Chinas Uiguren haben keine starken Freunde

(IPS//IZ/GfbV). Seit Jahren ist die Autonome Uigurische Provinz Xinkiang in Chinas trockenem Nordwesten die Arena für Zusammenstöße mit der Zentralregierung sowie zwischen Gewalt von Han-Chinesen gegen die muslimischen Uiguren. Kritiker […]

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Kommentar: Auch in der Türkei geht es in erster Linie um das Verhältnis von Politik und Ökonomie

„Die diesbezüglichen Inhalte des Islam, zum Beispiel seine anti-monopolistische Ordnungsvorstellungen, sind in der modernen Wirtschaftspolitik Ankaras sowieso längst vergessen.“

(iz). Der SPIEGEL bringt die einigermaßen schlichte Logik auf den Punkt: In der Türkei herrscht jetzt angeblich der „der Sultan von Ankara“. Wohl deswegen ist – nicht nur aus aus Sicht des militanten Säkularismus vor Ort – die Geschichte noch nicht an ihr Ende gekommen und Widerstand berechtigt. Will heißen, es gibt böse und gute Randale – natürlich abhängig vom Ort. Am Bosporus sind – wie die Schadenfreude zeigt – die Frühlingsgefühle besonders willkommen.

Vergessen sind in einigen wichtigen Leitmedien die trostlosen Jahrzehnte der antidemokratischen Verhältnisse in der Türkei, ironischerweise unter der bewährten Aufsicht unserer NATO. Für Jahrzehnte war dies für die Eliten des Westens kein Problem. Klar ist: Gerade jetzt, in der Phase der zivilgesellschaftlichen Entwicklung der Türkei, wäre Chaos mehr als fatal! Hoffentlich kommt niemand auf die Idee, Waffenlieferungen für die „Rebellen“ am Taksim-Platz zu fordern.

Natürlich ist Erdogan in der Bredouille. Die Politik der AK-Partei hat der Türkei Jahre des Wachstum beschert. Unter anderem wurden die versklavenden IWF-Kredite zurück bezahlt. Aber wie überall in der Welt wurde dafür auch ein hoher Preis bezahlt. Die Wirtschaftspolitik Erdogans hat in der Konsequenz mächtige Partner noch mächtiger gemacht.

Banken, Hedge-Fonds und Supermärkte bilden kein „religiös-angehauchtes“ Schlaraffenland, sondern es sind Institutionen, die im wahrsten Sinne des Wortes immer mehr Raum verschlingen. Die Umverteilung ist dabei – nicht anders wie in Brüssel, New York oder Frankfurt – Programm geworden. Die diesbezüglichen Inhalte des Islam, zum Beispiel seine anti-monopolistische Ordnungsvorstellungen, sind in der modernen Wirtschaftspolitik Ankaras sowieso längst vergessen.

Ja, auch in der Türkei – aber nicht nur hier – ist das demokratische Projekt gefährdet; nicht durch das Streben der Muslime, sondern durch die Eigendynamik des Kapitalismus selbst. Jede Partei der Welt, ob islamisch oder nicht, muss dieser Situation heute ins Auge sehen. Die Kader der AK-Partei und ihrem Staatsverständnis würde dabei ein wenig Einfluss der „Österreichischen Schule“ ganz gut tun; gerade auch, um die Bedeutung islamischer Inhalte rund ums Geld wieder besser zu verstehen.

„IZ-Begegnung“ mit dem Juristen und Brancheninsider Taris Ahmad über Anspruch und Wirklichkeit des „Islamischen Finanzwesens“

„Das islamische Bankwesen ist wie ein Schwein, dass gewissenhaft nach den Prinzipien und Regeln der Scharia geschlachtet wurde.“ (Schaikh Muhammad Tawfiq)

„Die Folge ist, dass die Produkte der ‘Islamic Finance’ wohl gleichermaßen den Armen wie der Umwelt schaden.“ (Taris Ahmad)

(iz). Seit seiner Einführung ist das vermeintliche „Islamische Finanzwesen“ (zu dem nicht nur der Bankensektor, sondern auch andere „islamisierte“ Variationen der kapitalistischen Geldwirtschaft zählen) die Standardantwort aus dem Diskurs des politischen Islam in Sachen Ökonomie. Unab­hän­gig davon, dass eine Ablehnung ­unter vielen Gelehrten wächst, melden sich auch immer wieder Brancheninsider mit kritischen Beiträgen zu Wort.

Angesichts diverser Überschneidungen zum konventionellen Banking – allen voran das fraktionelle Reservebanksystem – kommen immer mehr Muslime zu dem Schluss, dass es sich dabei um keine nachhaltige Alternati­ve handelt.

Wer weiß beispielsweise, dass ­Kredite für die Renovierung der Haramain – Mekka und Medina – durch die so genannten „Islamischen Banken“ mitunter auch auf dem konventionellen Finanzmarkt angeboten wurden? Oder, dass es in Sachen der vermeintlichen „Islamic Finance“ gar ein regelrechtes „Fatwashopping“ gibt?

Hierzu sprachen wir mit dem Juristen und Brancheninsider Taris Ahmed, der als Anwalt einer internationalen Kanzlei im saudischen Riad arbeitete. Der Jurist machte dabei seine eigenen Erfahrungen mit diesem, vermeintlich islamischen Finanzinstrument.

