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Ukrainekrieg schürt Sorge um Stabilität in Nahost

Ausgabe 322

Foto: GRAPHIC DESIGN BLOG

Der Krieg gegen die Ukraine kann auch unerwünschte Folgen im Nahen Osten haben. Szenarien reichen von Hunger bis Machtverschiebungen.

(KNA). Mit einem dringenden Appell für ein Ende der Gewalt haben sich zu Wochenbeginn Religionsvertreter in Jerusalem zum Ukrainekrieg zu Wort gemeldet. Es gehe darum, den leidenden Menschen Solidarität auszudrücken, betonten die drusischen, muslimischen, jüdischen und christlichen Geistlichen unisono.

Ein rasches Ende des Kriegs liegt im Eigeninteresse: Er hat nach Experten potenziell dramatische geopolitische Auswirkungen. Nahrungsmittelunsicherheit, Energiekrisen und Machtverschiebungen könnten in der krisengebeutelten Region des Nahen Ostens die Folge sein.

„Man versucht, den Nahen Osten praktisch in alles hineinzuziehen, entweder direkt oder indirekt“, sagte der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Erzbischof Pierbattista Pizzaballa, kürzlich. Vor allem russische Berichte über syrische und irakische Milizionäre an der Seite Russlands beunruhigten den italienischen Ordensmann. Man wisse sehr gut, dass in Kriegsgebieten besonders im Irak und Syrien noch viele Kämpfer warteten. Ihre Beteiligung als ausländische Milizen gegen die Ukraine wäre „eine unerwünschte Eskalation“.

Nicht nur spielt Moskau im Nahen Osten politisch eine wichtige Rolle. Viele Länder der Region Nahost-Nordafrika (MENA) stehen nach Aussagen des „Middle East Institute“ (MEI) in engen Handels- und Wirtschaftsbeziehungen zu beiden Konfliktparteien. Für sie sieht das Washingtoner Institut Auswirkungen bei Lebensmittel-, Öl- und Gaspreisen, auf dem Finanzmarkt und im Tourismus.

Der Krieg in der Ukraine hat Auswirkungen auf viele Märkte, aber wenige trifft es so hart wie ohnehin schwache MENA-Länder wie Syrien, Libanon und Jemen, deren Nahrungsmittelsicherheit das MEI extrem gefährdet sieht. Von 40 bis hin zu 90 Prozent ihres Getreides importieren sie aus Russland und der Ukraine. Preissteigerungen treffen Bevölkerungen, die zu großen Teilen unter der Armutsgrenze leben. Hilfswerke wie die Caritas warnen vor Hungersnöten in Krisengebieten wie Syrien, wo die Preise für Nahrungsmittel bereits dramatisch gestiegen seien. Noch größere politische Instabilität könnte die Folge sein.

Eine Herausforderung ist der Krieg nach Expertenmeinung auch für das Machtgefüge in Nahost. Insbesondere Saudi-Arabien, die Türkei und Katar könnten die Krise nutzen, um ihren Einfluss zu stärken. China könnte als politischer Akteur in der Region gegenüber den Großmächten Russland und USA an Bedeutung gewinnen. Entsprechend gleicht die Positionierung verschiedener MENA-Länder einem Balanceakt. Das Ausloten von Optionen hat für einige Vorrang vor klarer Parteiergreifung.

Klar auf der Seite Russlands positionierte sich Syrien – angesichts der russischen Unterstützung für Machthaber Baschar al-Assad wenig verwunderlich. Libanon hingegen fand scharfe Worte gegen die russische Invasion – und handelte sich damit Kritik aus den Reihen der Hisbollah ein. Deren Führer Hassan Nasrallah gab dem Westen und den USA Schuld an der Eskalation in der Ukraine. Eine Meinung, die er wenig überraschend mit dem Iran teilt.

„Nicht einfach“ sei die Situation Israels in Bezug auf den Krieg in der Ukraine, gestand Pizzaballa dem Land zu. Die Vermittlerrolle, um die Israel sich zwischen dem Verbündeten Russland und dem Freund Ukraine befinde, hat nach seiner Einschätzung jedoch wenig Aussicht auf Erfolg. Zu tief sitze inzwischen das gegenseitige Misstrauen.

Auch die palästinensische Behörde und Hamas haben offiziell in dem Konflikt keine Partei ergriffen. Unter Palästinensern sorgen die klaren westlichen Sanktionen gegen den Aggressor Russland unterdessen für Verbitterung. Sie sprechen von Doppelmoral angesichts der Untätigkeit der Welt gegenüber mehr als 70 Jahren israelischer Besatzung palästinensischer Gebiete. „Unser Widerstand wurde kriminalisiert“, formulierte es die palästinensisch-amerikanische Journalistin Mariam Barghouti im Al-Jazeera-Netzwerk „AJ+“.