Was ist mit Da’wa?

(iz). Zu den Nebenwirkungen der heutigen Entwicklung gehört es, dass lautstarke Randgruppen wesentliche Kernkonzepte des Islam in Misskredit bringen und ihre Benutzung unmöglich machen. Dazu zählten der Miss­brauch des „Khalifats“ durch Politsekten, des Tasawwuf durch Pseudo-Sufis sowie der „Scharia“, wenn gewalttätige Männer ihren Bestrafungswunsch auf Wehrlose – vorzugs­weise Frauen und Mädchen – loslassen.
Andere, die durch eine so genannte „Koranvertei­lung“ auf sich aufmerksam machten, ­berufen sich bereits in ihrem Namen auf die ersten, rechtgeleiteten Generationen, die Salaf. Aber eigentlich kann jeder Muslim für sich die Salaf beanspruchen, nicht nur ein kleine Gruppe vermeintlich „Reiner“.
Neben der – sicherlich unbeabsichtigten – Problematisierung des Qur’ans rückte die Da’wa (Einladung zum Islam) ins ­Blickfeld der Aufmerksamkeit. Gerade weil die Mitte, die Mehrheit der praktizierenden Muslime, bisher kein übermäßiges Interesse an der Einladung anderer zum Islam hatte, ­konnten sich hier Randgruppen profilieren. Was aber ist Da’wa? Manche betonen im inter-religiösen Dialog immer wieder, dass der Islam keine Mission kenne.
Aber er kennt durchaus die Einladung zum Islam. Nach Ansicht vieler ist sie eine indi­vi­duelle Verpflichtung (Fard ‘Ain) – entsprechend der Fähigkeit des Einzelnen. Im Qur’an und in der prophetischen Lebens­wei­se finden sich dafür viele Aussagen und Vorbilder.
Allah sagt im Qur’an: „Sprich: Das ist mein Weg: Ich rufe zu Allah aufgrund eines sichtbaren Hinweises, ich und diejenigen, die mir folgen. Preis sei Allah! Und ich gehöre nicht zu den Götzendienern.“ (Jusuf, 108) und „Rufe zum Weg deines Herrn mit Weisheit und schöner Ermahnung, und streite mit ihnen in bester Weise.“ (An-Nahl, 125) „Weisheit“ in der Da’wa bedeutet, dass man weiß, wer vor einem steht und dasjenige sagt, was der Person und der Situation an­gemessen ist.
Erinnert sei an den Hinweis des Propheten, „die Sprache der Leute zu ­lernen“ und sich „zu kleiden wie sie“. Angemessen gekleidet zu sein bedeutet übrigens nicht zwingend, sich in ausländische Ge­wänder hüllen zu müssen.
Der Gesandte Allahs, möge Allah ihn ­segnen und ihm Frieden geben, entsandte Mu’adh ibn Dschabal mit den folgenden Worten nach Jemen: „Lade die Menschen zur Bezeugung ein, dass niemand das Recht auf Anbetung hat, außer Allah und dass ich Allahs Gesandter bin. Wenn sie dir in dem folgen, lehre sie, dass Allah ihnen fünf Gebete an jedem Tag und in jeder Nacht [das heißt, binnen 24 Stunden] vorgeschrieben hat. Wenn sie dir darin folgen, lehre sie, dass Allah ihnen die Zahlung der Zakat von ihrem Vermögen zur Pflicht gemacht hat. Sie wird von ihren Wohlhabenden genommen und den Armen gegeben.“
Es gibt nichts nützlicheres für eine Person als dies. Durch ihn wird jede seiner Handlungen, die zuvor zurückgewiesen wurde, angenommen. Und vor ihm liegt eine Ewigkeit bei Allah und keine Ewigkeit im Feuer. Unser Din ist ein Geschenk, dass weitergegeben werden muss. Er ist kein ­Privatbesitz und gehört nicht nur Arabern, Pakistanern oder anderen. Allah sandte Seine Propheten mit dem Islam als Barmherzigkeit für alle Welten. Wären die Vorfahren gebürtiger Muslime nicht zum Islam eingeladen worden, dann würden diese heute weder beten, noch fasten.
Es gibt nichts Besseres als diese Beschäftigung. Der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte: „Dass Allah eine Person durch euch zum Islam führt, ist besser als alles, über was die Sonne aufgegan­gen ist.“ Ibn Kathir interpretierte die Bedeutung: „Besser als all dies zu besitzen und es auf dem Wege Allahs auszugeben.“ Denn nichts in dieser Welt kommt dem gleich, was einer Person die Nächste Welt garantiert.
Als ob dies nicht genug wäre, sagte der Gesandte Allahs: „Wer eine Person zur Rechtleitung aufruft, erhält die Belohnung von jedem, der ihr folgt – ohne dass deren Belohnung in irgendeiner Weise weniger würde.“ Jedes Mal, wenn sie beten, fasten, von ihrem Besitz geben und sich an Allah erinnern, erhält man die gleiche Belohnung wie sie. Wir dürfen nicht vergessen, dass unsere Aufgabe nur die Vermittlung ist. Die Rechtleitung liegt in den Händen Allahs. Selbst der Prophet konnte trotz allem seinen Onkel Abu Talib nicht zum Islam führen.
Jeder kann Muslim werden!
Muslime glauben an Allah und an Seine Engel, Seine Bücher, Seine Gesandten, an den Jüngsten Tag, die Vorherbestimmung, sei es im guten oder schlechten, und an die Wiederauferstehung nach dem Tode.
Der Prophet, Friede und Segen Allahs seien mit ihm, sagte: „Sagt mir, wenn einer von euch einen Fluss vor seiner Tür hätte und darin fünf mal jeden Tag badete, würde irgendwelcher Schmutz an ihm bleiben? Ihm wurde geantwortet: ‘Nein, kein Schmutz würde bleiben.’ Er fuhr fort: ‘Genauso ist es mit den fünf Gebeten. Durch sie löscht Allah alle falschen Taten aus.’“
Immer häufiger finden Europäer zum Islam – auch heute. Es ist immer wieder bewegend, anwesend zu sein, wenn ein Mensch den Islam annimmt und die Glaubensbezeugung, die Schahada, ausspricht. Auch wenn man dies schon häufiger erlebt hat, ist es immer wieder ein besonders erhebendes Gefühl.
Manchmal wird die Schahada im kleinen Kreis – vielleicht in der Wohnung be­freundeter Muslime – gesprochen, manchmal in einer Moschee. Als neuer Muslim ist man in einer solchen Situation und angesichts einer Entscheidung von einer solchen Tragweite in der Regel überwältigt. Dies setzt sich dann fort, wenn die anwesenden Muslime der Reihe nach dem neuen Mitglied gratulieren, es umarmen und herzlich willkommen heißen.
Im Grunde nimmt man ja keinen neuen Glauben an, zu dem man „konvertiert“, sondern erkennt lediglich die Wirklichkeit an, die man zuvor bedeckt oder verleugnet hat. Im Qur’an heißt es, dass Allah am Beginn der Schöpfung alle Seelen gefragt hat: „Bin Ich nicht euer Herr?“ Und sie antworteten: „Ja, wir bezeugen es.“ Damit wurde gewissermaßen ein Urvertrag geschlossen, der bis zum Ende der Zeit Bestand hat. Man kehrt also zu seinem Ursprung zurück, zum „Din Al-Fitra“.
Die Bestätigung ist einfach und beinhaltet die Akzeptanz der fünf Säulen des Islam, über die man zuvor aufgeklärt wird:
Schahada, zu bezeugen, dass es keine Gottheit außer Allah gibt und dass Muhammad der Gesandte Allahs ist.
Salat, die fünf verordneten täglichen Gebete im notwendigen Zustand der rituellen Reinheit zu verrichten.
Zakat, jährlich ein Vierzigstel des überschüssigen Reichtums zu bezahlen.
Saum, das Fasten, das heißt, sich während des Ramadans allen Essens, Trinkens und des Geschlechtsverkehrs von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang zu enthalten.
Hadsch, die Pilgerreise nach Mekka. Wenn es einem möglich ist, nach Mekka zum Hause Allahs zu reisen, um die überlieferten Riten der Hadsch auszuführen. (Samira Mair & Eigenquellen)