Islamische Zeitung: Lieber Taris Ahmad, Sie sind Anwalt und haben unter anderem als Wirtschaftsanwalt auf der Arabischen Halbinsel Erfahrungen mit dem so genann­ten „Islamic Banking“ gemacht. Wie sahen diese aus?

Taris Ahmad: Vor meinem Wechsel nach London, war ich zwei Jahre lang bei [der Kanzlei] Allen & Overy in Saudi Arabien tätig, wo ich auch die Gelegenheit hatte, an einem Lehrbuch zum Thema mitzuwirken.

Islamische Zeitung: Was ist Islamic Finance?

Taris Ahmad: Der Begriff ist ein wenig irreführend. Es gibt im Prinzip „Equity Finance“ [Finanzierung mit Eigenka­pital] und „Debt Finance“ [schuldbasierte Finanzierung mit Fremdkapital]. Equity Finance kann im Groben als ohnehin islamkonform betrachtet werden. Denn nach islamischen Recht ist zunächst erst einmal alles erlaubt, was nicht ausdrücklich verboten ist. Bloss niemand käme auf die Idee, dies „islamisch“ oder „Islamic Finance“ zu nennen.

„Islamic Finance“ ist der Versuch, Debt Finance scharia-konform zu strukturieren. Im islamischen Recht gibt es meines Wissens jedoch nur eine Art von Schuld; nämlich einen Qard Hassan, also ein zinsloses Darlehen.

Islamische Zeitung: Wie sieht das konkret aus?

Taris Ahmad: Es gibt eine Vielzahl von Verträgen und jeder Vertrag ist anders. Grob gesprochen wird jedoch versucht, Geldrückflüsse zu schaffen, die ­denen von Zins ähneln. Ob diese Zins sind oder nur so ähnlich wie Zins, wird gemeinhin debattiert und hängt vom Kleingedruckten ab.

Ein Kritikpunkt ist, dass sich der ­Profit am LIBOR [der täglich festgelegte Referenzzinssatz im Inter­banken­geschäft] orientiert und ein Verlustausgleich vereinbart wird, womit man einen zinsähnlichen Geldrückfluss geschaffen hat.

Islamische Zeitung: Eine der vorgetragenen Kritikpunkte am „Islamic Banking/Islamic Finance“ ist die Zweckentfremdung oder Verzerrung traditioneller islamischer Vertragsformen, die, ihres eigentlichen Inhalts entleert, als Grundlage für bestimmte Konstrukte – wie den Hypothekenbanken – dienen. Wie würden sie dies als Jurist bewerten?

Taris Ahmad: Commodity-Murabaha-Verträge beispielsweise waren bei den frühen muslimischen Juristen in der heutigen Form, außer als unzulässige Hila [arab. Rechtskniffe; Versuche, das Recht, mithilfe des Rechts zu umgehen], unbekannt. Unorganisierte Tawaruk wurden von der schafi’itischen ­Rechtsschule erlaubt, weil sich die Absicht des Investors dem Richter entzieht und dieser lediglich mit zwei rechtmäßigen Verträgen konfrontiert wird. Organisierte Tawaruk ist jedoch eindeutig verboten.

Aber, das islamische Finanzrecht dreht sich nicht nur um Zinsen. Das Zinsverbot ist nur eine, der relevanten Scharia-Normen. Das islamische Wirtschaftsrecht ist viel komplexer. Zum Beispiel gibt es noch die Konzepte von „Gharar“ und „Salam“ oder die Probleme mit Vertragsstrafen. Wichtig ist auch zu bemerken, dass „Islamic Finance“ sehr heterogen ist. Auch diese Industrie hat ihre „alternativen Banker“, die tatsächlich methodisch rigide Produkte anfertigen wie zum Beispiel das Al-Ansar Eigenheimprojekt in Manchester.

Islamische Zeitung: Woher kommt die große Nachfrage?

Taris Ahmad: Es gibt viel Kapital, jedoch ist der Zugang dazu für die Mehrheit versperrt. Der normale Unternehmer braucht Kapital, um sich auf dem Markt zu etablieren; genauso wie der normale Haushalt Kapital braucht, um sich ein Eigenheim zu finanzieren. Banken spielen daher eine zentrale Rolle. ­“Islamic Finance“ ist der Versuch einer Antwort. Doch ging dieser Versuch für viele schnell in die gleiche, falsche Richtung.

Islamische Zeitung: So mancher Gelehrter hat aber die diversen ­Produkte abgesegnet…

Taris Ahmad: Die „Sharia Gouvernance“ ist ein großes Thema. Die verschiedenen Bankprodukte erhalten ihr Halalsiegel von ihren hauseigenen Juris­ten des islamischen Rechts. Meinungsvielfalt unter muslimischen Juristen gab es immer, jedoch gab es auch immer ­Gerichte und sorgfältig ausgebildete ­Juristen.

„Fatwashopping“ ist möglich, weil die Privatmeinungen nicht autoritativ von Gerichten entschieden werden, die die Vertragsausgestaltungen nach islamischer Rechtmäßigkeit untersuchen können. Das Problem ist also die Abwesenheit methodischer Rigidität, die nur von Gerichten eingefordert werden kann.

