneten Person durch eine Entscheidung gefunden wird – oder auch nicht. Es sollte, so der Gelehrte Dr. Asadullah Yate, „von einem anerkannten Mufti innerhalb einer existierenden Gemeinschaft kommen“ und durch eine akzeptierte Autorität bestätigt werden.

Unabhängig davon, ob sich ein Richter (arab. Qadi) danach richtet oder nicht, könne es von Leuten als Richtlinie für ihr Verhalten genutzt werden.

Das grundlegende Verständnis einer Fatwa erläutert Malik del Pozo: „Die Notwendigkeit für eine Fatwa ergibt sich aus der Existenz einer Frage, die beantwortet werden muss.“

Der Fakt, dass sich diese Antwort nicht im Qur’an, in den Hadithen oder in den anderen Rechtsquellen finde, impliziere einen Mufti oder mehrere. Diese träfen in Folge eine Entscheidung, „die falsch oder richtig sein kann“.

Es handle sich hier um eine Frage großer Verantwortung. Es sei nicht selten gewesen, Imam Malik „ich weiß es nicht“ sagen zu hören. Selbst, wenn eine Entscheidung durch einen Mufti notwendig werde, müsse sie immer auf „Qur’an, Hadith und den Rechtsschulen basieren“.

Daher brauche ein Mufti ein vertieftes Wissen auf diesen Gebieten. „Eine Fatwa kann sich niemals gegen die Scharia selbst richten.“ Im Falle von Muslimen, die in einem nichtmuslimischen Land leben, könne eine solche Rechtsmeinung auch nicht den dortigen Gesetzen zuwiderlaufen.

„In der Scharia gibt es zwei große Oberkategorien für Fatawa: Die erste betrifft die gesamte Umma und ihre Antwort beruht auf Qur’an und Hadith.

Die zweite richtet sich nach den Regeln einer bestimmten Rechtsschule (Madhhab), die dieser eigen sind. Auch wenn dies früher nicht der Fall war, sollten allgemeine Fatawa heute von mehreren Muftis oder Gelehrten geschrieben werden.“

„Was heute gerne in der Internet-Realität unter dem rechtlichen Begriff des ‘Muftis’ verstanden wird, unterscheidet sich von der historischen Realität des Dar Al-Islam“, meint Dr. Yate.

Mit anderen Worten, in jeder funktionierenden, realen muslimischen Gesellschaft, die selbstständig war und sich an Richtlinien des Mittleren Weges orientierte, habe der Mufti bestimmten Bedingungen unterlegen: „Der Mufti ist ein Mudschtahid. Das heißt, er hat den Rang eines Rechtsgelehrten (arab. Faqih) inne, der in der Lage ist, in einer Sache zu einem Urteil zu kommen, die bisher noch nicht entschieden wurde.“

Seine absolute Mindestanforderung bestehe darin, dass er sein Wissen von Angesicht zu Angesicht von anerkannten ‘Ulama genommen habe und, dass er „die ‘Bidaja’ von Ibn Ruschd Al-Hadidh gemeistert hat“.

Ein Mufti gehöre zu einer spezifischen Gemeinschaft und stehe im Verbund mit ihrer Führung; „mit dem Ergebnis, dass seine Entscheidung einen gemeinschaftlichen und sozialen Kontext hat. Auch wenn er unabhängig in seiner Entscheidungsfindung ist, sollte er natürlich zu einem Urteil kommen, dass zum Nutzen der Gemeinschaft ist“.

Malik del Pozo beschreibt die Eigenschaften, die jemand haben muss, der eine Fatwa gibt: „Er oder sie braucht tiefes Wissen vom Qur’an, der Hadithwissenschaft, der arabischen Sprache und den Rechtsschulen.

Charakterlich muss er gerecht sein, verantwortungsbewusst handeln, vertrauenswürdig sein, intelligent und sich um eine Antwort bemühen.

Der entsprechende Mufti muss die Lebensbedingungen des oder der Fragenden kennen, die in der Suche nach Antwort zu ihm kommen. Das beinhaltet ihre Zeit, ihren Ort und die Frage, ob sie in der Lage sein wird, die Fatwa auch umzusetzen.“ Vielleicht etwas überraschend für Nichtkenner der Materie ist, dass laut Del Pozo auch Frauen Fatwas erstellen können.

Im Gegensatz zu anderen, westlichen Rechtssystemen bereitet eine Fatwa nicht den Boden für ähnliche zukünftige oder verwandte Fragen. Fragen zur gleichen Sache von unterschiedlichen Leuten können zu vollkommenen anderen Fatawa führen. Das heißt, diese Kategorie der Urteile betrifft nicht alle, sondern ist „persönlich oder optional“.

Foto: DITIB Zentralmoschee Köln

Die Unterscheidung ist gerade dort wichtig, wo die Begriffe im Alltag ineinanderlaufen. Im klassischen sunnitischen Verständnis bezeichnet Imam zunächst denjenigen, der das gemeinschaftliche Gebet leitet. In einer Moschee ist er deshalb häufig auch derjenige, der die Freitagspredigt hält, Unterricht erteilt und für Fragen aus der Gemeinde ansprechbar ist.

