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„Ich kann Herzen berühren“

Ausgabe 324

Foto: Kübra Böler

Die Hamburgerin Kübra Böler ist 29 Jahre alt. Sie studiert „Religionen, Dialog und Bildung“ im Master. Sie schreibt seit 2010 lyrische Texte und gehört zu den i,Slam Poetinnen und Poeten der ersten Generation. Einige ihrer lyrischen Texte stellt sie unter m.soundcloud.com/b_kuebraa als Audio-Aufnahmen zur Verfügung. Interview: Layla Kamil Abdulsalam

Islamische Zeitung: Erzählen Sie uns etwas über ihren persönlichen und beruflichen Werdegang.

Kübra Böler: Ich heiße Kübra Böler und bin 29 Jahre alt. Ich bin Religionswissenschaftlerin und studiere derzeit im Master „Religionen, Dialog und Bildung“ an der Universität Hamburg. 

Ein großes Thema ist für mich aktuell Entschleunigung, weshalb ich mich in erster Linie auf mein Studium konzentriere. Meine Erfahrungen der letzten zehn Jahre lassen mich zuversichtlich sein. Ich habe in dieser Zeit Berufserfahrung in verschiedenen Bereichen sammeln können: Sei es in der offenen Kinder- und Jugendarbeit, bei der Nachhilfe oder im Theater. Ich habe gelernt, dass Engagement und Ausprobieren sich lohnen. Diese Berufserfahrung fand Anerkennung und das ist schön und zeichnet mich auch aus. 

Ich bin außerdem in der islamischen Hochschulgemeinde Hamburg aktiv. Ich habe in sozialpädagogischen Kontexten gearbeitet und dort die Möglichkeit gehabt, das Schreiben mit einzubringen, zuletzt als Projektkoordinatorin in den Projekten KursivDenker und dem You’n’Us-Magazin. Ich habe mir immer gewünscht, mit Kindern und Jugendlichen arbeiten zu dürfen und als mir dann klar geworden ist, dass ich diesen Wunsch schon lebe, das hat mich sehr fasziniert und berührt. Ich lebe mein Dua!

Islamische Zeitung: Inwiefern haben Lesen und Literatur in Ihrer Erziehung und Sozialisation eine Rolle gespielt? 

Kübra Böler: Wir haben viel gelesen. Meine Mutter hat uns viel vorgelesen. Grimmsche Märchen, Andersen und vieles mehr. Und wir haben auch schon als Kinder viel selbst gelesen. Meine Mutter hat zum Beispiel Harry Potter mit uns gelesen, also parallel. Manchmal hat sie mir die Bücher geschenkt und bevor sie sie mir zum Geburtstag schenkte, hat sie sie noch schnell selbst gelesen. Irgendwann habe ich auch verstanden, warum sie an den Tagen vor meinem Geburtstag so müde war: Sie hat die Nächte durchgelesen. Das Lesen liegt bei uns in der Familie: Mein Vater hat meine Mutter geheiratet und ist dann aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Er kam mit mehr Büchern als Kleidung.

Wir hatten zuhause mal eine verpflichtende Lesezeit. Wir haben uns hingesetzt und einfach alle gelesen. Das ist mir im Gedächtnis geblieben. 

Bücher sind auch in unserer Wohnung immer sichtbar gewesen und sind es immer noch. Eine beachtliche Anzahl an Büchern. Ich sammle Bücher, könnte man sagen, ich mag es, Bücher zu haben. Ich bin bibliophil, ich lese außerdem mehrere Bücher parallel. Bücher waren immer da, aber auch Fernsehen und draußen Spielen. Meine Liebe zu Büchern ging sogar so weit, dass ich manchmal Folgendes getan habe: Anstatt jemandem ein Buch von mir auszuleihen, kaufte ich es ein zweites Mal, nur um meines nicht wegzugeben. Inzwischen bin ich da angekommen, dass ich ein Buch, wenn ich es nicht lese, weiter auf eine Reise schicken kann. Vielleicht findet dieses Buch woanders einen besseren Platz.

Ich bin bilingual (deutsch-türkisch) aufgewachsen. Meine Mutter ist in Deutschland aufgewachsen und dadurch bin ich schon mit Kinderbuchklassikern aufgewachsen. Besuche in der Bücherei standen bei uns auch immer auf dem Plan. Mit dem Schuleintritt haben wir einen Büchereiausweis bekommen. So viel Verzugsgebühren wie ich in Büchereien gezahlt habe, damit hätte ich mir einen schönen Urlaub finanzieren können. Ich habe die Stadtbücherei als Ort schätzen gelernt, ich habe dort oft nach der Schule gelernt, vor allem fürs Abitur. Bibliotheken sind Orte, die zentral sind in meinem Leben, ich fühle mich dort wohl. Bis heute schleppe ich stapelweise Bücher nach Hause. Ich brauche das Haptische, auch wenn das im Studium anders geworden ist. Ich kenne das Gefühl, wenn eines meiner Gedichte ausgedruckt vor mir liegt. Ich finde es schön. Es hat für mich etwas Bleibendes. 

