"Meine armen Gefühlchen"

Wikimedia | orderinchaos

(iz). Aus Sorge, es könnte „religiösen Gefühle von Menschen mit Migrationshintergrund“ verletzen, hängt das Rathaus von Berlin-Köpenick zwei Fotos einer Ausstellung ab, in denen jeweils nackte Haut zu sehen ist. Was Aktfotos so an sich haben. In altbekannter Manier stürzt sich, allen voran, die Springer-Presse auf den Vorfall und titelt von einem Skandal und gar „Unterwerfung“. Weil das laut „Islamkritikern“ ja per se der Islam sei, also Unterwerfung. Klingt so schön nach brutaler Sklavenhaltung.

Köpenick hat zwar eine interessante Geschichte und hier und da ansehnliche Architektur zu bieten, ist mitunter aber, was die Vielfalt der Bevölkerung angeht, ziemlich grau. Dort leben nicht viele Muslime. Und schon gar nicht viele „mit Migrationshintergrund“. Dafür aber 4,5 Prozent für die NPD. Tatsache ist, dass es überhaupt keine einzige Beschwerde seitens Muslimen gab. Lediglich etwas ältere, spießige Langweiler, die sich ernsthaft eine Ausstellung im Köpenicker Rathaus antun, hätten die Bilder anstößig gefunden. Da „Rentner-Beschwerde“ aber lahm klingt, musste der gute alte „Moslem“ her. Und mit ihm der vermeintliche Skandal. Das Rathaus kam nicht etwa auf die Idee zuvor Vertreter der Muslime zu konsultieren, nein, die Begründung wurde einfach so herausgegeben. In Zeiten von Pegida und AfD. Als käme die Entscheidung geradewegs aus deren PR-Abteilungen.
Nackte Haut ist unser Alltag. Unser Fernsehen ist voll davon, an jedem Kiosk gibt es dutzende Magazine voller Nacktfotos, das Internet ist, auch in philosophischer Hinsicht, die völlige Nacktheit und gefühlt jedes zweite Unternehmen bewirbt egal welches Produkt mit etwas Erotik. Welcher Kunstbanause besucht bewusst eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst, um sich über einzelne Bilder zu beschweren? Anstatt das Spießertum zuzugeben, es vielleicht offen zu diskutieren, wird hier auf Kosten der Muslime Rücksichtsnahme vorgeheuchelt. Meine armen, kleinen muslimischen Gefühlchen. Sie werden immer so böse verletzt, ich kann kaum noch Museen besuchen. Deshalb bin ich verdonnert ewig blöd zu bleiben. Ewig „Migrationshintergrund“ zu haben, weil ja nur „religiöse Gefühle von Menschen mit Migrationshintergrund“ verletzt werden könnten und man gar nicht erst auf die Idee kommt, dass es auch deutsche Muslime gibt und Muslime, die sich als Deutsche verstehen und andere Deutsche, die andersartig religiös sind.
Das ist eine eigens vollzogene Einschränkung der Kunstfreiheit, die nun Forderungen der Einschränkung der Religionsfreiheit für Muslime nach sich zieht. Denn in Islamhasser-Foren und Kommentarbereichen der Medien ist dieser Fall nun wieder ein Grund über Entrechtung, Ausweisung und gar Verfolgung von Muslimen zu sprechen. Ein erfundener Skandal.

2 Kommentare zu “"Meine armen Gefühlchen"

  1. ich glaube auch nicht, dass es dabei um die Gefühle der Muslime ging… sondern um das, was diese Ankündigung mit den Gefühlen ganz anderer Leute macht… So kann man prima Ressentiments schüren.

    1. Das sehe ich anders. Ich glaube schon, dass in vorauseilendem Gehorsam versucht wurde, die Gefühle der Muslime zu schonen. Ob das Geschickt war, sei einmal dahingestellt. Ich denke, wie Sie, dass solche Maßnahmen am Ende eher die Ressentiments schüren. Auch wenn die Gründe dafür lauter waren.

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