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Whataboutism: Was ist das und wie geht man damit um?

Ausgabe 317

Foto: Foto: EyEm, Adobe Stock

Eine Anschuldigung oder eine schwierige Frage mit einer Gegenfrage beantworten – das ist die Technik des Whataboutism. Wer so agiert, will vom eigentlichen Kern des Diskurses ablenken. Angewandt beispielsweise vom MeToo-aber-auch-Männer-sind-Opfer-Typ.

(Titania-PR). Doch was tun in dieser kommunikativen Zwickmühle, bei Schmalspur-Argumentateuren und Whataboutismern, die notfalls auch noch das Gesprächskillerwort „Fake-News“ einsetzen? Mit diesem Phänomen befasst sich der Schweizer Kommunikationsexperte Stefan Häseli in seinem Fachbeitrag.

Sexismus oder Rassismus, Klimawandel, Coronapolitik oder Impfen. Eines haben diese großen Debatten unserer Zeit gemeinsam: den Whataboutism. Immer wieder wenden Menschen diese Argumentationstechnik an. Gemäß Oxford Living Dictionary wird dabei eine Anschuldigung oder eine schwierige Frage mit einer Gegenfrage beantwortet. What about…? – Was ist mit…? Diesen so genannten Whataboutism erleben wir gefühlt intensiver als früher.

Wer mit der Technik des Whataboutism agiert, hat oftmals das Ziel, vom eigentlichen Kern des Diskurses abzulenken. Zum Beispiel: Leute machen sich stark gegen die Benachteiligung der Frau. Von der Seite des Whataboutismers kommt dann ein Kommentar à la: „Naja, aber es gibt auch Männer, die von Frauen diskriminiert werden!“ Bei Kindern kennen wir so etwas ja auch: „Du hast genascht!“ – „Nein, hab‘ ich nicht, aber der andere hat doch auch!“

Ob beim Kind oder beim MeToo-aber-auch-Männer-sind-Opfer-Typ: Diese Personen fühlen sich im Innersten ertappt. Einerseits müssen sie den Argumenten des Gegenübers irgendwie recht geben, da sie oft als ziemlich klar und eindeutig daherkommen. Das können Fakten, Statistiken oder eben genaue Beobachtungen sein. Andererseits kommt es für sie überhaupt nicht in Frage, dem anderen recht zu geben – auf gar keinen Fall. Also was tun in dieser kommunikativen Zwickmühle? Schnell den Kontext verändern und schon hat man die Aussage irgendwie zurechtgebogen.

Obwohl diese Art der Gegenargumentation so durchsichtig wie auch dünn daherkommt, ist es als Gesprächspartner oft schwierig, dagegen wieder eine Replik zu setzen. Erst recht, wenn der Whataboutism-Anwender sein Notprogramm fährt: Wenn auch die schwächste Argumentation nichts mehr bringt, hat sich in den letzten Jahren das Gesprächskillerwort „Fake-News“ nach dem Motto „ist eh alles manipuliert“ ganz gut etabliert.

Dieser Tatbestand ist auch die größte Problematik: Fakten werden nicht mit Gegenfakten belegt, sondern mit Glaubenssätzen. Das kann nicht funktionieren. Man selbst legt eine Statistik einer demokratisch legitimierten Regierung vor – und wenn das Gegenüber zutiefst der Überzeugung ist, dass „alle Regierungen eh lügen“, kommt man im Dialog nicht weiter.

Wer einen Whataboutismer gegenüber hat, kennt das: Es wird schnell mühsam und man beginnt sich zu nerven. Im Eltern-Kind-Dialog kommt dann logischer- und meist auch sinnvollerweise das Schwert der Hierarchie zur Anwendung. „Ich hab‘ nicht genascht, aber der andere hat ja auch“ muss nicht gegenargumentiert werden. Mit einem „Ich hab‘ dich erwischt, du machst das nicht mehr – basta“ ist die Schlaufe unterbrochen. Die gute Stimmung vielleicht auch? Das gehört zu modernen wie traditionellen Erziehungsmaßnahmen eben dazu…

In politischen und gesellschaftlichen Diskussionen enden solche Dialoge dann meist im Patt. Oder eine Seite gibt auf. Oder man verlässt einander genervt.  Doch was tun – im Familien- und Freundeskreis genau wie im beruflichen Kontext, unter Kollegen oder Parteifreunden, im Verein oder am Stammtisch?

Welche Möglichkeit gibt es, um den Keil nicht weiter hineinzutreiben – erst recht, wenn sich einmal wieder alles um so etwas wie Corona-Maßnahmen oder Impfpflicht dreht? Was funktioniert jetzt noch, um Beziehungen wegen solchen Themen nicht scheitern zu lassen?

Die Lösungen sind so einfach wie wirksam: Entweder, man spricht den Whataboutism an – oder man klammert das entsprechende Thema von vornherein aus: „Ich stelle fest, dass wir uns hier nicht annähern. Lass uns doch dieses Thema zur Seite schieben und reden wir über… – wäre das ein Vorschlag?“ Das kann funktionieren, tut es auch oft – muss es aber nicht. Denn auch zum Themaausklammern gehört die Bereitschaft beider Seiten – wie es eigentlich immer ist, wenn in der Kommunikation ein Dialog stattfinden soll.

Über den Autor: Stefan Häseli ist Kommunikationstrainer, Keynote-Speaker, Moderator und Autor mehrerer Bücher. Er betreibt ein Trainingsunternehmen in der Schweiz. Der Kommunikationsexperte begleitet seit Jahren zahlreiche Unternehmen bis in die höchsten Vorstände von multinationalen Konzernen. Er doziert an Universitäten und Fachhochschulen im Themenfeld Kommunikation. Als Experte nimmt er im Radio und TV-Stationen immer dann Stellung, wenn Kommunikation irgendwo auf der Welt gerade eine entscheidende Rolle spielt. In seinen Kolumnen mit feinsinnigem Humor, in seinen Vorträgen und Seminaren vermittelt er Wissen kurzweilig und gespickt mit Beispielen aus der Praxis sowie amüsanten Anekdoten.

Link: stefan-haeseli.com

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