Berlin (iz). Endlich ist es für die Muslime in Deutschland soweit: Wir sind im Monat Ramadan angekommen. Weltweit finden Muslime am Vorabend zum gemeinsamen Tarawwih-Gebet zusammen, um die ersten Verse […]
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Berlin (iz). Endlich ist es für die Muslime in Deutschland soweit: Wir sind im Monat Ramadan angekommen. Weltweit finden Muslime am Vorabend zum gemeinsamen Tarawwih-Gebet zusammen, um die ersten Verse […]
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Im vorliegenden Text des jungen marokkanischen Gelehrten Schaikh Murtada Elboumashouli geht es um ein ausgeglichenes Verhältnis zu den Dingen dieser Welt. Eine balancierte Lebensweise besteht, in der Nachfolge des Propheten und seiner Gemeinschaft, weder in einer vollkommen weltabgewandten „Askese“, noch im Festhalten an diese vergängliche Welt. Sie beschreibt vielmehr die islamische Praxis des „in der Welt Sein“, ohne dabei den Blick auf ihren Schöpfer und das nächste Leben zu verlieren. Somit korrespondieren die Worte des Gelehrten mit einer der grundlegenden Realitäten des Ramadan. Der gesegnete Monat, dessen Kommen sich bereits ankündigt, vermittelt durch seinen existentiellen Schock des zeitweisen Verzichts auf die Dinge der Welt – und das geht weit über das bloße materielle Essen und Trinken hinaus – dieses Wissen auf einer fundamentalen Erfahrungsebene.
(iz). Schaikh Muhammad ibn Al-Habib sagte in seinem Diwan: „Wer von uns abgeschnitten ist, hat nicht von der Süße des Lebens gekostet.“ Das Leben, von dem er hier spricht, ist nicht die diesseitige Welt (arab. dunja). Sondern vielmehr das Leben, über welches der Gesandte Allahs sagte, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben: „Es gibt kein Leben außer dem Leben des Jenseits (arab. akhira).“
Niemand von uns kann in dieser Welt vollkommen in Frieden sein. Seid nicht zufrieden mit ihr und glaubt nicht, ihr hättet ein sorgloses Leben. Einer der Dichter sagte: „Bei Allah, würde ein Mann in dieser Welt tausend Jahre in Vollbesitz seiner Sinne und Kräfte leben, gesegnet mit jedem Luxus und wertvollem Ding (…).“ Das heißt, wenn er sich in jedem dieser tausend Jahre an den wertvollsten aller dieser diesseitigen Segnungen erfreut. „(…) sich an den besten Segnungen der Zeitalter erfreut, in denen er lebt (…)“ also in diesen eintausend Jahren. „(…) und kein einziges Mal von Krankheit heimgesucht wird (…)“, also in dieser ganzen Periode nicht erkrankt. „(…) wahrlich, er würde keine einzige Sorge fühlen (…).“ Kein einziges Mal in tausend Jahren hätte er Grund zur Sorge. Wäre das nicht gleich eines paradiesischen Lebens, voller Luxus und sorgenlos? Der Dichter fährt fort: „All das macht nicht die erste Nacht wett, die er in seinem Grab verbringt.“ In dieser ersten Nacht wird er befragt, „hast du jede Freude in der Dunja gesehen?“, und er wird antworten: „Nein, ich sah nichts. Ich war nur einige kurze Momente dort.“
Unser Meister Nuh (der Prophet Noah) lebte 1.700 Jahre. 950 davon verbrachte er, die Leute zu Allah zu rufen. Und obwohl er das tat, glaubten nur wenige an ihn. Der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, widmete der Da’wa 25 Jahre und Millionen Leute folgen ihm. „Wie war es, all diese lange Zeit zu leben?“, wurde der Prophet Nuh gefragt. „Es war wie, wenn jemand einen Raum durch eine Tür betritt und ihn unmittelbar durch eine andere verlässt.“
Diejenigen, die von diesem Leben getäuscht werden, meinen, es würde für immer dauern. Sie sind ahnungslos und im Zustand des größtmöglichen Vergessens. Allah sagt im Qur’an: „Und das diesseitige Leben ist nur trügerischer Genuss.“ (Al-Hadid, 20)
Qarun war ein Mann von immensem Reichtum und er dachte, er habe das wirkliche Leben erlangt. Allah erwähnt im Qur’an, dass seine Schatzhäuser viele Schlüssel hatten. Diese allein waren so zahlreich, dass es einige Kamele brauchte, um sie von einem Ort zum nächsten zu bringen. Allah sagt: „Und Wir gaben ihm solche Schätze, dass deren Schlüssel wahrlich eine schwere Last für eine Schar kräftiger Männer gewesen wären.“ (Al-Qasas, 76) Die Leute seines Volkes kamen zu Qarun und erinnerten ihn an seinen Platz mit den Worten: „Sei nicht übermütig, denn Allah liebt nicht diejenigen, die zu übermütig sind.“ (Al-Qasas, 76) Denn Qarun war stolz auf seinen Reichtum und sagte: „Es ist mir nur gegeben worden aufgrund von Wissen, das ich besitze.“ (Al-Qasas, 78) Das heißt, er glaubte, alles wurde ihm gegeben wegen seiner Ideen, seiner Entscheidungen und seiner Kenntnisse. Dann nahm Allah seinen Reichtum in einem einzigen Moment hinweg – seinen Besitz, sein Haus. Er veranlasste die Erde, Qarun zu verschlingen. „Da ließen Wir mit ihm und mit seiner Wohnstätte die Erde versinken.“ (Al-Qasas, 81) Einige der Qur’ankommentatoren erwähnen, dass er mit jedem vergehenden Tag auf der Erde eine Körperlänge tiefer versinke.
