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ZDF-Studioleiterin Atai vermisst Themen aus dem Nahen Osten im Fernsehen

Foto: GRAPHIC DESIGN BLOG

Bonn/Kairo (KNA). Nach Ansicht der Leiterin des ZDF-Studios in Kairo, Golineh Atai (47), sind durch den Krieg in der Ukraine wichtige Themen aus dem Nahen Osten medial unterrepräsentiert. „Wir müssten stärker im Blick haben, welche interessanten Allianzen in der Region sich ergeben haben. Dass Israelis und Araber Annäherungsversuche unternommen haben, ist im deutschen Fernsehen viel zu kurz gekommen“, sagte Atai im Interview des KNA Mediendienstes in Bonn.

Das gelte beispielsweise für den ersten Besuch eines israelischen Präsidenten in den Vereinigten Arabischen Emiraten und für die Idee, eine Art anti-iranische Nato in der Region zu gründen. „Außerdem habe ich in den ersten Monaten hier fast wöchentlich eine Umwälzung in Saudi-Arabien mitbekommen – auch das haben wir kaum im Programm gehabt“, sagte Atai, die seit Januar 2022 das Studio in Ägyptens Hauptstadt leitet. Auch die massiven Auswirkungen des Klimawandels in der Region seien noch nicht im Blick.

Im Vergleich zu den 2000er-Jahren werden ihrer Meinung nach heute andere Schwerpunkte in der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung gesetzt. „Themen, die damals sehr interessant waren, spielen jetzt eine untergeordnete Rolle. Vor allem vor und nach dem Arabischen Frühling haben wir viele Filme zum Thema Menschenrechte gemacht, aber die Zeiten sind vorbei“, sagte Atai, die von 2006 bis 2008 bereits ARD-Korrespondentin in Kairo war. „Ich frage mich oft, ob das am Scheitern dieser demokratischen Bewegungen liegt, oder an der fehlgeleiteten Prämisse, dass nur mit Diktatoren Stabilität in diesen Ländern erreicht werden kann.“

Ihr falle zudem auf, dass die Berichte damals näher an den Menschen dran gewesen seien. „Und die Korrespondenten hatten noch viel mehr Möglichkeiten, in Sendungen zu kommen. Es gab Formate, die dann Jahre später abgeschafft wurden“, beklagte sie. Das liege nicht allein an der Reduzierung von Auslandmagazinen, auch für andere Sendungen treffe das zu. In den vergangenen Jahren habe sie festgestellt, dass man sich von den Menschen in dieser Region entfernt habe. „Die neue Prämisse ist, dass wir eigentlich nur das senden, was gefühlt nah am Zuschauer ist. Ich bin jetzt seit 22 Jahren im Geschäft, und das ist schon etwas, was mir auffällt“, sagte die 47-Jährige gebürtige Iranerin.