Essays: Der Baum

Ausgabe 307

Foto: Freepik.com

(iz). Vor einigen Wochen wachte ich an einem ganz gewöhnlichen Tag auf. Während ich wie gewohnt die Fenster öffnete, blickte ich nach draußen. Kurz vor der Fortsetzung meiner morgendlichen Rituale hielt ich inne, drehte mich um und schaute auf genau den gleichen Ort. Und ich musste erkennen, dass der Ort nicht mehr der gleiche war.

Der Baum, der in meinem Vorgarten steht, ist seit dem letzten Blick nicht mehr derselbe. Zuvor schien er mir langweilig. Überwinternd und kahl ähnelte er mehr einer umgedrehten Wurzel als einem Baum. Heute jedoch ist er glänzend – und schmückte sich mit grünen, leuchtenden und üppigen Blättern. Bienen schwebten über seinen sprießenden Blüten. Später gingen sie. Ihr Duft erfüllte nicht nur den Vorgarten, sondern meine gesamte Straße. In jeder Hinsicht wurde der Baum mit Charles Dickens Worten „zum Leben erweckt“. Und diese schöne Erfahrung hat mich zum Leben erweckt.

Wissenschaftler verweisen darauf, dass der 21. September die Herbstsonnenwende ist – der Tag, an dem Tag und Nacht gleich lang sind. Auf der südlichen Erdhalbkugel markiert er das sichere Ende des Winters und den Sommeranfang, wenn danach die Taglichtstunden länger als die Nacht sein werden. Für die nördliche Hemisphäre bedeutet das ein definitives Ende des Sommers und den Beginn des Winters; wenn die Nacht länger als das Tageslicht sein wird. 

Folglich hat mein Baum den perfekten Zustand für die Photosynthese erreicht. Wissenschaftler würden argumentieren, dass der Baum, der meinen Vorgarten schmückt, jetzt blüht.

Das erklärt, „wie“ der Baum nach scheinbarer Todesstarre so üppig ­geworden ist. Nietzsche und Karl Popper haben korrekt festgestellt, dass Wissenschaft der kreatürlichen Ordnungen keinen Sinn verleihen kann oder darf; das wäre Szientismus. Mich interessiert das Warum. Wieso haben wir wechselnde Jahreszeiten, die all jene Phänomene in der Tier- und Pflanzenwelt hervorbringen?

Im Heiligen Qur’an finden sich Zeichen (arab. ajat). Wir können über seine Worte nachdenken und Weisheit aus ihnen beziehen. Diese Zeichen finden sich aber auch im Meer der Schöpfung. Der Mensch ist derjenige, der im Austausch mit ihr ist – von Atemzug zu Atemzug. Sie sind Schnittpunkte zwischen der Außengestalt des Menschen in den Ereignissen, die der gesamten Schöpfungsordnung Bedeutung geben. Daher liegt es an ihm, die über die gesamte Welt verstreuten Zeichen zu deuten. Alle schöpferische Realität ist sen­sorisch als Bedeutung erkennbar.

Natürlich ist ein Zeichen nicht die Sache selbst. Die Hausnummer ist nicht das Haus selbst. Es muss erkannt werden und seine Bedeutungen kommen vom Menschen. Das Zeichen ist der Modus, der Ding und Bedeutung erkennt; nicht als zwei, sondern als eins. Gleichzeitig ist es das Ding, das von einem Erkenntnismodus begriffen wird, der Sinn und Objekt in der direkten Erfahrung ­erfasst. Es geht nicht um Etiketten. Namen verweisen. Das Erkennen von Gestalt ist ein Transformationsprozess, der das Universum der ­Formen dynamisch macht.

Nach Ansicht von Schaikh Muhjiddin ibn Al-’Arabi manifestiert sich Allah in der Schöpfung auf zwei ­Wegen – Schönheit und Majestät. Schönheit ist alles, was dem Menschen angenehm ist und ihn hoffnungsvoll stimmt. Schöne Tiere und Pflanzen, Sonnenwärme, lachende Kinder und vieles mehr.

Majestät ist das Gegenteil. Sie ist alles, was dem Menschen unangenehm ist und ihm Furcht verleiht. Das sind gefährliche Tiere wie Skorpione und Giftpflanzen, die brennende Sonne in der Dürre, darbende Kinder in einer Hungersnot usw.

Allah sagt: „Gewiss, in den Himmeln und auf Erden (Gegensätze, das Fundament der Schöpfungsenergie) sind doch Zeichen für die Vertrauenden. Auch in eurer Schöpfung und in jedem sich bewegenden Lebewesen, was Er ausbreiten ließ, sind Zeichen für Leute, die Gewissheit anstreben. Auch die Aufeinanderfolge von Nacht und Tag und Versorgung (Regen), die Allah vom Himmel fallen ließ, damit Er die Landschaft nach ihrem Tod (Dinge erscheinen aus ihrem Gegenteil) wiederbelebte, und die Strömung der Winde sind Ayat für Leute, die sich besinnen.“ (Al-Dschathija, Sure 45, 5)

Mit dieser Einsicht können wir uns der Raum-Zeit als einer großen Tafel nähern, auf der Zeichen geschrieben sind. Sie müssen gelesen und ent­ziffert werden.

