"Muslime & Globalisierung" – Inflation, Währungsspekulation und Finanzkrise ändern Einstellungen gegenüber dem Papiergeld. Von Abu Bakr Rieger

(iz). In der Ausgabe des deutschen Magazins „GEO-Epoche“ über die Wikinger steht es Schwarz auf Weiß: „Bis zu 100 Millionen arabische ­Münzen schafften die Wikinger einst nach Norden, mehr als 80.000 sind allein in Schweden gefunden worden“. Die als raue Antichristen verschrieenen Heiden hatten auf ihren Marktplätzen offensichtlich kein Problem mit dem Symbol des Glaubens aus dem fernen Osten. Auf abenteu­erlichen Wegen hatten die kleinen Boote der Wikinger die fernen islamischen Städte bis nach Bagdad erreicht. Über Jahrhunderte hatten diese Münzen aus der islamischen Welt eine völkerverbindende Funktion.

In diesen „goldenen“ Zeiten war der islamische Dinar ein sicheres Mittel ­gegen Inflation. Die Kaufkraft von Gold blieb im Orient für beinahe 2.500 ­Jahre ohne größere Veränderungen und dient als Bezugspunkt für alle Silberwährungen, die in ihrem Wert immer wieder Schwankungen unterworfen waren. „Unter Darius dem Großen (522-486)“, berichtet der Münzkundler Walther Hinz in seinen Untersuchungen zu islamischen Währungen, „kostete ein Hammel im Durchschnitt 5,40 Goldmark; der selbe Preis ist – um nur ein einziges Beispiel herauszukriegen – in Anatolien im Jahr 1340 bezeugt“.

Sucht man heute mit Google nach dem Islamischen Dinar, finden sich über zwei Millionen Einträge. Tausende Internetseiten diskutieren Nutzung, Vertrieb und Einsatz der traditionellen islamischen Währung.

Die berühmte 4,25 Gramm schwere Münze aus Gold schien mit dem globalen Siegeszug der Fiat-Währungen aus dem islamischen Bewusstsein gedrängt. Der Niedergang der islamischen Welt zeigte sich auch im Bedeutungsverlust ihrer Währungen. In seiner „Osmanischen Geschichte“ beschreibt Halil Inalcik nicht nur den Fall der osmanischen Dynastie, sondern auch die ­gleichzeitige Aufgabe der Gold- und ­Silberwährungen zu Gunsten der zunehmenden Einführung von Papiergeld ab dem Jahre 1840.

Gold- und silbergedeckte Währungen hatten in Europa zunehmend, den Ruf altmodisch zu sein und die Zeichen der Zeit zu verkennen. Der weltweite Sieges­zug der europäischen Banken war ohne die gleichzeitige Einführung von strategi­scher Verschuldung und Papiergeld nicht denkbar. In Zeiten absehbarer Inflation und verbreiteter Ungerechtigkeit durch Währungsspekulationen ändert sich heute wieder die Einstellung zum Papier.

Seit der Schulden- und Bankenkrise erinnern sich auch Muslime vermehrt an den Sinn ihrer alten Maßeinheiten. Die Erinnerung tut not, denn der Dinar hat als Einheit nicht nur mit profanen ökonomischen Interessen zu tun, sondern ist auch mit der korrekten Zahlung der Zakat verknüpft. Die Standardisierung des Gewichts und die Feinheiten der Wechselkurse der Einheiten waren, im muslimischen Alltag, praktisch immer mit der Notwendigkeit einer korrekten Zahlung der Zakat verknüpft. Bereits zur Zeit des Kalifen ‘Umar ibn Al-Khattabs wurde ein festes Standardgewicht der zu dieser Zeit benutzten Münzen ermittelt, ­gerade eben auch um die Zakat besser berechnen zu können.

Der Herrscher ‘Abdulmalik hatte später in einer – für die Muslimen ­wichtigen Währungsreform – die Münzprägung in muslimische Hände genommen und eine eigene Münzprägeanstalt etabliert. ­Philip Grierson beschreibt in seiner Abhandlung „die Geldreform Abdulmalik’s“ die Bemühungen um einheitliches Aussehen und Standards der Münzen. Die Münzhoheit wurde nun auch im Islam ein wichtiges Zeichen der politischen Souve­ränität. Ibn Khaldun widmet in seiner berühmten „Muqqadima“ der Prägung von Münzen ein eigenes Kapitel. Dort erinnert er an die verbindliche Verpflich­tung politischer Führung: „Er muss sich um die Münzprägung kümmern, um die Währung zu vor Betrug schützen, die von den Leuten in ihren gegenseitigen Transaktionen benutzt wird.“ Heute wird die neue Dinarwelt von hunderten, voneinander unabhängigen Akteuren mit neuem Leben erfüllt. Grundsätzlich kann jede islamische Autorität an jedem Ort der Welt – mit ­völlig unterschiedlichem Design – einen ­neuen Dinar in Umlauf bringen. Die ­führenden Hersteller haben sich allerdings neben dem Gewicht und der Größe auch auf bestimmte Standards bei der Herstellung geeignet. Die technischen ­ ­Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts erlauben die Herstellung von Münzen von höchster Qualität und besonderer Reinheit.

In einer Welt mit globalen Handelsströmen ist die Qualität und Authentizi­tät der Münzen wichtig. Der Umlauf von Falschmünzen ist ein altes Problem. Heute sind allerdings neue Sicherheitsmerkmale auf den Münzen möglich, die man früher nicht kannte. Auf die Goldmünzen können in einem aufwändigen ­Verfahren beispielsweise Hologramme gespritzt werden, die die im Umlauf befindlichen Münzen fälschungssicher machen sollen. Andere Anbieter experimen­tieren bereits mit unsichtbaren Sicherheitsmerkmalen, die aber mit einfachen Geräten von den Nutzern erkannt werden können.

Moderne Zahlungssysteme im ­Internet machen deutlich, dass das Bekenntnis zum Dinar keine rückwärtsgewandte Romantik ist. Dinare sollen nicht etwa für das Museum geschaffen werden, sondern können heute wieder in Wadias gesammelt, über Wakalas vertrieben und mit modernen Zahlungssystemen in alle Welt gesendet werden. Dinare – so gesehen die Basis eines ausgeklügelten Wirtschaftssystemes und eine potenzielle „Weltwäh­rung“ – können auch die wertbeständige Grundlage von Investmentvereinbarungen im Rahmen islamischer ­Verträge sein. Wichtig ist die zu jedem Zeitpunkt zu gewährleistende physische Existenz der Währung. Der Handel mit auf Papier gedruckten Zahlungsversprechen ist im islamischen Recht ausdrücklich nicht erlaubt. Das Zusammenspiel der diversen ökonomischen Einrichtungen machen im Islam auch ein Wirtschaftsmodell ohne klassische Banken denkbar. Auch im Westen wird diese wirklich alter­native Seite des Islam zunehmend ­entdeckt.

Ob und wie man den Dinar nutzt, ist kein Politikum, es ist kein Indiz, ob man eine liberale oder konservative Weltanschauung hat, sondern der Dinar ist nur die einfache Grundlage und Recheneinheit des islamischen Wirtschaftsrechts. Auf dem Markplatz kann der Dinar – wie seit jeher – das Zahlungsmittel von Kaufleuten, Konsumenten und Händlern – natürlich auch von muslimischen ­Frauen, Juden und Christen – sein. Der islamische Markt erlaubt die freie Wahl der Zahlungsmittel. Die Nutzer vertrauen dem Dinar allein wegen seinem Gewicht und dem jeder Münze inne wohnenden Wert.

Der Dinar als Maßeinheit beschäftigt auch wieder eine Philosophie, die in der Einführung des Papiergeldes – wie das zum Beispiel Goethe voraussah – einen Schlüssel für den entfesselten Kapitalismus und damit die Gefährdung der Schöpfung sah. Die Begrenzung der Macht der Technik und insbesondere der Finanztechnik ist tatsächlich eine wichtige Dimension des islamischen Wirtschaftsrechts. Dabei gerecht und im Konsens mit Jedermann zu handeln, ist eines der wichtigsten qur’anischen ­Gebote.

Es gibt inzwischen aber auch andere Motivationen, gold- und silbergedeckte Währungen einzuführen. Mittlerweile existiert so etwas wie eine weltweite Bewegung der Gold-Befürworter. Alleine in den USA wollen 13 Bundesstaaten echte Münzen wieder als „Legal Tender (legales Zahlungsmittel)“ einführen. In Europa sind dem Vertrieb von Dinaren oder anderen goldgedeckten, privaten Zahlungsmitteln praktische Grenzen gesetzt. Zwar kann man auch in Deutschland, wie ein Blick in das Münzgesetz und die Medaillenverordnung zeigt, so genannte Medaillen produzieren. Sie sind aber mit Mehrwertsteuer zu verkaufen und damit gegenüber staatlichen Münzen (Legal Tender) nicht wettbewerbsfähig.