In seiner Zeit – und das gilt auch für unsere, denn es ist so, als richtet sich der Vers auch an uns – gab es Leute, die genauso wie er sein wollten. Sie sagten: „Oh hätten doch wir das gleiche wie das, was Qarun gegeben worden ist! Er hat wahrlich gewaltiges Glück.“ (Al-Qasas, 79) Sie meinten, die Dinge, die ihm gegeben wurden, seien das wahre Glück. Als sie aber sahen, wie die Erde Qarun schluckte: „Und diejenigen, die sich am Tag zuvor (an) seine(r) Stelle (zu sein) gewünscht hatten, begannen zu sagen (…)“ (Al-Qasas, 81) Was sagten sie? Sie waren erstaunt von der Macht Allahs. In einem Augenblick wurde ein Reicher nicht nur arm, sondern verlor alles – sein Selbst und sein Leben eingeschlossen. „Ah sieh! Den Ungläubigen wird es nicht wohl ergehen.“ (Al-Qasas, 82) Wer nicht dankbar ist für die Segnungen Allahs und sie leugnet, wer arrogant ist und übermütig, wird niemals Erfolg haben.
Als der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, einmal spazieren ging, sprachen die Berge mit ihm auf eine versuchende Weise. Sie riefen ihm mit Honigworten: „Gesandter Allahs, willst du, dass wir uns in Berge voller Gold verwandeln, sodass du zum reichsten Mann aller Zeiten wirst?“ Aber er wies ihr Angebot zurück und entschied stattdessen, ein Mann zu sein, der ohne die Dinge dieser Welt (arab. zuhd) auskommt. Als er, Heil und Segen Allahs auf ihm, auf seiner Nachtreise (arab. miradsch) war, stieg er in den Himmel in Gesellschaft des Engels Dschibril (Gabriel) auf. Sie trafen auf eine Frau, die nach ihm rief. Als er sie sah, wandte sich der Engel an den Propheten und sagte: „Sprich nicht mit dieser Frau.“ Der Gesandte Allahs wollte wissen, wer sie sei. „Sie ist die Dunja“, sagte Dschibril. Imam Al-Busairi bezog sich in seiner „Qasida Burda“ auf diese Begebenheit, als er schrieb: „Hohe Berge aus Gold versuchten, ihn in Versuchung zu bringen, aber er verweigerte sich wegen seines großen Mutes. Seine Not diente einfach dazu, seinen Zuhd zu stärken.“
Das war ein Beweis dafür, dass der Prophet ein Mann des Zuhd war. Bereits zuvor kamen seine Leute zu ihm und boten ihm an, ihn zum reichsten Mann zu machen. Sie gingen zu seinem Onkel Abu Talib und sagten diesem: „Wenn es Reichtum ist, was er will, dann machen wir ihn zu unserem König. Willst Du Macht und Ruhm, dann machen wir Dich zu unserem Herrn und Führer. Unsere einzige Bedingung ist, dass Du die Leute nicht mehr zur Anbetung eines einzigen Gottes aufrufst.“ Als Entgegnung schwor der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, einen Eid: „Mein Onkel, selbst wenn sie die Sonne in meine rechte Hand und den Mond in meine linke geben würden im Austausch dafür, dass ich diese Sache hinter mir lasse, würde ich das nicht tun. Ich werde nicht von ihr ablassen bis zu dem Moment, in dem ich sterbe.“
Der Gesandte Allahs verstand die Haqiqa, die Wahrheit. Diejenigen, die in der Dunja versunken sind, vergessen das wirkliche Leben, das Jenseits (arab. akhira). Sie befinden sich im größten Zustand des Vergessens. Die Liebe zur diesseitigen Welt schafft einen Schleier auf ihren Herzen. Der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, gab seinem Gefährten Abu Huraira einen Rat: „Abu Huraira, wenn Liebe zur Dunja das Herz betritt, verschwindet Liebe zu Allah. Und wenn Liebe zu Allah in das Herz kommt, verschwindet die Liebe zur Dunja.“ Daher dürfen wir es niemals zulassen, dass sich die Dunja in unseren Herzen festsetzt.