Gerade in muslimischen Minderheitensituationen kommen zu dieser Aufgabe oft Erwartungen hinzu, die weit über das Vorbeten hinausgehen. Der Imam wird dann als religiöser Ansprechpartner und als Vertreter der Gemeinde wahrgenommen.

Das macht ihn jedoch nicht ohne Weiteres zum Mufti. Ein Imam kann über die nötige Ausbildung verfügen und auch Fatwas erteilen; sein Amt allein verleiht ihm diese Befugnis aber nicht. Ebenso wenig ist er ein Qadi. Wo Muslime keine eigene Gerichtsbarkeit haben, kann ein Imam keine verbindliche Qada ausüben.

Die Aufgaben können sich in einer Person verbinden, die Begriffe bezeichnen aber unterschiedliche Funktionen: Der Imam leitet die Gemeinde im Gebet und häufig in ihrem religiösen Alltag, der Mufti gibt Rechtsmeinungen ab, der Qadi fällt verbindliche Urteile.

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Foto: Mitzo, Shutterstock | Lizenz: Shutterstock

Dem Qadi und seinem Urteil (arab. qada oder hukm) kommt ein klar verbindlicher Rang zu. Der Qadi sei, so Dr. Asadullah Yate, in seiner Entscheidung nicht an die Meinung eines Muftis gebunden.

Die Entscheidung eines Qadi, Hukm, bezieht sich im Allgemeinen auf die klaren rechtlichen Vorschriften, die im Qur’an enthalten sind, oder die durch den Gesandten Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, ausgedrückt wurden.

„Es gibt weitere Rechtsquellen für das Urteil eines Qadi“, so der Gelehrte: Vorschriften, die nicht unmittelbar klar werden, solche, die durch erweiterte Bedeutungen unterstützt werden und die durch das Mittel des Analogieschlusses (arab. qijas) aus Passagen im Qur’an oder vom Propheten abgeleitet werden können, der Gesamtkörper aller Regelungen, die von den ersten vier Kalifen und den frühen Generationen des Islam stammen, Vorschriften aus der Zeit nach den ersten drei Generationen, über die Einigkeit besteht, anerkannte Bräuche sowie neue Fatawa, die im Laufe der Zeit zu einem festen und anerkannten Bestandteil des islamischen Rechts wurden.

Laut Malik del Pozo stellt das Urteil eines Qadis – ebenso wie eine Fatwa – eine gemeinschaftliche Verpflichtung (arab. fard kifaya) für die gesamte muslimische Gemeinschaft dar. Kommt ihr ein Teil der Muslime nach, dann ist das nicht länger die Verantwortung des Restes. Wird diese Pflicht von niemandem erfüllt, dann hat die gesamte Gemeinschaft einen schwerwiegenden Fehler begangen.

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Das geheime Kalifornien

Kalifornien

Unterwegs in Kalifornien: Unser Autor spekuliert über die sprachlichen und islamischen Wurzeln des beliebten US-Staats.

(iz). Diesen Sommer machte ich mich auf zu einer weiteren Reise nach Kalifornien, diesmal, um meiner kranken Mutter beizustehen. Aber es sollte auch eine Zeit der Erholung sein.

Die atemberaubende Küste bot eine willkommene Abwechslung zum Großstadtdschungel der Hauptstadt, während die lockere Freundlichkeit der Menschen einen erfrischenden Kontrast zur „Berliner Schnauze“ meiner „lieben“ Mitberliner bildete.

Das Lustige daran ist: Als mich der Chefredakteur der „Islamischen Zeitung“ bat, einen Reisebericht über einen Aspekt des Bundesstaats zu schreiben, sagte ich, dass ich das gerne tun würde, mir aber beim besten Willen kein relevanter Bezug einfiele.

Ich ahnte nicht, dass sich dieser Zusammenhang direkt vor meinen Augen verbarg. Das Überraschendste daran ist vielleicht, dass man kaum einen Kalifornier finden würde, der sich der versteckten muslimischen Fäden bewusst ist, die in Dinge eingewoben sind, die so typisch kalifornisch sind wie die Luft, die wir hier atmen.

Ich habe einen Großteil meiner Jugend hier in Carmel verbracht. Es ist eine wunderschöne, verschlafene und zunehmend unerschwingliche Küstenstadt an der Zentralküste, etwa auf halbem Weg zwischen Los Angeles und San Francisco.

„Die Heimat der Frischvermählten und der fast Verstorbenen“, wie es ein lokaler Witzbold einmal formulierte: Man kommt als Tourist in den Flitterwochen hierher, und hier verbringt man die letzten glücklichen Jahre im Ruhestand, nachdem man im Silicon Valley oder im riesigen Agrarimperium des Central Valley sein Vermögen gemacht hat.

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Foto: Chris Leipelt, Unsplash

Das Leben hier in diesem Land, in dem Milch und Honig fließen – das Henry Miller einst als Paradies auf Erden bezeichnete –, ist so wunderschön, dass man ab einer Weile fast schon ein schlechtes Gewissen bekommt.