Inzwischen gibt es auch in Deutschland gewichtige Stimmen, sogar im deutschen Bundestag, die die freie Wahl von Zahlungsmitteln ohne Benachteiligung gegenüber staatlichem Geld befürworten. Nach der liberalen Überzeugung des FDP-MdB Schäffler kann nur durch einen fairen Wettbewerb der Zahlungsmittel verhindert werden, dass Staaten Unmengen schlechten Geldes in Umlauf setzen. Diese Position die auch die Marktgesetze für Geld gelten lassen will findet immer mehr Anhänger.

Die Sure Al-Baqara ist nicht nur die längste, sie behandelt auch viele Bereiche der Offenbarung. Von Selma Öztürk

Die Sure Al-Baqara ist die erste medinensische Sure in der Offenbarungsreihe. In der Reihenfolge im Mushaf [arab. Kopie] ist sie hingegen die zweite Sure nach der Al-Fatiha. Als medinensisch werden alle die Kapitel und Verse bezeichnet, die nach der Auswanderung des Propheten nach Medina 622 n. Chr. offenbart wurden. Alle Suren und Verse, die vorher offenbart wurden, werden mekkanische Suren und Verse genannt.

Folglich ist die Unterscheidung zwischen mekkanischen und medinen­sischen Suren und Versen nicht örtlich, sondern temporal zeitlich. Demzufolge wird ein Kapitel (oder ein Vers), die nicht in Medina, aber nach der Hidschra offenbart wurden, als medinensische ­bezeichnet.

Al-Baqara gehört zu den insgesamt 29 Suren des Qur’ans, die mit den Hurufu Muqadda beginnen, also Buchstaben, deren Bedeutung unbekannt ist. „Alif“, „Lam“, „Mim“ sind die Hurufu Muqadda der Sure Al-Baqara. Über diese Buchstaben haben Gelehrte und Qur’ankommentatoren viel nachgedacht.

Ihre endgültige Bedeutung blieb unklar. Ebenso wurde überlegt, ob diese Buchstaben auch Verse des Qur’ans darstellen oder man sie aus dem Verskomplex des Qur’ans rausnehmen sollte. Sie haben den Stellenwert eines Verses ­(einer Aja); sind also Offenbarungen Allahs, wenn auch ohne direkt erkennbare ­Bedeutung.

Die Sure Al-Baqara ist das längste ­Kapitel des Qur’ans und beinhaltet auch gleichzeitig den längsten Vers (282). Der größte Teil der Sure Al-Baqara wurde in der ersten Zeit in Medina offenbart. Das Kapitel trägt wie einige andere Kapitel des Qur’ans auch einen Tiernamen, nämlich „die Kuh“. Der Grund liegt ­darin, dass in diesem Kapitel (in den Versen 67ff.) die Parabel von der Kuh (dem goldenen Kalb) erwähnt wird. Die berühmte Geschichte der Bani Israeli und den vierzig Wüstentagen werden nur in diesem Kapitel erzählt, nirgendwo anders im Qur’an. Ein anderer Name ist Al-Kursi, weil der Thronvers (Ajat Al-Kursi) in ihr vorkommt, (255). Die letzten Verse der längsten Qur’ansure bringen ihre Botschaft noch einmal abschlie­ßend auf den Punkt. Sie sind Verse mit einer großen Bedeutung für die Muslime und auch Verse, die häufig gelesen werden. Das Kapitel endet mit einem Bittgebet (Du’a).

Am Anfang spricht Allah in ihr über drei Menschengruppen: die Gläubigen (Muminun), diejenigen, die die Wahrheit bedecken (Kafirun) und die Heuchler (Munafiqun). Danach wird Bezug genommen auf die Schöpfungsgeschichte, auf die Erschaffung des Menschen, auf das Gespräch zwischen Allah und den Engeln, auf den Urvater Adam und seiner Gattin sowie auf Iblis.

Danach werden die Schriftbesitzer erwähnt und angesprochen, die die ihnen offenbarten Schriften verfälscht haben und somit Muhammed als den angekündeten letzten Propheten nicht anerkannt haben. Diese Sure erwähnt auch den Propheten Ibrahim und seinen Sohn Ismail, die gemeinsam die Ka’aba wieder erbauen.

Die Gebetsrichtung der Muslime zur Ka’aba wird auch in diesem Kapitel festgelegt. (Verse 142ff.). Der Prophet Ja’qub und seine letzte Ermahnung beziehungs­weise seine letzten, weisen Worte an ­seine Söhne auf seinem Sterbebett finden in dieser Sure Erwähnung.

Darüber hinaus werden zahlreiche Grundsätze der islamischen Glaubenslehre in diesem Kapitel festgelegt. Es sind überwiegend Gebote und Verbote, die die Gemeinde und das Zusammenleben in einer Gemeinschaft betreffen. Hierzu zählen unter anderem das heute besonders relevante Wucherverbot, Behandlung von Waisen und Frauen (während ihrer Menstruation, ihre Scheidung, die Entwöhnung etc.), das Gebet, die Vermögensabgabe (Zakat), sowie das Verbot von Wein, Glücksspielen, Unzucht und dem Verzehr vom Schwein. Es sind also die schwerwiegende falschen Handlungen (Kabair), die man in ­dieser Sure findet. Das Gebot des Fastens im Monat Ramadan wird ebenfalls in der Al-Baqara behandelt sowie die Zeugenaussage. Viele weitere Themen – wie auch die Geschichten von Saul, David und Goliath – kommen in Al-Baqara vor.

Ein Blick auf diesen Qur’anabschnitt zeigt, dass sie entscheidende und grundlegende Themen behandelt. Die längste Sure des Qur’ans offenbart uns nicht nur essenzielle Elemente über die Einheit Allahs, der Glaubenslehre und Prophetengeschichten, ­sondern auch Handlungsanweisungen aus den Bereichen der Anbetung (‘Ibada) und der sozio-ökonomischen Transaktionen (Mu’amalat). Deshalb wurde sie vom Propheten auch als der Rumpf, also der Hauptbestandteil des Qur’ans bezeichnet.

Niedersachsens Innenminister Schünemann setzt auf volle Überwachung

Mit seinem neuem Konzept für die Intensivierung einer so genannten „Sicher­heitspartnerschaft“ will Niedersachsens Innenminister Schünemann die Überwachung potenzieller „Gefährder“ noch weiter ausbauen.

(iz). In Zeiten erschütternder Terrorakte wie in Toulouse, müssen Politiker, die eine Verschärfung bestehender Kontrollmechanismen verlangen, nur im Ausnahmefall mit Widerspruch von der Öffentlichkeit rechnen. Wie dies funktioniert, lässt sich am französischen Präsidentschaftswahlkampf erkennen. Amtsinhaber Sarkozy spielt geschickt auf der Klaviatur der Ängste seiner Wählerschaft und holte gegenüber seinem Mitbewerber auf.

Im beschaulichen Niedersachsen allerdings braucht es solche schrecklichen Ereignisse nicht, um die betriebsamen Hüter der öffentlichen Ordnung auf Trab zu halten. Bereits in der Vergangen­heit fielen die dortigen Behörden unter der Ägide des Innenministers Uwe Schünemann (CDU) dadurch auf, dass sie ­gewohnheitsmäßig verdachtsunabhängige Personenkontrollen vor unverdächtigen Moscheen durchführten; trotz mehrfacher Proteste seitens der dortigen ­muslimischen Gemeinden und ihrer ­Interessenvertreter.

Am 7. März veröffentlichte sein Minis­terium ihr Handlungskonzept für „Antiradikalisierung“ und „Prävention im Bereich des islamistischen Extremismus und Terrorismus“ in Niedersachsen. Das ministerielle Papier setzt auf volle Vernetzung, wobei auch Lebensbereiche (wie Sozialbehörden oder Schulen) mit einbezogen werden sollen, die nichts mit den Kernaufgaben der Extremismusprävention zu tun haben. Besonders viel Kritik erhielt das Konzept dafür, dass die Wirtschaft und Unternehmen angehalten werden, nach potenziellen „Gefährdern“ in eigenen Ausschau zu halten. Selbstverständlich wolle man aber nicht, dass „muslimische Mitbürgerinnen und Mitbürger unter einen Generalverdacht“ gestellt oder stigmatisiert würden.

Das Papier aus dem Hause Schünemann wurde auch von Seiten der muslimischen Verbände kritisiert – der Schura Niedersachsen und der lokale Ditib-Verband. Man habe dem Konzept entgegen verlautbarter Meldungen nicht ­zugestimmt.