Es ist gar nicht so selbstverständlich, dass Eltern im kreativen Prozess unterstützen. Das war bei mir anders. Meine Mutter hat mich so oft begleitet, dass sie irgendwann einmal scherzhaft sagte: „Ich heiße gar nicht Hatice, ich bin die Mutter von Kübra.“ Und das empfinde ich als großes Geschenk, dass meine Eltern mich so haben machen lassen. Sie liegen mir auch damit in den Ohren, dass ich noch keinen Lyrikband veröffentlicht habe. Ich habe immer diesen Rückhalt in der Familie gespürt. Er gehört zu meinen wichtigsten Ressourcen. Je mehr ich in Kontakt mit anderen komme und erfahre, wie sie damit zu kämpfen haben, keinen Raum zu haben, in dem sie mit Gleichgesinnten zusammenkommen können, desto dankbarer bin ich für meinen Weg. Deswegen will ich das auch weitergeben. Damit andere dazu stehen können, was sie schreiben.

Islamische Zeitung: Wann und wie haben Sie angefangen, zu schreiben?

Kübra Böler: Alles fing 2010 an. Ich war mit meinem Bruder auf einem Wochenendcamp, auf dem es einen Schreibwettbewerb gab. Und da habe ich den ersten Platz gewonnen. Ich habe eine Hommage an meinen Bruder geschrieben, die mich bis heute berührt. Das führte dazu, dass ich tatsächlich mit dem Schreiben begann. Ende 2011 stand ich dann auch schon auf der Bühne in Berlin im Bärensaal bei der Auftaktveranstaltung von i,Slam. Eines führte zum anderen, ich konnte in den folgenden Jahren auf verschiedenen Veranstaltungen und in interreligiösen Kontexten Bühnenerfahung sammeln. Als i,Slam das zweite mal in Hamburg war, habe ich dort gemeinsam mit Farah Bouamar gewonnen. Ich gehöre zu dieser ersten Generation von i,Slam Poetinnen und Poeten.

2015 habe ich dann auf einer interreligiösen Tagung in Hamburg einen Text von mir vorgetragen und da habe ich auch Peter Schütt kennengelernt, der mir wiederum viele weitere Möglichkeiten eröffnete. Zum Beispiel hatte ich im folgenden Sommer bei ihm im Waschhaus meine erste Lesung, nach der er sagte, das Waschhaus sei vorher nie so voll gewesen. Im Winter 2015 haben wir dann gemeinsam eine Lesung mit dem Titel „Gedichte zum west-östlichen Diwan“ veranstaltet, indem ich Antwortgedichte auf Peter Schütts Gedichtsauswahl schrieb.

Ich schreibe überwiegend Lyrik, aber nicht nur. Ich schreibe seit über zehn Jahren und ich kann schreiben. Wenn es eine Sache gibt, die ich kann, dann ist das Schreiben. Es gibt dieses japanische Modell des Ikigai, das ist eine Methode, um herauszufinden, was Menschen gut können, was sie gerne tun und mit dem sie gegebenenfalls auch Geld verdienen können. Ich hatte 2020 an einem Fellowship teilgenommen, da gab es eine Session dazu. Und ich habe mir das angeguckt und gedacht: „Klar, das ist Schreiben für mich.“ Ich habe eine Unifreundin, die hat mir immer so liebe Post-its geschrieben und zum Geburtstag geschenkt und auf einem stand „Du hast wirklich ein Talent zum Schreiben“ und der hängt tatsächlich auch an meinem Monitor. Er hilft mir, auch die schlimmsten Durststrecken zu überwinden. 

Islamische Zeitung: Wie und wo entstehen Ihre Texte?

Kübra Böler: Das ist sehr unterschiedlich. Einmal war ich auf dem Weg zu einer Theatergruppe, wir arbeiteten an einem Stück über Identität und ich sollte dazu einen Text schreiben. Den schrieb ich auch tatsächlich, im Bus, stehend, angelehnt. Bei der Uraufführung konnte ich leider nicht dabei sein. Der Text wurde dann aufgenommen und als ich dann bei der zweiten Aufführung meine eigene Stimme im Schlussakt hörte, das war schon ziemlich stark. Das hat gewirkt. 

Ansonsten schreibe ich auch oft draußen, in der Natur. Dann tippe ich ins Handy, aber ich schreibe auch anaolog. Es tippt sich einfach schneller als es sich schreibt, vor allem, wenn man viel schreibt. 

