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Thierse fordert mäßigen Ton in Rassismusdebatten

Der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse hat sich gegen eine generelle Mithaftung weißer Menschen bei Rassismusvorwürfen ausgesprochen. Von Anita Hirschbeck

Münster (KNA). Als hochproblematisch bezeichnete der SPD-Politiker bei einem Online-Podium der Universität Münster am Mittwochabend den Satz: „Rassismus gehört zur DNA dieser Gesellschaft.“ Solche Sätze erzeugten ein Gefühl von Unentrinnbarkeit, was eine Selbstprüfung erschwere. „Aus seiner DNA kann man nicht aussteigen“, so Thierse. „Je heftiger Menschen angegriffen und kritisiert werden, umso mehr gehen sie in Abwehrstellung und umso weniger sind sie bereit zu selbstkritischer Reflexion.“

Mehrheiten hätten genauso Rechte wie Minderheiten, argumentierte der Politiker. Debatten müssten so ausgefochten werden, dass die Mehrheit nicht von vorneherein verdächtig sei. „Wenn man etwas für Minderheiten erreichen will, muss man dafür Mehrheiten gewinnen. Und man gewinnt Mehrheiten nicht, wenn man sie frontal angreift und frontal verdächtigt.“ Thierse sprach sich dafür aus, dass ein Betroffener grundsätzlich das erste Wort in einer Diskussion haben müsse. „Und wir haben die Pflicht, ihm zuzuhören. Aber er muss nicht unbedingt das letzte Wort haben. Sondern da muss man Betroffenheiten in Argumente übersetzen.“

Die Trierer Literaturwissenschaftlerin und Gender-Forscherin Andrea Geier erinnerte daran, dass es in Rassismusdebatten um demokratische Grundwerte gehe. „Es geht um ein grundlegendes Versprechen, das wir gegeben haben, dass Menschen gleich behandelt werden. Struktureller Rassismus verhindert, dass Menschen gleich behandelt werden.“ Geier räumte ein, dass manche Formen von Kritik unangemessen seien. In der Gesellschaft gebe es aber immer noch Menschen, die sehr häufig gruppenspezifisch wahrgenommen würden, während andere als Individuen gesehen würden. „Solange das der Fall ist, haben wir einfach grundlegende Versprechen nicht eingelöst.“

Die Journalistin und Autorin Mithu Sanyal erklärte, dass es tatsächlich einen aggressiven Ton in der Gesellschaft gebe. Sie stelle sich aber die Frage, ob die Mehrheit wirklich gefährdet sei. „Und ich glaube, sie ist es in ganz bestimmten, kulturell geführten Debatten.“ In diesen Fällen müsse man aufpassen. In den meisten anderen Bereichen sei jedoch das Gegenteil der Fall. So sei die Minderheit der migrantisch geprägten jungen Männer die Verlierer in der Schule.

Thierse hatte im Februar mit einem Gastbeitrag in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ eine Kontroverse über Identitätspolitik ausgelöst. Debatten über Rassismus, Postkolonialismus und Gender-Themen würden heftiger, weil immer häufiger nicht inhaltliche Argumente, sondern die Identität der Gegner den Ausschlag gebe, schrieb der Politiker. Teile der SPD distanzierten sich von Thierse. Unterstützung erhielt er unter anderem aus Reihen der katholischen Kirche.

Die Podiumsdiskussion „Wie viel Identitätspolitik braucht unsere Gesellschaft?“ veranstalteten das Zentrum für Islamische Theologie und das Exzellenzcluster „Religion und Politik“ an der Universität Münster. Der islamische Theologe Mouhanad Khorchide erklärte, dass die Einteilung der Gesellschaft etwa in Gut und Böse oder in Migranten und weiße Männer das eigentliche Problem darstelle. „Weil wir nicht über die eigentlichen Probleme reden, sondern wir reden über Zugehörigkeiten.“ So würden Fronten konstruiert. Wenn er etwa Kritik am Islam übe, werde ihm vorgeworfen, Argumente von Rechten wiederzugeben.

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