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Mit seinem Buch „Neo-Moslems“ beschreibt Eren Güvercin das Bild einer neuen Generation. Von Sulaiman Wilms

(iz). Selten schalten sich Deutschlands Muslime hörbar in die Debatte um den Islam ein. Zu sehr sind unsere Repräsentanten durch reaktive, manchmal schwachbrüstige Rhetorik gekennzeichnet. Den wenigen relevanten Stimmen, die es gibt, wird – im Gegensatz zu Randfiguren – nur selten Gehör im Mehrheitsdiskurs geschenkt. Umso höher muss das in den ­nächsten Wochen erscheinende erste Buch des Journalisten Eren Güvercin, „Neo-Moslems: Porträt einer deutschen Generation“, bewertet werden. Es ist mit Sicherheit, zumindest von muslimischer Warte, der wichtigste Titel dieser Saison. In drei Kapiteln widmet sich junge Autor der Generation der „Neo-Moslem“, denkt darüber nach, wer bisher was über den Islam in Deutschland zu sagen hatte (und was das zu bedeuten hat) und führt in die Welt der „Neo-Moslems“ ein. Es ist gut, dass der ­Autor den renommierten Herder-Verlag und einen mutigen ­Lektor fand, der sich dieses wichtigen Textes über die Zukunfts­generation der deutschen Muslime angenommen hat.
Um aufgeregte Reflexe und Kurzschlüsse zu vermeiden, sei erklärt, dass der Autor – wie er im Gespräch mit der IZ mitteilte – mit seinen „Neo-Moslems“ keine neue religiöse Kategorie in die Debatte einführen will. Es geht ihm mit Sicherheit auch nicht um die Wiederbe­lebung des verstorbenen „Euro-Islams“. Seine „Neo-Moslems“ haben mit dem Rest der muslimischen Gemeinschaft die gleichen religiösen Grundlagen gemein. Man könnte auch meinen, dass sie ­näher an der Quelle sind als so mancher, der meint, im Namen des Islam sprechen zu müssen.
Auf 190, recht flotten Seiten beschreibt Güvercin eine Welt jenseits einer multimedialen Arena des professionellen Gewäschs oder der dumpfen Hinterhofwelt. Er begegnet muslimischen und nichtmuslimischen Köpfen, die etwas zu sagen haben. Dabei handelt es sich weder um ethnische Ghetto-Größen, die unver­dient „Respekt“ einfordern, noch um die berühmt-berüchtigten Prediger; die beide nichts zu den anstehenden Problemen unserer Zeit beizutragen haben. Die „Neo-Moslems“ sind – anders als der Titel manchen „Liberalen“ hoffen lässt – in einer nachvollziehbaren, aber spirituell vitalen Glaubenswelt verwurzelt.
Wer sind diese „Neo-Moslems“? Sie sind „die junge Generation der Muslime, die (…) sich eben nicht in die Ethnoecke drängen lassen“, beschreibt der Autor das Objekt seiner Reflexion. „Sie sehen sich in erster Linie als Deutsche, machen aber keinen Hehl daraus, Muslime zu sein.“ Vor allem aber seien sie keine „VIP-Migranten und Berufsmuslime“, die in der Islamdebatte mit einer rechtfertigenden Haltung aufträten.
Eren Güvercin beschreibt die neuen, deutschen Muslime – geborene Muslime und solche Menschen, die sich für den Islam entschieden haben – als Gegenent­wurf zur reaktiven Repräsentanz. Diese Muslime der neuen Generation „reagieren nicht, sondern agieren. (…) Sie sind einfach ein Bestandteil der deutschen ­Gesellschaft. (…) Sie provozieren in beide Richtungen“. Kurz gesagt, eine „Herausforderung“, wie der junge Autor sie beschreibt. Was unterscheidet sie von den üblichen Verdächtigen und trennt ihr Denken vom, immer wiedergekäuten Diskurs? „Sie diskutieren nicht über die Integration und den Islam in Deutschland, sondern machen sich Gedanken über die wirklich relevanten Fragen unserer Zeit, sei es die immer weiter fortschreitende Sozialerosion oder auch ganz aktuell die Auswirkungen der Finanzkrise auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Sie wenden sich gegen die politisch-korrekten Weichzeichner in den Mainstream-Medien. Die willkürliche Verwendung politischer Labels wie ‘liberal’ oder ‘konservativ’ wird nach ihnen der gesellschaftlichen Realität nicht gerecht.“
Man kann diese „Neo-Moslems“ aber nicht verstehen – zumindest in der Sicht ihres Biografen -, wenn man das Schicksal der „goldenen Generation“ außer Acht lässt. „Man kann sich gar nicht vorstellen, was es für ein Abenteuer für meinen Vater gewesen sein muss, als er in den 60er-Jahren aus seinem Dorf bei Gümüshane aus dem Nordosten der Türkei mit dem überfüllten Zug nach einer anstrengenden Reise in Deutschland ankam“, beschreibt Eren Güvercin diesen Schritt seines Vaters.
Diese „Aufbruchstimmung der ersten Generation“ spüre man immer noch, „wenn sie von dieser Zeit erzählen, von ihren ersten Erfahrungen in Deutschland“. Diese jungen Frauen und Männer ­waren sich nicht zu schade, auch die schwerste Arbeit zu verrichten. „Mein Vater erzählt mit glänzenden Augen von seinen ersten Jahren in Deutschland. Mit einigen Verwandten aus seinem Heimatdorf hat er oft 15 Stunden am Tag hart gearbeitet und in Containern oder Arbeiter­wohnheimen gelebt. Trotzdem erzählen alle mit Nostalgie über die harte, aber glückliche Zeit.“ Besonders die Mütter, „die immer noch oft als unmündige, uniforme Masse von Frauen dargestellt werden“, hätten eine immense Rolle mit ihrem großen Sprachschatz und ihrem hellwachen Geist gespielt.
Der Autor der Generation der „Neo-Moslems“ verweist im ersten Teil des Buches zurecht auf die Bedeutung der deutschen Muslime. Damit meint er aber ausdrücklich nicht „skurrile Konvertiten wie Pierre Vogel“, die durch ihre öffentlichen Aufritte das Bild vom muslimischen Deutschen prägen würden und der seine deutsche Identität abgelegt habe „und eine so genannte ‘islamische Identität’“ angenommen habe.
Für Güvercin spielen sie eine wichtige Rolle für die „Neo-Moslems“, deren Eltern aus der Türkei oder arabischen Welt als Gastarbeiter nach Deutschland kamen. Sie würden von den Erfahrungen der deutschen Muslimen (denen der Autor das Kapitel „Deutsch-Deutsche Muslime widmet) profitieren, die sich im Laufe ihres Lebens für den Islam entschieden hätten. Oftmals seien sie eher in der Lage, kritisch über bestimmte unheilvolle Entwicklungen in der islamischen Welt zu reflektieren. Es ist für die muslimische Gemeinschaft in Deutschland sicherlich von Nutzen, würden diese – wie Eren Güvercin beschreibt – als Inspiration und Bereicherung wahrgenommen. Bisher sind sie – von wenigen Ausnahmen abgesehen – nicht nennenswert in den Rängen des organisierten Islam vertreten.
„Deutsche Muslime revoltieren nicht etwa gegen unser deutsches Erbe, im Guten wie im Schlechten, sie ziehen einfach nur eine andere Quintessenz daraus“, zitiert der Auto den IZ-Herausgeber Abu Bakr Rieger. „Für deutsche Groß-Intellektuelle, die sich gerne gegen ‘Kopftuchmädchen’ und ‘Extremfälle aus dem Milieu’ positionieren, sind wir deutschen Muslime ernst zu nehmende Sparringspartner.“ Vielleicht sei das eben auch der Grund, spekuliert Eren Güvercin, „wieso Freidenker wie Rieger aus der öffentlichen Islamdebatte ausgeschlossen“ ­werden.
Neben dieser Gruppe bezieht sich der junge Autor auf eine „neue kulturelle Avantgarde“ als wichtige Inspira­tionsquelle für die „Neo-Moslems“. Obwohl Migranten lange Zeit ausschließlich als „Gastarbeiter“ angese­hen worden, „gibt es bereits seit drei Generationen Kulturschaffende unter ihnen“. Für den Autor ist dies – neben Künstlern wie Fatih Akin, Neco Celik oder Renan Demirkan – der ­Schriftsteller Feridun Zaimoglu. Zaimoglu, der sich seit Jahren mit relevanten (und deutlichen) Beiträgen an der Islamdebatte beteiligt, gebe vielen „durch seine Texte und Auftritte Selbstbewusstsein“.
Die „Neo-Moslems“ lassen den Leser bis zum Schluss nicht los. Am Ende entwickelt Güvercin die positiven Begriffe der „Gemeinschaft“ und der „Tugend“, die er (in Gesprächen und durch seine Reflexion) im Gegensatz zur (oft virtuellen) „Community“ beziehungsweise zu den „Werten“ sieht. „Die wirkliche, die lebendige Communio [die Gemeinschaft der Gläubigen] – in der Moschee etwas – werden von den diversen Communities unter Druck gesetzt, die ein sehr partielles Heil versprechen und jedem garantiert nicht böse sind, sobald er auf dem Markt der Möglichkeiten sich anders orientiert.“
Die Tugend ihrerseits werde „von den westlichen Wertegemeinschaftlern“ verdächtigt, weil sie immer mit der ­Religion zusammenhänge. „Und vor der haben die ratlosen Europäer eine Angst – deswegen ihre Flucht in die Werte (…).“
Eren Güvercin, Neo-Moslems: Porträt einer deutschen Generation, Herder Verlag, erscheint am 24. April, 200 Seiten, Taschenbuch, ISBN: 978-3451304712, Preis: 14,00 Euro

Wir müssen unseren ­Mitbürgerinnen und Mitbürgern deutlich machen, dass die ­Muslime in ihren eigenen ­Begriffen selber denken können und wollen. Beitrag von Wolf D. Ahmed Aries

(iz). Es ist schon eine merkwürdige ­Situation: Da häufen sich die so­zialwissenschaftlichen Untersuchungen über Muslime, und kein Muslim nimmt sie zur Kenntnis. Psychologen, Soziologen, Sozialarbeiter und Psychiater befragen Muslime zu jeglicher Art von Themen, die meist von irgendwelchen Geldgebern vorgegeben wurden, um sich anschließend nicht um die schließlich veröffentlichten Resultate zu kümmern.

