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Aus dem Wörterbuch des Ideologen – ein Glossar der Verschwörungsmythen

Ausgabe 318

Foto: Crazy Cloud, Adobe Stock

(iz). Die einen reden von „Reptiloiden“ und „Chemtrails“, die anderen von „New World Order“: Jede Verschwörungsideologie hat ihr eigenes Vokabular. Auch jene vom „Politischen Islam“. Ein Überblick über die wichtigsten Begriffe.

Aktionsgeflecht. Bietet die Möglichkeit, Personen und Organisationen miteinander in Verbindung zu bringen, die nichts miteinander zu tun haben. Um zum „Aktionsgeflecht der → Muslimbruderschaft“ zu gehören, reicht im Zweifel schon, mit der „falschen“ Person auf demselben Podium gesessen zu haben. Bedient zudem die Vorstellung eines geheimen mächtigen Netzwerkes – die Essenz einer jeden Verschwörungstheorie. Vor Jahren von dubiosen Islamistenjägern im Internet erfunden, findet sich der Begriff heute auch in Verfassungsschutzberichten. Personen, die ihn nutzen, bewegen sich übrigens auffällig häufig im „Aktionsgeflecht“ von Rechtsextremisten.

Atmosphärischer Dschihadismus. Behauptet die Existenz eines islamischen Terrorismus, der ohne Akteure und Strukturen auskommt und sich allein über „Stimmungen“ in der muslimischen Community bildet. Bietet die Chance, jede Äußerung, die vermeintlich zu dieser Stimmung beiträgt zum Dschihadismus zu erklären. Ursprünglich vom Politologen Gilles Kepel erfunden, um islamfeindliche Gesetzgebung in Frankreich zu legitimieren, wird der Begriff auch in Deutschland und Österreich zunehmend populär.

Herrschaftsanspruch. Klingt nach Osmanen-Herr vor Wien, richtet sich aber meist gegen Moscheevereine, die schon mit der Bewältigung der eigenen Gemeindearbeit überfordert sind. Wird häufig verwendet, um Forderungen nach Gleichberechtigung zu delegitimieren, indem diese zum Ausdruck einer herbeihalluzinierten islamischen Bedrohung verklärt werden. Beispiel: „Der Muezzin-Ruf des Türkischen Bildungs- und Kulturvereins im hessischen Raunheim belegt den Herrschaftsanspruch des Politischen Islam.“

Islamisierung. Galt bis vor wenigen Jahren noch als wichtigster Begriff der verschwörungstheoretischen Vorstellung, Muslime würden westliche Gesellschaften unterwandern, erobern oder nach anti-demokratischen Vorstellungen umbauen. Hat durch seine starke Verwendung in rechtsextremen Kreisen in den letzten Jahren an Attraktivität verloren und wurde in bürgerlichen Kreisen weitgehend durch → Politischer Islam ersetzt.

Islamismus. Bezeichnet ursprünglich politische Bewegungen, die im frühen 20. Jahrhundert unter anderem in Ägypten, Iran und auf der arabischen Halbinsel entstanden. Wird von Verschwörungsideologen heute vor allem genutzt, um Muslime begrifflich in die Nähe von Terroristen zu rücken. Zum Beispiel: „Islamist reißt sich und 20 Schulkinder in Nigeria in den Tod“ / „Islamist kandidiert für Dinslakener Gemeinderat“.

Islamkritiker. Erfüllt die für Verschwörungsideologien essentielle Rolle des allwissenden Insiders. Tritt häufig als geläuterter Aussteiger auf und genießt dank tatsächlicher oder behaupteter biographischer Bezüge zum „Islam“ quasi unfehlbare Autorität zu allen Themen rund um islamische Theologie, Kultur, Integration, Migration, Kriminalität, Rassismus und Sexualität in Deutschland, Europa und allen Ländern der islamischen Welt.

Muslimbruder. Eigentlich aus Ägypten stammende politische Bewegung. Wurde im 20. Jahrhundert von ägyptischer und saudischer Diktatur als Kampfbegriff etabliert, um jede Form von Opposition zu delegitimieren. Fand über den Umweg rechtsextremer Verschwörungsideologen in den USA in den letzten Jahren auch Einzug in die islamfeindliche Rhetorik in Deutschland und Österreich. Gelten – obwohl in Europa kaum vertreten – als allgegenwärtige und allmächtige Hauptakteure der → Islamisierung und des → Politischen Islam. Dient in Verbindung mit → Aktionsgeflecht als ultimatives Argument, um Muslime aus dem öffentlichen Leben zu verbannen. Beispiel: „Ein Akteur, der dem Aktionsgeflecht der Muslimbruderschaft zuzurechnen ist, kann kein Partner des Familienministeriums sein.“

Politischer Islam. Kernbegriff der Verschwörungsideologie. Im wissenschaftlichen Kontext Bezeichnung für politisch-islamische Akteure des Nahen Ostens wie Hamas und Muslimbruderschaft. Wird von Verschwörungsideologen als Sammel- und Kampfbegriff gegen unliebsame Muslime gebraucht. Suggeriert Wissenschaftlichkeit, ergibt aber in etwa so viel Sinn, als würde man die ugandische Lord‘s Resistance Army, Breivik, die CDU und die Caritas unter dem Begriff „politisches Christentum“ zusammenfassen. Kann beliebig genutzt werden, um alltägliche muslimische Religionsausübung zu problematisieren. Beispiel: „Beten/ Fasten/ Moscheebesuche sind Merkmale eines Politischen Islam, der in Deutschland immer weiter um sich greift.“