Europa: Die Menschenrechtsorganisation veröffentlicht Bericht über Diskriminierung von Muslimen. Von Sulaiman Wilms

(iz). Manche Organisationen und Einzelpersonen genießen so einen guten Ruf, dass ihre Wortmeldungen gehört werden. Dazu gehört auch die Menschenrechtsorgani­sation Amnesty International, die sich seit Jahrzehnten um die Rechte diskrimi­nierter Menschen bemüht. Umso genau­er sollten die europäischen ­Rechtsstaaten, die im Vergleich zu anderen eine gute Menschenrechtsbilanz haben, hinhören, wenn eine NGO wie Amnesty auf Diskrimierungen von Muslimen hinweist. Eine gute Nachricht gibt es aber für die deutschen Muslime: Im Vergleich zu anderen, ausgewählten EU-Staaten ­wurden der Bundesrepublik keine gesonderten Kapitel gewidmet.

In ihrem Bericht „Choice and Prejudice (Wahlfreiheit und Vorurteil)“ beklagt Amnesty in einem Ende April vorgestellten Bericht die „Diskriminierung von Muslimen in Europa“ und forderte gleichzeitig von der EU und ihren Mitgliedern einen verstärkten Einsatz dage­gen. „Vor allem am Arbeitsplatz oder in der Schule würden Muslime häufig benachteiligt und am Tragen religiöser Kleidung, wie beispielsweise Kopftüchern gehindert“, hieß es in dem am 24. April in Brüssel veröffentlichten Report der Menschenrechtsorganisation. Ein solches Verbot könne zum Ausschluss von muslimischen Mädchen von der Ausbil­dung führen.

Der Amnesty-Bericht befasst sich mit der Situation in Belgien, Frankreich, den Niederlanden, Spanien und der Schweiz und dokumentiert Beispiele von Diskri­minierung aufgrund von Religion oder Glauben sowie den Einfluss auf das ­Leben von Muslimen. Demnach hätten Belgien, Frankreich und die ­Niederlande die Gesetze gegen Diskriminierung am Arbeitsplatz noch immer nicht vollständig umgesetzt. „Anstatt, dass gegen ­solche Vorurteile gekämpft wird, schwimmen politische Parteien und öffentliche Vertreter zu oft mit dem Strom, um ­diese Stimmungen auf der Suche nach Wähler­stimmen auszunutzen“, sagte Marco Perolini, der bei Amnesty für Diskriminie­rung zuständig ist.

Namentlich das Tragen von religiösen und kulturellen Symbolen beziehungsweise Bekleidungen sei Teil der Meinungs- und Glaubensfreiheiten. „Und die Rechte stehen allen Glaubensüberzeugungen gleichermaßen zu“, so Perolini.

Neben der Diskriminierung von Indi­viduen beziehungsweise Gruppen steht der Bau von Orten der Anbetung im Blickpunkt des Amnesty-Berichts. „Das Recht zum Bau von Gebetsstätten ist ein Kernelement der Religions- und Glaubensfreiheit, die in einigen europäischen Staaten eingeschränkt wird – trotz der staatlichen Verpflichtung, sie zu schützen, zu respektieren und ihre Erfüllung zu ermöglichen.“

Lebensmittelspekulation ist ein Unding, und muss beendet werden. Kommentar von Khalil Breuern

(iz). In Deutschland gibt es viele Schreibtischhelden, die ganz gerne aus heutiger Sicht das Verhalten anderer unter den Verhältnissen der Diktatur moralisch ­beurteilen. Im Westen gilt derzeit gerne der bequeme Grundsatz, dass wir nur für ­unser politisches, aber nicht für unser ­ökonomisches Handeln Verantwortung übernehmen wollen. Heute, im Hier und Jetzt also, gibt es realen Grund zur Em­pörung. Die verbreitete Nahrungsspekulation kostet unter unseren Augen jeden Tag neue Opfer.