Nun wird der Beobachter zugeben müssen, dass man kaum noch in der Lage ist, die Berge von veröffentlichten Papie­ren und Büchern durchzuarbeiten, ­sodass manche, vielleicht sogar die Masse aller Forschungsarbeiten – als Examensarbeiten sowieso – in den Archiven der Hochschulen verschwinden. Hier und das tauchen sie noch in Form von Literaturver­weisen auf.

Dennoch entsteht im Laufe der Zeit ein unbewusstes Bild „des“ Muslims, dessen sich Fachreferenten in den Ministerien, Parteien oder gesellschaftlichen Organisationen beliebig bedienen. In den von ihnen entworfenen Grundlagen und Reden heißt es dann nur, wie „wissenschaftliche Arbeiten zeigten“. Die islami­schen Verbände nehmen die einzelnen Arbeiten bisher nur dann zur Kenntnis, wenn sie politisch relevant werden – wie etwa der Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung oder jene heftig kritisierte Untersuchung zu jungendlichen Muslimen des Bundesinnenministeriums.

Allein, diese auf dem Seziertisch der Sozialwissenschaften entstandenen Ergebnisse bleiben nicht auf den muslimischen „Patienten“ bezogen, sondern werden auf „den“ Islam übertragen, ohne dass sich jemand die Mühe machte, die Vielzahl der Abhandlungen zu einer Übersicht zusammenzufassen. Hierauf verwies Michael Tressat in seinem Buch „Muslimische Adoleszenz?“. Zudem muss der interessierte Beobachter sich fragen, ob die in Deutschland erarbeiteten Untersuchungsergebnisse für den chinesischen Hui ebenso zutreffen wie für den russischen Tataren. Wohl kaum.

Diesem Defizit entspricht ein systematischer Blinder Fleck, den man sich bewusst machen muss. Der moderne Sozialwissenschaftler geht an sein Studienobjekt – hier, den Muslim – auf die gleiche Art und Weise heran wie ein Naturwissenschaftler an ein physikalisches Phänomen: mit Hilfe eines methodischen Atheismus. Er nimmt also an, dass nichts einen Einfluss auf seinen Untersuchungsgegenstand hat, als die von ihm untersuchten Faktoren.

Diese Grundhaltung ist den Muslimen durchaus vertraut, wenn auch nicht bewusst: Wenn jemand mit seinem Auto unterwegs Probleme hat, weil der Motor stottert, dann wird er die nächste Werkstatt anfahren und nicht in der Moschee anrufen, um dem Imam zu bitten, den Dschinn zu vertreiben.

Nur, diese Haltung ist bei den sozialwissenschaftlichen Untersuchungen über den Muslim problematisch, weil dieser sich genau durch jenes Dritte definiert. Ein Gläubiger wird zum Muslim, weil er beziehungsweise sie die Shahada lebt. Das islamische Credo ist nicht nur ein theologisches Phänomen wie bei Christen, sondern Teil seines/ihres Lebens, das in der Taqwa den muslimischen Alltag lebendig werden lässt.

Muslime leben ihren Glauben in der Orthopraxie, denn „diese Welt ist das Saatfeld für die nächste“. So betont der Muslim die Hermeneutik der Tat und weniger die des Wortes. Daher mag man zu den „Ilmihal“ stehen, wie man will, aber Muslime leben von dort her. Ein Sozialwissenschaftler mag eine solche Grundeinstellung als den Rückzug auf eine „transzendentale außer-soziale Ins­tanz“ betrachten, aber sie macht den Mus­lim zum Muslim. Und so wird sein Sozialverhalten zum Adab, von dem er weiß, dass es in der Rechtleitung grundsätzlich vorgegeben ist. Für den Soziologen ist es eine rituell geprägte Normativität einer bestimmten Ethnie. Aber so wie kein Anatom beim Sezieren die Seele des Menschen fand und kein Neurologe mehr als aktivierte und reaktivierte Hirnregionen, so kann ein Sozialwissenschaftler nur beobachtbares Verhalten registrieren.

Muslimische Gelehrten haben dem schon immer misstraut und daher gesagt, dass nur dann ein Tun gläubig ist, wenn der Handelnde die Absicht (Nijja), dazu hat. Ein Gebet ohne sie ist Ritual und mehr nicht. Ein Elektroingenieur kann davon ausgehen, dass die von ihm gefun­denen Regeln stets dort gelten, wo es sich um Strom handelt.

Spätestens Hans-Georg Gadamer hat mit seinen hermeneutischen Untersuchungen gezeigt, dass der Sozialwissenschaftler dies nicht ohne weiteres darf. Diese für manchen etwas abstrakte Diskussion mag so deutlicher werden: Wer die neueren Untersuchungen über muslimische Migranten, Jugendliche oder Strukturen gelesen hat, der wird immer wieder auf die Bemerkung gestoßen sein, dass dieses oder jenes religiöse Verhalten des muslimischen Gegenübers der Ethni­zität, das heißt, seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kultur oder einem Volk geschuldet sei. Ist aber der Handkuss des Jüngeren gegenüber dem ­Älteren Folklore? Oder, ist etwas halal wie Musik oder eine Geburtstagsfeier? Beides fällt nach islamischem Verständnis ­unter den Begriff ‘Urf, Bräuchtum. Solche Gewohnheiten sind häufig emotional aufge­laden und wurden in der ­Vergangenheit von den Muslimen problemlos in ihre Lebensweise, ihren Din, integriert. Wobei durchaus zwischen abzulehnenden Gewohnheiten (‘Urf fasid) und akzeptab­len (‘Urf sahih) unterschieden wurde.

Wenn man in der soziologischen Diskussion nun der Begriff „Ethnizität“ den islamischen Begriff des ‘Urf ersetzt, dann wird mit dem religiösen Bezug gleichzeitig der Glaube des Muslim selbst verdrängt. Aber ist jemand, dessen Din nicht zur Kenntnis genommen beziehungsweise ausgeklammert wird, noch ein Muslim? Zumindest verschwindet so seine eigentliche Motivation zum Handeln, das heißt, die Nijja wird für den Sozialwissenschaftler nicht zum Gegenstand seiner Überlegungen.

Und es gibt einen zweiten Aspekt, der in den Diskussionen der wissenschaftlichen Nichtmuslime im Hintergrund mitläuft. Die Mehrheit der Sozialwissenschaftler neigt dazu, nur die Formen des Din als islamisch zu akzeptieren, die eine besonders strenge, das heißt, „radikale“ Frömmigkeit darstellen. Die Vielfalt der Umma wird schlicht verdrängt. Und welcher Reichtum ist in Seiner Gnade der unterschiedlichen Bemühungen, in der Vielfalt der Umma, wie ein Hadith sagt.

Thomas Bauer hat in seinem neusten Buch zur „Ambiguität islamischen Denkens und Handelns“ eindringlich darauf hingewiesen. Offensichtlich nimmt niemand die öffentlichen und in jeder islamischen Zeitung nachzulesenden Diskussionen über den rechtgeleiteten Weg, zur Kenntnis. Und ist nicht diese Zeitung ein lebendiger Beweis für die undog­matischen Diskurse der Muslime, ohne dass jemand seine eigenen Bemühungen um den rechten Weg zu verleugnen braucht?

Wir Muslime müssen endlich unseren Mitbürgerinnen und Mitbürgern deutlich machen, dass die Muslime keine Kopie des so genannten jüdisch-christlichen Denkens sind, sondern sie in ihren eige­nen Begriffen selber denken können und wollen. Dies ist ein mühseliger Weg, unter dem die Jüngeren am meisten „leiden“, weil sie in einer dreifachen Anforderung stehen: Sie müssen in ihrer Adoleszenz ihre Identität erarbeiten; als religiöse Minderheit mit auf andere ­Gesell­schaften verweisenden Wurzeln sich bewahren und definieren; schließlich gilt es das zusichern, was ihnen aus den Traditionen auch in der Zukunft Halt geben wird wie zum Beispiel die Familie.

