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Der Sound der Muslime

muslime musik sound

In den Versammlungen der Muslime wie dem Jumu’a, zum Freitagsgebet in der Moschee, steht das Gebet beziehungsweise die Andacht und das Wort Gottes im Zentrum.

(iz). In der Übermittlung der heiligen Worte Allahs ist die menschliche Stimme das wesentliche Element. Die Weisung des Propheten Muhammad, Allahs Segen und Friede auf ihm, den Qur’an in seiner bestmöglichen Stimme vorzutragen, reflektiert dabei den Anspruch, im respektvollen Wohlklang seiner Rezitation ebenfalls etwas von der Schönheit der Göttlichen Offenbarung widerzuspiegeln. Dies gilt nicht als Musik, sondern als „Lesen mit schöner Stimme“.

Der Anspruch des Propheten Muhammad, Dinge in der bestmöglichen Form zu präsentieren, ist ebenfalls ein Hinweis darauf, dass Worte und Handlungen nicht nur in ihrem Inhalt, sondern auch in ihrer Form und der Art, in der sie dargeboten werden, nichts Geringeres als das Beste reflektieren sollen.

Bewusst herzen fasten

Foto: as-artmedia, Adobe Stock

Dieses entspricht einer Qualität, die wir als Ihsan – „das Gute von Allah in allen Dingen sehen“ – bezeichnen.

Neben melodisch ausgeschmückten Qur’anrezitationen ist der Gebetsruf in seinem Wohlklang bedeutsam. Von Minaretten überall auf der Welt erklingen zu den entsprechenden Tageszeiten der fünf Gebete und zum Freitagsgebet die sieben Elemente des Gebetsrufes (Adhan), welcher unter anderem die Wiederholung des Glaubensbekenntnisses enthält.

In religiösen Zusammenkünften, vielerorts als Dhikr („Erinnern“) oder Sama’ bekannt (wortgetreu: „Hören“), versammeln sich Muslime – Männer wie Frauen – unter der Leitung eines Schaikhs, einem spirituellen Lehrer, um in gemeinsamer Andacht Göttliches Wissen auf traditionelle Weise zu vertiefen.

Hierzu gehören Qur’anrezitationen und der gesungene Vortrag von Qasiden: Gedichte mit festem Versmaß und durchgehendem Reim.

Foto: YouTube

Wer diese Art interaktiver Versammlungen mit seinen Gesängen und Klängen erlebt, spürt die herzerfrischende Lebendigkeit des Islam in der beseelten Überlieferung aus reinsten Quellen, die durch die Gelehrten von der ersten Generation des Islam bis zu jenen aus jüngster Zeit in die jetzige Zeit flossen und uns in verschiedensten kulturellen Ausprägungen die Botschaften aus Qur’an und Sunna übermitteln.

Die religiöse Andacht in melodischer Intonation (Makam) kann durch das Wohlwollen Allahs, Seine heiligen Worte in einer Weise beleben, die allein durch das Hören oder das Singen den Geist erfrischt und Heilung herbeiführt.

„Überall haben Muslime die Musik als Medium benutzt, um ihre Freude in ihrem Glauben auszudrücken, sodass die Musik zu den am stärksten kultivierten aller islamischen Künste wurde: Die heiligen Klänge von Java, Marokko, Usbekistan, der Swahili-Küste und dem muslimischen Balkan. 

Vielleicht ist es in der Musik, mehr als in jeder anderen kulturellen Form, dass der Islam seinen Universalismus und das Feiern der kulturellen Unterschiede ausdrückt“, sagt Schaikh Abdal Hakim Murad in seinem Buch „Muslim Songs of the British Isles“.

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Islam und KI (1): Die Singularität als neue Religion?

KI Islam

IZ-Kurzserie zur KI (1): Technologische Visionen nehmen zunehmend religiöse Züge an. Eine islamische Kritik.

(iz). In den gläsernen Bürotürmen von Silicon Valley, der IT-Hochburg in Kalifornien, hat sich in den letzten Jahrzehnten eine bemerkenswerte Entwicklung vollzogen: Technologische Visionen nehmen zunehmend religiöse Züge an. Von Masroor Ahmad-Hünsch

Ray Kurzweil, Googles Director of Engineering und einer der einflussreichsten Vordenker der Künstlichen Intelligenz, prophezeit nicht weniger als die Verschmelzung von Mensch und Maschine – eine technologische Apokalypse, die er „Die Singularität“ nennt.