Man muss nicht gleich wie der Schweizer Autor Jean Ziegler von „organisiertem Mord“ sprechen, aber ein Skandal ist es doch. Nicht alle nehmen das schweigend hin. Mit einer Aktion vor dem Bundeskanzleramt unter dem Motto „Spekulation macht unbezahlbar – Mit Essen zockt man nicht!“ haben neulich einige Aktivistinnen und Aktivisten dagegen protestiert, wie Finanzinvestoren die Preise von Nahrungsmitteln beeinflussen. Leider waren keine muslimische Organisationen ­beteiligt, die Aktion fand „ohne uns“ statt, obwohl das islamische Wirtschaftsrecht Spekulationen mit Nahrungsmittel klar verbietet. Schade eigentlich, denn es wäre damit ein sinnvolles Thema gefunden, den Schulterschluss und die ­Gemeinsamkeiten mit anderen gesellschaftlichen Gruppen zu suchen.

Getragen wurde die ehrbare Aktion von Attac, Weed, Oxfam, dem Südwind-Ins­titut, Medico international und der Welthungerhilfe. Die Argumente der Organi­sationen sind erschlagend. „Terminmärkte für Nahrungsmittel haben sich in den ­letzten Jahren zunehmend zum Spielfeld für Finanzinvestoren entwickelt“, beklagte beispielsweise Jutta Sundermann von Attac. „Die Folgen der Spekulation ­treffen vor allem die Ärmsten: Während der spekulativen Hochphasen wird Nahrung für Millionen Menschen unbezahlbar.“

Auf einer Leinwand zeigten die Aktivis­ten die Lebensmittel-Preiskurve der ­letzten Jahre. Im letzten Teil war diese Kurve jedoch beweglich montiert und wurde von einem „Banker“ immer wieder nach oben gezogen. Das Bündnis forderte die ­Politik auf, preistreibende Spekulation mit Nahrungsmitteln zu stoppen. Gelegenheit dazu bietet die laufende Reform der europä­ischen Richtlinie über Märkte für Finanz­instrumente (MiFID). Im Finanzausschuss des Europäischen Parlaments kämpft der Abgeordnete Markus Ferber (CSU) für Veränderung und tritt unter anderem für Handelsgrenzen („Positionslimits“) für Spekulanten ein. „Das ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Ferber muss sich auch in den weiteren Verhandlungen für diese Verschärfung des Gesetzes einsetzen“, forderte Markus Henn von Weed.

"IZ-Begegnung" mit dem Schriftsteller Feridun Zaimoglu

(iz). Dem Dichter – wie dem gesamten Berufszweig der „Intellektuellen“, wird im Feuilleton und auf Festveranstaltungen gerne ein gewisser Respekt erwiesen. Oft genug verharren viele, nicht alle, in diesem Bannkreis, oder nehmen als sprachliche Kunsthandwerker am allgemeinen Spektakel teil. Wollen sie mit relevanten Beiträgen an Debatten teilnehmen, bleiben sie – jenseits des Feuilletons – zu oft unge­hört oder, wie der Fall Grass belegt, werden von der Herde niedergebrüllt und schnell in ihre Reihen zurückgedrängt.

Zu den, existierenden, Ausnahmen gehört der deutsche Schriftsteller, Publizist und Drehbuch­autor Feridun Zaimoglu, der sich neben seiner künstlerischen Tätigkeit auch an verschiedenen Debatten zu den Themen Islam und Integration beteiligt. Der Kieler (geb. 1964) war auch anfänglich Teilnehmer der Deutschen Islamkonferenz, die er aber 2007 wieder verließ. Aus Protest, dass keine selbstbewussten Muslimas mit Kopftuch eingeladen wurden.

Feridun Zaimoglu, der auch unter jungen Muslimen seine Leser findet, lässt sich nicht auf ein Genre oder auf ein bestimmtes Image festlegen. Schon gar nicht auf das Ökotop einer wie auch immer gearteten „Migrantenliteratur“. Mit dem aktuellen Titel „Ruß“ hat er einen „Heimatroman“ geliefert, der in der – eigentlich untergegangene – Welt des Ruhrgebiets spielt. Mit ihm sprachen wir unter anderem über den Fall Grass, die Möglichkeiten des Dichters und den Islam in Deutschland.

Islamische Zeitung: Lieber Feridun Zaimoglu, man hat den Eindruck, dass in den letzten Jahren das Wirken der Dichter ins folgenlose Feuilleton oder in die kunsthandwerkliche Behübschung herrschender Verhältnisse abgeschoben wurde. Scheinbar plötzlich debattierte Deutschland tagelang über ein Gedicht – lassen wir dessen sprachlichen Gehalt einmal beiseite – von Günter Grass zur Kriegsgefahr im Nahen Osten. Hat sie das überrascht?

Feridun Zaimoglu: Mit Grass verfährt man, als hätte er sich des heimlichen ­Kackens im Weingarten des Herrn schuldig gemacht. Die Freaks der Aufklärung sahen in Sarazin einen ehrenwerten Mann mit kleinen Macken. Die selben Leuten hacken heute auf Günter Grass ein. Er hat die Konservativen geärgert, das verzeihen sie ihm nicht. Einige gute Leute aus dem Kulturjournal machen mit – weshalb? Grass’ Text ist eine einwandfreie politische Analyse. Die blinden Parteigänger mögen noch so laut jodeln: Günter Grass tat Wahrheit kund.

Islamische Zeitung: Früher waren Dichter Künder des Überzeitlichen und sollten Wahrheit sprechen? Lässt sich heute – nach Jahrzehnten Postmoderne, Dekonstruktivismus und Popkultur – damit überhaupt noch etwas anfangen?