So haben junge Muslime die ­moderne Neigung zur Individualität längst aufgenommen, ohne jedoch die Familie zu verraten. Es ist eine Form, die das Bekenntnis zur Familie nicht negiert. Dies mag manchen sozialwissenschaftlichen Modernisten stören; dennoch bewahrt es unsere freiheitlich Grundordnung, die schließlich unter der Aussage der Präam­bel steht, dass es eine Verantwortung vor Gott gibt. Allein Gott weiß es besser.

Muslimische Repräsentanten: Handlungen des französischen Schützen widersprechen Islam

Toulouse (IZ/Agenturen). Mohamed Merah, der mutmaßliche Täter hinter dem Amoklauf im französischen Toulouse, starb am Donnerstag, dem 23. März, nach einer 32-stündigen Belagerung durch Polizeieinheiten. Er sprang aus einem Badezimmerfenster, mit einer automatischen Pistole in der Hand, als die Polizei in seine Wohnung eindrang. Nach einem Kopfschuss wurde er tot auf dem Boden aufgefunden.

Zwei Polizisten wurden bei der versuchten Erstürmung verletzt, einer von ihnen schwer. Merah wollte sich bis zum Schluss nicht der Polizei ergeben. Ein erfahrenes Mitglied des Einsatzkommandos sagte, dass er niemals ein so heftiges Feuergefecht erlebt habe.

Frankreichs Innenminister Gueant veröffentliche kurz nach dem Ende des Schusswechsels erste Informationen. Bei der massiven Schießerei wurden mehr als 300 Geschosse abgefeuert – mindestens dreißig alleine von Merah, der eine schusssichere Weste trug. Frankreichs Generalstaatsanwalt Francois Molins versicherte, dass alles unternommen worden sei, „um ihn lebend zu verhaften“. Der habe sich allerdings dazu entschlossen, „mit der Waffe in der Hand sterben“ zu wollen.

Merah, ein französischer Staatsbürger algerischer Herkunft behauptete, Kontakte zu al-Qaida unterhalten zu haben. Er gestand die Tötung von vier Menschen vor einer jüdischen Schule und dreier französischer Soldaten, von denen zwei Muslime waren.

Während die Untersuchungen noch andauern, ob er Komplizen hatte, warnte Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy vor Racheakten gegen die muslimische Gemeinschaft seines Landes: „Unsere muslimischen Landsleuten haben nichts mit diesen Akten eines mörderischen Terrorismus zu tun.“

Merah habe während des langen Verhandlung über eine Aufgabe nach eigenen Angaben „Frankreich in die Knie zwingen“ wolle. Er habe nur bedauert, „nicht mehr Menschen getötet“ zu haben. Der Amokläufer gab die Ermordung der sieben Menschen zu. Sein Motiv sei Rache für französische Interventionen im Ausland und die „Tötung palästinensischer Kinder im Nahen Osten“ gewesen.

Die französischen Sicherheitsbehörden müssen sich die Frage stellen lassen, wieso sie nicht vor dem Amoklauf eingegriffen haben. Der Massenmörder soll seit geraumer Zeit vom Geheimdienst observiert worden sein, da er nicht nur radikale Ansichten vertrat, sondern sich auch in militärischen Trainingslagern im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan aufhielt.

So berichtete die französische Lokalzeitung „Le Telegramme“ am 22. März, dass eine Frau die Behörden wiederholt vor Mohamed Merah gewarnt habe und ihn zwei Mal angezeigt habe. Sie habe den späteren Mörder als „Gefahr für die Öffentlichkeit“ beschrieben. Im Sommer 2010 habe sie ihn angezeigt, nachdem er versuchte, ihren Sohn „für den Dschihad zu rekrutieren“. Der damals 15-jährige habe von Merah CDs mit militanten Predigten zu hören bekommen. Danach habe er den Jungen gezwungen, in seine Wohnung zu kommen, wo er ihm brutale al-Qaida-Videos zu sehen. Nach der Beschwerde gegen den späteren Amokläufer habe er sie, ihren Sohn und ihre Tochter körperlich misshandelt.

Einen Tag vor dem Tod des Amokläufers erklärten führende muslimische Vertreter Frankreichs, dass der Mörder „gegen den Islam“ gehandelt habe. „Seine Handlungen stehen im vollkommenen Widerspruch zu den Fundamenten dieser Religion“, sagte Mohammed Moussaoui, Leiter des Muslimischen Rates von Frankreich. „Frankreichs Muslime sind aufgebracht über seine Behauptungen.“

Bei einem Spitzentreffen der muslimischen Vertreter mit Richard Prasquir, Führer der wichtigsten jüdischen Organisation CRIF, im Elysee-Palast sagte Prasquir, dass es absolut unmöglich sei, „diese Person und die islamistische, dschihadistische al-Qaida-Bewegung, für die er stehe, mit dem Islam in Frankreich zu verwechseln, die eine Religion wie alle anderen auch ist“.

Inmitten eines heftig geführten Präsidentschaftswahlkampfs, bei dem die rechtsextreme Marine Le Pen bereits die Morde von Merah als Wahlkampfmunition einsetzte, kündigte der amtierende Präsident Sarkozy „härtere Maßnahmen“ gegen „gewalttätige Islamisten“ an. Das Internet solle schärfer überwacht werden, ebenso jene Personen, die ins Ausland reisen, um an „terroristischen“ Aktivitäten teilzunehmen. Außerdem würden sämtliche Maßnahmen ergriffen, um die Ausbreitung von Gewalt in Frankreichs Gefängnissen zu unterbinden.

Stellungnahme zu der Studie „Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“ von Ulrich Paffrath vom Forschungszentrum für Religion und Gesellschaft (Teil 1)

Köln (iz). Die folgende kurze Stellungnahme zu der Studie „Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“ befasst sich noch nicht dezidiert mit den zahlreichen Ergebnisse der Studie. Dies wird in einem zweiten Teil in Kürze folgen, denn im Gegensatz zu der bisherigen Berichterstattung produziert die Studie nicht nur ein Ergebnis, sondern eine Vielzahl sehr erwähnenswerter Ergebnisse.

In diesem ersten Teil konzentriert sich die Darstellung zum einen auf den Versuch, die vermutete politische Strategie der Akteure bei der Vorstellung der Studienergebnisse darzustellen. Zum anderen sollen zwei allgemeine methodische Anmerkungen erfolgen, da die Art der Darstellung von Studienergebnissen zum Teil sehr unterschiedliche Wirkungen haben kann.

Der politisch-strategische Aspekt
Ein Ergebnis der Studie, nach welchem ein Viertel der jungen nichtdeutschen Muslime integrationsverweigernde Einstellungen vertreten, stand im Zentrum der medialen Berichterstattung. Der Bildzeitung lag bereits einen Tag vor der offiziellen Vorstellung der Studienergebnisse dieses Teilergebnis exklusiv vor, so dass die Bildzeitung entsprechend berichtete.

Am Tag der offiziellen Vorstellung der Studie appellierte nun der amtierende Bundesinnenminister an die Medien, die Studienergebnisse nicht einseitig negativ darzustellen, sondern differenziert auch über die vielen positiven Ergebnisse der Studie zu berichten. Muslime dürften nicht unter Generalverdacht gestellt werden. Gleichzeitig warnte er vor Radikalisierungstendenzen bei jungen Muslimen.

Abseits aller realitätsfernen Verschwörungstheorien sollte dem kritischen Beobachter klar sein, dass solche dramaturgischen Abfolgen in den seltensten Fällen zufällig geschehen, sondern vielmehr einem taktischen Kalkül folgen. Das „Durchsickern“ von negativen Teilergebnissen an die Bildzeitung und der spätere Aufruf des Bundesinnenministers zur ausgewogenen Berichterstattung über Muslime sind schlichtweg eine politische Taktik, bei welcher es nach Auffassung des Autors um folgende Kalküle ging:

Durch die Übermittlung (in Form eines „Durchsickerns“) des öffentlichkeitswirksamen negativen Teilergebnisses der Studie kann der politische Akteur (in diesem Falle der Bundesinnenminister) gezielt die mediale Agenda in seinem Sinne steuern, ohne unmittelbar als Scharfmacher, der die Angst vor Muslimen schürt, dazustehen. Schließlich hat nicht er direkt dieses Ergebnis hervorgehoben, sondern eben die Bildzeitung.

Darüber hinaus handelt es sich um ein wissenschaftlich fundiertes Ergebnis. Der Vorteil für die Medien (in diesem Fall die Bildzeitung) ist die Exklusivität der Nachricht und somit die Gewährleistung des finanziellen Profits durch Auflage. Darüber hinaus ist das „Durchsickern“ der Ergebnisse in Richtung Bildzeitung sicherlich förderlich für deren Image als relevantes Leitmedium.