Islamische Zeitung: Es gibt jedoch solche Gericht in den Golfstaaten oder in Malaysia…

Taris Ahmad: Die Rechtswahl für ­Finanzverträge ist oftmals das englische Recht, dessen Gerichte hohes Vertrauen genießen, jedoch Scharia-Recht nicht anwenden können, weil dies keinem Staat zugeordnet werden kann. In einigen Golfstaaten wurde die Gerichtsbarkeit den Scharia-Gerichten entzogen, ­sofern eine der Streitparteien eine Bank ist.

Islamische Zeitung: Besteht bei diesen Finanzinstrumenten die Hoffnung auf eine Revitalisierung des islamischen Rechts?

Taris Ahmad: Entwicklungspolitik braucht generell auch einen Rechtsstaat. Problematisch ist jedoch, dass islamisches Recht in der Praxis von Banken – im neoliberalen Geiste – mit weiter entwickelt wird und damit die Belange der Rechtstradition, die auf einen Interessenausgleich aller Parteien abzielt, nicht berücksichtigt. Die Folge ist, dass die Produkte der „Islamic Finance“ wohl gleichermaßen den Armen wie der Umwelt schaden. Alle möglichen konventionellen Produkte – sogar Derivate! – werden nun „islamisiert“. Commodity-Murabaha und organisierter Tawaruk usw.: All dies sind, dogmatisch betrachtet, Mutationen des islamischen Rechts.

Islamische Zeitung: Haben sich das „Islamic Banking“ und die „Islamic Finance“ wirklich als krisenfester ­erwiesen?

Taris Ahmad: Krisenursache bleiben das fraktionelle Reservebankwesen (frac­tional reserve banking) und Papiergeld ohne Deckung (Fiat money). Weder die Occupy Bewegung noch die „Islamic Finance“ ändern etwas daran. Ähnlich dem ethischen Bankwesen kann es etwas milder sein.

Islamische Zeitung: Oft wird die ­“Islamic Finance“ als nachhaltige Alternative zum konventionellen Finanz­wesen gepriesen. Ist diese (Selbst-)Zuschreibung ihrer Erfahrung nach noch tragbar?

Taris Ahmed: Investitionen in Unternehmen mit beispielsweise einem bestimmten Maß an Zinseinnahmen oder in bestimmten Industrien wie etwa der Waffen- oder Alkoholproduktion sind verboten. Das ist schon mal ein guter ethischer Anfang. Jedoch ändert dies nichts am Zins, der die Umweltressourcen unkontrolliert verbraucht und globale Armut perpetuiert.

Islamische Zeitung: Viele sehen den Arabischen Frühling als islamisches Erwachen. Kann dieser Zweig der Finanzwirtschaft hier überhaupt eine Rolle spielen?

Taris Ahmad: Freilich bringt diese Industrie viele lukrative Jobs und Profite mit sich. Die Volkswirtschaft wird jedoch langfristig nur von einer tiefer gehenden Reform der Juristenausbildung, der Unabhängigkeit der Gerichte und des politischen Willens zinsfrei zu arbeiten profitieren. Das würde auch Menschenrechte stärken und eine Umverteilung herbeiführen. Was gebraucht wird, sind kompetente traditionelle Gelehrte, die die Scharia methodisch beherrschen und auch in der Praxis als Anwälte und Richter tätig sein können.

Islamische Zeitung: Lieber Taris Ahmed, vielen Dank für das Interview.

Feuilleton: In einer ungerechten Gesellschaft kann es keine wahre Zivilisation geben. Von Ahmad Gross­

(iz). Nichts geschieht ohne Notwendigkeit. Im Deutschen spricht das Wort „Notwendigkeit“: Es besteht aus den beiden Worten „Not“ und „wenden“. Erst die Not wendet, verändert die Situation ­eines Menschen. Heidegger sprach von der „Not der Notlosigkeit“. Solange die Menschen nicht wissen, dass sie in der Not sind, solange kann sich an ihrem Zustand auch nichts ändern.

Schaikh Ad-Darqawi sagte in einem ­seiner berühmten Briefe über die Not: „‘Hätten die Menschen die Geheimnisse und Segnungen gekannt, die in der Not sind, so hätten sie nichts ande­res als die Not gebraucht.’ Es heißt, dass sie anstelle des Größten Namens steht.“ So gesehen ist die heutige Finanzkrise, die in Wirklichkeit eine fundamentale Systemkrise ist, ein reiner Segen. Indem sie die Schleier der gescheiterten Projek­te lüftet, zwingt sie uns zur Veränderung, also zum Leben selbst. Uns Muslimen sind Kreisbewegungen sehr vertraut. Mindestens einmal im Leben versammeln wir uns aus der ganzen Welt in Mekka für eine Kreisbewegung um das Haus Allahs. Zudem wird diese Kreisbewegung bekanntlich auch von den geometrischen Figuren der Linie (dem Gang zwischen Safa und Marwa) und des Punktes (dem Stehen auf einem Punkt auf der Ebene von Arafat) begleitet. Solange wir uns also auch „lineare Ziele“ setzen und damit irgend­wann auch „auf den Punkt kommen“, haben wir kein Problem damit, uns im Kreis zu drehen. Ganz im Gegenteil. Entscheidend ist nur, dass wir uns um die richtigen Dinge drehen.

