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Kritik an Berliner Meldestelle für „religiöses Mobbing“ wird lauter

Foto: kagemusha, Adobe Stock

Der Berliner Bezirk Neukölln gilt als Brennpunkt religiös begründeter Konflikte an Schulen. Eine geplante Anlaufstelle soll solche Vorfälle dokumentieren. Doch der Widerstand gegen das Pilotprojekt wird immer lauter.

Berlin (KNA). Die Kritik an der geplanten Berliner Anlauf- und Dokumentationsstelle für „konfrontative Religionsbekundungen“ an Schulen zieht immer weitere Kreise. 

Nach einer Stellungnahme von über 130 Fachleuten und Organisationen aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft haben sich am Dienstag auch der Rat Berliner Imame und das Islamforum Berlin gegen das „Pilotprojekt“ gewandt, das vom Bezirk Neukölln und dem „Verein für Demokratie und Vielfalt“ (DeVi) angestrebt wird. Die Kritiker wenden sich gegen eine weitere staatliche Förderung.

Bei der Anlauf- und Dokumentationsstelle sollen Lehrkräfte Fälle von religiös begründetem Mobbing melden können. Bei einer Tagung im vergangenen Dezember hatte der DeVi-Verein eine „Bestandsaufnahme“ des Problems vorgestellt. Darin hatten Lehrkräfte an neun von zehn befragten Neuköllner Schulen von religiös begründetem Mobbing meist durch muslimische Kinder und Jugendliche berichtet. Dabei sei es etwa um Druck auf Mädchen gegangen, ein Kopftuch zu tragen.

Berliner Imame bemängeln mangelnde Wissenschaftlichkeit und Stigmatisierung

Auch der Rat Berliner Imame bemängelte die „Bestandsaufnahme“ als „unwissenschaftlich und stigmatisierend“. So fehlten wissenschaftliche Maßstäbe für den Begriff „konfrontative Religionsbekundung“. Kriterium für das religiöse Verhalten von Kindern und Jugendlichen seien bei der Studie nur die persönlichen Einschätzungen der Lehrkräfte, heißt es in der Stellungnahme von 22 Vertretern von Moscheegemeinden.

Sie werfen der „Bestandsaufnahme“ zudem vor, durch „unreflektierte Äußerungen“ das Bemühen der Moscheegemeinden infrage zu stellen, bei ihren Gläubigen „für eine Meinungs- und Handlungsvielfalt zu werben“. Dagegen betonten die Imame: „Als Moscheegemeinden sind wir nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung.“

Islamforum sieht Förderung von „Kultur der Denunziation“

Das Islamforum Berlin betonte, eine solche Anlauf- und Dokumentationsstelle fördere eine „Kultur der Denunziation“ und sei mit dem Datenschutzrecht unvereinbar. Überdies dränge sich der Verdacht auf, dass vor der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts über das Berliner Neutralitätsgesetz Argumente für das Kopftuchverbot für Lehrerinnen gesammelt werden sollten. Das Islamforum wurde 2005 als Koordinierungsgremium von staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren gegründet.

Vor Journalisten betonte der Kulturwissenschaftler Werner Schiffauer, bei der umstrittenen „Bestandsaufnahme“ für das Projekt seien nur wenige Fälle eindeutig „konfrontativer Religionsbekundung“ zuzuordnen. Oft handle es sich dagegen um ethnische Konflikte, die religiös interpretiert würden.

Die Bildungsforscherin Ellen Kollender sagte, es gebe in Berlin bereits mehrere Einrichtungen die Diskriminierungen auch an Schulen dokumentierten. Sie sollten gestärkt werden, statt „Parallelstrukturen zu schaffen“.

Der Islamwissenschaftler Götz Nordbruch plädierte dafür, rigide religiöse Vorstellungen von Schülerinnen und Schülern auch als möglichen Ausdruck von Diskriminierungserfahrungen wahrzunehmen und pädagogisch aufzugreifen, statt sie nur an den Pranger zu stellen.