Nachdem nun die Bildzeitung exklusiv über das vom Bundesinnenminister vermutlich gezielt gesetzte Ergebnis berichtet hat, ruft dieser bei der offiziellen Vorstellung der Ergebnisse der Studie einen Tag später die Medien zur ausgewogeneren Berichterstattung auf und versucht, sich somit unangreifbar zu machen, indem er quasi den „schwarzen Peter“ den Medien zuschiebt. Und ebenfalls lassen die teilweise undifferenzierten Reaktionen der übrigen politischen Akteure nicht lange auf sich warten. Verwiesen sei hier u.a. auf die Aussage von Serkan Tören, die Studie produziere keinerlei Erkenntnisse.

Es bleibt offen, ob man die hier vermutete Strategie als aufgegangen bezeichnen kann, da der Bundesinnenminister dennoch als Scharfmacher kritisiert wurde und auch das Zuspielen von Teilergebnissen als Strategie bezeichnet wurde. Die Logik zeigt jedoch, dass eine solche Strategie meistens eine Win-Win Situation sowohl für den politischen Akteur als auch für die Medien darstellt, so dass es sich lohnt, solche taktischen Manöver stets genau zu reflektieren und zu hinterfragen.

Allgemeine methodische Anmerkungen
Auch hier ist wie bei vielen anderen Studien anzumerken, dass es sich nicht um eine repräsentative Studie handelt. Insofern sind Rückschlüsse auf die sogenannte „Grundgesamtheit“ (hier also alle in Deutschland lebende Muslime) nicht möglich. Denn diese Grundgesamtheit ist schlichtweg nicht bekannt.

Insofern sind dann Aussagen wie „ein Viertel der jungen nichtdeutschen Muslime wollen sich nicht integrieren“ nur in Bezug auf die innerhalb der Studie befragten Personen zutreffend. Eine Darstellung, nach welcher sich dieses Viertel auf alle jungen nichtdeutschen Muslime in Deutschland bezieht, ist daher schlichtweg falsch und suggeriert ein gefährliches Zerrbild. Eine Überschrift wie „ca. 125 nichtdeutsche Muslime im Alter zwischen 14 und 32 Jahren innerhalb der Stichprobe sind integrationsunwillig“ wäre sicherlich nicht so öffentlichkeitswirksam gewesen.

Und genau dies beinhaltet eine gewisse Gefahr in Bezug auf die Verwendung von Prozentwerten bei der Darstellung von Studienergebnissen. 25 Prozent der nichtdeutschen Muslime sind integrationsunwillig suggeriert, dass es sich um eine enorme Menge handeln muss, insbesondere dann, wenn man die Ergebnisse so liest, dass es 25 Prozent aller nichtdeutschen Muslime in Deutschland sind. Dies wäre zweifelsohne eine erschreckende Zahl. In absoluten Zahlen dürften es aber laut Studienergebnis ca. 125 Personen sein. Bezogen auf die ca. 4 Millionen Muslime in Deutschland ist dies eine verschwindend geringe Zahl. Dies soll verdeutlichen, welche enormen Unterschiede hinsichtlich der Außenwirkung entstehen können, je nachdem wie man ein und dasselbe Ergebnis darstellt.

Hierfür bietet das exemplarisch dargestellte Teilergebnis der Studie „Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“ ein sehr gutes Beispiel. Insofern wäre es ratsam, bei der Darstellung von Studienergebnissen stets die absoluten Zahlen hinter die jeweiligen Prozentwerte zu schreiben. Zumindest, wenn einem an einer differenzierten Darstellung der Ergebnisse gelegen ist.

Wahl des Bundespräsidenten: Anmerkungen zum Spektakel einer beschlossenen Sache. Von Abu Bakr Rieger

(iz). Die Spannung war – genauso wie die Alternativen – bei der Wahl selbst überschaubar. Der neue Bundespräsident ist Joachim Gauck. Nach dem Gastspiel des Niedersachsen Wulff kommt nun ein Parteiloser und zudem ein guter Redner ins höchste deutsche Amt. Damit könnte Gauck – von seinen ureigensten Voraussetzungen her – durchaus eine, die Alltagspolitik überragende Rolle spielen.

Ein neuer Präsident kann nicht nur viele unbequeme Fragen stellen, sondern vermag eines Tages sogar Gesetze im Rahmen des umstrittenen EU-Rettungsschirms – Regeln, die nach Meinung vieler die Demokratie in Frage stellen – blockieren. Der Ruf des Präsidenten als eine unbestechliche Instanz, die sich auch aus seiner Ferne vom Lobbyismus begründet, könnte durch Joachim Gauck wiederhergestellt werden. Für den 72-jährigen gilt das Wort George Benard Shaws: „Man fürchte sich vor alten Herren, denn sie haben nichts mehr zu verlieren.“

Man sagt dem evangelischen Pfarrer nach, dass er ein großer Demokratielehrer sei (das Wort „Demokratie“ fällt in politischen Reden heute so häufig, dass man vermuten könnte, sie sei bereits abhanden kommen). Keine Frage, Gauck wird zunächst die deutsche Gesellschaft immer wieder vor den Abgründen der Ideologien warnen, die jeder modernen Gesellschaft – zumindest als Möglichkeit – innewohnt. Die Festlegung der Deutschen auf den Anti-Rassismus ist eine der Selbstverständlichkeiten, für die man in Zeiten rechten Terrors doch immer wieder neu eintreten muss.

Damit dies aber nicht nur ein lobpreisender Monolog über die jetzigen Machtverhältnisse wird, wird Joachim Gauck bald auch seine Position zum globalen Kapitalismus klären müssen. Wie steht es heute mit dem Anspruch auf Freiheit, auf Gerechtigkeit? Wie stehen wir zu den Opfern dieser Zeit? Man denke nur – um ein Beispiel zu nennen – an die zynische Spekulation unserer Geldhäuser mit Nahrungsmitteln, das Spiel mit dem Leben Dritter, über das wir ja allzu gut Bescheid wissen.

Die Muslime im Lande könnte Gauck leicht ansprechen und für sich gewinnen. Viele muslimische Immigranten dürften nach den Erfahrungen in ihren Heimatländern verstehen, was der Präsident über den Wert der Freiheit fühlt. Sein Vorgänger hatte schon einfachen „Heldenstatus“ mit einer simplen Formulierung über die Zugehörigkeit des Islam erlangt. Viele deutsche Muslime hören solche Bekenntnisse eher als eine Binsenweisheit. Aber, ein Präsident der an die Wahrung unserer natürlichen Rechte erinnert, ist durchaus willkommen.

Hintergrund: Zerstört das globale Halal-Business das Vertrauensverhältnis zwischen den Muslimen? Von Schaikh Habib Bewley

(iz). Wir leben in Zeiten, in denen der ­beste Rat das Innehalten ist, wenn sich die Masse auf einen Hype versteift. Oft genug verliert der Einzelne die dringend benötigte Fähigkeit zur Kritik. Seit Jahren wird – auch in der IZ – davon gesprochen, dass die so genannte Halal-Industrie ein Wachstumsmarkt sei, der immer wichtiger werde. Mehrheitlich werden die dabei beteiligten Abläufe, allen voran die Halal-Zertifizierung, und die ihr zugrunde liegen­den Konzepte positiv gesehen.

Vor einigen Jahren trafen wir in Südafrika den Leiter einer religiösen Schule in einer überwiegend indisch-muslimischen Siedlung am Rande Pretorias. Der Gelehrte erklärte, er sei schon einmal in Deutschland gewesen. Auf unsere Frage nach dem Warum, meinte er lapidar, er hätte unser Land besucht, um eine Fleischfirma bezüglich einer islamkonformen Wursthülle zu besuchen. Dafür musste er immerhin beinahe 24.000 Kilometer zurücklegen. Die Frage, ob er die bettelarme schwarze Moscheegemeinde, die hinter einem Berg in der Nachbarschaft lag, besuchte habe, verneinte der ­Gelehrte.

Im Folgende dokumentieren wir die Position eines jungen zeitgenössischen Gelehrten, der sich – anhand konkreter Skandale in Südafrika – von der Warte des islamischen Rechts kritisch mit der Halal-Zertifizierung auseinan­dersetzt, die für viele muslimische Konsumenten mittlerweile einfach dazu gehört, um sich beim ­Einkaufen wohl zu fühlen.

Allah sagt in Seinem Edlen Buch: „O die ihr glaubt, esst von den guten Dingen, mit denen Wir euch versorgt haben, und seid Allah dankbar, wenn ihr Ihm dient!“ (Al-Baqara, 172) Viele von uns wurden in der letzten Zeit durch Meldungen aufgeschreckt, die vom Missbrauch der ­Halal-Zertifizierungen und der betrügerischen Auszeichnung von Schweinefleisch durch gewissenlose Geschäftsleute sprachen. Wir dürfen uns nicht durch die Einzelheiten des Falles oder der betroffenen Parteien von der entscheidenden Frage ablenken lassen: Das Problem ist die Halal-Zertifizierung selbst.

