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Reisen: Eine Busfahrt durch Albanien

Ausgabe 325

Foto: MehmetOZB, Adobe Stock

„Ich studierte Karten des Westbalkans, und dachte an Namen wie Prizren, Tetovo, Ohrid und Elbasan. Ortsnamen, die Bilder von antiken Straßen und Königreichen wiederauferstehen lassen. Besonders anregend war die Vorstellung der Via Egnatia, der alten Römerstraße, die ganzen Balkan durchschnitt – von Durrës in Albanien nach Istanbul. (…) Während wir durch Albanien rumpelten, entschied in landschaftlicher Hinsicht, dass man sich schwertun würde, einen schöneren Teil Europas zu finden. Von versteckten Höhlen und den weißen Sandstränden der albanischen Riviera bis zu den zerklüfteten Gipfeln der Prokletije Planina im Norden bietet das Land das Bild eines schroffen, leeren Paradieses.“

(iz). Es ist eine Eigenschaft auf dem Balkan, dass man immer davor gewarnt wird, was jenseits des Flusses, der Berge, dem Nachbardorf oder der anderen Seite der Stadt liegt. Insbesondere und im Allgemeinen, wenn das irgendwo südlich der Betrachter liegt.

Österreicher hegen Abneigungen gegen Südslawen, die sie „Tschuschen“ nennen. Die Slowenen – diejenigen unter den Ex-Jugoslawen, die am meisten österreichisch sind – rümpfen ihre Nase über die serbischen „Čefuri“. Bei den Serben ihrerseits erklingen die Alarmglocken über die albanischen „Šiptari“. Und selbst die gegischen Albaner im Kosovo und in Mazedonien warnen Reisende davor, bei ihren toskischen Brüdern zu bleiben, die sie bis auf den letzten Mann als „Banditen“ beschreiben.

Und so beschloss ich, den am meisten verhöhnten Teil des Balkans, ja, möglicherweise Europas, zu besuchen – gewissermaßen das unterste Ende der Fahnenstange – Albanien.

Meine ersten Eindrücke von Albanien kamen von einem Flug nach Griechenland, als ich zehn Jahre alt war. In Höhe von 36.000 Fuß blickte ich auf den schneebedeckten Llogara-Pass. Mein Vater erklärte mir, was wir aus dem Jet beobachten konnten. Damals war es das vielleicht verschlossenste und isolierteste Land der Welt.

Damals regierte Enver Hoxha Albanien mit eiserner Faust. Die Mischung aus Kemal Atatürk und Marschall Tito betrieb eine rigorose Politik des staatlich geförderten Atheismus. Moscheen wurden zerstört oder in Museen verwandelt, Muslime in den Untergrund getrieben und dazu gezwungen, ihre Rituale wegen des Risikos einer Inhaftierung insgeheim zu praktizieren.

Heute sind die tausenden Betonkuppeln, die die gesamte albanische Landschaft zieren, das offensichtlichste architektonische Erbe von Hoxhas Herrschaft. Diese kuriosen und plumpen Iglos liegen nicht nur an der Küste und entlang von Hauptstraßen, sondern unerklärlicherweise in entlegenen Feldern. Sie waren die Idee des Diktators, der die Albaner vom Stammeshass zum Hass auf Ausländer umwandeln wollte. Letztere galten insgesamt als potenzielle Invasoren.

Hoxha starb 1985. Nach dem Untergang des Kommunismus fünf Jahre später wurde das Land von Unruhen, Massendemonstrationen und Korruptionsskandalen zerrissen. Viele Albaner verloren damals aufgrund verschiedener Pyramidensysteme ihre Ersparnisse, was das Land an den Rand eines Bürgerkrieges trieb. Das Militär wurde aufgelöst, Waffenlager geplündert und kriminelle Gruppen erlangten die Oberhand. Am Ende mussten multinationale Friedenstruppen geholt werden, um die Ordnung wiederherzustellen.

Seit 2003 war die Reise auf den Balkan eine Art Sommerritual für mich. Ich wanderte durch Serbien, fuhr mit dem Motorrad von Berlin nach Sarajevo und nahm den Orientexpress auf seiner letzten Etappe von Sofia nach Istanbul. Ich wollte aber auch sehen, was die Albaner zu bieten haben. Ich wollte in meinem Kopf das „Großalbanien“ skizzieren, vor dem mich so viele meiner serbischen Freunde gewarnt hatten.