Irgendwann sehnt man sich vielleicht sogar nach dem Stress und der Hektik des Großstadtlebens, die einen auf Trab halten und von der verführerischen Trägheit fernhalten, die sich an Orten von solch außergewöhnlichem Komfort einzuschleichen scheint.

Von meinem derzeitigen Sitzplatz aus, auf der Holzterrasse des Hauses meiner Mutter, bricht die Mittagssonne allmählich durch den allgegenwärtigen Küstennebel. Vier Falken kreisen unter dem blassen Himmel und suchen den Boden nach einer Feldmaus oder einer anderen Beute ab, während ein Gelbbrustkolibri von einer Sukkulente zur nächsten huscht.

Ich beobachte ein graues Eichhörnchen, wie es am Holzgeländer entlang huscht und eine Küsteneiche hinaufklettert, die mit grünlichgrauer Bartflechte bewachsen ist.

Die salzige Luft ist erfüllt vom Rauschen der Brandung und dem leisen, musikalischen Klingeln eines Windspiels eines Nachbarn irgendwo in der Nähe. Ich weiß, dass ich schon bald das Läuten der Kirchenglocken hören werde, das von der Carmel Mission herüberweht, die nur einen kurzen Spaziergang entfernt liegt.

Die Carmel-Mission, offiziell „Mission San Carlos Borromeo del Río Carmelo“, wurde 1770 vom Franziskanermissionar Junípero Serra gegründet. Einem Mann bescheidener Herkunft und unerschütterlicher religiöser Überzeugung, der glaubte, Gott habe ihm die Aufgabe anvertraut, die Ureinwohner Kaliforniens zu bekehren und zu retten.

1988 wurde Serra von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen. Das war eine umstrittene Entscheidung, bei der Kritiker argumentierten, dass das Leid, das die indigenen Bewohner unter dem Missionssystem erdulden mussten, darunter Todesfälle durch Krankheiten, Zwangsarbeit und die Zerstörung traditioneller Lebensweisen, nicht vollständig anerkannt worden sei.

Heute wird Pater Junípero Serra mit einem monumentalen Bronzekenotaph neben der Carmel-Mission geehrt. Im Gegensatz dazu wird der Tausenden von Indigenen, die im Rahmen des Missionssystems ums Leben kamen, weitaus bescheidener gedacht.

Sie wurden in einem Massengrab auf der Nordseite der Kirche beigesetzt, unter einfachen Erdhügeln, die mit simplen Abalone-Muscheln geschmückt sind.

Der Sakralbau und seine angrenzenden Gebäude – was man auf den ersten Blick kaum vermuten würde – sind größtenteils Rekonstruktionen. Sie sind das Lebenswerk eines bemerkenswerten Mannes: Harry Downie.

Das war ein Zeichner und Architekturhistoriker, der den Bau erstmals 1931 besuchte und fast ein halbes Jahrhundert seiner sorgfältigen Wiederherstellung widmete.

Sein Ziel war es nicht bloß, sie alt aussehen zu lassen, sondern sie anhand von Originalplänen, archäologischen Funden, historischen Skizzen und traditionellen spanischen Bautechniken originalgetreu wiederherzustellen.

Das Ergebnis ist eine so vorbildgetreue Restaurierung, dass die Mission fast genau so aussieht wie in ihrer ursprünglichen Form.

Anklänge an die Lehmziegelarchitektur des Baus – typisch für den spanischen Kolonialbau – finden sich überall in Carmel, in der Monterey-Bay-Region und in Kalifornien insgesamt.

Bereits vor mehreren Jahrzehnten haben Muslime in New Mexiko mit Adobe experimentiert. (Foto: Dar Al Islam)

Sie ist eines der Markenzeichen der kalifornischen Ästhetik, ebenso ikonisch wie die Palmen am Sunset Boulevard in Los Angeles oder die Straßenbahnen von San Francisco.

Was aber nur wenige Menschen wissen: Adobe – ja sogar das Wort selbst – hat seine Wurzeln im arabischen Nordafrika und gelangte über die Mauren nach Spanien. Adobe (vom arabischen At-Tub, was „Ziegel“ bedeutet) verbreitete sich auf der iberischen Halbinsel während der jahrhundertelangen muslimischen Präsenz (711–1492).

Die Mauren verfeinerten die Techniken des Bauens mit sonnengetrockneten Lehmziegeln, insbesondere in den trockenen Regionen Andalusiens, der Extremadura und Kastiliens. Als Spanien die amerikanischen Kontinente kolonisierte, war Adobe bereits ein fester Bestandteil der spanischen Baupraxis geworden.

Mexiko fungierte als Bindeglied, und Kalifornien bot die perfekten Zutaten. Mit seinem reichhaltigen, lehmhaltigen Boden, Wasser zum Anrühren der Erde sowie Stroh oder Gräsern zur Verstärkung der Ziegel bot der Region geradezu ideale Voraussetzungen für den Lehmbau. Lange, heiße und trockene Sommer schufen passende Bedingungen für die Aushärtung der Ziegel in der Sonne.

