Der Ramadan – eine spirituelle Reise

Ausgabe 241

Foto: Mohd. Tarmizi | Lizenz: CC BY-SA 2.0

(iz). Meinen ersten Ramadan in einem mehrheitlich muslimischen Land habe ich an einem sehr besonderen Ort verlebt: Am Sinai, dem Ort, an dem der Prophet Moses [arab. Musa] mit Gott sprach. Ein würdevoller und segensreicher Ort. Hier verfiel der Mosesberg angesichts des Anlitzes des Schöpfers voller Ehrfurcht zu Staub. In jenem Jahr hatte ich spontan meine Freundin in Kairo besucht und wir haben eine kleine Rundreise am Sinai unternommen.
So kam es, dass wir genau am 1. Ramadan den Berg Sinai bestiegen. Eines meiner prägendsten und faszinierendsten Erlebnisse, denn um Mitternacht stiegen wir auf den Mosesberg hinauf und erreichten unter großer Mühe bei klarem Sternenhimmel, einer Lichterkette von Hunderten von Reisenden, und dem Geleit von Kamelen, den hohen Gipfel des Berges. Mitten in der Wüste bei über 2.400 m über dem Meeresspiegel waren wir vom Anblick des Sonnenaufgangs mehr als überwältigt, ein Augenblick totaler Faszination, Glück und Bewunderung.
Hier in der Wüste sinnierte ich über den Allmächtigen, darüber wie der Prophet Moses seinen Schöpfer suchte und Gott zu Moses sprach, darüber, welch gewaltige Aufgabe ihm auferlegt wurde. Es ist gewiss kein Zufall, dass der Schöpfer die Wüste als Ort der Begegnung auswählte, denn hier ist man Gott näher, einem Ort der Extreme, einem Ort, an dem man seine große Abhängigkeit vom Schöpfer begreift. Hier geht es um Leben und Tod.
Hier inmitten von Sand, Staub und extremer Hitze sind alle drei monotheistischen Weltreligionen entstanden. Hier, wo inmitten von Nichts die Gedanken klarer werden und man darüber reflektieren kann, welcher Sinn sich hinter der eigenen Existenz verbirgt. In einer Zeit, in der wir gefangen im Tumult und in der Hektik des Großstadtlebens von den vielen Aufgaben des Alltags überwältigt werden und oftmals keine Zeit bleibt, um über unsere Lebensaufgabe zu philosophieren, um unsere Seele zu läutern.
Ramadan-Alltag in Kairo
Anders als ich es bisher aus Deutschland kannte, war der Ramadan im gesellschaftlichen Leben der Ägypter sehr präsent, der ganze Lebensrhythmus wurde gar an ihn angepasst. So wurden die Straßen mit den berühmten Ramadan-Laternen geschmückt und die zahlreichen Läden zur Zeit des Iftars geschlossen, es wurden Qur’anrezitationen in öffentlichen Plätzen abgespielt und eigens für den Fastenmonat ein Fernseh-Programm kreiert.
Anders, als ich es von Deutschland gewohnt war, wo der Ramadan mehr oder weniger in den eigenen vier Wänden, in der Kernfamilie, allenfalls mit der Erweiterung des Familien- und Bekanntenkreises und in der Moschee stattfand, war hier nun das gesamte öffentliche Leben danach ausgerichtet. Ein Zustand, der mich sehr glücklich stimmte, denn so wurde der Fastenmonat ein gemeinsames, öffentlich geteiltes Erlebnis. Ein Umstand, der das Gemeinschaftsgefühl in der Gesellschaft bedeutend stärkte. Ein weiteres besonderes Erlebnis war das Tarawwih-Gebet in den hiesigen Gärten der stilvoll gebauten Moscheen bei Freiluft zu verrichten. Ich spürte einen Segen in der Atmosphäre…
Mir wurde klar, wie viel mir bisher entgangen war und welch unterschiedlichen Charakter der Ramadan in einem mehrheitlich muslimischen Land annehmen kann. Was mir besonders gefiel, war der Raum, der dem Ramadan eingeräumt wurde, jener, der ihm gebührte. Zahlreiche Festlichkeiten, wie Freiluft-Aufführungen, Bazarstände und öffentliche Iftars, zelebrierten den Monat und die öffentlichen Gebete stärkten den Gemeinschaftssinn. Ich konnte mich glücklich schätzen, in Deutschland war es mir stets gelungen, den Fastenmonat in meinen Alltag zu integrieren, sei es in Schule, Studium, Ausland oder Beruf. Man begegnete mir mit Neugier, Offenheit und viel Verständnis. Was mir jedoch fehlte war das innere Leben und die Spiritualität des Ramadan, das gemeinsame Erleben in der Gesellschaft…
Der tiefere Sinn
Oftmals werden wir gefragt, warum wir fasten. Der Ramadan ist mehr als nur Fasten vom Beginn des Morgenlichts bis Sonnenuntergang. Das Wesentliche besteht für mich darin, sich seinem Schöpfer zu nähern, in einer Zeit, in der Gott oft in Vergessenheit gerät, in einer Gesellschaft, in der der Mensch stets danach trachtet, das Kontinuum materieller Bedürfnisse zu befriedigen und sich von jeglichen Normen zu befreien, um das vermeintliche Glück absoluter Freiheit zu genießen.
Im Ramadan geht es um mehr als nur um die Enthaltsamkeit, gewichtiger ist die Enthaltsamkeit von schlechter Rede und schlechtem Handeln. Er zeigt uns zumindest für einen Tag, wie es um das Schicksal der Ärmsten bestimmt ist, in dem wir deren Leid – wenn auch nur temporär – miterleben. Er bietet die Rückbesinnung auf uns, auf unseren Geist, unsere Seele und unseren Körper. Und in dem Moment der Schwäche und Bodenständigkeit begreifen wir. Wir begreifen, wie zerbrechlich und schwach wir sind, wie sehr unser Leben von unserem Schöpfer abhängt und wie sehr wir aufeinander angewiesen sind zu helfen, wenn Not ist.
Wir begreifen, wie wir mit jedem Atemzug gesegnet sind und doch sehr sparsam in unserer Dankbarkeit sind. Und dann muss ich daran denken, wie gut unser Schöpfer den Menschen kennt, denn Er hat auch den Zustand der Schwäche bedacht und diese vom Fasten ausgenommen: Die Kinder, die Alten, die Kranken, die Reisenden, die Schwangeren, die Stillenden, die Menstruierenden und die Wöchnerinnen. Nun, wo ich den Fastenmonat bewusster erlebe, ist der Ramadan eine Art spirituelle Reise für mich, gleich einer Oase in der Wüste der Großstadt, in der sonst so wenig Raum und Zeit für Spiritualität bleibt. Raum, dem ich der Seele geben kann.

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