In den letzten Jahren wurde diese ­Praxis zur akzeptierten Norm. Sie gilt als der beste Wege, um festzustellen, ob ein bestimmtes Produkt für den Verbrauch geeignet ist oder nicht. Aus bescheidenden Anfängen wuchsen das Halal-Siegel oder das entsprechende -Zertifikat rapide an. Heute sind sie Teil des Big Business und entwickelten sich zum Aspekt einer Indus­trie, die nach Angaben des Interna­tionalen Market Bureau of Canada ­einen Jahreswert von 560 Milliarden ­US-Dollar haben soll. Alleine in Südafrika bringt dies Dutzende Millionen Rand in die Schatullen der beteiligten Organisationen.

Gewiss, es geht uns nicht um die Motive derjenigen, die Pioniere der Zertifizierung von Produkten und Lebensmitteln waren. Ursprünglich mag ihnen das Wohl der Muslime am Herzen gelegen haben. Sie wollten es muslimischen Verbrauchern einfacher machen, die ­Zweifel darüber hatten, was sie aßen oder kauften. Unsere Überlegungen gelten der Existenz eines ganzen Industriezweiges. Dieser bricht eindeutig eine Reihe bestimmender Prinzipien des Dins.

Erstens hat alles als halal zu gelten, solange es keine eindeutigen Beweise dafür gibt, dass es haram ist. Dies wird durch die Worte Allahs angedeutet: „Er ist es, Der für euch alles, was auf der Erde ist, erschuf.“ (Al-Baqara, 29) Alles auf der Erde dient unserem Nießbrauch: Es ist halal; mit Ausnahme dessen, was Allah und Sein Gesandter verboten haben. Die Funktionsweise der Halal-Zertifizierung funktioniert nach dem genau gegenteili­gen Prinzip: Alles gilt als haram, ­solange es nicht als halal deklariert wird. Klar wird dies, wenn man sich die ­operativen Proze­duren dieser Einrichtungen betrachtet.

Auf der Webseite einer solchen Einrichtung werden die folgenden Bedingungen für Unternehmen festgelegt, die von ihnen ein Zertifikat möchten: „Nur Halal-Lebensmittel und -Getränke, die von uns zertifiziert werden, dürfen serviert, verkauft, gelagert oder auf der untersuchten Einrichtung verarbeitet werden.“ Des Weiteren heißt es dort: „Sollten Einzelhändler Einkäufe tätigen, ist dies nur bei solchen Lieferanten erlaubt, die ausdrücklich von uns freigegeben wurden.“ Mit anderen Worten, die entsprechende Organisation untersagt Firmen, Geschäften und Restaurants den Einkauf der Waren aus anderen Quellen als jenen, die von ihr zertifiziert worden sind. Im Weiteren Sinne erklären sie alle, nicht von ihnen genehmigten Waren als nicht lizenziert – und demnach als ­haram. Damit machen sie genau das, was Allah uns untersagt hat, denn Er sagte: „O die ihr glaubt, verbietet nicht die guten Dinge, die Allah euch erlaubt hat, und übertretet nicht! Allah liebt nicht die Übertreter. Und esst von dem, womit Allah euch versorgt hat, als etwas Erlaubtem und Gutem, und fürchtet Allah, an Den ihr glaubt!“ (Al-Ma’ida, 87-88)

Allah erlaubte uns weitaus mehr, als die Zertifizierer uns glauben machen ­wollen. So offenbarte Er beispielsweise: „Heute wurden euch alle guten Dinge erlaubt – das Essen der Leute, denen das Buch gegeben wurde, ist halal für euch (…) .“ Es gibt zwei Dinge in diesem Vers, die erwähnenswert sind. Zum ersten benutzt Allah das Wort „Tajjibat“, um das Essen der Leute des Buches zu beschrieben. Und es ist das gleiche Wort, das – wie in der Ajat – nicht als haram erklärt werden darf. Zweitens verwendet Er den Begriff „uhilla“, was „halal machen“ bedeutet. Qadi Abu Bakr ibn al-Arabi sprach über diesen Vers umfangreich in seinem Buch „Ahkam Al-Qur’an“. Im Verlauf seiner Diskussion sagte er, dass es egal ist, ob sie das Tier opfern oder nicht, solange es sich dabei um Juden oder Christen handelt und solange sie es korrekt ­schlachten. Dann ist das Fleisch halal für uns. Qadi Abu Bakr überlieferte eine Äußerung von Imam Malik: „Ihr gesamtes Fleisch darf mit Ausnahme dessen verzehrt werden, was sie für ihre religiösen Feiertage schlachten oder ihren Götzen opfern.“ Imam Asch-Schafi’i ging sogar einen Schritt weiter: „Ihre Opfertiere dürfen sogar dann gegessen werden, wenn sie einen anderen Namen als den von Allahs über ihnen aussprechen.“ Ihr gesamtes Essen ist halal für uns. Mit Ausnahme jener Dinge, die Allah uns ausdrücklich untersagte: Schwein, Blut und Tiere, die eines natürlichen Todes starben, erwürgt oder mit einem stumpfen Gegenstand erschlagen wurden. Dies ist die ­Position der meisten großen Imame. Der Prophet selbst aß Fleisch bei Juden, ohne zu ­fragen, wie es geschlachtet wurde. Was ­halal ist und was haram, ist nicht so schwarz-weiß, wie es diejenigen glauben machen wollen, die die Zertifikate ausgeben. Es ist auch nicht im geringsten kompliziert, denn der Prophet sagte: „Das halal ist klar erkennbar und das haram ist klar erkennbar.“

Das zweite, betroffene Prinzip ist, dass Allah der Gesetzgeber ist. Es ist weder an uns, noch an den ‘Ulama, sich als diejeni­gen aufzuspielen, die Gesetze erlassen. Es gibt im Islam weder eine ­Priesterkaste, noch eine spezielle Klasse von Leuten, durch die Allah wirkt oder in deren Händen die Erlösung der Menschheit liegen würde. Diese Vorstellung ist dem Islam vollkommen fremd. Die ‘Ulama sind einfach nur jene, denen Allah ‘Ilm (Wissen von Seinem Din und Seinen Urteilen) gab. Es ist ihre Verantwortung, dieses an den Rest von uns weiterzugeben, anstatt es zurückzuhalten und dem Höchstbietenden zu verkaufen. Sie dürfen keine Urteile verkaufen, denn diese gehören nicht ihnen, sondern Allah.

Daher dürfen sie auch keine Gebühren von den Leuten nehmen, um zu deklarieren, dass ihre Produkte halal ­seien. Indem sie das tun, ahmen sie ein Verhal­ten nach, für das die Leute des Buches von Allah in der Sura Al-Baqara kritisiert wurden: „Und verkauft Meine Zeichen nicht für einen geringen Preis!“ (Al-Ma’ida, 44) Die Erzielung eines Profits aus der selektiven Verteilung von Urteilen ist ­abzulehnen. Die Tatsache, dass solche Organisationen oft exorbitante Gebühren von muslimischen Kunden für ihre Dienste verlangen, schafft für diese ­einen erkennbaren finanziellen Nachteil. Der Preis, den diese Lebensmittelunternehmen bezahlen, wird an ihre Kunden weitergegeben. Dies führt beinahe automatisch dazu, dass zertifizierte ­Lebensmittel teurer sein müssen als jene ohne. Diese Zertifizierung wurde zu einer Art geheimer Steuer, bei der das Geld aus den Taschen der normalen Muslime in die Schatullen islamischer Organisationen, der ‘Ulama oder der Zertifizierungsfirmen fließt.

Nicht nur der einfache muslimische Verbraucher leidet unter der Halal-Industrie, sondern auch viele kleine Unternehmen. Bevor der Halal-Stempel verbreitet war, kauften beinahe alle Muslime ihr Fleisch bei ihrem lokalen Halal-Schlachter. Seit dem Auftauchen des Siegels haben Supermärkte, die weder Muslimen gehören, noch von ihnen geführt werden, den Schlachtern die Mehrheit ihrer Kunden abgeworben. Sie richten Halal-Abteilungen ein und unterbieten die Muslime bei den Preisen. Dadurch schränken sie den Markt ein und treiben viele Unternehmer aus dem Geschäft. Den verbleibenden Halal-Geschäften und -Restaurants wird mit Misstrauen begegnet, wenn ihnen Zertifikate fehlen. Nicht länger wird dem Wort eines Muslims vertraut, dass sein Essen halal sei. Die Industrie hat es geschafft, dass einem Stück Papier mehr vertraut wird als einem anderen Gläubigen.

Wie aus dem jüngsten [südafrikanischen] Fiasko deutlich wurde, ist ein Halal-Stempel kein absolute Garantie ­dafür, dass etwas halal ist. Er kann ohne unser Wissen gefälscht oder von einem Produkt auf ein anderes übertragen werden.1 Das ist bei mehreren Gelegenheit vorgekommen, denn die Konzerne, die die Halal-Lizenzen erwerben, haben nur ihren Profit im Auge, ohne das Skrupel dabei eine Rolle spielen würden. Können sie mehr Geld machen und neuen Märkte erschließen, dann werden sicherlich viele, wenn sie damit davonkommen, auf dieses Mittel zurückgreifen.