Seine Vorhersagen lesen sich wie säkulare Prophezeiungen: Bis 2029 sollen Computer menschliche Intelligenz erreichen und den Turing-Test bestehen.

Der Turing-Test ist ein Verfahren, das vom britischen Mathematiker und Informatiker Alan Turing entwickelt wurde, um festzustellen, ob eine Maschine ein dem Menschen vergleichbares Denkvermögen besitzt. Dabei kommuniziert eine menschliche Testperson über einen Computerbildschirm mit einem Menschen und einer Maschine, ohne zu wissen, wer wer ist. Kann die Maschine die Testperson so täuschen, dass sie nicht mehr zwischen Mensch und Computer unterscheiden kann, gilt der Test als bestanden.

Im Jahr 2045, so Kurzweil, erreichen wir „Die Singularität“: eine Verschmelzung von Mensch und KI, die unsere Intelligenz „milliardenfach“ vervielfacht. Bereits in den frühen 2030er Jahren, so seine Prognose, kommen wir einen Punkt, an dem wissenschaftlicher Fortschritt schneller voranschreitet als biologisches Altern und die Maschine besser sei als der Menschen und sich selbst vervielfacht und optimiert.

Kurzweil ist nicht irgendjemand, sondern eine Gallionsfigur des Transhumanismus, ein Name, der für viele zum Synonym für die Vision einer technologisch erweiterten Zukunft geworden ist. Seine Vorstellungen werden längst nicht nur von einer kleinen, abgeschotteten Gruppe getragen, sondern finden weltweit Anklang bei Forschenden, Unternehmern und Menschen.

Seine Vision gipfelt in sechs „Epochen der Evolution“, deren letzte er „Das Universum erwacht“ nennt – ein Zustand, den er selbst beschreibt als „so nah an Gott, wie ich es mir vorstellen kann.

Der Wissenschaftsjournalist John Horgan bringt es auf den Punkt: „Seien wir ehrlich. Die Singularität ist eher eine religiöse als eine wissenschaftliche Vision.“ Diese Beobachtung ist nicht nur metaphorisch gemeint. Philosophen wie Émile P. Torres und Timnit Gebru haben den Begriff „TESCREAL“ geprägt – ein Akronym für eine Ideologie, die Transhumanismus, Extropianismus, Singularitarismus, Cosmismus, Rationalismus, Effektiven Altruismus und Longtermismus vereint.

Émile Torres, erklärt die quasi-religiöse Anziehungskraft dieser Bewegung: „Transhumanismus gibt dir ein Gefühl von Zweck und Bedeutung; da ist ein Versprechen vom Paradies; da ist die Idee, dass, wenn du nicht glaubst, dass Gott existiert, du ihn einfach durch künstliche Superintelligenz erschaffen kannst.“

Die religiöse Dimension der KI-Bewegung ist keineswegs nur metaphorisch. Anthony Levandowski, ehemaliger Google-Ingenieur und Pionier der selbstfahrenden Autos, gründete 2015 die „Way of the Future Church“ – eine offizielle, beim US-Finanzamt registrierte Religion, deren erklärtes Ziel die „Anbetung einer Gottheit basierend auf Künstlicher Intelligenz“ ist.

So eine extreme Entwicklung ist symptomatisch für einen tiefgreifenden Wandel im technologischen Diskurs. Was einst als Werkzeug gedacht war, wird zunehmend zum Objekt der Verehrung. Elon Musk verkündete im Januar 2026 auf X: „Wir haben die Singularität erreicht“.

