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Zwischen Stoa und Islam — Von Marc Aurel zu Imam Ghazali

Ausgabe 372

stoa islam
Foto: Shutterstock

Zwischen Stoa und Islam: Es gibt eine Frage, die wir selten öffentlich stellen, obwohl sie dringend ist: Was macht einen Muslim eigentlich aus?

(iz). Wer die Antwort sucht, bekommt meistens dieselbe: Du betest fünfmal. Du fastest im Ramadan. Du isst kein Schweinefleisch. Das stimmt alles, doch es reicht bei weitem nicht.

Denn wer den Islam auf seinen äußeren Vollzug reduziert, hat etwas übersehen, das im Koran auf jeder Seite steht. „Wahrlich, es erlangt Heil, wer es reinigt“ (91:9). „Es“, das ist das Selbst. Nicht die Gebetshaltung. Nicht das Fastenprotokoll. Das Selbst.

Und es zu läutern ist kein Zusatzprogramm für besonders fromme Menschen, das man nach dem Pflichtpensum angehen kann. Es ist der Kern des Ganzen. Aber genau diesen Kern kennen viele nicht. Und weil die Natur keine Leere duldet, füllt sich der leere Raum mit etwas anderem.

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Der stoische Mann als Ersatz

Scroll durch die Feeds junger Muslime heute, und du wirst ihn finden: den stoischen Mann. Ruhig, unerschütterlich, von nichts zu bewegen. Er zitiert Marc Aurel. Er spricht über Disziplin und Kontrolle. Er sagt, du musst deine Emotionen beherrschen, du musst stark sein, du musst dich nicht von Äußerlichkeiten bewegen lassen.

Und dann — fast nebenbei — sagt er, das sei eigentlich auch islamisch. Sabr sei Stoizismus. Tawakkul sei Stoizismus. Der starke Muslim sei der stoische Mensch. Was dabei mitschwingt, ist ein bestimmtes Bild von Männlichkeit: Stärke als Unberührbarkeit, Gefühle als Schwäche und das Herz als Problem.

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Das scheint für manche plausibel. Es klingt sogar überzeugend. Und es ist, mit Verlaub, falsch!

Nicht weil Marc Aurel keine beeindruckende Persönlichkeit wäre. Im Gegenteil: Marcus Aurelius, Kaiser Roms im zweiten Jahrhundert, war der mächtigste Mann seiner Welt und führte regelmäßig private Gespräche mit sich selbst, die er nie veröffentlichen wollte.

Was heute als Selbstbetrachtungen bekannt ist, war sein Übungstagebuch: Wie bleibe ich gerecht? Wie bleibe ich ruhig? Wie ertrage ich das Unvermeidliche, ohne daran zu zerbrechen? Ein Mann auf dem Kaiserthron, der abends schreibt: Denk daran, dass du sterblich bist. Denk daran, dass das Vergängliche vergeht. Halte daran nicht fest. – Das ist nicht nichts. Das ist sogar viel. Aber es fehlt etwas darin, das so grundlegend ist, dass seine Abwesenheit alles verändert.

Marc Aurels Gott ist kein Gott, der antwortet. Die Weltvernunft, die nach stoischer Vorstellung alles Seiende durchdringt, hört nicht zu. Sie sendet keine Offenbarung. Sie kennt deinen Namen nicht. Wenn der stoische Weise stirbt, kehrt sein Feuerfunken in das große Ganze zurück, spurlos, namenlos, ohne Gericht und ohne Wiedersehen.

Foto: crisfotolux/Adobe Stock

Der Gleichmut, den Marc Aurel empfiehlt, ist der Gleichmut des Alleingelassenen: großartig, bewundernswert, und im letzten Grunde einsam. Und weil dieser Gott schweigt, bleibt dem Menschen nur eines: alles aus sich selbst zu holen. Das Herz wird nicht geöffnet – es wird versiegelt. Nicht aus Böswilligkeit, sondern weil ein Herz, das nichts erwartet, auch nicht enttäuscht werden kann.

Wenn junge Muslime das übernehmen und islamisch nennen, entsteht ein Menschentyp, der seine Gefühle wegdressiert und dieser Dressur dann Gottvertrauen nennt. Ein Mann, der nicht weint und das Stärke nennt, der das Herz verhärtet und das Reife nennt. Dabei ist das Herz im Islam nicht das Problem, es ist das Ziel.