Die Schaikhs sagen, dass die abstoßendste Sache, die ein Suchender tun kann, darin besteht, in der Gesellschaft der Leute dieser Welt zu sitzen. Sie fürchteten sich vor Zirkeln, in denen es bloß um weltliche Dinge geht. Das ist gefährlich für das Wohlergehen des Herzens.
Als Menschen bedürfen wir der Dinge dieser Welt. Aber das Recht sagt uns, dass wir in allen Dingen den Mittelweg wählen müssen. Daher darf diese Welt nicht unsere einzige Sorge sein. In einem der Bittgebete, die wir in unserer Litanei rezitieren, findet sich ein Gebet vom Propheten: „Mache diese Welt nicht zu unserer größten Sorge.“ Aber warum rezitieren wir nicht: „Mache diese Welt nicht zu unserer Sorge“? Allah will, dass wir uns für einen mittleren Weg entscheiden. Weder sollen wir uns ausschließlich auf diese Welt fokussieren, noch bloß auf die Akhira, sodass wir die Angelegenheiten dieser Welt ignorieren. Schaikh Muhammad ibn Al-Habib sagte in einem seiner Vorträge: „Sie sind beide Quellen für Schaden. Sobald man mit der einen zufrieden ist, verursacht die andere Schaden. Also steht in der Mitte zwischen ihnen.“
Es gibt zwei Verständnisse von Zuhd, die in der Lehre und in Anekdoten beschrieben werden. Für manche ist es, sich selbst von der Dunja und der Welt abzutrennen. Aber das ist etwas, über das der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte: „Es gibt kein Mönchstum im Islam.“
Und die andere Sicht, die korrekte und wahre, beschreibt eine Person, die sich inmitten der Dunja befindet. Ihr Herz aber ist von der Welt abgeschnitten. Und so gehen wir zu den Worten des Propheten zurück: „Es gibt kein Leben außer dem Leben des Jenseits (arab. akhira).“
Daher müssen die Mu’minun den Mittelweg nehmen und sagen: „Unser Herr gib uns das Beste in der Dunja und das Beste in der Akhira“. Und sie müssen es vermeiden, wie jene zu sein, über die Allah sagt: „Unter den Menschen gibt es manch einen, der sagt: ‘Unser Herr, gib uns im Diesseits!’ Doch hat er am Jenseits keinen Anteil.“ (Al-Baqara, 200)
(iz). Ein wichtiges Thema, welches uns in der heutigen Zeit beschäftigt und Sorgen bereitet, welches unser Leben bestimmt und unsere Herzen vereinnahmt, ist unser Lebensunterhalt. Es ist die Sorge darum, […]
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Dr. Mehmet Gürcan Daimagüler ist Strafverteidiger und Buchautor türkischer Abstammung. Seit Ende 2011 vertritt er Angehörige von Opfern des „NSU“. Wir sprachen mit ihm über seine juristischen wie auch persönlichen […]
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Es ist Zeit, dass Muslime wieder anfangen, Spitzenleistungen anzustreben. Zu lange waren wir damit zufrieden, gerade gut genug zu sein. Islam soll aber erneut ein Symbol für Herausragendes werden. Wenn wir in unsere Geschichte zurückschauen, sehen wir eine Vergangenheit der Errungenschaften. Was hat diese Vortrefflichkeit hervorgebracht? Wie haben sie das gemacht?
Muslimischer Handel hat im Mittelalter jede andere Art des Handels übertroffen. Die damaligen Muslime brachten herausragende kaufmännische Kulturen hervor. Wir denken heute häufig, es ginge in unserem Din bloß um das Seelenleben und das Jenseits. Doch der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden schenken, begann selbst als Händler. Als einer, der ehrlich (arab. sadiq) und vertrauenswürdig (arab. amin) war. Sein Haus war der Ort, an dem die Leute Wertsachen hinterlassen konnten, weil diese dort sicher waren. Dies war eine Zeit, als es noch keine Sicherheitsschlösser, Überwachungskameras und Banken gab. Wenn man in Mekka wertvolle Güter hatte und sie an einem vertrauenswürdigen Ort aufbewahren wollte, so ging man zu Al-Amin, Allahs Segen und Friede auf ihm. Er war Teil des kaufmännischen Lebens seiner Gemeinschaft. Seine erste Frau Khadidscha war seine Arbeitgeberin.
Die muslimischen Kulturen brachten es fertig, den Handel als Teil der Religion mit dem spirituellen Leben zu verknüpfen. Im Islam waren sie nicht voneinander getrennt. Und somit schufen sie ausgezeichnete Institutionen und Handelsrouten, welche zur Grundlage der weltweiten Wirtschaft wurden. Dies wurde beeinflusst durch eine spezifische Sicht auf Wohlstand und Reichtum.