Sarajevo Ramadan

Foto: rdne/Pexels

Aus islamischer Sicht offenbart diese Entwicklung ein fundamentales Problem: die Verwechslung von Schöpfer und Geschöpf, von Werkzeug und Anbetungswürdigem. Der Heilige Qur‘an spricht unmissverständlich über die einzigartige Stellung Gottes als Schöpfer: „Er ist Allah, der Schöpfer, der Bildner, der Gestalter. Sein sind die schönsten Namen. Alles, was in den Himmeln und auf Erden ist, preist Ihn, und Er ist der Allmächtige, der Allweise.“ (59:25)

Diese drei Namen Gottes – Al-Khaliq (der Schöpfer), Al-Bari (der Bildner) und Al-Musawwir (der Gestalter) – beschreiben eine Schöpfungsmacht, die kategorial verschieden ist von jeder menschlichen oder maschinellen „Kreativität“.

Der Heilige Qur’an stellt eine rhetorische Frage, die direkt zum Kern der KI-Debatte führt: „Ist nun wohl Der, Der erschafft, dem gleich, der nicht erschafft? Wollt ihr es also nicht beherzigen?“ (An-Nahl, 16:17)

Diese Frage ist nicht nur theoretisch, sondern hochaktuell: Können Maschinen, die statistisch Muster erkennen und reproduzieren, wirklich „erschaffen“ im wahrsten Sinne des Wortes? Oder imitieren sie lediglich das, was ihnen durch menschliche Trainingsdaten eingegeben wurde?

So betont er die unüberbrückbare Kluft zwischen Schöpfer und Geschöpf: „Dann entwickelten Wir es zu einer anderen Schöpfung. So sei denn Allah gepriesen, der beste Schöpfer.“  (23:13)

Dass Menschen in begrenztem Sinne „erschaffen“ können, ist nicht ausgeschlossen, weil sie sich diese Eigenschaft Gottes in menschlichen Maßen „leihen“ – aber der Koran stellt unmissverständlich klar: Allah ist „der Beste“ unter ihnen, unvergleichbar in Seiner Schöpfungskraft.

Ein zentraler Vers für das Verständnis der Grenzen menschlichen Wissens – und damit auch technologischer Machbarkeit – findet sich in Sure Al-Isra: „Und sie fragen dich über die Seele. Sprich: „Die Seele entsteht auf den Befehl meines Herrn; und euch ist vom Wissen nur wenig gegeben.“ (17:85)

Foto: Freepik.com

Dieser Vers wurde offenbart, als der Prophet Muhammad, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, nach der Natur des Geistes bzw. der Seele gefragt wurde. Die Antwort ist bemerkenswert eindeutig: Es gibt fundamentale Grenzen menschlichen Wissens. Die Unfähigkeit, die Seele vollständig zu begreifen, demonstriert, dass bestimmte Aspekte der Schöpfung – Bewusstsein, Geist, Leben selbst – jenseits menschlichen Verstehens und damit auch jenseits technologischer Reproduzierbarkeit liegen.

Wenn Kurzweil und andere Singularitäts-Propheten von der „Erschaffung“ künstlicher Superintelligenz oder gar künstlichen Bewusstseins sprechen, übersehen sie diese fundamentale Grenze. Sie verwechseln Simulation mit Substanz, statistische Verarbeitung mit echtem Verstehen.

In zeitgenössischen Science-Fiction-Filmen wie „Transcendence“, „Black Mirror“ oder „Upload“ wird eine scheinbar verlockende Vision präsentiert: Das menschliche Bewusstsein wird „hochgeladen“, digitalisiert und in eine virtuelle Unsterblichkeit überführt.

Diese Darstellungen offenbaren einen fundamentalen Irrtum der materialistischen Weltanschauung – die Annahme, dass das menschliche Bewusstsein nichts weiter sei als ein komplexes neuronales Muster, das sich durch ausreichend fortgeschrittene Algorithmen emulieren lässt.

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Freundeskreise statt Echokammern

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Wir brauchen Freunde: Im Islam wird der Weg zu Gott nicht allein gegangen, sondern im Kreis von Gefährten. (iz). Erleben wir die Wiederentdeckung der Freundschaft? Das wäre – wie wir […]

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Körper im Fastenmonat: Hochsaison für Selbstdisziplin und Entgiftung

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Körper im Fastenmonat: Gesundheit ist einer der wichtigsten Elemente des Glücks. Was wir zu uns nehmen, hat einen direkten Einfluss darauf. Im Islam werden die Muslime dazu ermutigt, bewusst mit […]

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Einsamkeit: Wie sollen wir mit ihr umgehen?

