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Seit Jahren Realität. Berliner Netzwerk dokumentiert Diskriminierung

Ausgabe 322

Rassismus
Foto: Jörg Nowak, Shutterstock

(Inssan/IZ). Das Netzwerk gegen Diskriminierung und Islamfeindlichkeit des Berliner Vereins Inssan e.V. dokumentiert mit 206 Vorfällen für das Jahr 2021 weiterhin eine gefährliche Entwicklung in Berlin. Zusätzlich kommen weitere 174 Meldungen von den berlinweiten Registerstellen. Zusammen sind es 380 erfasste Fälle im Bereich des antimuslimischen Rassismus. Am 24. März wurden die Zahlen auf einer Pressekonferenz vorgestellt.

Die Anlaufstelle erfasst seit 2016 systematisch Beleidigungen, Anfeindungen, Benachteiligungen und tätliche Angriffe auf Muslim*innen und Menschen, die als solche markiert werden. Es handelt sich um eine standardisierte Datenerfassung. Bei den Fallzahlen handelt es sich um Angaben betroffener Menschen. Die Stelle arbeitet nicht als Recherche- und Monitoring-Stelle. Berichte werden überwiegend schriftlich über den Meldebogen oder über den Meldelink inssan.de/meldung herangetragen.

Dem Netzwerk gegen Diskriminierung und Islamfeindlichkeit wurden im Jahr 2021 insgesamt 206 Vorfälle gemeldet. Das sei ein Abfall von 9,65 Prozent zum Vorjahr (2020: 228) gewesen. Die Gesamtzahlen der Meldungen von 2016 bis 2021 zeige nach Angaben von Inssan e.V. dennoch eine Steigerung von über 80 Prozent. Als Erklärung wurde angeführt, dass die Arbeit der Beratungsstelle während der Pandemie „nur eingeschränkt weitergehen konnte“ und dass digitale Formale bisher „nicht niedrigschwellig“ seien, sodass sie nicht für jeden zugänglich gewesen seien. Darüber hinaus hätte sich nach Ansicht des Netzwerkes „die eingeschränkte Durchführung von Empowerment Angeboten“ auf das Meldeverhalten von Betroffenen ausgewirkt.

Als Zone mit den meisten Vorfällen benennt die Meldestelle den „Bereich sozialer Nahraum“. Allerdings würde man seit zwei Jahren einen Anstieg der Meldungen bei „Güter- und Dienstleistungen“ verzeichnen. In der ersten Sphäre seien 45,6 Prozent erfasst worden. Zu dieser zähle „der öffentliche Raum, in denen Menschen mehr oder weniger zufällig aneinander begegnen“. Das könnten Straßen, Parkplätze, Bushaltestellen, Supermärkte oder Nachbarschaften sein.

An zweiter Stelle komme wie erwähnt das Gebet der Güter- und Dienstleistungen. Hier habe es in den letzten zwei Jahren einen Anstieg gegeben. Der größte Teil der antimuslimischen Übergriffigkeit sei für Geschäfte des täglichen Bedarfs sowie bei Ärzten, Krankenhäusern und im weiteren Gesundheitswesen gegeben.

16 Prozent aller Meldungen seien der Arbeitswelt zuzuschreiben. Dazu gehörten Jobsuche, Bewerbungen sowie existierende Anstellungen. Ein erheblicher Teil der Benachteiligungen bei der Stellensuche hätte sich wegen des Kopftuches ereignet – sowohl auf dem privaten Arbeitsmarkt als auch im öffentlichen Dienst.

Schließlich spielt der Bildungssektor mit 10,7 Prozent berichteter Diskriminierungen eine weitere Rolle. Darunter fielen nach Angaben der Melde- und Beratungsstelle Kitas und Horte, Schulen, Universitäten, berufliche und nichtberufliche Weiterbildungen sowie Praktika.

„Wie aus der Dokumentation hervorgeht, wurden 180 der meldenden Personen vordergründig aufgrund ihrer tatsächlichen oder zugeschriebenen islamischen Religionszugehörigkeit diskriminiert.“ 140 Betroffene hätten aufgrund ihrer „zugeschriebenen ethnischen Herkunft“ Anfeindungen erfahren. Bei 73 Personen läge eine geschlechtsbezogene Diskriminierung vor.

„Somit überschneiden sich bei einer Vielzahl von Meldungen verschiedene Diskriminierungsgründe. Diese Diskriminierungsgründe oder Zuschreibungen sind fest miteinander verflochten und erzeugen spezifische Diskriminierungserfahrungen (intersektionale Diskriminierung).“ Musliminnen mit Kopftuch würden beispielsweise aufgrund von Religion, Geschlecht sowie ihrer ethnischen Herkunft diskriminiert. Das Kopftuch sei in diesem Fall „einerseits ein religiöses Symbol“ und andererseits „ein äußeres Merkmal, aufgrund dessen häufig die automatische Zuschreibung zu einer bestimmten ethnischen Gruppe erfolgt“.

„Jeder antimuslimische Vorfall ist einer zu viel, der immer noch kontinuierliche Anstieg der bei uns gemeldeten Diskriminierungserfahrungen ist besorgniserregend. Wir wissen aus der Arbeit, dass das Dunkelfeld viel größer ist. Wir wissen auch, dass eine statistische Erfassung und Sichtbarmachung von Antimuslimischen Rassismus nicht ohne wirksame Empowerment Angebote für die muslimischen Communities möglich ist“, sagte Zeynep Çetin, Projektleiterin des Netzwerks gegen Diskriminierung und Islamfeindlichkeit.