Feridun Zaimoglu: Die Party ist vorbei, die Kasper sammeln die letzten Pappbecher ein. Es hieß: Lasst uns so schön ausgebeutet Lieder singen. Es hieß: Der Bekenner ist nur ein schlechter Tänzer. Es hieß: Däumchendrehen und Faseln macht uns munter. Es hieß: Gut und Böse – was schert uns das? Und heute? Geschwätz, Geflüster und Gerüchte. Aber auch: Zerpflückt die Armen. Kapitalverkehr von unten nach oben. Die Rechten schwätzen von Denkverboten, immer dann, wenn sie den Menschen das Denken verbieten wollen. Alles Lügen hilft nichts – der Kapitalismus frisst alle Kinder.

Islamische Zeitung: Ihr Buch „Ruß“ hat einer unserer Autoren im letzten Juli als „einen deutschen Roman“ ­bezeichnet. Ist es für Schriftsteller schwierig geworden, sich unverstellt und verständlich mit ihren Umfeld auseinanderzusetzen?

Feridun Zaimoglu: Hierzulande galt es als schick, Schischi-Schreiber aus Amerika oder Frankreich voll toll zu finden. Es wurden aber auch Pflänzchen aus den Literaturinstituten gelobt. Deutsch war unfein und deutsche Welt ­unwelthaltig. Das hat sich, nur ein bisschen, geändert. Nun will man, nun wollen die Experten, besser hinsehen.

Man man sich ja über mich lustig: Der Mameluck macht auf überdeutsch. Ist mir egal. Ich sehe, dass es vor meiner Haustür keimt und gärt. Blöde wär’s, nicht darüber zu schreiben. Gott sei Dank, die öden Büchlein von Frolleins und Knäbchen sind aus der Mode gekommen. Es sind nicht wenige Kollegin­nen und Kollegen bereit, deutsche Geschichten zu schreiben. Man achte auf die Dichtkunst aus dem Osten. Gute Dichter rücken an, und man wird sie nicht mit den üblichen ­Schaufenster-Ossis verwechseln können.

Islamische Zeitung: Neben – oder begleitend? – zu ihrer schriftstellerischen Arbeit haben sie sich seit Jahren in verschiedene „Integrations-“ und „Islamdebatten“ eingeschaltet. Gelegentlich drängt sich der Eindruck auf, dass mit den meisten Beiträgen nicht die Klarheit, sondern nur die Unüber­sichtlichkeit zunimmt. Haben sie die Hoffnung, hier einen Unterschied zu machen?

Feridun Zaimoglu: Man ruft mich an und bittet mich um meine Meinung. Man sitzt bei mir auf dem Sofa und drückt auf die Aufnahmetaste des Dikta­fons. Und manchmal melde ich mich als Salonfrontsau zu Wort. Ich bin ehrlich: Ich glaube nicht, dass ich mit wirklich klaren Beiträgen zum Thema glänze. Ich gelobe Besserung.

Islamische Zeitung: Ein deutscher Philosoph hat gesagt: „Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämt­heit, wenn sie ‘ich’ sagen.“ Gehen ihnen die vielen Identitätsdebatten nicht auf die Nerven?

Feridun Zaimoglu: Sie sagen es. Ich hör’ schon nicht mehr hin. Vor anderthalb Jahren habe ich aufgehört, Zeitungen zu kaufen. Der mündige und interes­sierte Bürger – was ein Schwindel. Frühstückszeitungen im Hotel lese ich dann doch. Um festzustellen, dass sich nichts geändert hat. Zur Ichverortung neigen vornehmlich Menschen, die im Leben sonst nichts vorhaben. Identität? Albern.

Islamische Zeitung: Lieber Feridun Zaimoglu, sie haben sich, beispielsweise in einem Beitrag für die „Zeit“ und in einer Interviewreihe mit den „Deutsch-Türkischen Nachrichten“, zu Wort gemeldet. Und zwar mit ­einer gehörigen Portion Wut. Braucht es diese Wut, um sich einen Weg zu den Herzen und zum Verstand der Menschen durchzuhämmern?

Feridun Zaimoglu: Was war noch einmal das Modewort der letzten Saison? Wutbürger. Was hat’s gebracht. Was bin ich? Schreibender Wutbürger. Schön ist es, sich nicht zu verheben. Ich rumpele in der Kiste, ein paar Freunde rufen an, und sagen: Guter Rappel, toll. Eigentlich liebe ich Zimmerlautstärke – ausgerechnet ich, den man auch gerne mal als altdeutschen Krakeeler bezeichnet. Ja, ich tobe. Ja, ich lange zu. Aber wenn ich schreibe, tauche ich ab und halte den Mund. Dann fühle ich mich am wohlsten. Das Reden über Missstände zermürbt. Trotzdem: Man sollte schon dann und wann die Lügner anbrüllen.

Islamische Zeitung: Sie nahmen an den ersten Runden der Deutschen Islamkonferenz teil. Können sie heute, nach mehreren Jahren und Mutationen dieser Gesprächseinrichtung, noch etwas damit anfangen? Wenn nein, sehen sie Alternativen?

Feridun Zaimoglu: Am Anfang stand die gute Idee: Die Moslems gehören zu Deutschland. Ich gehörte zu einem bunt zusammen gewürfelten Haufen aus Hauptberuflichen und Privatinteressierten. Es wurden viele Gruppenfotos geschossen. Das Ding implodierte. Der Stifter der Konferenz wanderte in ein ande­res Ressort, die folgenden Minister sprachen weise Worte oder blödes Zeug. Heute schart man sich um eine Leiche, ringt die Hände. Die Leiche stinkt, man sollte sie begraben. Alternativen? Neue Moslem-Welle? Bund der aus der Konferenz Vertriebenen? Liberale für mehr Beinfreiheit? Nein. Junger Deutscher Islam. Ja.

Islamische Zeitung: Ein nicht unerheblicher Anteil der muslimischen Jugend hat höchstwahrscheinlich nur einen sehr begrenzten Zugang zur Sprachwelt und zur Literatur Deutschlands, aber auch der Kultur ihrer Eltern. Haben sie die Hoffnung – wenn sie das denn wollen – diese neuen Generationen zu erreichen?