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Einsamkeit ist in den letzten Jahren ein ständig beliebteres Gesprächsthema geworden. Von dem Verlust von Drittorten bis hin zur zunehmenden Abhängigkeit von Technologie. (iz). Es existieren immer mehr Menschen, die […]

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Was die Technik mit dem Reisen macht: Chronos und Kairos

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Algorithmen verändern unsere Reiseerfahrung. Von der Kunst, zum richtigen Zeitpunkt am passenden Ort zu sein. (iz). Zwischen Abflugtafeln, Jetlag und den endlosen Scrollbewegungen auf dem Smartphone passiert manchmal etwas Merkwürdiges: […]

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Die Krimtataren: Islam ist eine Facette ihres Widerstands

Krimtataren

Der Islam ist eine Facette des krimtatarischen Widerstands gegen Assimilationsdruck und Repression, damit jedoch auch ein Grund für Verfolgung unter russischer Besatzung.

(iz). Einerseits stärken Krimtataren auf der Halbinsel selbst ihre Resilienz dank ihres Glaubens und ihrer Kultur, andererseits ist diese Strategie auch zum Forschungsthema avanciert: Ein Buch, ein neues Wissenschaftsprojekt und eine Cross-Media-Tournee thematisieren auch diese Facette krimtatarischen Widerstandes.

Angesichts von Annexion, Krieg und Repression sämtlicher öffentlicher Widerstandsressourcen beraubt, ist für viele Muslime der Krim der Islam ein fester Marker im Koordinatensystem ihrer biografischen Landschaften.

Auf der russisch okkupierten Halbinsel Krim werden auch krimtatarische Männer im wehrfähigen Alter zum Dienst in der russischen Armee eingezogen und somit gegen ihre eigentlichen Landsleute in der ukrainischen Armee in den Krieg geschickt.

Um diesem Desaster zu entgehen, aber auch vor Repression und Besatzungsalltag, flüchteten circa 40.000 Krimtataren aus ihrer Heimat in die Festland-Ukraine, in die Türkei, nach Europa und Amerika.

Foto: Sasha Maksymenko, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY 2.0

Für die Krim selbst meldete die NGO Crimean Tatar Resource Center (CTRC) mit Sitz in Kiew für Januar bis September 2025 über 100 Festnahmen und rund 180 Verhaftungen auf der Halbinsel; zugleich nahmen Verfahren wegen „Staatsverrats“ sowie wegen „Diskreditierung der russischen Armee“ zu. 

Demnach hält Russland – Stand Oktober 2025 – 220 Menschen von der Krim widerrechtlich aus ethnischen, religiösen und politischen Gründen gefangen. Davon sind 133, also mehr als die Hälfte, Krimtataren, darunter immer mehr Frauen.

Laut der Human Rights House Foundation dokumentierte die Crimean Human Rights Group (CHRG) bis Mitte 2025 bereits mindestens 284 politisch motiviert inhaftierte Zivilist*innen aus der Krim; mindestens 109 davon sind im sogenannten „Case of Crimean Muslims“ angeklagt. Diese Zahl zeigt eine weitere Verschärfung gegenüber den Vorjahren.

Sarah Reinke, Geschäftsführerin der Gesellschaft für bedrohte Völker und ausgewiesene Osteuropa-Expertin, konstatiert, dass Krimtataren explizit auch als Muslime verfolgt werden. Die religiöse Erziehung wird immer wieder behindert.

Bei Hausdurchsuchungen durch den russischen Geheimdienst, FSB, liegt der Fokus vor allem auf religiös-islamischer Literatur, und muslimische Gefangene werden aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit gezielt schikaniert. In Gefängnissen wurden Koranexemplare in arabischer Sprache beschlagnahmt.

Ein Besatzungsgericht auf der Krim schloss die unabhängige islamische Schule im Bezirk Simferopol. Muslime im Gefängnis Abakan CF-33 durften während des Fastenmonats Ramadan nicht vor Sonnenaufgang frühstücken und nach Sonnenuntergang fastenbrechen. Das mache ihnen das Befolgen des Ramadans unmöglich.

