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Debatte um Terrorismus schaukelt sich weiter hoch

Foto: Fishman64, Shutterstock

„Um so wichtiger wäre es, eine Mitte auszumachen, die an einer echten Diskussion auf Grundlage notwendiger Differenzierung interessiert ist. Die Logik des ‘wir sind gut, weil sie böse sind’ hilft keiner Seite.“

(iz). In den letzten Wochen hatten Meinungsmacher und Influencer gut zu tun. Unter dem Eindruck von Mord und Totschlag in den Straßen europäischer Städte ging es darum, das künftige Verhältnis zum Islam und damit letztlich die Rolle der europäischen Muslime zu definieren. So weit so gut.

Leider bestimmen zunehmend die Ränder der Gesellschaft, die ihre jeweiligen Echokammern bedienen, den Ton der Debatte. Die Idee, dass die Mitte den Rahmen eines fairen und Dialogs definiert, leidet darunter. Die alte Tugend der Differenzierung wäre hier eine Notwendigkeit.

Zu diesem Missstand tragen ebenso Muslime bei. Man denke nur an abenteuerliche Vergleiche mit der Situation der Juden in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts. Hinzu kommt eine Sprache, die den Vorwurf an die Muslime, sie seien am Entstehungsprozess des Terrorismus beteiligt, mit Gegenvorwürfen an die Franzosen oder die Deutschen kontert. Schlussendlich ist die Theorie, weder der Islam noch die Muslime hätten mit dem Extremismus irgendetwas zu tun, wenig glaubwürdig.

Letztendlich führt diese Art der Diskussionsführung zu einer Flucht aus der Debatte und einer Ignoranz gegenüber den Problemen, die in der muslimischen Gemeinschaft eben nicht zu ignorieren sind.

Selbstverständlich gibt es auch extreme Positionen auf der anderen Seite. Paradoxerweise sind verfassungswidrige Forderungen zum Schutz der Verfassung hoch im Kurs. Viele islamkritische Beiträge versuchen sich nicht einmal an einer Differenzierung oder sie behaupten im Sinne einer Verschwörungstheorie, der Islam, als imaginäres Subjekt der Geschichte, plane die Eroberung Europas.

Diese Art der Dialektik birgt für die Mitte der Gesellschaft aber für die der muslimischen Gemeinschaft Gefahren. Wem nützt die Polarisierung? Nehmen wir an, alle muslimischen Verbände würden in letzter Konsequenz verboten oder ausgegrenzt, würde die ideologische Islamkritik verstummen oder dann erst Recht ihr Ressentiment auf alle Muslime verlagern? Ist es im Interesse der Sicherheitspolitik, wenn die Muslime Europas in tausende Kleingruppen zerfallen?

Im Grunde sucht die Debatte nach einer Sprache, die eine konstruktive Diskussion ermöglicht. Muslimische Bedenken angesichts der angewandten Terminologie sind bekannt. Der Begriff des „Islamismus“ will beispielsweise auf die mögliche Verknüpfung des Islam mit Ideologien verweisen. Viele Muslime sehen das als ein Paradox an: Der Islam ist aus ihrer Sicht keine Ideologie. Aber selbst, wenn man den Begriff anwendet, besteht weiterhin die Frage angesichts der fatalen Assoziationsketten, wer genau unter diese Begrifflichkeit fallen soll oder nicht.

Die Wortschöpfung „politischer Islam“ gilt noch im höheren Maße als vage und unbestimmt und bereitet einen pauschalen Verdacht gegen jeden Aspekt der Religionsausübung vor. Über alle diese Aspekte kann man diskutieren. Allerdings nur auf sinnvolle Weise, wenn alle Seiten eine Bereitschaft zur Differenzierung mindestens andeuten. Hierher gehört auch Fähigkeit, sachliche und substantielle Kritik auszuhalten.

Die berühmte Frage „hat der Islam mit dem Terror zu tun?“ ist heute in aller Munde. Eine mögliche Antwort könnte man so formulieren: Nein, weil der Islam keine Vorlage für diese Art der Gewaltanwendung propagiert. Ja, weil muslimische Terroristen offensichtlich sich auf islamische Quellen berufen. Dieses Spannungsverhältnis muss unsere Gemeinschaft aushalten und sich der Diskussion und der daraus ergebenden Fragen offen stellen.

Von muslimischer Seite ist es sinnvoll, weiterhin auf die Probleme der angewendeten Terminologie hinzuweisen. Allerdings ist es ebenso notwendig, sich nicht schon wegen des Streits um die Worte aus jeder Debatte zu verabschieden. Hierher gehört eine gewisse Trennschärfe einzuführen: die Unterscheidung zwischen beklagenswerter „Islamophobie“ und fälliger Selbstkritik.

Zur ehrlichen Bestandsaufnahme gehört die Feststellung jenseits der terminologischen Dispute, dass es eine nicht unerhebliche Zahl von muslimischen Extremisten und Ideologen in Europa gibt. Diese Schnittmenge – man mag sie nennen, wie man will – ist größer als die kleine Zahl tatsächlich gewaltbereiter Muslime.

Es ist an der Zeit, sich schmerzhaften Debatten zu stellen. Sie kreisen beispielsweise um die Frage nach der Rolle des Salafismus und der Muslimbruderschaft, die – wenn nur in Teilen und Abspaltungen – einige terroristische Bewegungen hervorgebracht haben. Hier wird man über den Tabubruch reflektieren müssen, Selbstmordattentate zu tolerieren oder toleriert zu haben. Oder auch: Man wird einen Hypermoralismus hinterfragen müssen, der europäische Opfer mit globalen Opferzahlen einfach kühl verrechnet.

Überhaupt ist die Frage legitim, warum der sogenannte politische Islam in der Welt mit Bürgerkriegen und Diktaturen einhergeht.

Es bleibt ein Fakt: Terrorismus ist eine Geißel der Menschheit, die weder Muslime noch die anderen ausspart. Seine Ursachen sind sicher nicht monokausal auszumachen. Es gibt ebenso sozioökonomische oder geopolitische Ursachen. Und ja, niemand hat ein Patentrezept, dieses Phänomen schnell zu beenden.

Um so wichtiger wäre es, eine Mitte auszumachen, die an einer echten Diskussion auf Grundlage notwendiger Differenzierung interessiert ist. Die Logik des „wir sind gut, weil sie böse sind“ hilft keiner Seite.

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