Der erste muslimische Philosoph

Um das zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf einen Denker, der diese Begegnung zwischen griechischer Philosophie und islamischer Geistesgeschichte bereits vollzogen hat – vor tausend Jahren, in Bagdad, und der zeigt, wie weit man mit der Stoa kommt und wo sie aufhört.

Yakub ibn Ischaq al-Kindi war der erste muslimische Philosoph im eigentlichen Sinne. Er lebte im 9. Jahrhundert, am Hof der Abbasiden, in einer Stadt, die damals das intellektuelle Zentrum der Welt war.

Griechische Texte wurden ins Arabische übersetzt, Philosophen diskutierten mit Theologen, Astronomen stritten mit Mystikern, und mitten in diesem Getümmel saß al-Kindi und las alles, was er bekommen konnte — auch die Stoiker.

Er schrieb eine kleine Schrift, die man heute kaum kennt, die aber erstaunlich ist: Über die Kunst, Sorgen zu vertreiben. Darin beschreibt er sechzehn Schritte gegen den Seelenschmerz.

Schmerz, sagt er, entsteht, wenn wir etwas Vergängliches verlieren, an dem wir gehangen haben. Die Therapie: Binde dich nicht ans Vergängliche. Orientiere dich an dem, was nicht geraubt werden kann, nämlich am Bleibenden.

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Foto: Topkapi Palace Library, Istanbul, via Wikimedia Commons | Lizenz: Public Domain

Das klingt sehr stoisch, und ja: Das ist es auch. Aber Kindi tut etwas, das Marc Aurel nicht tut: Er nennt das Vergängliche beim Namen. Es ist Gottes Leihgabe. Du hast es nicht besessen, du hast es geliehen.

Und der Eigentümer kann es zurückfordern, wann er will, ohne dass du dafür einen Grund verlangen kannst. Wer das wirklich verinnerlicht hat, leidet anders. Nicht weil er kalt wäre, sondern weil er weiß, wem alles gehört.

Das ist ein echte Veränderung gegenüber Marc Aurel. Dieselbe Grundstruktur — löse dich vom Vergänglichen — aber mit einem Gott dahinter, der persönlich ist, der schöpft, der gibt, der zurücknimmt. Und der, anders als der stoische Logos, zuhört.

Aber Kindi geht nur den halben Weg.

Das Jenseits bleibt bei ihm Randnotiz. Das Herz wird kaum erwähnt. Die Offenbarung tritt auf wie ein Gast, der kurz an der Tür klopft und wieder geht. Wir können sagen: Kindi islamisiert die Stoa, aber er verwandelt sie nicht. Die Verwandlung vollzieht ein anderer.

Die Frage, die alles verändert

Abu Hamid al-Ghazali tut es auf eine Weise, die man nur verstehen kann, wenn man bereit ist, die Frage selbst zu verändern. Marc Aurel und Kindi fragen: Wie werde ich den Schmerz los? Al-Ghazali fragt: Welchen Schmerz soll ich haben? – 

Das ist kein Wortspiel. Es ist ein Erdbeben, denn: Wer die Frage verändert, verändert die gesamte Richtung des Lebens.

Man muss kurz innehalten, um zu verstehen, wer dieser Mann war, denn al-Ghazali war kein ruhiger Gelehrter, der in seiner Bibliothek saß und Gedanken ordnete. Er war Professor in Bagdad, berühmt, einflussreich –  und doch erlitt er einen Zusammenbruch. Mitten auf dem Höhepunkt seiner Karriere verlor er die Sprache. Er hatte auf alles eine Antwort – wie ein Sophist – und merkte plötzlich, dass Wissen und Gewissheit zwei verschiedene Dinge sind. Dass man alles über Gott sagen kann und Gott dabei nicht kennen. Er verließ Bagdad, wanderte, schwieg — und aus diesem Schweigen entstand die Wiederbelebung der religiösen Wissenschaften, sein Lebenswerk.

Was er darin sagt, beginnt mit einer Unterscheidung, die unsere Geisteshaltung verändert. Es gibt zwei Arten von Trauer. Die eine ist Trauer um alles außer Gott, d.h. um den verlorenen Besitz, den verwelkenden Körper, den verpassten Ruhm. 