Die jüngsten Fälle von Inhaftierung und Verurteilung machten die unfassbare Atmosphäre der Angst und Repression anschaulich, so die Menschenrechtlerin Reinke: Vier Musliminnen wurden zu langen Haftstrafen verurteilt.

„Morgens gegen vier Uhr stürmten Beamte des russischen Geheimdienstes, FSB, mehrere Häuser und führten Razzien durch. Sie verhafteten vier junge krimtatarische Frauen. Wir sind in größter Sorge um sie. Es handelt sich um gezielte politisch motivierte Festnahmen von Angehörigen des indigenen Volks der Krimtataren.“ 

Die krimtatarische Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Elmira Muratova (European Center for Migration Issues, Flensburg) untersuchte in den vergangenen Monaten die Rolle des kollektiven Gedächtnisses der Krimtataren in Bezug auf die erste Annexion der Krim 1783 und die Deportation im Jahr 1944 bei der Entwicklung ihrer heutigen Bewältigungsstrategien auf der besetzten Krim.

Muratova identifizierte in ihrer Analyse „Kollektives Gedächtnis, Islam und Bewältigungsstrategien der Krimtataren auf der besetzten Krim“ drei verschiedene Bewältigungsstrategien, die von säkularen und religiösen Gruppen innerhalb der krimtatarischen Gemeinschaft entwickelt wurden und die sich alle um drei Schlüsselinstitutionen gruppieren: Crimean Solidarity, Qaradeñiz Production und die geistige Administration der Krim-Muslime.

Die NGO „Crimean Solidarity“ organisierte sich vor allem aus den Zusammenhängen der ehemaligen Hizb ut-Tahrir, einer kleineren Bewegung unter den Krimtataren, die organisch nicht mit den Parteien in Nahost zusammenhängt.

Die russischen Behörden stellen demnach die Verfolgung von Muslimen als eine Maßnahme zur Terrorismusbekämpfung dar. Die muslimischen Aktivisten der Crimean Solidarity wollen dem russischen Narrativ entgegentreten, dass die krimtatarische Hizb ut-Tahrir als Terroristen abstempelt, und stellen die Verfolgung dieser Gruppe als politisch motiviert dar, die sich gegen die gesamte krimtatarische Gemeinschaft richtet.

Der „Hanife-Şefiqa-Sabriye-Preis für deutsch-krimtatarische Kulturdiplomatie und Publizistik“ ausgelobt von einem krimtatarisch-deutschen NGO-Bündnis (u.a. Gesellschaft für Osteuropa-Förderung + ICATAT) ging diesjährig ertmals an die Cross-Media-Aktivistin Elnara Nuriieva-Letova (hier im Bild mit der krimtatarischen Sängerin Lenara Osmanova im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Berlin, 20.11.2025, Foto: ©ICATAT / Mehmed-Ali-Pascha-Archiv)

Für die Mehrheit der auf der Krim verbliebenen Krimtataren stellt der Islam im Alltag aus Repression und Assimilationsdruck einen identitären Anker dar.

Um dieses Segment der krimtatarischen Identität und Solidarität ginge es sowohl im kürzlich erschienen Buch „Die Krimtataren. Geschichte. Kultur. Politik“ als auch auf der kürzlich beendeten „Cross-Media-Tournee“ mit zwei Dutzend krimtatarischen, deutschen und österreichischen Künstlern, Akademikern und Menschenrechtlern.

Abhebend auf dieses Experten-Netzwerk begann im November ein neues Forschungsprojekt des Instituts für Caucasica-Tatarica- und Turkestan-Studien in Kooperation mit dem Ukrainischen Institut Kiew mit einer Bestandsaufnahme krimtatarischen religiösen und kulturellen Erbes. Qua Digitalisierung, Übersetzung und Katalogisierung im Projekt „AVDET // QAYTARMA. German-Crimean Tatar Cultural Heritage in the Context of Decolonisation, Exile, and Empowerment“ solle angesichts von Repression und Zerstörung explizit auch die islamische Facette des Erbes der Krimtataren gesichert werden.