Dieses Kreisen um das gleiche ­Thema benennt Goethe einmal mit einem Begriff aus der Chemie als „cohibieren“: Durch immer höhere Konzentration zum Wesentlichen, zur Essenz einer ­Sache vordringen. Es erinnert an die Homöopathie: Manchen Menschen erscheint sie als Schwindel und Placebo. Anderen hilft sie, durch Allahs Befehl. Der große Sufi Sidi Ali al-Dschamal sagte sinngemäß: Das Unsichtbare beherrscht das Sichtbare. Die Ideen des unsichtbaren Ruh (arab. Geist) rufen nach der Manifestation in der sichtbaren Welt, nach Erde, nach Menschen und ihren Taten.

Woher kommt der Begriff „Kultur“? Der Begriff „Kultur” meinte ursprüng­lich die Kultivierung von Seele und Geist. Seine neuzeitliche Bedeutung in den Schriften deutschsprachiger Denker des 18. Jahrhunderts (Kant, Pestalozzi, Herder). Als geistiges Kind von Descartes, Erasmus und Francis ­Bacon bestellte ihr so genannter ­Rationalismus den Boden für den Atheismus des 19. und den Nihilismus des 20. Jahrhunderts. Wie konnte das geschehen? Indem sie das Kind (den kindlichen Glauben an unseren Schöpfer) mit dem Bade (die irrationale Doktrin der Kirche) ausschütteten. So wurde Gott, der Herr der Welten, der Schöpfer und Erhalter des Universums, so wurde aus Allah nach und nach eine bloße Idee des Verstandes; eine Idee, die bewiesen werden musste, damit man sie glauben ­konnte.

Alles geriet aus den Fugen. Allah sagt im Qur’an: „Und Ich habe die Dschinnen und die Menschen nur erschaffen, damit sie Mich anbeten.“ (Adh-Dharijat, 56) Doch nun spielte das Geschöpf Schöpfer. „Die Welt ist die Hände der Menschen gefallen“, wie Rilke schrieb. Angesichts von Inquisition und Hexen­verfolgung versteht man die humanistische Begeisterung für die Freiheit und Helle der Antike. Doch wer brachte sie ins Europa der Renaissance? Die muslimischen Übersetzerschulen von Al-Andalus – so viel zur Zugehörigkeit des Islam zu Europa. Doch ohne die entscheidende Rückbindung zum Göttlichen wurde aus den Statuen des Phidias bald der frierende, nackte Mensch der Neuzeit, Agambens homo sacer der Lager. Wie anders empfand es noch Goethe. Als 1831 viele Menschen an der Cholera starben, tröstete er ­Louise Adele Schopenhauer: „Hier kann niemand dem andern rathen; beschließe was zu thun ist jeder bey sich. Im Islam leben wir alle, unter welcher Form wir uns auch Muth machen.“

Da wir Europäer so durch die Jahrhunderte unsere gelebte Religion verlo­ren, machten wir unsere Kultur zur Religion. Laut Rilke will alle Kunst und Dichtung rühmen, preisen. Im 18. Jahrhundert vergaßen die Europäer jedoch, wen sie preisen sollten. Im 19. und 20. Jh. verging ihnen das Preisen überhaupt und das große Klagen begann. Wenn der Mensch glaubt das Höchste zu sein, wenn sich die Schöpfung die Eigenschaften des Schöpfers anmaßt, dann mündet die Wirklichkeit des Menschen ins Menschenunwürdige: Der „Übermensch“ impliziert den „Untermenschen“. Ohne Gott ist laut Dostojewski alles erlaubt. Ohne Ihn gibt es keine allgemein verbindlichen Regeln, keine Schranken mehr. Aber auch kein Ge­länder mehr am Abgrund. Und nieman­den, Der einen auffängt.

Heute scheinen die bedeutendsten Köpfe Europas – Denker, Dichter und Wissenschaftler – auf ihre je eigene Art und Weise ein allgemein greifbares Gefühl zu bestätigen: Dass das Schiff sinkt. Wer kann heute sagen, er leiste mehr, als „die Verluste zu zählen“, wie es Botho Strauß nannte? Wer vermag heute mehr, als die Meditation über den „Knacks“ (Roger Willemsen) unserer Sterblichkeit?