„California“ kam mir schon immer wie ein recht seltsam klingendes Wort vor. Die Endung -ia ist natürlich eine sehr alte Ortsnamenendung, die letztlich aus dem Lateinischen und Griechischen stammt und „Land von“ oder „Land“ bedeutet. Aber was ist mit „Calif“?

Könnte es wirklich, denkbarerweise, mit Kalif in Verbindung stehen, dem arabischen Wort für „Nachfolger“ – genauer gesagt, dem Nachfolger des Propheten Muhammad, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden?

Es scheint eine so weit hergeholte und verblüffende These zu sein, doch es könnte tatsächlich der Fall sein.

Die Herkunft des Namens ist eine der faszinierendsten im gesamten Amerika, da er nicht aus einer indigenen Sprache stammt, sondern aus einem Roman. Im Jahr 1510 beschrieb ein spanischer Ritterroman, „Las Sergas de Esplandián“, ein mythisches Eiland namens Kalifornien, das von der schönen, schwarzen Königin Calafia regiert wurde.

Die Insel soll „zur Rechten der Indischen Welt“ gelegen haben, reich an Gold und ausschließlich von Frauen und Greifen bewohnt.

Als spanische Entdecker in den 1530er Jahren die Halbinsel Baja California erreichten, hielten sie diese zunächst für eine Insel und benannten sie nach dem fiktiven Königreich „Kalifornien“. Schließlich wurde der Name in Richtung Norden auf das Gebiet ausgedehnt, das heute als gleichnamiger US-Bundesstaat bekannt ist.

Doch woher stammt die Bezeichnung Calafia? Hier wird es interessant. Viele Wissenschaftler glauben, dass der Name der fiktiven Königin vom arabischen Wort Khalifa inspiriert wurde, was „Kalif“ oder „Nachfolger“ bedeutet.

Im 16. Jahrhundert hatte es zudem sehr starke islamische Assoziationen. Spanien hatte hunderte Jahre unter muslimischer Herrschaft verbracht, und bis zum Beginn des 16. waren Tausende arabischer Wörter in die spanische Sprache eingegangen.

Paradoxerweise könnte also der Name „Kalifornien“ selbst ein Echo der arabischsprachigen islamischen Welt bewahren, gefiltert durch einen iberischen Abenteuerroman. Und das an einem Ort, an dem sich Muslime oft am Rande der Gesellschaft wiederfinden.

Foto: Yelp

Die kleine Moschee, in der ich die Freitagsgebete besuche, befindet sich in einem unscheinbaren einstöckigen Bungalow in einem armen Einwandererviertel in der Nähe der Dünen. Es ist eigentlich nur eine etwas aufgemotzte Hütte, die in krassem Gegensatz zur prunkvollen Carmel Mission steht.

Ebenso ist der einzige Halal-Laden in der Nähe ein winziger, leicht schäbiger Lebensmittelladen mit halb leeren Regalen, in denen Bulgur, Oliven und fast schon altbackenes, zwei Tage altes arabisches Brot liegen.

Seit einigen Wochen fahre ich mit meiner Mutter überall mit Uber hin, nachdem sie ihren Wagen zu Schrott gefahren hatte und ihr der Führerschein entzogen wurde. Eines Nachmittags stellte sich unser Fahrer in der App als „Mukhammad“ vor – mit einem k. Ich vermutete sofort, dass der zusätzliche Buchstabe kein Zufall war, sondern ein kleiner Versuch, einen Namen abzumildern, der sonst bestimmte Kunden abschrecken könnte.

Meine Mutter, die ihre Neugier niemals unbefriedigt ließ, fragte ihn, warum er den Namen so schreibe. „Das k wird nicht ausgesprochen“, antwortete er mit einem verlegenen Lächeln. Dann stellte sie die naheliegende Frage: „Sind Sie Muslim?“ Er nickte. Meine Mutter erzählte ihm, dass auch ich vor vierzehn Jahren zum Islam konvertiert sei. „Maschallah!“, rief er aus, und sein Gesicht hellte sich plötzlich auf.

Plötzlich konnte er seine Fassade fallen lassen und ganz er selbst sein, und während wir die Küste von Monterey entlangfuhren, sprach er leise über die Vorurteile, denen er und andere Muslime in Kalifornien nach wie vor begegnen.

Ich musste angesichts dieser Ironie unwillkürlich lächeln. Hier diskutierten wir über den Stellenwert des Islam in einem Bundesstaat, dessen ikonische Lehmziegelarchitektur so viel einer Bautradition verdankt, die durch die muslimische Welt wanderte, bevor sie den Atlantik überquerte, und dessen Name durchaus einen arabischen Anklang haben könnte.

Kaliforniens islamisches Erbe wurde nie verheimlicht. Es ist einfach so tief in das Gefüge dieses Ortes eingewoben, dass die meisten Menschen es gar nicht mehr erkennen.

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Islamische Lebenspraxis: Dhikr und die Ruhe des Herzens

dhikr herz ruhe

Dhikr ist im Din keine Technik der Selbstoptimierung, sondern das Gedenken Gottes und wird an mehreren Stellen des Qur’an dringend empfohlen.