Feridun Zaimoglu: Die meisten Deutschstämmigen haben keinen Bezug zu Literatur. Ich mache ja nur ein Angebot. Es fällt aber auch, dass zu meinen Lesungen immer mehr Muslime kommen. Sie erleben einen Berserker auf der Bühne. Manchen gefällt’s, andere rümpfen ob meiner Stubenbarbarei die Nase. In der Arbeiterklasse hält man halt die Kultur für recht verzichtbar. Auf die Techniken der Verfeinerung pfeift man. Sehr schade.

Islamische Zeitung: Was ist ihr Verhältnis zu den – vermeintlichen – sozialen Netzwerken und deren Folgen für unsere Kommunikation? Haben sie eine Bedeutung für ihren Alltag?

Feridun Zaimoglu: Verstehe die Frage nicht wirklich. Halt, doch mir dämmert’s. Bin Einzelgänger und ­Einzeltäter. Bin gern unter Menschen, setze mich aber auch gerne ab. Die meiste Zeit des ­Tages sitze ich alleine zu Haue, oder im Zug, oder im Hotelzimmer. Und brüte: über eine Geschichte, über den nächsten Roman, über das nächste Projekt. Und danke am Ende des Tages dem ­Allmächtigen, dass er mich geschützt hat.

Islamische Zeitung: Lieber Feridun Zaimoglu, wie sehen sie den Zustand der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland und was sollte ­geschehen, um ihn zu transformieren?

Feridun Zaimoglu: Alles ist in Auflö­sung. Schön. Alles ist im Entstehen. Noch besser. Das Ziel: Weg von der Tradition, vom Altvaterglauben. Hin zur Menschenliebe. Wer andere Menschen demütigt, ist ein Schwein. Ein Schwein muss man befehden. Das Heilige ist uns überliefert – daran festhalten. Und in den Gärten der reichen Säcke heimlich kacken – darauf nicht verzichten.

Islamische Zeitung: Lieber Feridun Zaimoglu, wir danken Ihnen für das Gespräch.

NRW-Wahlen: Kann es ein konstruktives Verhältnis von Piraten zu potenziellen, muslimischen Wählern geben?

(iz). Irgendwie sind die Piraten ja knuffig. Manche finden das scheinbar unorganisierte, kreative Chaos der neuen, rapide anwachsenden Partei faszinierend, wenn nicht gar süß. Der Wille zur Macht ist offenkundig. ­Immerhin ist ihre Motto ja auch „Klar machen zum Entern!“. Die Piraten wollten sich, so der mittlerweile über einen NSDAP-Vergleich gestrauchelte Pirat Delius, in Richtung Regierung bewegen.

Treffen die Neopolitiker auf Realpolitik, wird sich erweisen, ob sie alles neu machen, oder ob sie Fakten zur Übernahme von Kompromissen zwingt. Der erste Test sind die für den Mai angesetzten Neuwahlen im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen. Insbesondere hier gibt es aktuelle Entscheidungen in Sachen Integration und Islam – wie den Islamischen Religionsunterricht. Sollten die Piraten hier auf eine Entscheidungsfindung durch das ungeordnete, wabernde Inter­net setzen, stellen sich sicherlich viele Muslime die Frage, was ihre Positionen sein werden.

Politikinteressierte Muslime, die in der Vergangenheit mehrheitlich Rot-Grün die Treue hielten, werden sich die rapide wachsende Partei genau anschauen. Noch ist unklar, wie sich diese Partei in dem Politikfeld „Islam“ positionieren will. Dies macht eine Wahlentscheidung von Seiten muslimischer Wähler in NRW auch nicht nicht leichter für Muslime. Bei Grünen, der SPD und der CDU sind die grundsätzliche Punkte bekannt. So unterstützten alle drei den wegweisenden Beschluss zur Einführung des IRU. Hier werden auch die Piraten Stellung beziehen müssen, wollen sie die Wahlberechtigten unter den rund 1,3 Millionen NRW-Muslimen ansprechen.

Ein Interview der Katholischen Nachrichtenagentur vom 25. April mit den NRW-Spitzenkandidaten der Pira­ten in dem Bundesland, Joachim Paul, muss auf jeden Fall skeptisch stimmen, ob diese Partei die richtige für Muslime sein wird. Dank der medialen Debatte um „anti-semitische, anti-muslimische oder NS-relativierende Äußerungen an der Piraten-Basis“ (wie die „Zeit“ berichtete) besteht hier Klärungsbedarf. Dieser lässt sich auch nicht damit entkräftigen, dass ­Parteiaktivisten noch „unerfahren“ oder gar „überfordert“ seien.

Joachim Paul sieht im Gesellschaftsbild seiner Partei „schon eine ­kulturelle Barriere auch zum nichtextremistischen traditionellen Islam“. Dass der Spitzen-Pirat in NRW die „Kultur“ bemühen muss, zeigt, dass die ansonsten hippen Piraten noch nicht auf der Höhe der Debatte angekommensind. Was übrigens ein „nichtextremistischer traditio­neller Islam“ sein soll, hat Paul nicht gesagt. „Viele in der Partei sind bereit, gegenüber einem rückwärtsgewandten Islam ganz klare Kante zu zeigen“, meint der NRW-Oberpirat. (M. Khan)

Aktueler Lesetipp (Link zu einem ZEIT-Artikel vom 26.4.2012:
Ein WLAN-Anschluss macht noch keinen Demokraten

Zu den Hintergründen einer Kampagne: Geteilte Meinungen über neue Behauptungen. Von Khalil Breuer

(iz). Eigentlich ging die „Bombe“ schon am 14. April hoch: Die „Stuttgarter Nachrichten“ berichteten, dass der Initiator der so genannten „Lies-Aktion“, Ibrahim Abou-Nagie, Hartz-IV-Empfänger sei. Diese Informationen hatte die Stuttgarter Journalisten damals – nach ihren eigenen Aussagen – aus vorliegenden Unterlagen des NRW-Verfassungschutz. Außerdem, so wird behauptet, habe Abou-Nagie, zur Verwunderung der Ermittler – und ohne weitere Konsequenzen – hohe Telefonrechnungen produziert und fahre zudem ein drittfinanziertes, teures Auto. Ob dies alles so stimmt, wurde bisher nicht von der Behörde bestätigt.