Vor ein paar Wochen wachte ich an einem gewöhnlichen Tag auf und schaute beim Öffnen der Fenster nach draußen auf meinen Garten, wie es meine Gewohnheit war.

Und als ich mich umdrehen wollte, um mein Morgenritual fortzusetzen, erstarrte ich mitten in der Bewegung und drehte mich um, um mir den genauen Raum erneut anzusehen. Mir wurde klar, dass mein Garten nicht der gleiche ist.

Der Baum und die Bedingungen für sein Blühen – Frühling sind Manifestationen von Allahs Schönheit. Jetzt können die Bauern pflanzen. Aus der Frucht ihrer Arbeit wächst eine Vielzahl an Obst und Gemüse, die uns zugänglich wird: Trauben, Zuckerrohr, Wassermelonen, Nektarinen usw.

Nachdem die jungen Männer zu Beginn des Winters initiiert wurden, und den brutalen Ansturm des Winters in der Wildnis überstanden, kehren sie nach Hause zurück. Hochzeitszeremonien werden abgehalten usw.

Auf der nördlichen Halbkugel kommt der Winter. Die verbliebenen Blätter haben ihr Grün verloren und fallen herab. Der Schnee fällt, Temperaturen sinken und die zuvor lebendige Landschaft wird zu einem monotonen Weiß voller skelettartiger Bäume. Einige Leute, die zuvor lebendig und energisch waren, verlieren dank Alter oder seelischer Schwäche ihre Stärke. Napoleon Bonaparte ist ein Beispiel dafür. Auf seinem Ägyptenfeldzug überstand er manchmal zwei Nächte ohne Schlaf und konnte am Tag trotzdem eine siegreiche Armee befehlen. Jedoch betrog ihn sein Körper im entscheidenden Moment von Waterloo. Inmitten der Hitze des Gefechts musste er sich ausruhen. Das kostete ihn die Schlacht und er verbrachte den Rest seines Lebens als politischer Gefangener. Auf einer sozialen Ebene konnte man beobachten, wie das britische Empire zum wohlhabendsten Reich der Geschichte wurde. Nach dem Burenkrieg in Südafrika sowie dem Abschluss des europäischen Bürgerkriegs in 1945 war Großbritannien hoch verschuldet.

All das üppige Grün, in dem sich der globale Süden sonnt, kam aus dem Mangel des Winters. Ebenso kann Allah ein totes Herz inspirieren – ein Herz, dass nach Schaikh ­Muhammad ibn Al-Habib keinen Dhikr macht, kann durch die Erinnerung Allahs erweckt werden. Daher müssen die Menschen, denen wir im Alltag begegnen und deren Ansichten uns nicht behagen, zur Wahrheit einladen. Denn wir wissen nicht, ob Allah ein Herz belebt, wie Er dies mit den Pflanzen im Wechsel der Jahreszeiten tut. T.S. Eliot beschrieb die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg als „Das wüste Land“. Aus ihr kann ­Allah eine neue, lebendige Kultur hervorbringen, die das Schlechte verwehrt und zum Guten aufruft.

Als Individuen können wir nicht entscheiden, in welcher Jahreszeit einer Zivilisation wir geboren werden sollen oder welche Art von Person wir sind. Für eine Epoche und Familie bestimmt, sollten wir uns dafür entscheiden, entweder das uns von unserer Gesellschaft vorgegebene Drehbuch zu erfüllen oder darüber hinauszugehen.

Der Schlüssel zur Navigation durch die Schöpfung ist ein Verständnis der Gegenteile, auf denen sie beruht. Wir können nicht nur religiös sein im Sommer eines energetischen Zeitalters oder nur Atheisten in einer Ära des Unglaubens.

Über diese Liebe schrieb William Shakespeare im 116. Sonett:

„O nein! Sie ist ein ewig festes Ziel,
Das unerschüttert bleibt in Sturm und Wogen,
Ein Stern für jeder irren Barke Kiel, –
Kein Höhenmaß hat seinen Wert ­erwogen.“

William Shakespeare

Diese unerschütterliche Liebe des Göttlichen kann ungeachtet der äußeren Umstände erreicht werden. Schaikh Muhammad ibn Al-Habib schrieb: „Du musst die beiden Sandalen der Furcht und Hoffnung ­anziehen.“ Mit anderen Worten: fürchtet Seine Majestät und hofft auf Seine Gnade. Mit der Verkörperung beider Gegenteile wird unsere Entschlossenheit unerschütterlich.

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