(iz). In ihm liegt auch eine körperliche Dimension geborgen: Wer Allah mit der Aufmerksamkeit des Herzens, ruhigem Atem und Wiederholung gedenkt, kann den Organismus aus der Anspannung in einen Zustand der Beruhigung führen.

Prinzipiell ist er zunächst ein Akt der Anbetung: Erinnerung an Allah, Hinwendung, Gegenwart des Herzens. Doch diese geistliche Praxis bleibt nicht auf einer abstrakten Ebene stehen. Wer ihn regelmäßig und bewusst praktiziert, erfährt oft, dass sich der Körper verändert. Der Atem wird ruhiger, der Puls langsamer, die innere Unruhe lässt nach.

Der Qur’an bringt diese Erfahrung in eine knappe Formel: „Im Gedenken Allahs finden die Herzen Ruhe.“

Dass diese Besonnenheit nicht bloß eine fromme Metapher ist, zeigen neuere Studien zu ihm und verwandten Lebenspraktiken. In einer klinischen Untersuchung mit Krebspatienten konnte Dhikr die Angst signifikant senken.

Foto: C. Media / Peter Sanders

Ihre Autoren führen dies u.a. auf eine stärkere parasympathische Aktivität und eine Dämpfung der Stressreaktion zurück.

Weitere Forschungen zu Gebet, Rezitation und spiritueller Beruhigung kommen zu ähnlichen Ergebnissen: weniger Sympathikus-Alarm, mehr parasympathische Regulation bedeuten mehr Ruhe, bessere Verdauung und Erholung.

Für den Alltag ist das wichtig, weil Dhikr gerade keine komplizierte Methode verlangt. Er braucht keinen besonderen Raum, keinerlei Gerät und null Distanz zum Leben.

Wer morgens vor der Arbeit, nach einem belastenden Gespräch oder am Abend in Vorbereitung des Schlafs einige Minuten Allah gedenkt, setzt einen Gegenakzent zur ständigen Reizüberflutung.

türen scham dhikr

Foto: B. Lund, IZ Medien

Schon die Verbindung von ruhigem Sitzen, bewusstem Ausatmen und wiederholtem Dhikr kann helfen, den Körper von der dauernden Alarmbereitschaft in eine entspanntere Lage zu führen.

Dabei darf man diese Form der Anbetung keinesfalls auf eine bloße Atemtechnik reduzieren. Sein eigentlicher Gehalt liegt in der Einheit Allahs: Der Mensch löst sich für einen Moment von Sorgen, Erwartungen und innerem Lärm und richtet sich auf Den, Der allein Macht und Fürsorge besitzt.

Gerade diese geistige Ordnung wirkt körperlich entlastend. Was in der Sprache der Medizin als Beruhigung des vegetativen Nervensystems beschrieben wird, ist im islamischen Vokabular die Frucht von Sakina, Sukun und Vertrauen auf Allah.

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Foto: Sener Dagasan/Shutterstock

Das macht Dhikr gerade im Blick auf Belastungssituationen bedeutsam. Nicht nur in der stillen Andacht, sondern vielmehr mitten im Alltag kann er eine Hilfe sein: auf dem Weg zur Arbeit, in Momenten der Sorge, bei Schlaflosigkeit oder nach langen Phasen innerer Anspannung.

Er ersetzt weder ärztliche Behandlung noch psychotherapeutische Begleitung, kann aber Teil einer religiös verankerten Selbstfürsorge sein. Wer ihn pflegt, übt nicht Flucht, sondern Ausrichtung auf Allah.

Gerade darin liegt seine bleibende Kraft: Dhikr ist keine esoterische Wellness-Praxis, vielmehr ein Akt der Gottesnähe mit spürbarer Wirkung auf Herz und Körper. In einer Zeit, in der viele Menschen unter chronischem Stress stehen, erinnert er daran, dass Ruhe nicht nur aus Entlastung entsteht, ebenso aus Bindung.

Wer Allah gedenkt, ordnet nicht nur seinen Glauben, sondern oft auch seinen Atem, seine Nerven und seine Haltung zum Leben.

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Tipps & Tricks: Was tun für gute Nachbarschaft?

Nachbarschaft

Der Kontakt und das gute Verhältnis zur Nachbarschaft gehört zu den wichtigen sozialen Tugenden im Islam. „Jibril (der Engel Gabriel) hat mir so lange den Nachbarn ans Herz gelegt, bis […]

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Wie die Weisheit in den Volksmund kommt

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Wer im Teehaus, im Taxi oder im kleinen Laden an der Ecke zuhört, merkt schnell: In vielen muslimischen Gesellschaften spazieren islamische Weisheiten längst ohne Turban durchs Volksmund-Arabisch, -Türkisch, -Bosnisch oder […]

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Ein probates Mittel gegen die Hitze: über die Innenhöfe der muslimischen Kulturen

innenhöfe hitze

Angesichts steigender Sommerhitze werden die Innenhöfe des Islam wieder interessant. Anmerkungen von Prof. Dr. Ömer Spahic

(iz). Wenn Hitze die Städte aufheizt, erinnert die muslimische Architektur an eine Kunst des Wohnens: Innenhöfe als kühle Rückzugsorte zwischen Öffentlichkeit und Privatheit. Prof. Dr. Omer Spahić zeigt, wie diese Räume nicht nur Schutz vor der Hitze bieten, sondern auch eine besondere Lebensart prägen.