Heute legt die „BILD“ nach und berichtet mit großen Buchstaben über die Hinweise der „Stuttgarter Zeitung“. Das Boulevardblatt wirft dem „Prediger” auf Seite 1 – neben seinem bekanntem Gerede – vor, auch den deutschen Staat auszubeuten.

Der Bericht gibt damit eine weitere Vorlage für ein nachhaltiges Ressentiment gegen Muslime. Nicht nur in unserer Facebook-Community wird das merkwürdige Zusammenspiel zwischen Massenmedien und Kleingruppen – zu Lasten einiger Millionen Muslime im Lande – mit einigem Argwohn verfolgt.

In der muslimischen Community hat im Internet eine breite Debatte über den Fall begonnen. Grundsätzlich wird dabei immer wieder zu Recht erinnert, dass die kleine Gruppierung der „Salafiten“ nicht nur facettenreich, sondern auch in sich selbst zerstritten ist.

Die Meinungen im konkreten Fall sind gespalten. Zwar wird gewarnt, andere Muslime mit noch unbewiesenen Behauptungen zu schaden. Üble Nachrede ist immerhin ein schweres Delikt im Islam. Andererseits, so die zweite Meinung, ist aber das auf Öffentlichkeit ausgerichtete Politikum „Salafismus“ so schädlich für die Muslime, dass auch eine kritische, innerislamische Debatte über alle Fakten erlaubt sein muss. „Sozialhilfe kassieren und den Staat attackieren“, empfindet eine große Mehrheit natürlich als inakzeptabel. Gerade auch, weil die genannte Gruppe sehr schnell anderen Muslimen „Heuchelei“ vorwirft. Sollten die Vorwürfe gegen Abou-Nagie nicht stimmen, wäre natürlich eine Gegendarstellung des in die Schlagzeiten geratenen Muslim fällig.

Nicht nur das: Es gibt auch Misstrauen. So hat Abou-Nagie in einem YouTube-Video aus dem Jahr 2010 selbst eingeräumt, dass er vom Verfassungsschutz – angeblich wegen seiner Wortwahl – angesprochen und sogar „eingeladen“ worden sei. Was aus diesen Kontakten genau wurde, ist bisher von beiden Seiten nicht bekannt und wird zum Gegenstand kritischer Nachfragen.

„Wir brauchen Alternativen!“ Ein Kommentar von Khalil Breuer

(iz). Der Umgang des Bundesinnenministers mit dem Islam wirkt zunehmend wie eine Inszenierung. Vor den wichtigen Wahlen in Nordrhein-Westfalen herrscht bei Konservativen im Lande eine durchschaubare Arbeitsteilung. Die Wortmeldungen bewegen sich zwischen den Forderungen nach einer besonnenen Innenpolitik und der Bedienung der Stammwähler – besonders derjenigen mit leichter Identitätskrise. Der Vorsitzende der CDU-Bundestagsfraktion Kauder bezweifelt in dieser Logik, ob der „Islam zu Deutschland gehört“. Innenminister Friedrich gibt parallel auf der Islamkonferenz – deren Ablauf, Themen und Teilnehmer er ganz demokratisch alleine bestimmt – für ein paar Stunden den besonnen Innenpolitiker.

Nicht lange vor dem Treffen war der „andere“ Friedrich mit seiner merkwürdigen Interpretation einer Jugendstudie – und mit Hilfe seines „Medienpartner” BILD – an die Öffentlichkeit gegangen. Das Ziel war klar: Die Existenz von über vier Millionen Muslimen in Deutschland unter die Logik der „Extremismusabwehr“ zu stellen. Das heißt für Muslime: Immer defensiv, immer entschuldigend, immer anbiedernd um Anerkennung bittend. Die bequeme Nebenwirkung dieser Strategie ist, dass die Muslime in Deutschland bis heute verfassungsrechtlich eindeutig benachteiligt werden.

Ganz zufällig wirkt auch das Spektakel um den Salafismus nicht. Vorsicht bitte: Ja, es gibt kaum einen Terroristen, der nicht von dieser Schule infiltriert wurde. Aber es hätte auch ohne einen V-Mann des baden-württembergischen Verfassungsschutzes die Ulmer Muttergemeinschaft des extremen Salafismus so nicht gegeben. Der Mann lebt übrigens bis heute vollkommen unbehelligt in Saudi-Arabien. Das scheint keinen unserer scharfen Innenpolitiker bis heute weiter zu stören.

Der medienwirksame Aufschwung der kleinen Gruppe der Extremisten schafft die Voraussetzungen für die uns alle überragende Dialektik. Auf der einen Seite die vielbesungenen „Salafiten“; auf der anderen Seite ein staatstragender „liberaler Islam“, der trotz seiner Bedeutungslosigkeit zum entscheidenden Vertragspartner mutiert. Das Ergebnis dieses planvollen Gegeneinanders ist die absehbare Verstaatlichung des offiziellen Islam. Es ist unter diesen Umständen verständlich, dass immer mehr Muslime mit dem Spektakel Islamkonferenz nichts mehr anfangen können.

Konkrete Inhalte der Debatte sind Muslimen beinahe in Gänze unbekannt. Die Islamkonferenz – eine an sich gute Idee des ehemaligen Innenminister Schäuble – dreht sich inzwischen offensichtlich im Kreis. Offiziell und immer wieder die Verneinung von „Zwangsheirat“ und „Gewalt“ zelebrieren zu müssen, empfinden viele Muslime zu Recht als Beleidigung. Wo endet das? Werden wir Muslime auch bald klarstellen müssen, dass es keinen „islamischen Bankraub“ gibt?