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Imam Benjamin Idriz: „Diese Vielfalt hat uns bereichert“

idriz

IZ-Begegnung mit Imam Benjamin Idriz über eine Kindheit in einer Gelehrtenfamilie, multikulturelle Moscheegemeinden und die Notwendigkeit des Dialogs. (iz). Benjamin Idriz, 1972 in Skopje geboren, ist Imam und islamischer Theologe […]

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Ferien mit Kindern. Ein neues Buch über „Islamische Ferienfreizeiten“

Ferien

Das Buch „Islamische Ferienfreizeiten“ von Nadim Daniel Gharieb ist der wohl umfassendste Praxisratgeber seiner Art für muslimisch geprägte Zeltlager und Ferienfreizeiten.

(iz).  Mit langer persönlicher Erfahrung des Autors, der als Kind, Jugendlicher, Helfer und Hauptverantwortlicher an mindestens sechzig solchen Veranstaltungen teilgenommen hat, schöpft das Manuskript aus dem Vollen: Es verbindet autobiografische Eindrücke mit pädagogischer Erkenntnis und versammelt sie zu einem Kompendium konkreter Handlungsempfehlungen.

Ferienfreizeiten: Erfahrener Blick und pädagogische Verantwortung

Gharieb beginnt aus der Innenperspektive – seine eigene Entwicklung, die Leidenschaft für diese Jugendarbeit und die empathische Beobachtung der Kinder markieren den Ton. Die Widmung an Freunde, Wegbegleiter und Familienmitglieder ist mehr als ein literarischer Kunstgriff: Sie spiegelt die Gemeinschaftserfahrung, wie sie in Ferienlagern entstehen kann und soll.

Dank, Lob und Segenswünsche rahmen das Ziel: Nicht nur die Organisation, sondern die Herzensbildung der Teilnehmenden steht im Zentrum. Der Autor verheimlicht nie, wie sehr das Gelingen von Zeltlagern vom Engagement vieler Einzelner abhängt, von Großzügigkeit, Geduld und der Bereitschaft, Zeit und Kraft für junge Menschen zu spenden

Konkrete Anleitung für Lagerleitung und Teamer

Die Struktur des Buches ist didaktisch durchdacht. Vom Überblick über Lagerformen, Zielsetzung und Teilnehmerbedürfnisse bis zur feingliedrigen Rolle der Verantwortlichen und Helfer – Gharieb verzahnt Theorie mit Praxis und bleibt stets pragmatisch. Seine Hinweise zur Teamarbeit, Hierarchie, Kommunikationsregeln und der bewussten Vermittlung islamischer Werte sind klar und nachvollziehbar formuliert. 

Insbesondere betont er, dass Autorität stets mit Wertschätzung und Dialog kombiniert werden muss – und dass religiöse Praxis im Alltag und nicht nur im Stundenplan lebt.

Pädagogik zwischen Alltag und Ritual

Wie das Manuskript darlegt, ist pädagogische Professionalität kein Selbstzweck, sondern soll den Kindern und Jugendlichen nicht nur Wissen, sondern islamische Charaktereigenschaften und Lebenskompetenz vermitteln. Der Umgang mit problematischem Verhalten, die Bedeutung von Strukturen und die Ermutigung zur Selbstverantwortung werden aus der Praxis heraus erklärt. 

Die Kapitel zur rituellen Praxis, Gebet, Mahlzeiten und Sauberkeit bilden einen gelebten Wertekosmos, in dem sich Alltag und Spiritualität durchdringen. Besonders wertvoll: Gharieb plädiert dafür, Kinder in ihrer Individualität zu sehen und ihnen Erfolgserlebnisse im religiösen Lernen zu ermöglichen – ohne Überforderung oder Leistungsdruck.

Inspiration, Methoden und nachhaltige Vision

Wer das Buch in die Hand nimmt, spürt die Absicht des Autors: Er möchte nicht nur Wissen weitergeben, sondern eine Bewegung anstoßen. Die detaillierten Programmvorschläge, Hinweise zur rechtlichen und finanziellen Organisation und die methodisch klugen Anhänge machen das Buch zu einer Fundgrube für Praktiker. 