Ich studierte Karten des Westbalkans, und dachte an Namen wie Prizren, Tetovo, Ohrid und Elbasan. Ortsnamen, die Bilder von antiken Straßen und Königreichen wiederauferstehen lassen. Besonders anregend war die Vorstellung der Via Egnatia, der alten Römerstraße, die den ganzen Balkan durchschnitt – von Durrës in Albanien nach Istanbul. Einen Teil von ihr wollte ich bereisen.

Meine Albanienreise startete am mazedonisch-albanischen Grenzübergang an der Südspitze des Ohridsees. Gerade hatte ich die Grenze bei Sveti Naum überschritten, einem mazedonischen Kloster aus dem neunten Jahrhundert. Seine üppig-grünen Parkflächen, die von Pfauen bevölkert waren, liegen sprichwörtlich auf der Grenze zu Albanien. Es ist ein Pilgerziel für alle umliegenden Ethnien und Religionen – Albaner, Mazedonier, Bulgarien, Griechen und Serben, Orthodoxe und Muslime.

Die mazedonisch-albanische Grenze verläuft rund 180 Meter von den Klostermauern entfernt. Bei der Ankunft am Kontrollposten stellte ich fest, dass ich noch eine Handvoll mazedonisches Geld in meiner Tasche hatte. Ich suchte mir einen Laden, in dem ich mich der Valuta entledigen konnte. Als ich durch ein halb geöffnetes Tor schlüpfte, fand ich mich zu meiner Überraschung auf einem Militärgelände wieder. Ich war umgeben von Soldaten in mazedonischen Uniformen, die bei der Arbeit meine Anwesenheit mehr oder weniger nicht bemerkten, bis ein Soldat auf mich zukam und mich für einen verirrten Pilger aus Sveti Naum hielt und auf den Weg zum Kloster zurückschickte. Bevor ist es merkte, hatte ich die Anlage verlassen und war inmitten von Sinti und Roma sowie Musikern, die auf Trommeln schlugen und Flöten bliesen. Der Zusammenprall zwischen religiösem Karneval und Armeestützpunkt war vollkommen surreal – balkanisch und traumhaft.

Bevor ich den Balkan bereiste, hielt ich die Bilder des serbischen Regisseurs Emir Kusturica für einen surrealistischen Höhenflug. Aber es waren Szenen wie diese, die mich überzeugten, dass es sich dabei nur um eine Reflexion der Wirklichkeit auf dem Balkan handelte.

Nach meiner Rückkehr aus der Kaserne war ich wieder bereit für den Grenzübertritt nach Albanien. Ich zahlte zehn Euro für mein Visum. Ein planloser Grenzschutzsoldat stempelte meinen Pass und ich lief auf einer leeren Straße am Seeufer entlang, das von kleinen Bunkern gesäumt war.

Nach Verlassen der Grenze erreichte ich die sonnenverwöhnte südalbanische Stadt Korcë und befand mich mitten im Basarviertel. Die um ein gefesseltes Schaf feilschenden Albaner unterschieden sich erheblich von denen im nördlichen Kosovo und Mazedonien. Während letztere Gegen sind, handelt es sich im Süden um Tosken – dunkler und stämmiger als ihre nördlicheren Cousins. Sie sind häufiger orthodox als muslimisch. Die Menschen wirken im Charakter sonniger, spontaner und weniger grimmig. Ihre Städte sind weniger wohlhabend, schmutziger und chaotischer.

Ich hielt kurz inne, um das ganze Elend des Anblicks in mich aufzunehmen, bis mir auffiel, dass jeder seine Einkäufe in Plastiktüten von Lidl mit sich herumtrug. Nach meinem besten Wissen gibt es von der deutschen Supermarktkette keine einzige Filiale in Albanien. Offensichtlich machte jemand ein kleines Geschäft mit diesen in Deutschland beschafften Supermarkt-Plastiktüten. Später, als ich nach Berlin zurückkehrte, fand ich mich eines Tages in einer Lidl-Filiale wieder. „Können Sie sich das vorstellen“, sagte die Kassiererin, „aus irgendeinem Grund jenseits meiner Vorstellung klaut irgend jemand unsere ganzen Plastiktüten“. Es hätte mich nicht im Geringsten überrascht, wenn ich erfahren hätte, dass diese Einkaufstüten in Korcë gelandet sind.