Schauen wir uns also den Begriff der Wirtschaftsethik an, um zu verstehen, wie man ins Paradies gelangen kann. Nicht trotz, sondern gerade durch das Betreiben eines Unternehmens. Einige der Prophetengefährten (arab. sahaba) waren sehr arm, oder sie wurden reich und waren später wieder arm. Wie etwa Abu Bakr as-Siddiq, der dadurch verarmte, dass er den Armen, Waisen, Witwen und anderen Bedürftigen half. Dies war seine Berufung und er wurde dafür geliebt.
Die Armen kamen einmal zum Propheten und sagten: „Oh Gesandter Allahs, die Reichen haben alle Vorzüge, die wir auch haben, denn sie beten wie wir es auch tun, aber sie geben zudem Sadaqa und wir sind nicht in der Lage dazu.“ Er antwortete: „Dies ist Allahs Gunst und Er gibt sie, wem Er will.“ Der Wohlstand einer Person hat in unserer Religion, die uns lehrt, dass das Herz der einzige Maßstab ist, keinen wirklichen Wert. Es ist sogar so, dass Eigenschaften wie Weichherzigkeit für gewöhnlich den Armen zueigen sind. Der Prophet, Allahs Segen und Friede auf ihm, traf die Entscheidung, mit den Armen zu leben.
Aber der zweite Kalif des Islam, ‘Uthman ibn ‘Affan, wurde zum Beispiel „Al-Ghani“ (der Reiche) genannt. Und dies hat seinen berechtigten Platz in unserer Religion, denn dies gehört zur Reichhaltigkeit des Islam. Es gibt viele Punkte in der Gesellschaft, von derer aus auf die Ka’aba geblickt werden kann; viele Wege, auf denen jemand das Seelenheil erlangen kann. Diese Vielfältigkeit war einer der Gründe, wieso sich die muslimische Gesellschaft vollkommen auf Allah ausrichten konnte. Wieso die Moscheen so schnell gebaut werden konnten – und auf so herausragende architektonische Art. Gleichzeitig bildete sich eine Wirtschaftsordnung und Handelsstruktur heraus, welche das Mittelalter prägen und den weltweiten Handel bis ins 16. und 17. Jahrhundert dominieren sollte.
Wir haben also diese ehrenvolle Tradition des Handels. Sie bildet die Grundlage, um die islamische Wirtschaftsethik zu verstehen. Der Begriff des „Adab al-Kasb wa Ma’ischa“ – die gute Art, den Lebensunterhalt (arab. kasb) zu verdienen und mit anderen umzugehen (arab. ma’ischa) – wird in Hunderten von Büchern behandelt. Al-Ghazali spricht in einem der Bücher seiner „Ihja ‘Ulum ad-Din“ über kasb. Man könnte fast grenzenlos über die Prinzipien unserer ökonomischen Vision sprechen.
Ein wichtiger Aspekt ist dabei die Zakat. Sie stellte sicher, dass eine sehr langanhaltende Anhäufung von Kapital nur schwierig umzusetzen ist. Sie ist einer der Gründe, wieso sich das Feudalsystem in der muslimischen Welt nie so entwickelte wie im Westen. Das Kapital wurde von der Zakat verbraucht und wenn jemand starb, wurde es nicht an den ältesten Sohn weitergegeben, sondern an eine Reihe von Erben. Angehäuftes Kapital wurde also mit jeder Generation aufs Neue aufgebrochen und umverteilt. Die Vorschriften zur Zakat und zur Erbschaft machten den fundamentalen Unterschied zwischen den muslimischen und christlichen Kulturen der Vergangenheit aus. Der Grund für diese Gesetze war die Gewährleistung, dass Reichtum im Umlauf bliebt. Unter den ersten Versen der Offenbarung des Qur’an waren Botschaften gegen die Plutokraten von Mekka. Sie teilten nicht mit den Armen. „Die Vermehrung lenkt euch ab, bis ihr die Friedhöfe besucht.“ (At-Takhaatur, 1-2). Die Gegner des Propheten waren auch Händler, aber von anderer Natur. Sie waren hartherzig, misshandelten Sklaven und Waisen und horteten ihre Reichtümer. Dies ist also ein wichtiges Prinzip in der qur’anischen Offenbarung; etwas, das gleich zu Beginn dargelegt werden musste.
Wir sehen, dass die Notwendigkeit des Umlaufs von Reichtum und der damit einhergehenden Fürsorge für die Armen die klassischen muslimischen Kulturen zum Resultat hatte. Hier gab es eine weitaus kleinere Polarisierung zwischen den Armen und den Reichen als wir sie in anderen Gesellschaften finden, wie etwa in den modernen USA. In Wahrheit gibt es dort weniger Möglichkeiten, die Erfolgsleiter zu erklimmen, als vielen bewusst ist. Und die Polarisierung wird mit dem neuen Steuersystem nur weiter vorangetrieben werden, was einer der Skandale der modernen Welt ist. Und es ist wohl auch die Achillesferse der Moderne.