Ich bin da aber nicht eingeschränkt. Manchmal im Heft, auf dem Laptop, Handy, was auch immer. Manchmal wirkt das zerstreut, als wüsste ich nicht, wo ich welche Texte habe, obwohl ich doch den Überblick habe.

Islamische Zeitung: Inwiefern hat das Dichtersein Sie und Ihre Umwelt geprägt?

Kübra Böler: Ich habe mich selbst nie als Dichterin bezeichnet. Ich schreibe aus meinem eigenen Bedürfnis heraus, ein Bedürfnis des Verstehens und Verstandenwerdens, um überwältigende Gefühle und Erlebnisse in Worte zu fassen. Dieses Bedürfnis führte zu langen Texten, Nachrichten und Briefen. Und zu der Erkenntnis, dass ich viel reden und nichts sagen kann oder viel sagen kann, ohne dass mein Gegenüber mich versteht. Diese Erfahrungen haben mir dabei geholfen, gelassener zu werden und auch andere Anlässe zum Schreiben zuzulassen.

Im Laufe meiner Schreibbiographie hat mich der Prozess von Schreiben und Überarbeiten sehr geprägt. Wenn ich merke, das Schreiben und Sprechen hilft mir, mir Zeit und Raum zu verschaffen, dann mach ich das. Je mehr positives Feedback ich bekommen habe, desto eher habe ich mir zugestanden, zu meinen Texten zu stehen, da habe ich keine falsche Bescheidenheit. Ich habe zehn Jahre gebraucht, um an diesen Punkt zu kommen. 

Schreiben braucht Raum, den man stehen lassen kann. Ich habe das Wort. Ich kann einerseits mit wenig viel sagen und andererseits auch den Niagara-Wasserfällen Konkurrenz machen. Mein Name ist Programm.

Es ist schön, wenn andere etwas schreiben und man ihnen spiegeln kann, dass sie es gut können. Innerhalb eines Workshops saßen wir einmal in einem Stuhlkreis, in dem jeder seinen oder ihren Text vortragen durfte, aber nicht musste. Ich finde diese Freiwilligkeit wichtig für den Schaffensprozess. Denn es braucht Mut, zum eigenen Text zu stehen. Eine Teilnehmerin wollte ihren Text dann nicht vortragen. Aber andere lasen dann vor, es ergab sich ein Austausch und am Ende sagte diese Teilnehmerin dann, sie wolle doch vortragen. Ich habe dabei gelernt, dass Menschen Sicherheit bekommen, wenn man ihnen Raum gibt, sie sieht und schätzt, in dem was sie tun. Man braucht einen sicheren Raum, ein sicheres Setting. Bezugspersonen. Ich brauche das auch. Ich habe so oft Freunden und Freundinnen Texte von mir geschickt, um mir Feedback zu holen, das finde ich bis heute sehr wertvoll. Die Möglichkeit, so einen Raum für jüngere Menschen zu schaffen und die eigene Expertise einbringen zu können, ist ein ganz großes Geschenk. Besonders, dass sie sich gegenseitig stärken und abfeiern. Hätte ich das in meinem jugendlichen Alter gehabt in der Form, hätte ich vielleicht schon drei Bestseller geschrieben. Alhamdulillah! Es gibt jetzt solche Räume. Schreiben ist auch lernbar, natürlich gehört auch Talent dazu. Ich sage immer: „Schreib den Text einfach erstmal, du kannst immer noch umschreiben, durchstreichen.“ Denn Texte verändern sich mit der Zeit, das muss nicht die Endfassung sein. Man darf Texte bearbeiten. Aber oft fühlt man einen bestimmten Druck. Jeder Text ist wie eine Geburt, so stelle ich es mir vor. Du trägst ihn mit dir rum. Danach geht es mir immer besser und man fragt sich, warum man sich so lange damit gequält hat.

Manchmal bekomme ich von Teilnehmenden gesagt, dass ich sie inspiriere und dann habe ich mir gedacht: „Wann bin ich so groß geworden, dass ich andere inspiriere?“ Ich finde es faszinierend, dazu beizutragen, dass andere motiviert sind, künstlerisch aktiv zu sein. Dafür bin ich sehr dankbar.

Islamische Zeitung: Als performende Dichterin stehen sowohl Sie als auch Ihre Texte im Rampenlicht. Welchen Umgang haben Sie dafür gefunden?

Kübra Böler: Anfangs war es mir wichtig, dass meine Texte genau so verstanden werden, wie ich sie verstehe. 

Ich wollte eine zeitlang unbedingt beeinflussen, wie mein Text RICHTIG verstanden wird, weshalb ich einige dann auch aufgenommen habe. Ich denke mir ja etwas dabei, wenn ich einen Text schreibe und ich betone, damit diese Bedeutung durchkommt. Wenn es ein anderer liest, vielleicht betont er es ganz anders und dann ist die komplette Message hin. 