Diese Trauer ist eine Krankheit. Hier haben Marc Aurel und Kindi recht: Sie soll überwunden werden. – Aber dann gibt es die andere Trauer. Die Trauer um die Distanz zu Gott. Dass das Gebet heute achtlos war. Dass das Herz heute hart war. Diesen Schmerz soll man nicht heilen. Er ist das Zeichen, dass das Herz lebt. Er ist wahr, gut und schön. Dieser Schmerz ist ein Gottesdienst.

Marc Aurel ist bewundernswert. Er ist redlich, er ist streng, er ist ehrlich mit sich selbst. Aber sein Weg führt in eine tiefe Einsamkeit – in die Einsamkeit eines Menschen, der alles aus sich selbst holt, weil er nichts erwartet, was von außen kommt. Kindi hat diese Einsamkeit durchbrochen. Er hat Gott zurückgebracht in die Philosophie des Schmerzes. Aber er hat den Weg nur angedeutet. Al-Ghazali ist den Weg gegangen.

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Foto: Adobe Stock

Das prophetische Menschenbild

Der Muslim ist nicht der Mensch ohne Schmerz. Er ist der Mensch, dessen Schmerz die richtige Richtung hat. Das ist kein Trost für Schwache. Das ist eine Zumutung für jeden, der glaubt, Stärke bedeute Unberührbarkeit oder Unverletzlichkeit.

Dieses Menschenbild wurde nicht bloß theoretisch formuliert, es wurde gelebt. Der Prophet, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, weinte. Er weinte über den Tod seines Sohnes Ibrahim und sagte: „Das Auge weint, und das Herz trauert, und wir sagen nur, was unserem Herrn gefällt.“ Er weinte in der Nacht, allein vor Allah. Nicht weil er schwach war, sondern weil sein Herz so offen war, dass es von Gott bewegt werden konnte.

Und die, die ihm am nächsten waren, trugen dasselbe in sich. Abu Bakr, der Freund des Propheten und sein erster Nachfolger, weinte im Gebet – so sehr, dass die Gemeinde hinter ihm seine Stimme kaum hören konnte.

Umar ibn al-Khattab, der Mann, vor dem die Tyrannen und Machthaber zitterten, weinte, als er sah, wie der Prophet auf einer bloßen Matte schlief, und die Matte Spuren auf seiner Seite hinterlassen hatte. Er weinte nicht aus Mitleid, er weinte, weil ihn die Größe dessen, was er sah, überwältigte. Das sind keine Männer, die ihre Gefühle nicht beherrschten. Das sind Männer, deren Herzen so weit waren, dass sie von der Wahrheit ergriffen werden konnten.

Dieses offene Herz zeigte sich nicht nur im Gebet und in der Trauer. Es zeigte sich auch im Umgang mit den Menschen. Imam Zayn al-Abidin, Urenkel des Propheten und bekannt für seine Frömmigkeit und Sanftheit, rief einmal seinen Bediensteten. Dieser ließ sich Zeit und kam erst spät.

Als Imam Zayn al-Abidin ihn fragte, warum er so lange gebraucht habe, antwortete der Bedienstete ruhig: weil er wusste, dass sein Herr barmherzig ist. Imam Zayn al-Abidin schwieg einen Moment und schenkte ihm darauf die Freiheit. Nicht als Reaktion auf Gehorsam, sondern als Antwort auf Vertrauen. Ein Herz, das von Gott geformt wurde, erkennt sich in der Barmherzigkeit wieder und kann nicht anders, als sie weiterzugeben.

Das ist das prophetische Menschenbild: nicht der Unerschütterliche, sondern der Durchlässige. Nicht der, der nichts fühlt, sondern der, dessen Fühlen eine Richtung hat.

Das Gebet ist der Anfang, nicht das Ziel. Das Fasten ist die Tür, nicht das Haus. Was dahinter liegt, ist ein Herz, das gelernt hat, vom Göttlichen bewegt zu werden, statt sich gegen alles zu wappnen. Und dieses Herz ist nicht schwach, weil es fühlt. Es ist mehr: Es ist unzerstörbar, weil es fühlt. Weil es weiß, wohin es gehört.

Wer das versteht, hat verstanden, was es heißt, Muslim zu sein. Nicht als Selbstbezeichnung, nicht als Teil einer Gruppe, als ob Name und Partei genügten. Auch nicht als Zugehörigkeit oder Identität, sondern als Zustand: als fortwährende Ausrichtung eines sich reinigenden Herzens auf den, dem es gehört.

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