Die Universität von Maryland in den USA veröffentlichte kürzlich eine Studie zum Aufstieg und Verfall von Kulturen. Zwei Faktoren sind demnach Ausgangspunkte, anhand welcher sich der Kollaps einer Zivilisation vorhersagen lasse. Die Umweltkrise ist der erste Aspekt – der Sauerstoff könnte uns ausgehen. Der zweite Aspekt ist die wachsende Ungleichheit zwischen Superreichen und extrem Armen. Sie würde zu immer größeren sozialem Unbehagen führen und sich auf mehr und mehr Länder ausweiten.
Im Kontext der klassischen muslimischen Kulturen hat dies nicht stattgefunden, denn wir hatten praktische Konzepte wie Sadaqa, Zakat und Stiftungen (arab. Auqaf). Die Waqf-Institutionen in Istanbul wurden in den 1920er Jahren von den republikanischen türkischen Nationalisten zerstört. Ein Drittel des Lands in Istanbul war zuvor im Besitz der Auqaf. Ihre Funktion war grundlegend gemeinnützig. Soziale Dienste wurden demnach nicht durch den Staat, sondern die Großzügigkeit der Menschen sichergestellt. So wurden etwa Suppenküchen, Krankenhäuser oder öffentliche Brunnen zur Verfügung gestellt. Die muslimischen Gesellschaften erkannten eine wunderbare Art, Probleme zu lösen, ohne dass es dafür einer endlosen staatlichen Intervention bedurfte. Die Schönheit des Islam liegt darin, dass ein Gemeinwesen eigentlich nicht viel tut, während die Menschen durch ihre Verpflichtung Allah gegenüber sehr viel tun.
Imam Al-Ghazali sagt in seinem vorher erwähnten Buch, dass das erste Prinzip des Handels ist, dass wir in Erinnerung behalten werden. Allah beobachtet uns. Wir sprechen nie auch nur ein Wort, ohne dass Er uns hört. Das ist die Grundlage der islamischen Ökonomie. Steuern zu hinterziehen, ist ein säkulares Unterfangen. Wir können jedoch nichts vor dem Schöpfer geheim halten. Und die Zakat ist eine Pflicht. Sie zu umgehen, ist eine Art, mit Allah Spielchen zu spielen. Der kluge Gläubige wird dies nicht anstreben.
Der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden schenken, beobachtete das in seiner Gesellschaft: Die Basis des damaligen kaufmännischen Verhaltens waren Täuschung und Lüge. Also sagte er: „Alles hat seinen Schwachpunkt, und jener der Ökonomie ist es, zu lügen.“ Ich kenne die Versuchung ja selbst. Wenn ich etwas auf Ebay verkaufen möchte, mache ich mir wirklich die Mühe, jede Einzelheit zu wissen, die es über das Produkt, welches ich verkaufen möchte? Al-Ghazali beschrieb die trügerische Eigenschaft, Dinge als etwas zu präsentieren, was sie nicht sind. Der Gläubige muss die Wut des Propheten dagegen verspüren, andere zu täuschen. Der Muslim oder die Muslimin möchte als ehrenvolle Person mit Kunden ehrlich umgehen und Dinge ehrenhaft machen. Der Händler möchte Al-Amin, dem Vertrauenswürdigen, folgen.
Muslime haben weite Teil der Welt nicht durch Missionierung zum Islam gebracht, sondern durch Handel. Sie gingen nicht als Missionare nach Indonesien, China, Ostafrika, sondern um Güter zu verkaufen. Sie waren aber so großartig, ehrlich und wurden derart respektiert, dass die Leute neugierig wurden. Was machte sie zu dem, was sie waren? Was bewirkte diese herausragenden Charaktereigenschaften in ihnen? Was war so faszinierend am muslimischen Händler, der gleichzeitig auch ein brillanter Geschäftsmann war? Sie waren Menschen mit Würde und Ehre – denn sie wussten, dass Allah sie beobachtet.
Einiges in Al-Ghazalis Buch könnte uns heute obsolet erscheinen. In Wirklichkeit ist es das aber nicht. Der Prophet hat es zum Beispiel verboten, Fremde einen höheren Preis zahlen zu lassen als Einheimische. Die Menschen kannten damals nicht die Preise eines anderen Ortes. In Sarajevo vor 300 Jahren sorgten Zünfte dafür, dass ihre Profession nicht in Verruf gebracht wird. Wenn jemand einen Besucher hinterging, indem er ihn einen höheren Preis zahlen ließ, wurde gleich eine Zeremonie abgehalten. Ein grünes, seidenes Tuch mit den Versen des Qur’an wurde dann über die Güter dieses Händlers gelegt, er musste in seinem Laden mit offenen Türen sitzen und durfte so lange nichts verkaufen, bis der Obermeister der Zunft entschied, dass er seine Lektion gelernt hatte. Dann musste er etwas aus dem Qur’an rezitieren und der Meister entfernte das Tuch von seiner Ware, damit er sie wieder verkaufen durfte. Man brauchte keinen Staat, kein Finanzamt. Es war schlichtweg entgegen der Ehre dieser Gesellschaft, entgegen der Praxis der Futuwwa, seinen Kunden zu betrügen.