Der Islam war treibende Kraft, welche die Tradition des Innenhofs zum Aufblühen brachte. Faktoren wie Geografie, Klima und andere lokale Einflüsse traten in den Hintergrund. Sein Stellenwert und die Funktionen spielen eine wichtige Rolle im Wohnhaus, das seinerseits der Rahmen für die Familie ist.

Mit diesen Höfen sind nicht nur offene Räume im Zentrum eines Hauses gemeint. Nach Ansicht von John Reynolds können sie „ein, vielleicht zwei Wände haben, die eine Barriere zum Nachbarhaus oder zur Straße bilden“. Folgende Elemente machen eine Fläche zum Innenhof: Eine Öffnung Richtung Himmel, Zugang zum Gebäude, sodass der Hof dessen fester Bestandteil ist und ein vollkommener Ausschluss nach Außen, damit Sicherheit und Privatsphäre gewahrt sind. Ein Raum ist dann ein solcher, wenn seine Funktionen die des Hauses unterstützen.

Unser Schöpfer hat festgelegt, dass keine zwei Orte das gleiche Klima haben. Dieses beeinflusst Lebensbedingungen im entscheidenden Maße und so entstand ein Muster aus Vegetation, Böden und Wasservorkommen, das sich je nach Region deutlich unterscheidet.

lehrgedicht

Foto: Paolo Gamba, vie Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY 2.0

Als Bestandteil der Schöpfung kann sich der Mensch nicht den Naturgesetzen entziehen. In Folge ihrer Anpassung an die Herausforderungen der Klimazonen haben die Völker kulturelle Ausdrucksformen hervorgebracht, die ihnen am besten entsprechen – Kleidung, Architektur sowie Mentalität und Sprachunterschiede.

Allah sagt im Qur’an: „Und zu Seinen Zeichen gehört die Erschaffung der Himmel und der Erde und die Verschiedenheit eurer Sprachen und Farben. Darin sind wahrlich Zeichen für die Wissenden.“ (Ar-Rum, Sure 30, 22)

Die profunde Vielfalt der Schöpfung ist eine zwingende Wirklichkeit, die weder übersehen, noch oberflächlich betrachtet werden kann. Sie ist eines der deutlichsten Anzeichen für Allahs Existenz, Allgegenwart und Allmacht.

Imam Al-Ghazali sagte, dass es nichts in der Welt gäbe, was nicht Seine Einheit bestätigt. Für das Lesen dieser Symbole in der Natur braucht es keine äußerliche Reise, sondern eine geistige. Tiere und Pflanzen überleben den jährlichen Kreislauf der Jahreszeiten. Von allen Geschöpfen steht dem Menschen die größte Vielfalt im Umgang mit der Temperatur zur Verfügung.

Es gibt kein Standardhaus. Wenn die Gestaltung von Häusern „importiert“ wird, muss diese „akklimatisiert“ werden, damit sie den jeweiligen Verhältnissen angepasst ist. Dieselben Baupläne für zwei Klimazonen wären so, als würde man in beiden die gleiche Kleidung tragen.

Hassan Fathy schrieb über die nivellierende Art des Bauens: Der Architekt vergisst „die Umgebung, in der seine Gebäude umgesetzt werden, weil er von neuen und modernen Innovationen fasziniert ist. (…) Wenn er vor seiner Verantwortung zurückschreckt und die Umwelt dadurch verletzt, dass er keinen Bezug zu ihr herstellt, hat er ein Verbrechen gegen Architektur und Kultur begangen.“

Volkstümliche Bautraditionen aus aller Welt waren erstaunlich fähig darin, diese Aufgabe zu lösen. Die Nutzung von natürlichen Vorteilen durch spezifische Baustile ist eine, dem Menschen innewohnende Eigenschaft.

Salman Al-Farsi, ein bekannter Prophetengefährte, beauftragte einmal einen Baumeister und fragte den Mann, wie er vorgehen wollte. Der Maurer sagte: „Dies wird ein Haus für dich, um dich gegen die Hitze der Sonne und dem kalten Wetter zu schützen.“ 

Abu Muhammad Al-’Aini kommentierte diese Aussage, die im Sahih Al-Bukhari aufgenommen wurde, wie folgt: „Nur solche Gebäude sind echte Häuser, wenn sie ihre Bewohner vor Regen, Sonne und Kälte schützen. Und wenn sie ein Schutz vor der äußeren Welt sind.“

Foto: Freepik/Magnific

Innenhöfe sind im Idealfall Orte der Erholung, an denen sich Gäste und Bewohner an der angenehmen Atmosphäre erfreuen. Gleichzeitig sind sie Mittel, um Probleme zu beseitigen, die durch spezifische Wetterbedingungen erzeugt werden. Dank ihrer Struktur, der Pflanzen und des Wassers liefern sie Ventilation und kältere Luft. 

m Winter sind die Temperaturen in den Höfen generell höher als draußen. Es versteht sich von selbst, dass Bäume im Innenhof effektivere und gesündere Kühlmethoden sind als Klimaanlagen. Ihre Wirkung hängt von Geometrie, Baumaterialien und der Bepflanzung ab.