Die Gedankenreise, Entspannungsübungen und Alltagsrituale – hier verknüpft sich die islamische Geisteshaltung mit moderner Pädagogik. Bewegend ist das ständige Plädoyer für Nachhaltigkeit und den Aufbau tragfähiger Strukturen, die das muslimische Gemeindeleben stärken sollen.

Fazit: Ein Handbuch mit Herz und Haltung

Ghariebs Manuskript ist ein Leitfaden und eine Einladung, muslimische Jugendarbeit in Deutschland auf neue Füße zu stellen. Mit dem Fokus auf Gemeinschaft, Wertschätzung und lebenspraktische Religiosität schafft das Buch einen Raum für pädagogische Innovation und spirituelle Inspiration.

Der Stil ist offen, freundlich und von Hoffnung getragen, die Argumentation klar und praxisnah. So avanciert „Islamische Ferienfreizeiten“ zum hilfreichen Buch für alle, die sich mit Herz, Hand und Verstand für die muslimische Jugend engagieren wollen.

Nadim Daniel Gharieb, Islamische Ferienfreizeiten, Astrolab Verlag 2025, 200 Seiten, 978-3948139407, Preis: EUR 15,50

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60 Jahre „Nostra Aetate“ – ein neues Kapitel des Dialogs

dialog Nostra Aetate

Die Erklärung Nostra Aetate wird 60 Jahre alt. Eine Muslima reflektiert über den anhaltenden Ruf nach christlich-muslimischer Verständigung

(iz). Ich wuchs als muslimisches Einwandererkind in der schönen Stadt Mainz auf. Umgeben von einer reichen katholischen Kultur spürte ich oft die Last, als „anders“ angesehen zu werden.

Ich erlebte am eigenen Leib sowohl die Schönheit als auch die Spannung, die das Leben zwischen religiösen Welten mit sich bringen kann. Zu Hause rezitierte ich den Qur’an, in der Schule sang ich Weihnachtslieder. Ich fastete während des Ramadan, während meine Klassenkameraden Adventskalender öffneten.

Schon als Kind erkannte ich, dass unsere Glaubensrichtungen nicht so weit voneinander entfernt waren, wie sie oft dargestellt. Ich wurde dazu erzogen, Jesus zu verehren nicht nur als Prophet, sondern als eine der beliebtesten Figuren im Islam. Ich wusste von Maria, deren Name im Qur’an mehr geehrt wird als der jeder anderen Frau.

Wenn ich meine Familie und Freunde im Osten der Türkei besuche, bewundere ich oft die alte Aghtamar Heilig-Kreuz-Kirche. Es erinnert mich daran, wie Christen und Muslime im riesigen islamischen Reich fast 1.300 Jahre lang größtenteils friedlich zusammenlebten. Und ich glaube an den einen Gott – an Barmherzigkeit, an Verantwortlichkeit und an einen gemeinsamen moralischen Ruf nach Gerechtigkeit.

Foto: Catholic Press Photo/Wikimedia Commons | Lizenz: gemeinfrei

Heute, in einer Zeit, in der jede zweite muslimische Frau in Europa Diskriminierung erlebt, denke ich über die anhaltende Notwendigkeit christlich-muslimischer Zusammenarbeit nach. In „Nostra Aetate“, dem bahnbrechenden Dokument der katholischen Kirche über ihre Beziehungen zu anderen Religionen, sah ich eine Vision, die meine Erfahrung bestätigte. Eine Vision, die beide einlädt, ihre Angst zu überwinden und sich gegenseitigem Respekt, gemeinsamen Werten und einer gerechteren Zukunft zuzuwenden.

Der Geist dieses Dokuments gab mir als Muslima die Möglichkeit, an der Georgetown University – einer katholischen Institution – zu studieren und auf demselben Campus als muslimische Seelsorgerin zu arbeiten. Ich unterstützte Studenten aller Glaubensrichtungen und ohne Glauben und lernte, wie transformativ echte christlich-muslimische Beziehungen sein können.

Das Dokument löscht die schmerzhaften Kapitel unserer verbindenden Geschichte nicht aus – und das sollte es auch nicht. Beide sollten die Vergangenheit nicht vergessen, dürfen sich aber ebenfalls nicht von ihr gefangen nehmen lassen. Der einzige Weg nach vorn führt gemeinsam, in Wahrheit und gegenseitigem Respekt.