Ein anderes Beispiel ist das Wiegen von Gold und Silber. Die muslimische Praxis war es, immer zu Gunsten des Kunden etwas mehr in die Waagschale zu legen, als eigentlich vorgesehen. Dies gehört zum Adab des Händlers; sicherzustellen, dass der Kunde nicht zu wenig zurückbekommt. Auch wenn wir heute nicht mehr mit Gold handeln und es abmessen, ist das Prinzip jedoch immer noch gültig. Wir müssen sicherstellen, stets exakt zu sein. Eine weitere Regel ist, dass Fehler in der Ware niemals verheimlicht werden dürfen. Der Prophet sagte zu dieser Sache: „Wer betrügt, gehört nicht zu uns.“ Eine sehr alarmierende Aussage! Schauen wir uns touristische Orte in der arabischen Welt an: Es grenzt an ein Wunder, nicht betrogen zu werden.
Als Muslime wissen wir, dass wenn wir unseren Verdienst, unseren Handel, auf ehrenhafte Weise vollziehen und all die strikten Vorschriften einhalten, die uns der Prophet, auferlegt hat, eine Baraka al-Mal darin sein wird. Unser Geld wird eine Baraka, einen Segen innehaben. Und zahlreiche wundervolle Dinge werden mit diesem Geld und durch diesen Segen passieren. Gleichzeitig können Leute haufenweise Geld haben. Wenn jedoch keine Baraka darin ist, wird es zu Asche; nichts Gutes tritt daraus hervor. Dies ist ein immens wichtiges islamisches Prinzip.
Eine weitere wichtige Angelegenheit sind Schulden. Der Muslim ist dazu verpflichtet, seine Schulden schnellstmöglich zu begleichen. Dies ist Teil seiner Würde. Ebenso ist der Muslim, der anderen Geld leiht, dazu geneigt, ihnen das Begleichen ihrer Schulden so einfach wie möglich zu machen. Oft wird er ihnen die Schulden einfach erlassen. Auch dies gehört zur Ehre des Muslims. Es ist eine qur’anische Tugend.
Diese Gesetze sind dazu da, uns Ehre zu verleihen und die Vollzüglichkeit unseres Dins tatsächlich zu spüren zu bekommen.
In sehnsüchtiger Erwartung des Anfangs des gesegneten Ramadan, wünsche ich allen ein angenommenes und gereinigtes Fasten. Wir beten dafür, dass diese Zeit eine Spanne der spirituellen Erneuerung wird. Eine Zeit, […]
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„Obwohl Islamophobie objektiv eine Bedrohung europäischer Demokratien darstellt, leugnen viele europäische Intellektuelle und Politiker (…) die Existenz und Gültigkeit des Konzepts. Ihre Sorgen um Terrorangriffe und Einwanderung hindern sie an der Anerkennung des täglichen Rassismus, vor dem Muslime in Europa stehen.“ (Burhanettin Duran, SETA-Generalkoordinator)
Berlin/Straßburg (iz). Laut Angaben der Europäischen Agentur für Grundrechte (FRA) fühlen sich mehr als 75 Prozent der befragten Muslime ihren europäischen Heimatländern verbunden. Gleichzeitig hätten 31 Prozent in den letzten fünf Jahren Diskriminierungserfahrungen im Arbeitsleben gemacht. Aber nur 12 Prozent hätten ihre Erfahrungen an offizielle Stellen weitergegeben. Nach Ansicht von Beobachtern sei das ein Hinweis darauf, dass das Ausmaß der realen antimuslimischen Diskriminierung höher sei als die offiziellen Zahlen zur Islamfeindlichkeit und damit verbundenen Hassverbrechen in Europa nahelegten. FRA-Direktor Michael O‘Flaherty betonte, der Bericht seiner Agentur widerspreche dem Narrativ, Muslime seien kein Teil europäischer Gesellschaften. Im Gegenteil, ihr Vertrauen in die demokratischen Einrichtungen sei höher als im europäischen Durchschnitt.
Zu den Projekten, die hier Abhilfe schaffen wollen, gehört der seit drei Jahren erscheinende „European Islamophobia Report“ (EIR). Die Dokumentation des Phänomens auf europäischer Ebene sowie in ausgesuchten europäischen Staaten inner- und außerhalb der Europäischen Union (EU) ist nun für das Jahr 2017 erschienen. In jedem Frühjahr erscheint die Sammlung in elektronischer und gedruckter Form. Sie richtet sich an Interessierte, aber insbesondere an relevante Akteure, Politiker, Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und anti-rassististische Aktivisten.