Dann habe ich angefangen, mich davon zu lösen. Einen Text einfach stehen zu lassen, auch wenn Feedback dazu kommt. Ich habe gelernt, es wertfrei anzunehmen. Es ist nicht schlimm, wenn andere ihre eigene Interpretation finden. Ganz im Gegenteil: Es wird nie langweilig.

Wenn Du zu Deinem Text stehst, kannst Du nicht ins Wanken gebracht werden. Es ist egal, ob und was mein Gegenüber versteht. Ich arbeite mit Feedback, doch ich übernehme nicht jedes Feedback.

Das Sprechen meiner Texte mache ich inzwischen nur noch, weil ich es schön finde und weil ich weiß, dass ich eine schöne Sprechstimme habe. Ich habe das Performen nicht aufgegeben. Es hat für mich eine andere Bedeutung. Ich lese Texte vor für Menschen, die nicht gerne lesen oder auch als Abwechslung, denn ein anderes Medium, eine andere Form hat eine ganz neue Chance zu berühren. 

Ich habe oft geschrieben, um zu verarbeiten. Von Erlebtem, von etwas, das mich herausgefordert hat. Wenn ich etwas erlebe, das mich sehr überwältigt, dann ist das Schreiben eine Möglichkeit für mich, das zu fassen. Das, was ich in Worte fassen kann, das ist greifbar für mich. Ein Bedürfnis nach Selbstschutz hat mich manchmal dazu aufgefordert, das Emotionale meiner Texte zu deckeln. Ich habe jedoch innerhalb eines Prozesses der Distanzierung geschafft, trotzdem Raum für Emotionen zu lassen. Das tue ich oft beim Überarbeiten. In diesem redaktionellen Prozess bildet sich manchmal auch ein bestimmter Stil heraus, Anaphern zum Beispiel. Sie zeichnen meine Texte aus. Dieses stilistische Mittel hat mir dabei geholfen, meine Haltung zum Schreiben zu stärken. Zunächst habe ich es gar nicht bewusst angewendet, ich setze mich nicht hin und sage beispielsweise: „Heute will ich ein Gedicht im Kreuzreim schreiben.“ Ich habe aber irgendwann Spaß am Überarbeiten entwickelt. 

Um mich und meine Texte für die Bühne vorzubereiten, habe ich jedoch auch andere Strategien. Ich entscheide selbst, wann ich bereit bin, mit einem Text auf die Bühne zu gehen. Ich nehme mir selbst also den Raum, diese Entscheidung zu treffen. Das gibt mir Sicherheit. 

Aber auch die Art des Vortrags kann eine Form der Distanzierung sein. Ein Zauberwort sind Pausen. Ich arbeite mit Schlagwörtern, die ich runterrattern kann oder eben mit 3-Sekunden-Pausen. Je mehr ich in der Öffentlichkeit Texte präsentiert habe, desto besser habe ich verstanden, dass ich dazu in der Lage bin, Gefühle zu beschreiben, der zuhörenden Person Raum zu geben, diesem Gefühl zu begegnen und es zu empfinden. 

Islamische Zeitung: Was wünschen Sie sich in Bezug auf Ihr Schreiben in der Zukunft? Was sind ihre Visionen?

Kübra Böler: Ich möchte meine Lyrik gerne selbst veröffentlichen, das ist eigentlich längst überfällig. Außerdem möchte ich Räume schaffen, in denen andere schreiben können. Jeder Mensch kann kreativ sein und schreiben. Ich finde das vor allem für junge Menschen wichtig, es tut ihnen gut. Einerseits im Stillen, aber auch der Austausch darüber kann für sie sehr fruchtbar sein. Das möchte ich weiterhin in die Welt tragen. Was die Formen dieser Räume angeht, bin ich offen. Ich probiere gerne etwas Neues aus. Auf großer Bühne oder einen Menschen darin unterstützen, er selbst zu sein. Und ich habe festgestellt, dass ich genau das durch das Schreiben tun kann. Ich kann Herzen berühren, ich kann Menschenpflege betreiben. 

Zur Interviewerin: Layla Kamil Abdulsalam wurde 1988 in Khartoum (Sudan) geboren. Sie ist ausgebildete Gymnasiallehrerin und arbeitet derzeit an einer Gesamtschule. Außerdem ist sie in der LehrerInnenfortbildung mit dem Schwerpunkt „sprachsensibler Fachunterricht“ tätig. Neben Bilderbüchern für muslimische Familien schreibt Kamil Abdulsalam selbst Gedichte und lädt zum #mitdichten ein. Diese Texte sind teils auf Instagram unter @lakamilakami zu finden.