Bleibt die Frage nach der Mitte. Hier müsste beispielsweise der KRM – der sich ja als Interessenvertretung aller Muslime versteht – agieren. Leider kommt da außer vielen langweiligen Presseerklärungen relativ wenig. Noch immer können sich die Verbände nur schwer aus ihren alten ethnischen Beziehungen befreien. Es fehlt ihnen an einer glaubwürdigen Vision, was positiv gedacht das Angebot des Islam in Deutschland sein soll. Keine Präsenz in Berlin und kein wahrnehmbares Programm, so wird die Mitte weiter geschwächt. Es wird Zeit für eine alternative Islamkonferenz, deren primäres Ziel die Stärkung der Mitte und die Zurückdrängung der Extreme sein sollte.

Nur die halbe Wahrheit. Und was folgt daraus? Kommentar von Morad Bouras

(iz). Volker Kauder betont seine Ansichten und tritt in die Fußstapfen des CSU-Manns Friedrich. Jener Innenminister, der wie Kristina Köhler so einige Parolen geschwungen hat und Studien instrumentalisierte, zeigte mit seiner ersten Amtshandlung seine Position und revidierte Wulffs Aussage der Islam gehöre zu Deutschland. Was bedeutet diese Aussage eigentlich und welche Konsequenzen ziehen Schröder, Friedrich und Co. daraus?

Über 4.000.000 Muslime sind in Deutschland zugegen. Davon ist ein großer Teil vor mehreren Generationen zugewandert. Von diesen vier Millionen Muslimen sind etliche in Deutschland geboren und besitzen die deutsche Staatsbürgerschaft. Mittlerweile zählen auch zahlreiche Deutsche dazu, die ihren alten Glauben ablegten, und den Islam für sich persönlich aussuchten, um so ihr Heil zu finden. Verwerflich?

Kaut Kauder auf einer längst ad acta gelegten Debatte herum, oder versucht er bereits jetzt, Wahlkampf zu machen? In konservativen Kreisen findet diese Parole oft Anklang. Es scheint, als gäbe es nichts Wichtigeres, als eine Meinung zu betonen, die zu begründen auf Wege führt, die allenfalls ins Verderben münden. Wie argumentiert eine Person diese Position? Mit äußeren Merkmalen der Muslime? Mit ihrem Verhalten? Ihrer Bildung? Ihren sprachlichen Fähigkeiten? Ihrer Gewalt, sei sie wenig oder etwas stärker ausgeprägt? Und wenn nun diese Position vertreten wird, welche Schlussfolgerung zieht sie nach sich?

Die Anwesenheit der Muslime in Deutschland begann weit vor 100 Jahren. In Europa seit über 1.000 Jahren. Das sind Fakten, keine Hirngespinste. Im Zuge der Gastarbeiterrekrutierung, in Zeiten in denen man vom Wirtschaftswunder sprach, wurden gezielt ungebildete, aber kräftige Männer aus der Türkei, Griechenland und anderen Ländern angeworben. Natürlich sorgte man sich um sie und bot ihnen eine nette Rückkehrprämie an und fügte Anfang der 1980er hinzu, dass mit der Annahme der Prämie alle Rentenansprüche aufgehoben werden würden. Dass die meisten aus der Türkei stammten und Muslime waren, ist dem Kapitalismus egal. Er funktioniert einfach.

…und was folgt daraus?
Keine Gotteshäuser für Muslime? Keine freie Schul- und Berufswahl? Extra Steuern? Keinen Islamunterricht an Schulen? Wie soll es denn mittel- und langfristig aussehen? Sollen die Parolen, die Instrumentalisierungen der Studien, die Uminterpretation der islamologischen Erkenntnisse so lange vollzogen werden, bis die Muslime selbst verwirrt sind und ihres Selbstbewusstseins beraubt werden? Ist mit Integration tatsächlich Assimilation gemeint? Was will man von den Muslimen und dem Islam? Wieso wird andauernd um den heißen Brei geredet?

Das Herumreiten von Kauder auf dieser Frage kommt zur richtige Zeit. Die Koranverteilung einiger Muslime, denen das Staatsfeindtrikot übergezogen wurde, erregt die Gemüter dieses Landes. Das der „Wachturm“ der Zeugen Jehovas an jeder Straßenecke zu finden ist und einem in die Hand gedrückt wird, wird dabei außer Acht gelassen und gar nicht thematisiert. Traut man den bundesdeutschen Bürgern so wenig zu, als das sie sich selbstbewusst und vernünftig mit einer Weltreligion auseinandersetzen?

Ist Deutschland nicht das Land der Dichter und Denker, das Land der Ingenieurskunst und nicht zuletzt eine Kulturnation? Es scheint als sei das Selbstvertrauen in die geistigen Fähigkeiten der Deutschen verloren gegangen. Die Aussage, „Der Islam gehört zu Deutschland“, ist richtig. Die Aussage, dass die Muslime zu Deutschland gehören ist auch richtig. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Muslime aus Deutschland auswandern, ist gering. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie sanktioniert werden für das was sie sind, scheint zu steigen. Zu Recht?

Ein Kommentar zu den aktuellen „Verteilaktionen“ in deutschen Fußgängerzonen. Von Cemil Sahinöz

(iz). Zunächst sei einmal gesagt, dass niemand bei gesundem Verstand gegen das Verteilen von Übertragungen der Bedeutungen des Qur'ans ist [nach islamischer Sicht lässt sich der Qur’an so nicht „übersetzen“; Anm. d. Red.]. Kaum einer wird dies negativ einstufen oder als sinnlos sehen. Auch wir Muslime bekommen ständig Bibeln in die Hand gedrückt. Das ist völlig legitim – und vor allem legal.

Warum aber Muslime selbst gerade diese Verteilung anzweifeln, hat einen anderen Hintergrund. Es liegt nicht am Qur’an oder an seiner Verteilung. Die Salafiten können nicht mit dem Argument kommen, Muslime wären gegen die Verteilung von Allahs Offenbarung. Dies ist schlicht und einfach falsch. Schon jetzt werden Muslime, die sich dagegen aussprechen, in salafistischen Kreisen als Feinde oder sogar als „so genannte Muslime“ apostrophiert.

