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Gebetsruf in Köln: Viel Freude, leise Töne

Ausgabe 329

Foto: Gert Harder, Shutterstock

Rund 3.000 Menschen sind am 14. Oktober zum ersten öffentlichen Gebetsruf an der DİTİB-Zentralmoschee in Köln gekommen. Die Stimmung war andächtig und freudig. Doch es gab auch Kritik von Dritten.

(KNA/iz). Dicht gedrängt steht eine Traube von Menschen um Mu’addhin Mustafa Kader. Es ist 13.25 Uhr, als der Imam auf dem Innenhof der DİTİB-Zentralmoschee in Köln seinen Gebetsruf anstimmt, der auch über zwei Lautsprecher auf der Freifläche ertönt. Kader wird genau 2 Minuten und 36 Sekunden rufen – und damit die von der Stadt vorgeschriebene Höchstdauer von 5 Minuten deutlich unterschreiten. Zahlreiche Smartphones filmen den Religionsbeauftragten, einige Anwesende haben Tränen in den Augen.

Schätzungsweise 3.000 Menschen waren zur Premiere gekommen – dem ersten öffentlichen Gebetsruf in Köln. Dass dieser nun auch außerhalb der Moschee ertönen darf, empfänden sie als Ehre, sagen zwei junge Frauen der KNA. „Ich finde das fair, weil in vielen muslimischen Ländern ja auch die Kirchenglocken klingen“, ergänzt ein junger Mann. „Heute sehe ich das Lächeln auf den Gesichtern der Gemeindemitglieder“, so der Direktor des Moscheeforums Murat Şahinarslan. Die Mühe, sich bei einem Pilotprojekt der Stadt Köln zu bewerben, habe sich gelohnt. „Man ist euphorisch und sehr, sehr glücklich darüber.“

Vor rund einem Jahr hatte die Stadt das Projekt gestartet, wonach der Muezzinruf unter Auflagen einmal pro Woche für maximal fünf Minuten ertönen darf. Interessierte Gemeinden müssen vorab ein Schallgutachten vorlegen, die Nachbarschaft informieren und eine Person für Beschwerden ernennen. Bislang hat nur die Zentralmoschee die nötigen Schritte ergriffen; etwa zehn weitere Gemeinden haben Interesse bekundet. Nur eine – die Zentralmoschee – reichte einen Antrag mit den nötigen Unterlagen ein. Einige sagten dem „Kölner Stadt-Anzeiger“, ihnen sei der gute Kontakt zur Nachbarschaft wichtiger. Die Zurückhaltung könnte auch mit den Auflagen der Stadt zu tun haben: Die Gemeinden müssen ein Schallgutachten einreichen, die Anwohner informieren und eine Ansprechperson für Beschwerden ernennen. Recht viel Aufwand dafür, dass der Muezzin nur freitags für maximal fünf Minuten rufen darf.

Die Stadt begründete ihr Projekt vor allem mit der Religionsfreiheit. Dennoch hagelte es Kritik. Dass ausgerechnet an einer Einrichtung der DİTİB der erste öffentliche Muezzinruf ertönen durfte, sorgte weit über Stadtgrenzen hinaus für Unmut. Der deutsch-türkische Moscheeverband verfolge die Agenda des türkischen Präsidenten. Solche Argumente weist DİTİB-Vertreter Dr. Zekeriya Altuğ zurück. Der Verband leide unter einem „falschen Image“, sagte er bei einer Infoveranstaltung am Vorabend. Seiner Schätzung nach gibt es deutschlandweit bereits etwa 250 Moscheen, an denen der Muezzin offiziell ruft. Köln sei also kein Pionier, die Zentralmoschee habe jedoch einen hohen Symbolwert.

„Wir wollten einen klaren Rahmen schaffen, um die Akzeptanz in der Bevölkerung zu erreichen“, sagt die Leiterin des städtischen Integrationsamts, Bettina Baum. Schätzungsweise elf Prozent der Kölnerinnen und Kölner sind Muslime – und sie haben „das gleiche Recht auf freie Religionsausübung wie alle anderen Glaubensgemeinschaften auch“, wie es hieß. Die Amtsleiterin stellt klar: „Wir erlauben oder verbieten den Gebetsruf nicht. Das können wir gar nicht.“ Ähnlich sieht es der Münsteraner Rechtswissenschaftler Fabian Wittreck und beruft sich dabei ebenfalls auf das grundgesetzlich garantierte Recht auf freie Religionsausübung. Beim Gebetsruf handele es sich zwar nicht um ein eindeutig festgeschriebenes religiöses Gebot. Wohl gehe es aber um eine Praxis, die unter Muslimen weit verbreitet sei.

Proteste, wie sie die Zentralmoschee zum Besuch des türkischen Präsidenten erlebt hatte, blieben während des Muezzinrufs aus. In der Nähe des Gebetshauses erinnert lediglich ein gutes Dutzend Demonstranten an die religiös begründete Unterdrückung von Frauen im Iran. Ihre Rufe – und der Verkehrslärm der viel befahrenen Venloer Straße – übertönen den Muezzin fast vollständig. Außerhalb des Geländes darf sein Ruf den Auflagen der Stadt gemäß 60 Dezibel nicht überschreiten. Das ist etwa so laut wie ein Gespräch.

Anwohnerinnen und Anwohner finden sich kaum unter den Schaulustigen. Auch zu der Infoveranstaltung am Donnerstagabend waren nur wenige Menschen aus der Nachbarschaft gekommen. Eine Frau beschwerte sich, Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) habe das Modellprojekt „aus der Hinterhand“ umgesetzt. „Warum ist man da nicht im Vorfeld im Dialog gewesen?“, fragte sie. An der DİTİB oder dem Ruf an sich gab es zumindest an diesem Abend jedoch keine Kritik.

An der Zentralmoschee darf der Ruf des Muezzins nun zunächst für zwei Jahre über die Lautsprecher erklingen. Die beiden 55 Meter hohen Minarette sind ohnehin nicht begehbar. Nach Auslaufen des Vertrags wollen Kommune und DİTİB die Lage bewerten. „Eine Vorreiterrolle zu spielen und zu sehen, dass der Dialog mit der Stadt klappt, ist eigentlich nur toll“, meint Murat Şahinarslan. „Der Muezzinruf gibt den Menschen das Gefühl, dass sie in Köln und in Deutschland angekommen sind.“