Während diese Vision einen großen Wandel in der Geschichte der katholischen Kirche darstellte, bemühten sich die Muslime auch, die Beziehungen zu anderen Gemeinschaften zu verbessern.

So schrieb beispielsweise der Gelehrte Bediüzzaman Said Nursi einen Brief an Papst Pius XII., in dem er seine Hoffnung auf eine Zusammenarbeit zwischen Christen und Muslimen gegen wachsende Feindseligkeit, weit verbreitete Armut und moralischen Verfall zum Ausdruck brachte.

1953 besuchte Nursi den Patriarchen Athenagoras in Istanbul, um ihn um Kooperation zu bitten. Seine Vision war im Vorbild und in den universalen Lehren des Propheten Muhammad (Allah segne ihn und schenke ihm Frieden) verwurzelt und hat immer noch Bestand: Zusammenarbeit, die im Glauben ruht.

Deshalb war ich tief bewegt, als ich erfuhr, dass Papst Johannes Paul II. bei seinem apostolischen Besuch in meiner Heimatstadt Mainz im Jahr 1980 sich direkt an die muslimischen Einwanderer – meine Gemeinde – wandte und unsere Anwesenheit, unseren Glauben und unsere Würde bestätigte:

„Aber nicht alle Gäste in diesem Land sind Christen; eine besonders große Gruppe bekennt sich zum Glauben des Islam. Auch euch gilt mein herzlicher Segensgruß!

Wenn ihr mit aufrichtigen Herzen euren Gottesglauben aus eurer Heimat hierher in ein fremdes Land getragen habt und hier zu Gott als eurem Schöpfer und Herrn betet, dann gehört auch ihr zu der großen Pilgerschar von Menschen, die seit Abraham immer wieder aufgebrochen sind, um den wahren Gott zu suchen und zu finden.

Wenn ihr euch auch in der Öffentlichkeit nicht scheut, zu beten, gebt ihr uns Christen dadurch ein Beispiel, das Hochachtung verdient. Lebt euren Glauben auch in der Fremde und lasst ihn euch von keinem menschlichen oder politischen Interesse missbrauchen!“

Dieser Moment ist wichtig. Diese Gesten sind wichtig in einem wachsenden Klima der Entmenschlichung und Dämonisierung muslimischer Einwanderer und Flüchtlinge.

Foto: CNS/Paul Haring

Und in unserer Zeit hat Papst Franziskus dieses Erbe fortgeführt. In „Fratelli Tutti“ ruft er Menschen aller Glaubensrichtungen – und auch solche ohne Glauben – dazu auf, einander als Brüder und Schwestern anzuerkennen. Inspiriert von seiner Freundschaft mit Groß Imam Ahmed el-Tayeb der al-Azhar bekräftigte der ehemalige Papst Franziskus, dass „authentische Religion“ eine Kraft für Frieden und Solidarität sein muss.

Die Botschaft von Nostra Aetate ist daher nicht nur für Geistliche und Theologen, sondern auch für die breite Öffentlichkeit nach wie vor relevant. Sie soll der nächsten Generation helfen, die Komplexität unserer Geschichte zu verstehen und sich eine gemeinsame Zukunft vorzustellen.

Wir leben in einer Welt der Polarisierung, doch dieses Dokument erinnert uns daran, dass christlich-muslimische Zusammenarbeit nicht naiv, sondern notwendig ist. Und dass wir in den heiligen Schriften und Herzen des anderen die Grundlagen für respektvolle Beziehungen, Gerechtigkeit und Frieden finden können.

Dr. Zeyneb Sayılgan ist Islamwissenschaftlerin am Institut für Islamische, Christliche und Jüdische Studien in Baltimore. Ihre Forschung beschäftigt sich mit dem theologischen Gedankengut von Bediüzzaman Said Nursi (1876–1960). Zeyneb’ s Arbeit wurde in The Guardian, Religion News Service, U.S. Catholic, The Living Church sowie deutschen und türkischen Medien veröffentlicht. Ihre Artikel und ihr Podcast sind auf ihrem Blog zugänglich.