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Bundeswehr verlässt Afghanistan

Foto: Bundeswehr/Niklas Fritzsche, via flickr

Kein Einsatz hat die Bundeswehr so stark geprägt wie der in Afghanistan. Das Ende ist nun besiegelt. Für die Soldaten geht es jetzt noch darum, sicher nach zu Hause gekommen. Ob sich ihr Einsatz gelohnt hat, wird sich erst später herausstellen. Von Michael Fischer

Berlin (dpa). Sechs Monate. Darum ging es, als der Bundestag am 22. Dezember 2001 darüber abstimmte, ob die Bundeswehr sich an einer internationalen „Friedenstruppe“ in Afghanistan beteiligen soll. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) warb bei den Abgeordneten ausdrücklich mit dem kurzen Einsatzzeitraum um Zustimmung. „Ich denke, wir sollten jetzt keine abstrakten Diskussionen über die Frage führen, ob sechs Monate ausreichen oder nicht, sondern deutlich machen: Es handelt sich um ein von den Aufgaben her, vom Einsatzort her und von der Zeit her begrenztes Mandat.“

Es kam anders, ganz anders, als Schröder sich das damals ausmalte. Aus den sechs Monaten Einsatzdauer wurden fast zwei Jahrzehnte. Zum damaligen Einsatzort Kabul und Umgebung kam ein riesiges Gebiet im gebirgigen Norden Afghanistans hinzu. Und aus der Aufgabe Friedenssicherung wurde Krieg gegen die aufständischen Taliban. Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg wurden deutsche Soldaten wieder in stundenlange Gefechte verwickelt. Erstmals führten sie wieder offensive Operationen zur Bekämpfung eines Gegners durch. 59 deutsche Soldaten kamen in Afghanistan ums Leben, 35 davon in Gefechten oder bei Anschlägen.

„Gemeinsam rein, gemeinsam raus“

Nun ist das Ende des verlustreichsten und teuersten Einsatzes der Bundeswehrgeschichte mit einem Nato-Beschluss besiegelt. Die Bundesregierung, die sich lange für die Koppelung des Abzugs an den Erfolg der laufenden Friedensverhandlungen eingesetzt hat, fügt sich dem Willen des amerikanischen Bündnispartners. „Wir haben immer gesagt, wir gehen gemeinsam rein, wir gehen gemeinsam raus“, sagt Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU).

Der gemeinsame Abzug ist alternativlos, weil kein europäischer Bündnispartner willens und in der Lage wäre, die US-Kräfte zu ersetzen. Die Nato-Truppe zieht ab, bevor das Ziel erreicht ist. Von Frieden ist Afghanistan noch weit entfernt. Es ist ein unvollendeter Einsatz.

Deutschland will seine Soldaten als zweitgrößter Truppensteller nun sogar noch früher nach Hause holen als die USA. US-Präsident Joe Biden hat den 11. September als Abzugstermin festgelegt – den 20. Jahrestag der verheerenden Anschläge des Terrornetzwerks Al-Kaida in den USA, bei denen in New York, Washington und Pennsylvania fast 3000 Menschen getötet wurden. Kramp-Karrenbauer nannte am Donnerstag in einem Tagesbefehl an die Truppe Mitte August als Zielmarke.

1.100 Soldaten und 800 Container kommen nach Hause

1100 Soldaten sollen bis dann aus dem nordafghanischen Masar-i-Scharif und der Hauptstadt Kabul nach Hause zurückkehren. Das könnte noch einmal brenzlig werden für die Truppe. „Die Gefahren durch Angriffe von außen dürfen ebenso wenig vernachlässigt werden, wie das Risiko durch mögliche Innentäter“, warnt der Chef des Bundeswehrverbands, André Wüstner. Die Verteidigungsministerin will deswegen zusätzliche Sicherungskräfte bereitstellen.

Der Abzug ist seit langem vorbereitet. Die ersten 500 Containerladungen mit Material wurden bereits abtransportiert, nachdem die USA ihre Abzugspläne Anfang 2020 bekannt gemacht hatten. Weitere 800 Ladungen sollen jetzt noch folgen. Es wird alles eingepackt, was irgendwie noch brauchbar ist – vom Sanitätskoffer bis zum gepanzerten Fahrzeug. Das wirklich schwere Gerät wie der Schützenpanzer „Marder“ oder die Panzerhaubitze 2000 wurde bereits vor Jahren nach dem Ende des Kampfeinsatzes der Bundeswehr ausgeflogen.

Wunsch nach ehrlicher Aufarbeitung

In vier Monaten soll das Camp Marmal in Masar-i-Scharif, das einst 7.000 Soldaten beherbergte, geräumt sein. Was dann noch bleibt, ist vor allem die Frage: Hat sich das alles gelohnt?