Als ich den spanischen Historiker und Ibn-Khaldun-Experten Sidi Karim Viudes nach seinem Begriff von „Kultur“ befragte, winkte auch er eher trocken ab. Je mehr von „Kultur“ die Rede ist, desto weniger habe man vermutlich (…) Als er meine Ratlosigkeit bemerkte, schob er nach, dass dieser Begriff eigentlich erst im 18. und 19. Jahrhundert in Mode kam. Die Antike gebrauchte ihn – außer für die Kultivierung im agrarischen Sinne – nur zur Bezeichnung der Erziehung der Kinder in der Schule. Später griff ich zum „besten deutschen Buch“ (laut Nietzsche), Eckermanns „Gespräche mit Goethe“. ­Darin sagt Goethe zu Eckermann: „Wir bewundern die Tragödien der alten Griechen; allein recht besehen, sollten wir mehr die Zeit und die Nation bewundern, in der sie möglich waren, als die einzelnen Verfasser.“ Jede kulturelle Einzelleistung der Griechen „(haftet) nicht bloß einzelnen Personen (an), sondern (…) sie (gehört) der Nation und der ganzen Zeit an und (war) in ihr in Kurs.“ (24. April 1827) Wer sich von seinem Schöpfer abwendet und glaubt, ohne einen alltäglichen Bezug zu Ihm existieren zu kön­nen, der muss – der Mensch ist zur Anbetung geschaffen – sich seine Ersatz-Götter, seinen Pseudo-Din (Arabisch für Religion/Lebensweise) schaffen. Wer keinen Din hat, der macht sich seine Kultur zum „Din“. Im Bild des Hausbaus gesprochen: Wer die variable Ausschmückung eines Hauses mit seiner mathematischen, universalen Statik verwechselt, der hüte sich vor dem Zusam­menbruch seines Hauses! Allah schütze uns davor, indem Er uns einen klaren Din (Religion, Lebensweise des Islam) und Unterscheidungskraft (Furqan) gewährt, sodass wir niemals Din und Kultur verwechseln! Wir wissen dass der Din (die Statik menschlicher Existenz) keine Kultur, sondern ein Filter für jede Kultur ist, der sie reinigt und veredelt.

Wir wissen – heute mehr denn je zuvor – dass das, was einst im Europa zwischen dem Mittelalter und dem 19 Jahrhundert den Namen „Kultur“ verdient hat, heute vom „Staub des Wuchers“ (wie es der Prophet vorausgesagt hat) bedeckt ist. In einer ungerechten Gesell­schaft, einer Gesellschaft, die Wohlstand monopolisiert, kann es keine Kultur geben, die die Bezeichnung Kultur oder Zivilisation verdient. Lassen wir den Begriff der „Kultur“ auf sich beruhen und wenden wir uns der Bildung zu. Das Deutsche und die slawischen Sprachen unterscheiden zwischen „Bildung“ und „Erziehung“, während im Englischen und in den lateinisch-romanischen Sprachen das Wort „education/educación“ genügt: Lat. ēducāre „auf-, großziehen, ernähren“.

„Erziehung“ im Deutschen und Slawischen ist etwas, das den Menschen von außen kommend erzieht/aufzieht, also eher den pädagogischen Vorgang der Schul-Erziehung beschreibt. „Bildung“ steht dagegen für die weiter gefasste Erziehung, die man auch aktiv selbst unternimmt, die das Selbst auf seinem Weg zur Verfeinerung, Reinigung, Veredelung unternimmt. Bilden bedeutet „Gestalt annehmen“, das „Sich-Bilden“, die Formung von etwas. Der Begriff „Bildung“ ist mit dem griechi­schen Begriff der Paideia verwandt.

Das Bild, nach dem wir Muslime uns formen/bilden, ist das Bild, das uns von Allahs Propheten Muhammad, Friede und Segen seien auf ihm, als Besten der Schöpfung überliefert wird. Um den Propheten Muhammad, Friede und Segen seien auf ihm, überhaupt in einen unvoreingenommenen, freieren Blick nehmen zu können, musste Europa nach „Al-Andalus“ Jahrhunderte warten. Goethe und Thomas Carlyle sind hier zu nennen. Goethe und Schiller haben wie weni­ge ihrer Zeitgenossen geahnt, was Bildung im besten Sinne sein kann. Goethe schrieb die beiden Schlüsselromane, welche die literarische Gattung des Bildungsromans, begründeten: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wilhelm Meisters Wanderjahre.

Ein wiederkehrendes und zentrales Motiv des Romans ist die Entsagung, der Abwendung von der diesseitigen Welt. Die berühmteste Abschnitt ist wohl jene Episode, in der Wilhelm und sein Sohn Felix die so genannte „Pädagogische Provinz“ aufsuchen. Dies ist ein landschaftliches Areal der Lehre und des Lernens, in dem ungewöhnliche Sitten herrschen und eine eigene pädagogi­sche Philosophie und Methode angewandt werden: Musik, insbesondere Gesang ist wesentliches Element der dort praktizierten Pädagogik; Fremdsprachen, Poesie, ein ausgeprägter Sinn für Respekt, Bescheidenheit und Ehrfurcht bilden den Kern dieser Weltsicht. Es wird vermutlich immer Leute geben, denen die Künste und alle ­Dinge, die wir traditionell unter Kultur verstanden haben – Literatur, Malerei, Musik, Theater – ein Herzensanliegen sind. Was ist die Rolle von Kultur, von Dichtern, Künstlern? Für Roger Willemsen ist Kultur „im Kern (…) eine Über­brückung von Einsamkeit“. Für Heidegger ist es das dichterische Denken, für Rilke das denkende Dichten. Vielleicht braucht es, bevor wir wieder zu einem gerechten Austausch kommen, auch Künstler, die sich des ­unhaltbaren Status quo des Wuchers auf ihre je eigene Art und Weise annehmen.