Während wir durch Albanien rumpelten, stellte ich fest, dass man sich aus landschaftlicher Sicht schwertun würde, einen schöneren Teil Europas zu finden. Von versteckten Höhlen und den weißen Sandstränden der albanischen Riviera bis zu den zerklüfteten Gipfeln der Prokletije Planina im Norden bietet das Land das Bild eines schroffen, leeren Paradieses. Es ist frei von den üblichen Fallstricken des europäischen Lebens. Dies vorausgeschickt war die Landschaft oft durch Müllberge am Stadtrand verschandelt; scheinbar unter dem Motto „aus den Augen, aus dem Sinn“.

Westlich von Ohrid fuhren wir auf der alten Via Egnatia. Ihre Steine wurden im zweiten vorchristlichen Jahrhundert als Teil eines römischen Superhighways verlegt. Sie begann in Dyrrachium (dem heutigen Durrës, der zweitgrößten Stadt) an der Adria. Die Straße durchschneidet die Balkanhalbinsel und war über 2.000 Jahre lang der wichtigste Weg von Rom zur Stadt, die wir heute Istanbul nennen.

Während das Osmanische Reich seine Macht steigerte, war  die Kontrolle der Via Egnatia Schlüssel zu einer Kette von Siedlungen in den heutigen Staaten Albanien, Mazedonien und dem Norden Griechenlands. So konnte die Kakophonie isolierter Einheiten unter der Herrschaft konkurrierender Warlords als einheitliche Idee aufrechterhalten werden.

Tirana war für mich ein Ort, an dem Tradition und Moderne in einem unruhigen Waffenstillstand aufeinandertreffen. Hier hat die italienisch-faschistische Regierung das Gesicht der Stadt mit einer modernen Infrastruktur und einer scheinbar von Italien inspirierten Architektur geprägt, die sich in Ministeriumsgebäuden, Kasernen und Hotels widerspiegelt. Trotz alledem betritt man unweit der Et’hem-Beg-Moschee und des benachbarten venezianischen Uhrenturms sowie des Grabmals des Stadtgründers Suleiman Pascha die verwinkelten Gassen des Basars mit seinem orientalischen Leben und seinen malerischen Figuren.

1926 versuchte die Regierung, in Albanien ein modernes Rechtswesen zu schaffen. Der Versuch bekam starken Widerstand von der Bevölkerung. Sie ignorierte größtenteils die neuen Gesetze, während sie Genugtuung durch das alte Leke suchte, dem traditionellen albanischen Kodex. Das führte zur Bestrafung durch neue staatliche Rechtssystem. Bis Enver Hoxha in Albanien an die Macht kam, galt der Kodex immer noch Teilen des Nordens, trotz der Übernahme westlicher Formen und Moden. Jedoch sterben alte Gewohnheit schwer. Bis heute ist der Anblick von Männern in tradierter Kleidung mit ihrer Kopfbedeckung ein willkommener Anblick im Lande.

Erwähnenswert ist auch die religiöse Aufteilung des Landes: Katholisch im Norden, muslimisch in der Mitte und griechisch-orthodox im Süden. Dies wird deutlich sichtbar, wenn man durch Albanien fährt: Die griechisch-orthodoxen Kirchen im Süden weichen den Minaretten, die wiederum katholischen Kirchen Platz machen.

Knapp zehn Straßen nach Abfahrt verließ ich den Bus und wanderte durch die holprigen Straßen von Shkodër. Ich wetteiferte um Platz mit einem Kind, dass gerade mit einer Schafherde vom Berg herabstieg. Nach dem Einchecken im Hotel ging ich raus und ließ mir die Haare schneiden. Der Barbier schien ein bisschen beleidigt, dass mein Albanienaufenthalt so kurz sei. Es gäbe doch noch so viel mehr zu sehen, meinte er. Ich wusste das und sagte ihm, dass ich bald zurück sein würde; dies war nur eine Erkundung, sozusagen ein Kennenlernen des Landes.

Das war erst mein zweiter Tag in Albanien, und ich erinnerte mich an all die dummen Warnungen und antialbanischen Verunglimpfungen meiner damals meistens serbischen Freunde, die auf meinen Entschluss zur Reise reagierten. Selbstverständlich war jeder, der mir begegnete, aufrichtig und freundlich.

Es war auch Wahltag in Albanien. Trotz der Befürchtungen, dass es zu Unruhen kommen könnte, fielen keine Schüsse und es patrouillierten keine bewaffneten Milizen auf den Straßen. Es war ein ganz normaler Tag in Albanien. Vielleicht war das ein langweiliger Text. Aber so war es nun einmal.

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