Veröffentlicht wird der EIR von der türkischen Denkfabrik SETA. Herausgegeben wird die Aufstellung von den beiden Politikwissenschaftlern Dr. Enes Bayrakli und Dr. Farid Hafez. Die Länderberichte stammen von relevanten Experten sowie zivilgesellschaftlichen Aktivisten aus ganz Europa. Sie schreiben jeweils über das Land, von dem sie die größte Fachkenntnis haben.
Obwohl der Begriff „Islamophobie“ Einzug in den öffentlichen Diskurs sowie in die akademische Welt fand, bezieht er sich für die Herausgeber nicht notwendigerweise auf die Kritik einzelner Muslime oder ihrer Religion. Für sie stellt sie das Herrschaftsinstrument einer dominanten Gruppe zur Dominanz einer Minderheit und der Kontrolle von Privilegien dar. Islamfeindlichkeit funktioniere, indem das Bild einer statischen „muslimischen“ Identität gezeichnet werde, das man in negativen Begriffen verallgemeinernd allen Muslimen zuschreibe. Gleichzeitig seien islamophobe Bilder wandelbar und veränderten sich je nach Zusammenhang.
„Die Leugnung der eigentlichen Existenz von Islamfeindlichkeit, antimuslimischem Rassismus und antimuslimischer Hassverbrechen in Europa durch viele demonstriert den Bedarf nach angemessenen Anstrengungen und dem politischen Willen zum Umgang mit diesem normalisierten Rassismus und seinen Manifestationen“, heißt es in der Ankündigung zum EIR 2017. Diese fände sich nicht nur bei extremen Rändern der Gesellschaft. Vielmehr hätten sich politisch weit rechts stehende Diskurse in die Mitte der politischen Macht bewegt. Als Folge verließen sich nicht nur Rechte auf antimuslimische Propaganda. Auch Sozialdemokraten, Liberale, Linke und Konservative seien gegen sie nicht immun.
Den Herausgebern des „European Islamophobia Reports 2017“ geht es um die Offenlegung von strukturellem anti-muslimischen Rassismus. Auf jährlicher Basis analysiere man die Trends und Entwicklungen in beinahe allen europäischen Ländern – von Russland bis Portugal und von Malta bis nach Norwegen.
In Europa seien auf Ebene der Nationalstaaten einige Trends zu beobachten. Das rechtsextreme Lager sei vom Rand in die Mitte gerückt und nun ein integraler Bestandteil der politischen Landschaft in Europa. In Ländern wie Österreich, Bulgarien und Finnland säßen sie nicht mehr in der Opposition, sondern in der Regierung. Wie auch immer sich ihr Einfluss gestaltet: Der von ihnen geführte islamfeindliche Diskurs wurde von Parteien der ehemaligen Mitte übernommen. Für die Herausgeber des „European Islamophobia Report 2017“ stellt der Aufstieg dieser Parteien „eine wichtige Bedrohung für die demokratische Ordnung in Europa“ dar.
Ein weiteres Problem sei die Leugnung von Islamfeindlichkeit. Führende Journalisten in Ländern wie Österreich und Norwegen verlagerten ihren Fokus von Islamfeindlichkeit als ein Problem auf Islamophobie als „Kampfbegriff“. Daher gäbe es eine zögerliche Haltung bei der Verwendung des Begriffs.
Zu den beunruhigenden Entwicklungen in Europa gehören für die EIR-Herausgeber terroristische Angriffe gegen Muslime. Obwohl Rassisten, Nationalisten und Separatisten für den größten Teil des Terrors in Europa verantwortlich seien, liege der Fokus auf dem Dschihadismus. Es gebe aber Anzeichen, dass rechtsextreme Terrorgruppen und Einzelgänger ihre Aktivitäten steigerten und Muslime in Europa ins Visier nähmen. In Deutschland beispielsweise stiegen sie bei Häufigkeit und Gewaltgrad an.
Das Ziel liegt aber nicht nur in der Dokumentation des Phänomens. Der Bericht zielt auch auf Veränderungen ab. „Er repräsentiert“, so die Webseite des Projekts, „ein nützliches und wertvolles Werkzeug für jeden Aktivisten und Politiker, der Islamfeindlichkeit entscheidend angehen will“. Die Autoren der jeweiligen Länderberichte entwickelten spezifische Empfehlungen für das von ihnen behandelte Land.
Der Kampf gegen Islamfeindlichkeit auf nationaler und regionaler Ebene sei wichtig, aber nicht genug. Daher brauche es Anstrengungen auf europäischer Ebene. Das wird durch Bülent Senay unterstrichen. Senay ist OSZE-Kommissar für den Kampf gegen Intoleranz gegen und Diskriminierung von Muslimen. Auf supranationaler Ebene fehle es noch an entsprechenden Mitteln. Zu den von den EIR-Machern gemachten generellen Empfehlungen gehören beispielsweise:
In der Einleitung des mehr als 700-seitigen Dokuments schreiben die EIR-Herausgeber, dass Projekte wie das ihrige keine täglichen Dokumentationsmechanismen bieten könne. Es sei die Pflicht der Nationalstaaten, entsprechende Mechanismen zu realisieren und jährliche Daten zu veröffentlichen. Namentlich wurde die Bundesrepublik erwähnt, die im vergangenen Jahr antimuslimische Hassverbrechen als Unterkategorie einführte.
