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Muslime und baltische Perspektiven: Quintessenz einer Studienreise

Ausgabe 324

Treffen mit dem Mufti von Polen in der Moschee von Bialystok. (Foto: Anna Krasnicka)

(iz). Quintessenz einer Studienreise: Die Stimmung ist ökumenisch, kämpferisch-solidarisch und kreativ-optimistisch

Muslime in Polen und Litauen sehen trotz derzeitiger Doppelbelastung optimistisch in die Zukunft. Während sie regional als Bestandteil der Landesgeschichte und touristischer Mehrwert wahrgenommen werden, kämpfen sie national für mehr Beachtung und unterstützen in Zeiten des Krieges – trotz knapper eigener Ressourcen – Geflüchtete, nicht ausschließlich Ukrainer und nicht nur Muslime.

„Wie können wir ein Happiness-Festival feiern, wo nebenan Freunde im Krieg sterben?“, so bringt es Donata Jutkienė vom OrgaTeam Kaunas – European Capital of Culture 2022 auf den Punkt. Und auch der Mufti der Muslime Polens, Hadżi Szejk Hazret Tomasz Miśkiewicz, junge Musiker, Akademiker und Vertreter der islamischen, karaimischen, jüdischen und christlichen Gemeinden Litauens und Polens spiegeln eine durchaus entschlossenere Haltung gegen den russischen Angriffskrieg als etwa die in Deutschland.

Dżenneta Bogdanowicz, vom Kulturzentrum der tatarischen Muslime im polnischen Bohoniki, weiß auch warum: „Der Zusammenhalt in kleineren Gemeinden, bei nationalen oder religiösen Minderheiten ist stärker, wir stützen einander, auch über Ländergrenzen hinweg.“ Teile der Verwandtschaft der muslimisch-tatarischen Einwohner Podlasiens, der östlichsten Wojwodschaft Polens, leben nach Teilungen, Kriegen und Grenzverschiebungen im 19. Und 20. Jahrhundert heute in Belarus, andere in Litauen. Ein anderer Grund für das vehemente – auch täglich offensiv öffentliche – Eintreten von Bevölkerung, Künstlern sowie Vertretern aus Wirtschaft, Religion und Politik der polnisch-litauischen Nachbarn dürfte in der gemeinsamen Gewalterfahrung liegen, die sowohl unter der deutschen Nazi-Herrschaft als auch unter der russischen und später sowjetischen Besatzung tausende Opfer forderte.

Sich diesem Thema anzunehmen, war eine Woche lang eine Studienreisegruppe des Instituts für Caucasica-, Tatarcia- und Turkestan-Studien (ICATAT) „auf den Spuren von Deutschrittern und Tataren auf dem Wege zur Kulturhauptstadt 2022“ in die alte Hansestadt Kaunas unterwegs. Gegründet nach Magdeburger Recht ist Kaunas neben Novi Sad und Esch eine der drei Kulturhauptstädte, jedoch wie keine andere in direkter Nachbarschaft zum aktuellen Krieg in Europa.

Diese Studienreise war die zehnte des kleinen Instituts aus Magdeburg, dabei die erste ins Baltikum. Nach Aserbaidschan, der Türkei, Rumänien, mehrmaligem Tatarstan-Besuch und allein vier Ukraine-Reisen sind vor allem die Kooperationen mit Institutionen auf der Krim, in der Festland-Ukraine und in Tatarstan aufgrund des russländischen Angriffskrieges gegen die Ukraine derzeit nicht mehr planbar. Der Leiter der Studienreise, Dr. Mieste Hotopp-Riecke,  betont rückblickend dazu: „Unsere Herzen und Köpfe sind bei den diversen Projektpartner*innen in der Ukraine, wo wir zusammen mit der .lkj) – Landesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung und der Heinrich-Böll-Stiftung und diversen Gemeinden der Muslime in Charkiw, Kiew, Lemberg, Odessa, Winnitsya, Tschernowitz, Jalta, Aqmescit, Cankoy, Aqyar, Melitopol und Saporischja, der Partnerstadt Magdeburgs, Jugendstudienreisen durchführten. Sehr bewegend waren diesmal die vielen Gespräche über Krieg, Flucht und Exil.“ Und auch am 18. Mai, dem krimtatarischen Tag der Trauer und des ukrainischen Gedenktages für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, der Besuch der Gräber unlängst in den belarussisch-polnischen Grenzwäldern erfrorenen, gestorbenen Geflüchteten, die auf dem islamischen Friedhof in Bohoniki bestattet wurden, sei ein sehr intensiver Moment gewesen, der den Anwesenden klar gemacht habe, dass nicht nur außerhalb der EU vieles im Argen liegen.