Nicht nur bei Firmen, denen diese Zertifikate verkauft werden, besteht Potenzial für Missbrauch. Dies betrifft auch die Reihen jener ‘Ulama, die sie ausstellen. Die Mehrheit von ihnen mag gewissenhaft, ehrenhaft und ehrlich sein. Aber die Tatsache, dass sie Wissen ­haben, macht sie noch nicht immun gegenüber Korruption. Die Geschichte ist voller bestechlicher Richter und Gelehrter, die von den Herrschenden gekauft wurden, um sie gefügig zu machen.

Heute gibt es viele Gelehrte, die sich für das „Islamic Banking“ aussprechen. Im Austausch dafür erhalten einige von ihnen Sitze in den Beiräten der Banken.2 Die früheren muslimischen Gesellschaften kannten diese Gefahren. Sie schützten sich vor der Bestechlichkeit der Qadis, indem sie ihnen hohe Gehälter zahlten, sodass sie immun gegenüber Korrup­tion waren. Aber heute gibt es niemanden, der sich vergleichsweise um ihre Bezahlung kümmern würde. Also müssen sie es selber tun. Auch gibt es heute ­keine Autorität, welche sie kontrolliert. Dementsprechend muss ihre Versuchung hoch sein, sich die Taschen zu füllen.

Unabhängig davon, wie ­gottesfürchtig unsere heutigen Gelehrten sind, dass von ihnen ins Leben gerufene System hat die Tür für weniger prinzipientreu ­Gestalten geöffnet, von ihm Gebrauch zu machen. Dergleichen geschieht bereits in anderen Teilen der Welt, wo bekannt wurde, dass Halal-Siegel wissentlich für Produkte vergeben wurden, die sich später als alles andere als halal erwiesen. Das gleiche passiert bei uns. Die Verantwortlichen handeln – im Sinne des Profits – dem gesunden Menschenverstand zuwider. Da­zu zählt die Zertifizierung von Wasser, Zahnstochern oder schwarzem Pfeffer. Das ist ein klarer Missbruch des Systems. Das System der Halal-Zertifizierung orientierte sich ursprünglich an einem vergleichbaren Prozess, der von Juden benutzt wird, um koscheres Essen von nicht-koscherem zu unterscheiden. Auch wenn es sich dabei um die Nachahmung ­einer scheinbaren guten Idee handelt, ­erlauben die Nachteile dieses Zertifizierungsprozess, wie wir gesehen haben, den gegenteiligen Schluss.

Ein weiteres, schwerwiegendes Problem in der Halal-Zertifizierung – wie der gesamten Halal-Industrie – ist, dass sie sich rein auf die Mechanismen des Schlachtens und der Lebensmittelproduktion konzentriert, ohne fundamenta­le Parameter in Betracht zu beziehen, was es heißt, etwas für halal zu erklären. ­Allah sagt im Qur’an: „Oh, ihr Menschen, esst von dem, was erlaubt und gut auf der Erde ist.“

Unsere Nahrung sollte genauso hochwertig sein, wie sie halal ist. Die Tiere sollte gut und barmherzig behandelt werden. Der Prophet, möge Allah ihn ­segnen und ihm Frieden zu geben, wurde als Barmherzigkeit für alle Welten entsandt, inklusive der Tiere und der Umwelt. Heute geschieht das Gegenteil: Tiere müssen heute ihr ganzes Leben in ­engen Käfigen verbringen und werden unter Einsatz von Wucher und Ausbeutung verkauft. Der vielleicht negativste Aspekt der Halal-Zertifizierung ist, dass sie die ‘Ulama und die Muslime insgesamt von wichtigeren Fragen ablenkt. Es scheint so zu sein, als würde der Din Allahs auf Nahrungsfragen reduziert werden. So als bestünde der einzige Unterschied zwischen uns und unserem nichtmuslimischen Gegenüber darin, dass unsere Nahrung ein Halal-Siegel trägt. Kapstadt ist eine Stadt, in der Muslime ein Drittel oder mindestens ein Viertel der Bevölke­rung ausmachen. Wie kann es sein, dass die islamische Lebensweise auf Lebensmitteletiketten reduziert wird? Sollte nicht zumindest die gleiche Anstrengung darauf verwandt werden, andere Aspekte unseres Lebens halal zu machen? Warum hinterfragen wir nicht das globale Ethos, wenn es sich um Finanz- und Währungsfragen handelt?

Wir sollten nicht versuchen, uns in einer komfortablen Nische in der Gesellschaft einzukuscheln und von dem abzu­schirmen, was uns umgibt. So als wäre alles OK, solange wir nur unser Halal-Fleisch und unsere Moscheen haben.

Der Gesandte Allahs wurde für die gesamte Menschheit entsandt. Wir haben keinen größeren Anspruch auf den Islam als unsere Umwelt und so muss es eine Ehrenfrage für uns sein, sie darüber zu informieren und dazu einzuladen. Unse­re Gelehrten müssen dabei eine Führungsrolle spielen. Sie müssen auftreten und mit sich mit jenen Fragen und Problemen beschäftigen, die unsere Zeit ­plagen. Sie müssen anfangen, als die ­wirklichen Erben der Propheten zu handeln, denn der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, ­sagte: „Die Gelehrten sind die Erben der Propheten.“ Und sie müssen damit ­anfangen, ihr Wissen auch in die Tat umzusetzen.

Der Autor ist ein junger Gelehrter, der unter anderem an der marokkanischen Qairawijin und anderen Einrichtungen studierte. Heute lebt er in Kapstadt, wo er Imam ­Khatib der großen Freitagsmoschee ist. Der Text wurde in seiner Originallänge als Khutba ­gehalten.
Fußnote(n):
1 Vor einiger Zeit wurde nach Stichproben bekannt, dass die Menge der Halal-Lebensmittel, die in die Golfstaaten eingeführt ­wurde, höher war, als die Gesamtsumme der exportierten.
2 Den so genannten Sharia-Boards.

Belgien: Imam erliegt einer Rauchvergiftung. Ein Tatverdächtiger wird festgenommen. Über die Motive wird noch gerätselt.

Brüssel (dpa/IZ). Bei einem Brandanschlag auf die Brüsseler Riad-Moschee ist ihr 46 Jahre alter Imam getötet wurden. Er erlag einer Rauchvergiftung, berichteten belgische Medien am Montagabend. Eine weitere Person atmete giftige Dämpfe ein, überlebte aber. Laut Nachrichtenagentur Belga nahm die Polizei einen Tatverdächtigen fest. Es soll das Gebäude im Stadtbezirk Anderlecht in Brand gesetzt haben. Über die Hintergründe der Tat herrschte zunächst Unklarheit.

Das Feuer breitete sich rasch in dem aus, konnte aber von der Feuerwehr gelöscht werden. Nach Angaben des „SPIEGEL“ sei die Moschee hingegen „komplett oder fast vollständig“ verbrannt worden. Bei dem Anschlag hielten sich laut Belga etwa 10 Menschen in dem Gebäude auf. Der Vorbeter wurde in der ersten Etage gefunden. Die belgische Innenministerin Joelle Milquet verurteilte den Anschlag scharf. Sie sei „sehr schockiert“, berichtete Belga. In Anderlecht unweit des größten Brüsseler Bahnhofs Gare du Midi leben viele Einwanderer. Am Abend versammelten sich laut Rundfunk mehrere hundert Menschen vor der Moschee.

Das Hamburger Nachrichtenmagazin zitierte die Polizeisprecherin Marie Verbeke. Wie der „SPIEGEL“ berichtete, soll es sich bei dem mutmaßlichen Täter um einen 34-jährigen, gebürtigen Muslim handeln. Nach möglichen Mittätern werde nicht gefahndet. Wegen fehlender Papiere sei eine sofortige Identifizierung des Mannes unmöglich gewesen. Die betroffene Moschee befindet sich in einem Viertel mit einem großen muslimischen Bevölkerungsanteil, deren Mehrheit marrokanischer Abstammung ist.

Der Publizist und Blogger Akif Sahin verwies heute Vormittag auf eine Twitter-Meldung der belgischen Parlamentarierin Mahniur Özdemir. Die praktizierende Muslimin vermutete, dass es sich bei dem Anschlag auf die mutmaßlich schiitische Moschee um die Tat eines so genannten „Salafiten“ handeln könnte. Ein Artikel des Berliner „Tagesspiegels“ verstärkt die Vermutung. Demnach habe ein Vertrater der Riad-Moschee ausgesagt, Zeugen seien sich darüber einig gewesen, der mutmaßliche Täter gehöre dieser Glaubensrichtung an. Angeblich habe sich der mutmaßliche Angreifer in Ausrufen auf den Syrien-Konflikt bezogen. Das syrische Regime des Assad-Clans wird in der aktuellen Niederschlagung der Protestbewegung vom schiitischen Iran unterstützt.