Muslime – allen voran die Dachverbände – sind aus anderen Gründen gegen diese Verteilung. Schauen wir uns dazu einfach mal den Effekt dieser Verteilungen an: Die Verteilenden behaupten, dass sich dadurch die Meinung zum Islam verbessern würde. Demnach würden die Menschen den Qur'an lesen und so ein anderes Bild vom Islam bekommen.

Mal Hand auf Herz, liebe „Salafiten“? Ist das wirklich so? Ist nicht durch diese Aktion genau das Gegenteil bewirkt worden? Hat man so die Herzen der Menschen gewonnen?

Der Prophet Muhammed hat immer kontext-gebunden gehandelt. Er hat die Psychologie der Menschen gut verstanden und dementsprechend Liebe in den Herzen der Menschen erzeugt? Leider ist durch diese Aktion genau das Gegenteil entstanden. Nur noch mehr Hass, noch mehr Provokation und noch mehr undifferenzierte Polemiken.

Das Ganze hat einen psychologischen Effekt, der bisher ganz außer Acht gelassen wurde: Im unseren Unterbewusstsein werden nun die Begriffe „Salafismus“ und „Koranverteilung“ miteinander verknüpft. Jedes Mal, wenn nun ein Qur’an verschenkt wird, wird man an Salafiten denken. Das ist sehr schädlich. Das Thema des Schenkens von Qur’anübertragungen wird damit sicherlich für viele Moscheevereine nicht mehr in Frage kommen. Und das ist der eigentliche Knackpunkt dieses Theaters. Der Weg für die Verteilung von Qur’anübertragungen wird hier ganz verschlossen.

Dass, was die Betreiber der Aktion also erreichen wollen, erreichen sie aber nicht. Sie bewirken genau das Gegenteil. Warum tun sie es aber trotzdem?

Der Salafist hinter dem Stand wird sich dafür nicht wirklich interessieren. Dieser würde sagen, er mache es „für Allah“ – was immer er auch damit meint. Schauen wir daher nicht auf die Theaterbühne und auf die Inszenierung, sondern dahinter. Fragen wir uns einfach einmal, wem das Ganze nützt?

Nichtmuslimen? Wohl kaum. Wie bereits oben beschrieben, hat es hier genau den Gegeneffekt erzeugt.

Muslimen? Sicherlich nicht. Da der Islam und die Muslime allgemein wieder im Visier stehen, muss sich jeder Muslim rechtfertigen. Es folgen wieder viele undifferenzierte Meinungen und Berichterstattungen zum Islam.

Den Salafiten? Richtig. Die Salafiten sind die einzigen, die davon profitieren. Maximal 5.000 gibt es in Deutschland. Im Gegenzug gibt es ca. 4,5 Millionen Muslime. Dass heißt, 0,11 Prozent der deutschen Muslime haben einen Nutzen davon. Die restlichen 99,89 Prozent müssen es ausbaden.

Es scheint also alles eine PR-Strategie zu sein. So, wie wir es schon in der Vergangenheit von diesen Gruppierungen kennen. Das Schlimme dieses Mal ist jedoch, dass dafür der Qur’an missbraucht wird. Ob sich dessen wirklich alle Salafiten bewusst sind?

Der Hype um die „Salafiten"

(iz). Wir Muslime lieben nicht nur unseren Propheten, sondern auch die ersten Generationen der Muslime und ihre Gemeinschaft in Medina. Ohne genaue Kenntnisse des Ursprungs des Islam wüssten wir weder, was „der ‘Amal von Medina“ ist, noch könnten wir den geraden Weg bestimmen, der sich auch aus der Abneigung des Islam gegenüber den Extremen ergibt.
Ohne die Liebe zum Ursprung wüssten wir nicht, das der Prophet Moschee und Markt etablierte und damit die geistigen und materiellen Bezüge vereinte. Ganz zu schweigen hätten wir keine Kenntnis von der entscheidenden Rolle der Frauen, die den Propheten mit zu dem gemacht hat, was er war: ein Vorbild.
Die aktuelle Hype um die Salafiten hat eine andere Bedeutung. Es geht dabei nicht wirklich darum, auf die Ursprünge des Islam hinzuweisen und ihre wirkliche Bedeutung im hier und jetzt zu bestimmen. In diesem Fall müssten wir ja in erster Linie die ökonomische Regeln des Islam debattieren, die Mu‘amalat studieren und die Beachtung der Regeln der Zakat anmahnen. Dies wäre eine konstruktive und interessante Debatte für Jedermann. Aber wie gesagt, darum geht es nicht.
Hier geht es vielmehr um eine destruktive Dialektik zwischen den Extremen, die einige Handvoll Außenseiter zwischen den Randbereichen des Puritanismus und der Esoterik gestalten. Der Islam wird dabei entweder als kulturell fremdartig und orthodox präsentiert, oder aber als individualistisch und beliebig. Diese Debatte geht zu Lasten der großen Mehrheit der Muslime, die sich in den Rechtsschulen gut aufgehoben sehen und aus dieser Verortung heraus den ‘Amal der ersten Generationen studieren. Diese Mehrheit präsentiert den Islam, so wie er ist: offen, positiv und attraktiv.
Nicht unschuldig an der Lage sind auch Medien, die eine besonnene Auseinandersetzung mit dem Islam durch die Beförderung der Extreme besorgen. Wer den Islam wirklich kennenlernen will, sollte sich inmitten etablierter Gemeinschaften bewegen. Er sollte eine Dschama’at suchen, die nicht kulturelle Abgrenzung betreibt, sondern die Maximen des Islam vorlebt. Die Stärkung der Extreme ist auch der Diffamierung vieler muslimischer Gemeinden geschuldet. Sie sind die eigentliche Mitte des Islam, die dann verloren geht, wenn das islamische Recht nicht mehr gelehrt wird.