Ammar Awaniy, syrischer Magdeburger und Mitorganisator der Studienreise vom Institut für Caucasica-, Tatarica- und Turkestan-Studien zieht ein zwiespältiges Resümée: „Während unserer Baltikumreise konnten wir viel Solidarität erfahren von unterschiedlichsten Akteuren Polens und Litauens mit der Ukraine, politisch, international aber auch vor Ort zivilgesellschaftlich, nachbarschaftlich, emotional. Doch die Situation von Geflüchteten im belarussisch-polnischen Grenzgebiet wird von keiner Seite mehr offiziell erwähnt, was viele Gesprächspartner im ländlichen Raum als Schande betrachten, egal welcher Religion sie angehören.“ Der mitreisende Publizist Wolf Guenter Thiel aus Havelberg, engagiert sich für die Aufwertung der Lebensqualität in ländlichen Räumen mittels Kunst und Teilhabe-Projekten. Er schätzt sehr, dass „eine offensive Kultur der Freundlichkeit und einer ansteckenden Kreativität für Seminare, Workshops und kommende Studienreisen neue Partner gewinnen ließ. Für unser UTOPIENALE-Festival im September in Deutschland sind die Macherinnen des Happiness-Festivals aus Kaunas, aber auch Jugendliche und zivilgesellschaftliche Akteure der ländlichen Räume, die hier mit unglaublichem Enthusiasmus eine Kultur des Bleibens und Machens leben, herzlich eingeladen.“

Ruslan Gabbasov, Aktivist der baschkirischen Nationalbewegung, war einer der letzten Gesprächspartner der Gruppe. Er flüchtete aus der Russländischen Föderation, aus seiner Heimat Baschkortostan, weil die dortige Nationalbewegung nun wie viele andere auch als extremistisch eingestuft ist. Er berichtete von der zweiten Antikriegs-Konferenz in Vilnius, die unter Teilnahme von Vertretern wie Garry Kasparov sowie Politkern aus über einem Dutzend Ländern stattfand.

Während auf diplomatisch-internationaler Bühne nach wie vor Männer reiferen Alters das Bild prägen, sind es vor Ort vor allem die aktiven Frauen, die sich um Kultur, Teilhabe, Innovationen und Kommunikation kümmern: Egal ob die Kulturbloggerin, Anna Kraśnica, in Podlasien (https://bialystoksubiektywnie.com) oder Frau Dr. Barbara Pawlic-Miśkiewicz, die Leiterin der tatarischen Bibliothek am Muftiyat Bialystok, Anna Hanifa Mucharska, die Leiterin des tatarischen Folk-Ensembles Bunczuk, die Restaurant-Chefinnen, Lilla Świerblewska (HALVA Bialystok), Dżenneta Bogdanowicz (Tatarische Jurte, Kruszyniany), Alina  Jodłowska (Tatarynka, Supraśl) oder Monika Inčerytė (International Relations) und Donata Jutkienė (Happiness-Festival) vom OrgaTeam Kaunas – European Capital of Culture 2022 / CulturEUkraine. Letztere bündeln alle Ressourcen und Ideen der Hauptstadt-Macherinnen in Kaunas seit Kriegsbeginn kurzerhand im alten Postamt der Stadt und, die nun im Motto CulturEUkraine sichtbar sind, vor Ort und international.

„Wir möchten wiederkommen, die Beziehungen in Kunst und Zivilgesellschaft stärken, und hoffen dies in einem dann wieder friedlichen Europa tun zu können“, so Awaniy vor der Rückreise nach Deutschland.