Tanja Menz hat dazu eine klare Meinung: „Ich denke, wir sind uns alle einig, dass wir das, was wir ursprünglich erreichen wollten, nicht erreicht haben. Die Frage ist natürlich, ob das überhaupt zu erreichen war“, sagt die 52-Jährige aus Backnang in Baden-Württemberg. Sie ist die Mutter von Konstantin Menz, der 2011 als 22-jähriger Stabsgefreiter bei einem Anschlag in der nordafghanischen Baghlan getötet wurde.

Tanja Menz erwartet vor allem, dass nach dem Truppenabzug eine gründliche Aufarbeitung des Einsatzes erfolgt. „Ich würde mir einfach wünschen, dass man da ehrlich ist. Das wäre wichtig für die Soldaten, die im Einsatz waren und zum Teil traumatisiert nach Hause gekommen sind, aber auch für die Hinterbliebenen“, sagt sie.

Kramp-Karrenbauer hat bereits eine umfassende Bilanz zugesagt. Im Abzugsbefehl fällt sie – wenig überraschend – zunächst einmal durchweg postiv aus. „Die Bundeswehr verlässt Afghanistan mit Stolz“, schreibt sie darin zusammen mit Generalinspekteur Eberhard Zorn an die Soldaten. „Unsere Soldatinnen und Soldaten haben alle Aufträge erfüllt, die das Parlament ihnen gegeben hat.“

In Kundus führte die Bundeswehr Gefechte

Unbestritten ist, dass der Einsatz die Truppe so stark geprägt hat, wie kein anderer. 160.000 Soldaten sind für normalerweise vier bis sechs Monate nach Afghanistan geschickt worden, manche mehrmals. Mehr als 5.500 erhielten die Einsatzmedaille Gefecht, waren also an Kampfhandlungen beteiligt. Als die Truppe 2013 das Feldlager in der besonders umkämpften nordafghanischen Provinz Kundus räumte, sagte der damalige Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU): „Kundus, das ist für uns der Ort, an dem die Bundeswehr zum ersten Mal gekämpft hat, lernen musste zu kämpfen. Das war eine Zäsur – nicht nur für die Bundeswehr, sondern auch für die deutsche Gesellschaft.“

Afghanistan machte die Bundeswehr, die bis in die 90er Jahre ganz auf Landesverteidigung ausgerichtet war, zu einer echten Einsatzarmee. Der bekannteste Satz, der einmal über die Mission gesagt wurde, stammt vom früheren Verteidigungsminister Peter Struck. Die Sicherheit Deutschlands werde auch am Hindukusch verteidigt, sagte der inzwischen verstorbene SPD-Politiker.

Das galt später auch als Begründung für die Bundeswehreinsätze im Kampf gegen die Terrororganisation Islamischer Staat im Irak und in Syrien (IS) oder die Missionen im westafrikanischen Mali. Die Bereitschaft der deutschen Politik, die Bundeswehr notfalls in echte Kampfeinsätze zu schicken, ist inzwischen aber wieder gesunken – vielleicht auch wegen der Afghanistan-Erfahrung. „Die Frage der robusten, auch der Kampfeinsätze ist sicherlich für Deutschland die allerschwierigste, und ich sehe im Moment im Bundestag keine Mehrheit für wirklich robuste Einsätze“, räumte Kramp-Karrenbauer vor wenigen Wochen bei einer Veranstaltung der Körber-Stiftung ein.

Soldaten droht „nachträglicher Sinnverlust“

Ob sich der Afghanistan-Einsatz wirklich gelohnt hat, wird erst die weitere Entwicklung der Friedensbemühungen in den nächsten Monaten und Jahren zeigen. Der frühere Generalinspekteur Harald Kujat sieht das sehr pessimistisch: „Die Taliban sind politisch stark und werden auch militärisch stärker. Innerhalb kürzester Zeit werden sie die Macht in Afghanistan übernehmen“, sagte er dem MDR.

Der Grünen-Verteidigungsexperte Winfried Nachtwei, der die Bundeswehr in den vergangenen zwei Jahrzehnten 20 Mal in Afghanistan besucht hat, befürchtet einen „nachträglichen Sinnverlust“ für die Afghanistan-Rückkehrer, falls ein solches Szenario eintritt. Vor allem die Soldaten, die selbst verwundet worden seien oder Kameraden verloren hätten, treibe die Sinnfrage um, sagt er. „Gerade für Soldaten, die nicht Söldner sein wollen, geht das an die Substanz.“

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