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Bücher: Christopher Clarke hat einen spannenden Aufsatzband veröffentlicht

Ausgabe 309

Foto: Smithonian Institute

„Macht ist das Thema der Geschichtsschreibung, dem man fast überall begegnet, das aber zugleich am schwersten zu fassen ist. Machtfragen stehen im Zentrum der ­meisten historischen Narrative, doch der Begriff selbst wird selten hinterfragt oder analysiert.“ (C. Clarke)

(iz). Zu den schwierigsten Fragen gehört die nach der Zeit. Über sie nachzudenken, hilft der ­aktuelle Titel „Gefangene der Zeit. Geschichte und Zeitlichkeit von Nebukadnezar bis Donald Trump“. Veröffentlicht hat ihn der australische Historiker Christopher Clarke im letzten Jahr bei DVA. Derzeit lehrt der 1960 geborene Wissenschaftler am St. Catharine’s College der Universität Cambridge. Clarke hat sich auf deutsche und preußische Geschichte spezialisiert.

Wie relevant seine Überlegungen für das Heute sind, zeigt der Autor in seinem Vorwort: „Die große Entschleunigung aller Abläufe fühlte sich wie eine Umkehr der inneren Logik der Moderne an. Flüge, Vorträge, Konferenzen, Zeremonien und Versammlungen wurden abgesagt. Die Zeit floss nicht mehr so schnell wie das Wasser in einem Gebirgsbach. Sie konzentrierte sich um jede einzelne Aufgabe. Die Zukunft wurde verschwommen.“

Die jetzige Pandemie und die von ihr ausgelösten Maßnahmen sind ein Bindeglied zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Anstatt etwas vollkommen Neues zu sein, greife man tendenziell auf Methoden zurück, die bereits von mittelalterlichen oder frühneuzeitlichen Städten angewandt worden seien. „Quarantäne, »Lockdown«, Abstand, Masken und die Schließung von öffentlichen Einrichtungen wie Geschäften, Märkten und Kirchen. Damals wie heute mussten die politischen Behörden die Gefahr für das Leben abwägen gegen die Gefahr für Einkommen und ökonomische Vitalität.“ In Handelsstädten wie New Orleans, ­Istanbul, Bombay (dem heutigen Mumbai) und Hamburg sei das ein schwieriger Balanceakt gewesen.

Was uns über die Zeitläufe hinaus verbindet, ist das vom Autor beschriebene „Bedürfnis nach einer moralischen Einsicht“. Dieses sei immer noch sehr stark. „Selbst im relativ säkularisierten Umfeld des heutigen Westens gibt es den Drang, die Sinnlosigkeit des Leidens und Todes zu lindern, indem man hoffnungsvoll darüber spekuliert, dass uns die Pandemie womöglich achtsamer für das ökologische Gleichgewicht unserer Welt und sensibler für die Bande der Solidarität und Interdependenz machen werde, die uns mit unseren Mitbürgern verbinden.“

Obwohl Seuchen, Epidemien und Pandemien zum historischen Erbe der Menschheit gehören, werden sie nur selten mit der menschlichen Geschichte zusammen überliefert. Es sei verblüffend, so Clarke, „wie wenig Spuren selbst die furchtbarsten Begegnungen mit tödlichen Krankheitserregern in den großen historischen Darstellungen und im öffentlichen Gedächtnis“ hinterlassen hätten. Dabei sollten die von Spaniern nach Amerika eingeschleppten Infektionskrankheiten oder die mehrfachen Pestwellen, die das Römische Reich entscheidend schwächten, uns daran erinnern, dass menschliche Geschichte wohl auch eine Chronik unserer Gesundheit ist.

Clarke liefert einen interessanten Deutungsversuch dieser Ausblendung. Nicht nur Historiker, Menschen insgesamt sehnten sich nach „Urheberschaft“. Man liebe Geschichte, in denen Menschen einen Wandel bewirken und „denken in langen Kausalketten“. Der Coronavirus oder jede andere Seuche durchbricht dieses Narrativ. Sie überschritten „die Grenze zwischen der tierischen und menschlichen Welt“.

Die 12 in „Gefangene der Zeit“ abgedruckten Aufsätze sind überarbeitete Texte, die der Autor zuvor vorgetragen oder veröffentlicht hatte. Sie sind thematisch nicht einheitlich, sondern reichen vom neubabylonischen König Nebukadnezars und der Deutung seiner Träume durch die alttestamentarischen Propheten Daniel über „Psychogramme aus dem Dritten Reich“ bis zu den Nationalisten unserer Tage. Clarke hat sie ausgewählt, weil sie für ihn prägend gewesen seien. Ihre Kernthemen seien „Religion, politische Macht und Zeit“.

Letztere sei für ihn kein „durchsichtiges Plasma, durch das sich die Geschichte bewegt“. Vielmehr ist Zeit für den Histo­riker etwas, das von Narrativen „religiösen ebenso wie säkularen“ konstruiert und geformt werde. Das habe ihn stets fasziniert, weil dies verrate, wie die Anwesenheit von Macht „in welcher Form auch immer“ das menschliche Bewusstsein und den Sinn für Geschichte präge.

Christopher Clarke, Gefangene der Zeit. Geschichte und Zeitlichkeit von Nebukadnezar bis Donald Trump, DVA, München 2020, gebunden, 336 Seiten, ISBN 3421048312, Preis: EUR 26.–

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