Die Höfe des Islam sind dank ihrer Funktion wie hypnotisierend. Diese ist genauso prächtig, wie die Werte und Standards, die ihre Grundlage darstellen. Die Form spielt demnach nur eine unterstützende Rolle. Sie ist ihrem Ziel untergeordnet. Und basiert auf der Spiritualität des Islam – die allüberragend ist.

Hassan Fathy vertritt die Idee, dass der Innenhof im muslimischen Haus ein „Mikrokosmos“ war, der „Raum mit Zeit, Land mit Himmel durch die symbolische Bedeutung seiner Komponenten“ verbindet.

Im Islam spielt Privatsphäre eine wichtige Rolle. Genauso wie ein Muslim verpflichtet ist, seine Privatheit und die seiner Familie zu schützen, muss er die anderer respektieren. Die bewusste Verletzung derselben ist ein schwerwiegender Regelbruch. Muslime sind dazu angehalten, vor dem Betreten eines Gebäudes drei Mal um Erlaubnis zu bitten („O die ihr glaubt, betretet nicht andere Häuser, die nicht eure Häuser sind, bis ihr euch bemerkbar gemacht und ihre Bewohner begrüßt habt. Das ist besser für euch, auf dass ihr bedenken möget! Wenn ihr niemanden darin findet, dann tretet nicht ein, bis man (es) euch erlaubt. Und wenn man zu euch sagt: ‘Kehrt um’, dann kehrt um. Das ist lauterer für euch. Und Allah weiß über das, was ihr tut, Bescheid.“ An-Nur, Sure 24, 27-28).

Es wurde beim Bau von Wohngebäuden darauf geachtet, dass die Höfe und Dachflächen vor dem ungebetenen Blick Dritter geschützt sind. Entweder, indem Nachbarn ihre Häuser nicht höher als andere bauten, oder durch den Einsatz von Strukturen, die ihn von Außen abwenden. Die Zugänge zu einem muslimischen Innenhof dienen als Übergang zwischen privatem und öffentlichem Bereich.

Aus diesem Grund ist eine der grundlegenden Funktionen des Hauses die Bereitstellung eines Rahmens für die menschlichen Aktivitäten, die in ihr stattfinden. Das Haus als künstlerischer und architektonischer Ausdruck und Erfahrung muss als Zeugnis dieser positiven Lebenseinstellung dienen. Daher fanden sich in Innenhöfen häufig Wasser, Blumen und andere farbige Pflanzen, Vögel, Licht und lebendige Dekorationen.

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Die Chimäre der „Islamischen Wirtschaft“

islam wirtschaft

Die „islamischen Wirtschaft“: Überlegungen zu den Fallstricken eines unreflektierten Modernisierungsprojekts. (iz). Gelegentlich taucht in meinem Feed eine Flut von Konferenzplakaten auf. „Islamische Wirtschaft“. „Islamisches Finanzwesen“. Wegweisende Referenten. Großartige Themen. Das […]

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Was ist die „Islamische Wirtschaft des Schenkens“?

wirtschaft islamisch schenken

Der Entwurf einer „Islamischen Wirtschaft des Schenkens“ (Islamic Gift Economy, ICE) zeichnet ein anderes Bild vom Wirtschaftsleben.

(iz). Anstatt sich in den konventionellen Rahmen einzupassen und sich in kapitalistische Märkte zu integrieren, knüpft er an die klassischen Regeln der Mu’amalat an. Dabei steht das gegenseitige Geben, Teilen und die Verantwortung für das Gemeinwohl im Mittelpunkt.

Adi Setias Ansatz setzt bei einer religiösen Grundlage an, die in der zeitgenössischen Debatte oft übersehen wird. In der Rechtstradition werden die Bestimmungen zu Verträgen, Handel, Eigentum und sozialen Beziehungen (Mu’amalat) nicht als technisches Anhängsel der „eigentlichen“ Religion behandelt, sondern als ein Feld, in dem sich Glaubensüberzeugungen gemeinschaftlich und ökonomisch konkretisieren.

Eigenständiger Raum

Setia erinnert daran, dass es sich hierbei um einen originären Denkrahmen handelt: Verträge sollen auf gegenseitiger Zustimmung beruhen, Gerechtigkeit und Transparenz sollen die Zirkulation von Vermögen sichern und dem Gemeinwohl sowie den Zielen der Scharia entsprechen.