Welcher Schiller ruft uns heute zum Kampf gegen die Tyrannei der „Märk­te“ und für unsere Freiheit auf? Welcher Regisseur dreht heute einen Film wie Truffauts „Fahrenheit 451“, in dem die Gefahren eines sorglosen Gebrauchs der Technik geschildert werden? Ein Zeitgenosse Goethes, Johann Peter Hebel, (1760-1826) schrieb: „Wir sind Pflanzen, die, – wir mögens uns gerne gestehen oder nicht, – mit den Wurzeln aus der Erde steigen müssen, um im Aether blühen und Früchte tragen zu können.“

Der Text ist die gekürzte Variante eines längeren Vortrags zum Thema Erziehung.

Der politische Islam verstellt den Blick auf eine wesentliche Dimension unserer Lebenspraxis. Von Abu Bakr Rieger

(iz). Präsidenten kommen und gehen in diesen Tagen, die Krise bleibt. Vielleicht ist der Wechsel im Führungspersonal und die spektakuläre Suche nach politischen Größen ­deswegen so spannend, weil sie uns einige Tage über unser eigentliches Dilemma hinweg tröstet. Wir müssen uns schon aus Vernunftgründen eingestehen, dass der alte Kapitalismus nicht mehr funktioniert. Es sind die bekannten Sensationen, die uns nachhaltig sorgen müssen. Europa hat Schulden in einer Größenordnung, die eine Rückzahlung illusorisch erschei­nen lassen und, wenn wir nichts tun, unsere gewohnten Gesellschaftsordnungen unter unheimlichen Veränderungsdruck setzen werden. Unsere Politik hat bisher, angesichts der größten ökonomischen Krise der Menschheitsgeschichte und angesichts der globalisierten Macht des Kapitals, keine einleuchtende Zukunftsvision hervorbringen können.

Unsichere Zeiten
In Griechenland erleben wir gerade, wie schnell das totgeglaubte Monster des Nationalismus oder des Kommunismus wieder in Europa auferstehen kann. Die Mobilisierung der griechischen Bevölke­rung, die selbst nur ein Bruchteil des Hilfspakets erhält, gegen weitere Einschränkungen oder Sparmaßnahmen gehört zu den aktuellen Schreckensszenarien der Brüsseler Finanzjongleure. Die Prognosen sprechen von einer Verfestigung autoritärer Bürokratien und von der weiteren Einschränkung der politischen Souveränität. Befürchtet werden, nicht nur in Athen, künftig neuartige Staaten, deren Sicherheitsapparate und Verwaltung über Generationen hinaus vor allem die geordnete Abwicklung der Schulden kontrolliert. Wer seine ­Steuern und Zinsen nicht bezahlt, wird zum Staatsfeind. Die nationale Politik hat nicht nur ihren eigenen Entscheidungsspielraum eingegrenzt, sondern als Option, die dem Menschen erlaubt, zwischen wesentlich verschiedenen Entwürfen zu wählen, ausgedient. Im Mutterland der Demokratie heißt das praktisch, dass, unabhängig von künftigen Wahlen, jede Athener Regierung die Vereinbarungen mit der EU befolgen muss.

Teil des Problems
Die Muslime, auch in der 3. Generation noch immer in erster Linie als Immi­granten wahrgenommen, werden von ­einer Mehrheit der europäischen Bevölkerung bisher als Teil des Problems, nicht aber Teil der Lösung wahrgenommen. Man unterstellt ihnen bisweilen, den angeblichen Konsens der europäischen Gesellschaften von innen aufzuweichen. Die ökonomische und soziale, also die geben­de Seite des Islam, blieb gleichzeitig über Jahrzehnte unerkannt. Das ist kein ­Wunder. Der muslimische Intellekt hat bisher die Umkehrung seiner Prioritäten nicht verhindern können. Wichtig sind im Diskurs nur die Aspekte der persönli­chen Moral, ein wenig Politik oder die Klei­derordnung, unwichtig dagegen bleiben die ökonomische Moral, die ­Gesetze des Marktes oder die Zakat. Gelehrte und Funktionäre, falls sie überhaupt einen intellektuellen Führungsanspruch haben, hatten seit dem 11. September in erster Linie ihre politische Verortung klären müssen und dann um ein wenig öffentli­che Anerkennung gerungen. Einen Beitrag zur Bewältigung der ökonomischen und sozialen Krise Europas konnten sie nicht formulieren. Es fehlt hier ­eindeutig auch an dem nötigen „Know-How“. Ohne explizite Kenntnisse und natürlich auch ohne funktionierende Beispiele eines angewandten islamischen Wirtschaftsrechts muss die Existenz der Muslime, inmitten der größten ökonomischen Krise ­dieses Jahrhunderts, natürlich rückwärts gewandt und bestenfalls irrelevant ­erscheinen.

