Wie die Syrer Istanbul verändern

Ausgabe 278

Foto: Freedom House, via flickr | Lizenz: CC BY 2.0

(KNA). Der Lärm spielender Kinder übertönt die Stimme von Zeynep Eksim. Die Projektkoordinatorin im Gemeindezentrum Sultanbeyli steht auf einem Spielteppich mit aufgemalten Autostraßen, wie man ihn auch aus deutschen Kindergärten kennt, vielleicht kommt er auch von dort. Zwischen 30 und 50 Kinder spielen hier. Der Istanbuler Kindergarten ist Teil eines größeren Projekts. Flüchtlinge aus Syrien können für einige Stunden ihre Kinder hier lassen, während sie selbst eine Ausbildung machen, zum Arzt oder zum Sprachkurs gehen. Auch eine psychologische Station gibt es. Die Räumlichkeiten sind auf fünf Stockwerke verteilt.
Rund 3,5 Millionen Flüchtlinge aus Syrien leben in der Türkei; das ist etwa die Hälfte aller syrischen Kriegsflüchtlinge. Hinzu kommen noch mal mindestens 300.000 Flüchtlinge aus dem Irak. Offiziell haben die Syrer Gaststatus. Man geht davon aus, dass sie nach Ende des Krieges in ihre Heimat zurückkehren. „Langsam aber wird uns klar, dass viele auch für immer bleiben werden“, sagt Halil Ibrahim Akinci, zuständig für Entwicklungsarbeit im Stadtteil Sultanbeyli.
Nur wenige Syrer, meist die ärmsten, leben in Lagern. Über 90 Prozent haben sich in türkischen Städten angesiedelt, davon mindestens 500.000 in Istanbul – wobei es tatsächlich mehr sein dürften. Im Gegensatz zu vielen anderen größeren Projekten für Schulen und Infrastruktur stammt das Geld nicht von jenen Milliarden, die die EU der Türkei im Rahmen des Flüchtlingsdeals zugesagt hat, sondern von der GIZ, im Rahmen einer Kooperation deutscher Entwicklungsorganisationen mit den türkischen Behörden.
Trotz großer Bemühungen des türkischen Staates und internationaler Organisationen ist die Schulbildung von Flüchtlingen noch eines der dringendsten Probleme. Eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung vom Juni 2017 geht davon aus, dass ein Drittel der Flüchtlinge Analphabeten sind. Nur sehr langsam werden die syrischen Kinder in das türkische Bildungssystem integriert. 37 Prozent werden in „vorübergehenden Bildungszentren“ unterrichtet.
Ganz problemlos ist das Zusammenleben mit den Gastgebern nicht. Vor allem in Gaziantep nahe der syrischen Grenze, wo viele Flüchtlinge leben, kam es immer wieder auch zu Zusammenstößen und Protesten. Anders als in manchen europäischen Ländern aber speist sich die Abneigung weniger aus kulturellen Ängsten oder der Sorge um einen Kontrollverlust des Staates. Er hat handfestere Ursachen wie Mietpreissteigerungen oder die Senkung des Lohnniveaus durch Billigarbeiter.
Im jüngsten Wahlkampf machten sowohl die sozialdemokratische CHP als auch die nationalistische MHP und die Iyi-Partei Stimmung gegen die Flüchtlinge. Iyi-Kandidatin Aksener posaunte sogar, im Fall eines Wahlsiegs sofort alle Syrer des Landes zu verweisen. Inzwischen ist die türkisch-syrische Grenze fast vollständig mit einer Mauer abgeriegelt.
In der ohnehin stark in säkulare und religiöse Fraktionen gespaltenen Bevölkerung der Türkei fürchten vor allem die kemalistisch geprägten Bürger, die Neuankömmlinge könnten zu einer weiteren „Islamisierung“ der Gesellschaft beitragen. Gesicherte Zahlen, wie viele Syrer bei der jüngsten Wahl abstimmen durften, gibt es zwar nicht. Klar aber ist, dass die überwiegende Mehrheit von ihnen die AKP wählt und einen „islamischen Lebensstil“ vertritt. Zeynep Eksim meint, es gebe hier wenig Probleme, weil Sultanbeyli ein konservativer Stadtteil sei.
Auch im europäischen Teil Istanbuls bleiben die Syrer meist unter sich oder in der Nähe der konservativen Türken. Die Gegend um Aksaray im Stadtteil Fatih ähnelte vor dem Flüchtlingsdeal vom April 2016 einem gigantischen Reisebüro. Syrische Familien trafen hier am Abend auf Schlepper, die sie in der Früh zur Küste fuhren. In den Seitenstraßen verkauften Händler Schwimmwesten an die Flüchtlinge. Das gibt es heute nicht mehr. Stattdessen haben zahlreiche syrische Geschäfte und Restaurants eröffnet. „Klein-Damaskus“ nennen manche Türken den Stadtteil.
Einer dieser Syrer ist Asis. Der weißhaarige Mann hatte 40 Jahre in Aleppo ein Restaurant betrieben. 2013 verließ er seine Heimat und floh nach Istanbul. Sein neues Lokal hier hat fast ausschließlich syrische Gäste. Zwei seiner Söhne, erzählt Asis, haben sich 2015 über die Balkanroute auf den Weg nach Europa gemacht. Einer lebt heute in Kopenhagen, der andere in Berlin. Doch die Balkanroute ist nun geschlossen, und der EU-Flüchtlingsdeal mit Erdogan gilt. Trotzdem werden immer wieder Syrer versuchen, über das Meer weiterzuziehen, nach Europa.

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