(iz). Allah sagt in Seinem Edlen Qur’an: „Oh ihr Menschen, Wir haben euch ja von einem männlichen und einem weiblichen Wesen erschaffen, und Wir haben euch zu Völkern und Stämmen […]
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(Metmuseum.org). Die technischen Aspekte der Kalligraphie, Illustration und des Buchbindens sind wichtige Facetten im Studium der muslimischen Buchkünste. Abhandlungen der persischen Autoren Qazi Ahmed und Sadiqi Beg aus dem 16. […]
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Leipzig (KNA). Die Deutschen werden ungläubiger – und reiben sich zugleich immer mehr am Islam. In einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) interpretiert der Leipziger Religionssoziologe Gert Pickel beide Trends. Den Kirchen empfiehlt er kritische Distanz zu politischen Verteidigern eines christlichen Abendlandes.
Frage: Herr Professor Pickel, der gesellschaftliche Rückhalt der Kirchen nimmt ab, zugleich wird der Ruf nach Verteidigung des christlichen Abendlandes gegen den Islam lauter. Inwieweit ist das ein Thema für die Religionssoziologie?
Gert Pickel: Das ist eines der zentralen neuen Themen der Religionssoziologie und vor allem der Forschung zu Politik und Religion. Es gibt ein fast paradoxes Zusammenspiel zwischen einer ungebrochenen Säkularisierung auf der einen Seite und so etwas wie eine „Rückkehr der Religion“ in die öffentliche Diskussion. Dabei spielt Religion eine eher negative Rolle – sie dient vor allem rechtspopulistischen Akteuren zur Abwehr einer kulturellen Bedrohung. So wird vor allem die Zugehörigkeit zum Islam ein Merkmal zur Identifikation eines Gegners.
Frage: Gibt es verlässliche Zahlen zu dieser auseinanderdriftenden Entwicklung?
Gert Pickel: Die Zahl der Konfessionslosen wächst seit den 1970er Jahren stetig und übersteigt bereits die Mitgliedschaften der einzelnen großen Kirchen in Deutschland. Auch die Zahl derer, die sich allgemein als religiös bezeichnen, sinkt konstant. Zugleich fühlt sich mehr als jeder zweite Deutsche vom Islam, was immer er auch darunter versteht, bedroht. In Ostdeutschland sind es noch mehr als in Westdeutschland, obwohl oder vielleicht, weil dort fast keine Muslime leben.
Frage: Wie interpretieren Sie diesen Trend?
Gert Pickel: Es handelt sich um zwei Trends, die teilweise unabhängig voneinander sind. Dabei hat die Tendenz, die religiöse Zugehörigkeit als Abgrenzungsmerkmal zu verstehen, einen wesentlich politischeren Charakter.
Frage: Kommt das überraschend für Sie?
Gert Pickel: Die Säkularisierung ist nichts Neues. Erstaunlicher ist die Entwicklung, die religiöse Zugehörigkeit als Merkmal für Vorurteile gegenüber bestimmten Gruppen zu nutzen. Auch in der modernen westeuropäischen Gesellschaft spielt das offenbar noch eine beachtliche Rolle. Ausgelöst wurde dies sicher auch durch die starken Fluchtbewegungen nach Europa, bei denen die Geflüchteten pauschal meist als Muslime betrachtet werden.
Frage: Inwieweit sind die Verfechter des Abendlandes offen für eine kritische Korrektur ihrer Weltsicht durch die Kirchen?
Gert Pickel: Da stelle ich wenig Einsicht fest. Einige christliche Grundwerte wie das Gebot der Nächstenliebe stellen ja ein Problem für die „Verfechter des Abendlandes“ dar. Sie vertragen sich nur sehr schlecht mit ihren mehrheitlich auf Ausgrenzung und Ablehnung ausgerichteten Positionen.
Frage: In jüngster Zeit ist immer wieder auch von einem christlich-jüdischen Deutschland die Rede. Gibt es ein gesellschaftliches Bewusstsein für eine auch jüdische Prägung unserer Kultur?
Gert Pickel: Diese Nähe wird gerade in theologischen Diskussionen immer wieder betont, in der Bevölkerung ist diese Verbindung allerdings von nur geringer Bedeutung. Dort unterscheidet man deutlich zwischen beiden Religionen. Die meisten sehen eine historische Verantwortung der Deutschen gegenüber dem Judentum, allerdings fühlt sich auch jeder Fünfte durch das Judentum bedroht. Das deutet auf einen bemerkenswerten Anteil an zumindest sekundärem Antisemitismus, also eine Konfrontationsstellung gegenüber Israel, hin.
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