Die Krise – aus ­muslimischer Sicht
Im Mittelpunkt jedes muslimischen Lebens steht natürlich, ganz unabhängig von der Zeit, in der wir leben, die eigent­liche Fundamentalkrise jeder Existenz: die eigene Endlichkeit. Die Erinnerung an Endlichkeit, Schicksal und die Vergegenwärtigung der Allmacht des Schöpfers relativiert die Wucht äußerer Krisen. Die Gelassenheit, nicht etwa ideologische Verbohrtheit, ist daher eine typisch islamische Haltung. Das ist nicht mit ­Fatalismus oder mit der Flucht ins ausschließlich Geistige zu verwechseln. Muslime haben durchaus Realitätssinn. Auf gesellschaftlicher Ebene herrscht das Bewusstsein, dass jede politische Ordnung, wie dies Ibn Khaldun betont, Phasen des Auf- und Niedergangs nicht verhindern kann. Politische Situationen sind der Zeit unterworfen, kommen und gehen, Muslime leben darin, ohne dass ihre islamische Lebenspraxis im Kern gefährdet ist, zumindest dann, solange ihre Riten möglich bleiben und zeitlose ökonomische Grenzziehungen, wie das Zinsverbot, als Fixpunkte des Handelns verbleiben.

Prinzip „contra naturum”
Die Offenbarung prophezeit, dass die Verletzung des Zinsverbotes als ein Prinzip „contra naturum“ für keine Gesellschaft folgenlos bleibt. Aber es bleibt nicht bei dieser negativen Klausel, denn gleichzeitig wird der „faire“ und „freie“ Handel als Sinn stiftend und befreiend definiert. Die Freiheit des Handels und die Freiheit der Auswahl der Zahlungsmittel begründen aus islamischer Sicht jede freie Marktwirtschaft. Europa hat heute diese Grundregeln in sein Gegenteil gekehrt, der Handel ist durch Mono­polisierung stark eingeschränkt, während die Gesetzlosigkeit der Zinswirtschaft legalisiert wurde. Durch die Benachteiligung anderer Zahlungsmittel als die der staatlichen Papierwährungen, ist die Schaffung großer Massen schlechten Geldes und die Flutung der Märkte möglich geworden. Macht hat, wer über die Notenpresse verfügt. Es ist ein Nebeneffekt der Geldherrschaft, dass die öffentliche Meinung jederzeit manipuliert werden kann.

Der Modernismus
Es gibt Debatten, die wirklich ­wichtig sind, weil man nur mit ihnen das ­Wesen der Zeit, in die man hereingeworfen wurde, verstehen kann. Nur wenn man ­seine Zeit versteht, also in unserem Falle begreift, dass wir in einem von der Ökono­mie geprägten Zeitalter leben, kann man den wichtigen Dingen im Islam entsprechendes Gewicht geben. Die ökono­mischen Gesetzlichkeiten, die der Islam offenbart, betreffen nicht nur das Individuum, sondern das komplexe Netz, das heute alle unseren ökonomischen Transaktionen bilden. In den letzten Jahrzehn­ten wurde allerdings das ökonomische Modell des Islam immer mehr auf das „Islamic Banking“ reduziert. Die überfällige Debatte der Muslime um die Legitimität von „islamischen“ Banken ist ein überaus lohnender Streit. Es geht darum, ob wir wirklich echte ökonomische Alternativen und eigene Modelle haben. Keine Frage, die Auseinandersetzung über den geistigen Ursprung der „islami­schen“ Bank, führt uns direkt in die Denkwelt des politischen Islam. Dieses einseitige „politisierte“ Verständnis des Islam, insbesondere in seinen Ausprägun­gen im arabischen Raum, hat sich als eine notwendige Reaktion gegen den westlichen Imperialismus verstanden. Der Westen als Schöpfungsort moderner Technologie und Wissenschaft schien in der historischen Perspektive als „Moder­ne“ der islamischen Lebenspraxis und seinen Traditionen haushoch überlegen. Die politischen und ökonomischen Ins­trumente des Islam mussten, so zumindest die Überzeugung der neuen muslimischen Denker, den neuen Gegebenhei­ten, notfalls auch mit Hilfe einer Neuinterpretation des Rechts, angepasst werden. Heute erscheint diese Reform, insbesondere die Aufgabe wichtiger Institu­tionen und Überzeugungen der islamischen Ökonomie, in vielen Teilen eher fragwürdig.

Moderne und Technik
Der Schrecken über die brutale Ankunft der Moderne, die das Denken der Muslime im 20.Jahrhundert prägt, geht einher mit der gleichzeitigen ­Faszination von den neuen Techniken, die sich auch den Muslimen als neue Hilfsmittel der politischen Macht anboten. Dem politischen Islam ging es darum, diesen Vorsprung durch Technik einzuholen, zum Beispiel die Mobilisierungskraft von menschlichem Willen zu kopieren, die neuen Kampftechniken nachzuahmen, in die Beherrschung der Atome einzustei­gen und mit der industriellen Produktion von Geld Schritt zu halten. Der politische Islam organisierte die Ziele des vermeintlichen Gegenschlags, also die ­eigene Rückgewinnung von Macht, in Form von „islamischen“ Techniken, sei es in Form von Parteien, Atomwaffen oder Banken. Diese neuen – ­islami­sierten – Kopien schienen den alten Originalen überlegen und versprachen den islamischen Staaten die schnelle eigene Machtergreifung.