Die ICE versteht sich als Versuch, diesen Rahmen ernst zu nehmen, statt nur einzelne Instrumente, wie zinsfreie Finanzprodukte, in vorhandene kapitalistische Strukturen einzubauen.

erb

Foto: jcomp, freepik.com

Der malaysische Gelehrte Adi Setia, der lange an Einrichtungen wie dem CASIS in Kuala Lumpur tätig war, verbindet die klassische islamische Lehre mit einer Ausbildung in Wissenschafts- und Philosophiegeschichte.

Parallel dazu engagiert er sich in konkreten Projekten, die von gemeinschaftlich organisierter Landwirtschaft und Permakultur bis zu Beratungsinitiativen zur Stärkung lokaler Ökonomien reichen.

Dass seine Überlegungen zu dieser Wirtschaftsform nicht im luftleeren Raum stehen, zeigt sich daran, dass er Bildungskurse, Pilotprojekte und Kooperationen mit Gelehrten, Aktivisten sowie politischen Entscheidungsträgern anstrebt – also genau dort, wo die Mu’amalat wieder zur gelebten Praxis werden kann.

Kritik an den konventionellen Modellen

Ausgangspunkt seiner Sichtweise ist die Diagnose, dass „Islamic Banking & Finance“ mehrheitlich in eine neoliberale Matrix eingebunden sind. Anstatt ein eigenständiges Modell zu entwickeln, haben viele Akteure wesentliche Begriffe wie „Maqasid“ und „Maslaha“ mit gängigen Entwicklungs- und Wachstumsparadigmen verschmolzen, die von Kapitalakkumulation und Wettbewerb geprägt sind.

Diese Wirtschaftspraxis – von Banken bis zu Investmentfonds – bleibt damit im Rahmen einer „freien Marktwirtschaft“, allerdings mit einigen religiösen Filterregeln: Verbot von Zins, Spekulation und Betrug, Pflicht zu Wohltätigkeit und Betonung sozialer Verantwortung.

Diese Korrekturen sind wichtig, für den Forscher jedoch nicht ausreichend, solange die grundlegende Logik von Knappheit, Konkurrenz und dem Vorrang individueller Gewinnmaximierung bestehen bleibt.

bäume regenwälder

Foto: jcomp, Freepik

Demgegenüber formulierte er die „Islamic Gift Economy“ als „integratives islamisches Wirtschaftssystem“, das auf eigenen ethischen und ökonomischen Prinzipien basiert und zugleich konstruktiv mit der bestehenden Ordnung interagieren kann.

Er definiert sie als „Bereitstellung und Teilen durch gegenseitiges Geben und Empfangen mittels fairen sozialen und kommerziellen Austauschs natürlicher und kultureller Fülle zur Verwirklichung materiellen und spirituellen Wohlergehens“.

Operativ basiert sie auf Kooperation (arab. ta’awun), beiderseitiger Zustimmung (arab. muradatin) und Partnerschaft (arab. muscharaka), die von Werten wie Barmherzigkeit, Dankbarkeit, Großzügigkeit, Maßhaltung, Treuhänderschaft und Vertrauenswürdigkeit getragen werden.

Dahinter steht die Annahme, dass die Schöpfung reichlich ausgestattet ist, während legitime menschliche Bedürfnisse begrenzt sind. Dies stellt einen Perspektivwechsel gegenüber Modellen dar, die Knappheit zum essenziellen Prinzip der Ökonomie machen.

Foto: Jacopo Maia, Unsplash

Aus dieser Perspektive wird die Wirtschaftstheorie als „Wissenschaft des Erwerbens und Bereitstellens“ betrachtet, die sich ausdrücklich auf den Lebensunterhalt und das Gemeinwohl bezieht. Zentrale Instrumente der islamischen Tradition wie Zakat, Sadaqa, Auqaf, zinsfreie Darlehen und Beteiligungsfinanzierungen erscheinen hier nicht als isolierte fromme Praktiken oder Spezialprodukte religiöser Finanzinstitute, sondern als Bausteine eines umfassenden „Gift“-Systems, das Wertschöpfung, den Umlauf von Vermögen und soziale Sicherung miteinander verknüpft.

In Studien zur nachhaltigen Entwicklung wird sein Ansatz aufgegriffen und betont, dass dieser Form von Gerechtigkeit (arab. ‘adl), Gleichgewicht (arab. mizan) und Gemeinwohl in den Mittelpunkt stellt. Damit sollen sie eine Alternative in postkapitalistischen Debatten über ökologische und soziale Krisen bieten.

Für eine auf religiösen Grundlagen basierende Ökonomie bedeutet das: Muʿamalat werden wieder als Ort gelebter Verantwortung vor Gott und als Ort der solidarischen Gestaltung von Gemeinwesen ernst genommen – und nicht nur als juristisch-ökonomische Technik, die man nach Bedarf in bestehende Modelle einpasst.

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Spiritueller Missbrauch: Wenn Autorität zweckentfremdet wird

spirituell missbrauch

Spiritueller Missbrauch ist eine Form von Gewalt, bei der religiöse Autorität und Glaubensinhalte benutzt werden, um Menschen zu kontrollieren, kleinzuhalten oder zu traumatisieren. (iz). Sulaiman Wilms erinnerte in Ausgabe 354 […]

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