Es ist dabei wichtig zu verstehen, dass mit der Idee des Modernismus auch eine schleichende Säkularisierung des Denkens einherging. „Was ist und wer hat Macht?”, die Beantwortung dieser ­Fragen bestimmten den neuen Trend im islami­schen Denken. Die Vorstellung, dass Macht etwas sei, das der Mensch nach Gutdünken für sich gewinnen und orga­nisieren kann, passte sich dabei eher unbemerkt der westlichen Vorstellungswelt von Machtprozessen an. Die islamische Welt zwischen Damaskus und Kairo fühlte sich lange Jahre dementsprechend ohnmächtig. Die „Modernisierung“ und -angesichts der „Macht“ des Westens – gleichzeitige „Demoralisierung“ des islamischen Denkens nahm seinen Lauf. Es ist interessant, dass praktisch zu gleicher Zeit im Westen unter dem Eindruck des Unwesens der Ideologien und ihrer technologischen Kriege eine fundamenta­le Technikkritik einsetzte. Heidegger formulierte einen grundsätzlichen, schockie­renden Zweifel an der Basis moderner Politik. Die Technik, die der politische Islam für seine Zwecke instrumentalisie­ren wollte, habe – so Heidegger – eine dem Grunde nach politikfeindliche Dimension, indem sie den Menschen gera­de nicht ermächtige, sondern auf Dauer versklave. Die Finanztechnik, als das kombinierte Wirken von Kapital und Technik, beschleunigte unter den ­Augen der westlichen Intelligenz, bis zum heutigen Stadium, diesen Vorgang der unheimlichen Entpolitisierung. Die Bedürf­nisse der Technik, des Staates und der Partei dominieren den neuen Glauben.

Zweifel am Bankwesen
Es ist ein weiteres Paradox, dass ­heute unzählige westliche Denker die Humanität des Bankwesens längst anzweifeln, während große Teile der islamischen Welt noch immer die angeblichen Segnungen des „Islamic Banking“ feiern. Es stellt sich eine einfache Frage: kann eine Bank überhaupt „islamisch“ sein? Immer mehr Muslime antworten nach den jüngsten Erfahrungen mit nein. Eine Bank ist eine Bank. Jede „islamische Bank“ nimmt als Bank am globalen Geldsystem teil. Das monetäre System beruht auf dem Recht, dass einzelne Zentralbanken praktisch grenzenlos „Geld aus dem Nichts“ schöpfen können. Die Idee einer globalen politischen Macht bedingt natürlich das Vermögen zur Schaffung endlosen Kapitals. Die Voraussetzung für diese Art der Maßlosigkeit ist, dass die Produktion von (inflationärem) Papiergeld nicht an den Besitz realer ­Güter gekoppelt bleibt. Die „islamische“ Bank versucht nun in dieses System eine Art moralischen Impuls einzuhauchen. Sie will angeblich nur die religiös korrekte Seite des Systems bedienen. Hierzu muss sie die Debatte von der (inflationären) Natur des Geldes, das sie wie jede andere Bank bedenkenlos benutzt, weg lenken. Die Frage, ob das Geld an sich ­moralisch, „gut oder schlecht“, sein kann, spielt für die „Islamische“ Bank und ihre Theoretiker (übrigens auch für viele Puritaner und Hardliner) keine Rolle. Die Entfremdung des Sinnes islamischer Verträ­ge und die dreiste Aushebelung des Zinsverbotes, die das „islamische“ Bankenmodell leider auszeichnet, wäre ein Thema für einen anderen Tag.

Das islamische Geld – ein kurzer Ausblick
Im arabischen Raum, mit seinen ungeheuren Ressourcen, wird heute wie in den Jahrhunderten zuvor die Zukunft des globalen Handels diskutiert. Viele muslimische Gelehrte sehen im Tauschgeschäft zwischen Öl und Papier, das wesentlicher Teil der jüngeren Wirtschaft­sgeschichte der Ölländer ist, einen grundsätzlichen Widerspruch hinsichtlich des koranischen Gebotes des „gerechten Handels“. In jeder eigenständigen Wirtschaftsordnung ist die Definition von Geld, als Basis aller Transaktionen, elementar. Im Islam sind Papiere, die nur auf ein Zahlungsversprechen hinauslaufen, eindeutig verboten. Im Qur’an werden gold- und silbergedeckte Dinar und Dirhams als die traditionellen Zahlungs­mittel ausdrücklich erwähnt. Die Frage an den Islam ist heute, ob er noch ein Mo­dell vorstellen kann, das eine ­Antwort „jetzt“, ohne die sinnlose Romantik ­eines „zurück“, ermöglicht. Das islamische Wissen um die Logik des Geldes ­entfaltet bereits wieder erstaunliche Aktualität. Um mehr über diese Seite des Islams herauszufinden, bedarf es des intensiven Studiums des ganzheitlichen Modells der Ökonomie. Man wird bald feststellen, dass die Lehrer und die Lehranstalten, die über dieses, ehemals klassische Reper­toire verfügen, dünn gesät sind. Die meisten Lehrer, gerade im akademischen Betrieb, verfolgen in erster Linie den öffent­lichen Nachweis, zu welcher Form des politischen Islam sie sich zugehörig fühlen. Hier schließt sich dann der Kreis.

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Arabischer Frühling & Europäischer Herbst: Interview mit Adil Morrison über die jüngsten Unruhen in England

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