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Vom Körper zum Licht. Über den Menschen im Qur’an

Ausgabe 319

Foto: Blickfang, Adobe Stock

(Renovatio). Im Qur’an wird der Mensch als körperliches und als spirituelles Wesen beschrieben sowie als ein Geschöpf, das zur Anbetung und Erleuchtung veranlagt ist. Unser Körper, unser Geist, unsere Liebe zur Anbetung Gottes sowie unser Licht sind Geschenke von Allah, die uns als entscheidendes Mittel zur Erlangung menschlicher Vollkommenheit gegeben wurden. Diese Perfektion liegt in der Kultivierung solcher Aspekte des Geistes, die animalischen Eigenschaften transzendieren. Wenn dies geschieht, ist der Mensch ein schönes Wesen und als solches ein angemessenes Objekt göttlicher Liebe, wie der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte: „Wahrlich, Allah ist schön und liebt Schönheit.“

Diese Kontaktfreudigkeit beruht zum Teil auf der aufrechten Haltung des Menschen. Sein Herz zeigt immer nach außen. Wenn er einen anderen Menschen umarmt, werden die Herzen der beiden miteinander verbunden, wodurch eine metaphysische Verbindung zwischen ihnen entsteht. Aus diesem Grund warnte uns der Gesandte Allahs, Heil und Segen auf ihn: „Wendet einander nicht den Rücken zu.“ Wenden sich die Gläubigen voneinander ab, dann tun das auch ihre Herzen. So zerbricht ihre geistige Bindung untereinander.

Die Aufrichtigkeit des Menschen macht ihn zu einem passenden Gefäß für den Geist (arab. ruh); einer besonderen und einzigartigen Schöpfung Allahs. Sie belebt nicht nur seinen physischen Körper, sondern auch seine Sinne und den Verstand. Die physische Form sowie der Geist sind zwei wesentliche Elemente, die Menschlichkeit ausmachen.

Über den Qur’anvers „Wenn Ich es zurecht geformt und ihm von Meinem Geist eingehaucht habe, dann fallt und werft euch vor ihm nieder“ (As-Sad, Sure 38, 72) sagte Fakhr Ad-Din Ar-Razi: „Dies zeigt, dass die Schöpfung des Menschen nur durch zwei Dinge vollständig ist: erstens durch seine Aufrichtigkeit und zweitens durch das Einhauchen des Geistes in ihn. Das ist wahr, denn der Mensch ist eine Zusammensetzung aus Körper und Seele.“

Im Qur’an findet sich keine Lehre eines radikalen Körper-Geist-Gegensatzes wie in der griechischen Philosophie, dem Christentum oder Hinduismus. Es finden sich kaum Passagen, die vom Menschen als Komposit aus zwei getrennten oder gar widerstrebenden Elementen – Körper und Geist – sprechen. Vielmehr sind Geist und menschlicher Körper zwei Entitäten, die im Menschen zusammengeführt werden. Gleichzeitig verlieren sie in ihm nicht ihre individuelle Natur.

Wenn der Mensch erst einmal vom Geist beseelt ist, kann er sich seiner eigentlichen Aufgabe widmen, nämlich seinen Herrn anzubeten und zu erkennen. Wir lesen im Qur’an: „Und Ich habe die Menschen nur erschaffen, damit sie Mir dienen.“ (Adh-Dharijat, Sure 51, 56) Viele muslimische Qur’anexegeten merkten an, dass dieser Vers auch dahin verstanden werden kann, „damit sie Mich erkennen“. Beide Bedeutungen harmonisieren mit der menschlichen Natur, da die Anbetung körperliche Handlungen beinhaltet, die mit der Körperlichkeit des Menschen verbunden sind, während die wahre Erkenntnis Gottes einen metaphysischen Prozess erfordert.

Ein dritter Aspekt des Menschen im Qur’an ist seine natürliche Veranlagung, die mit dem Begriff „Fitra“ beschrieben wird. Wie die körperliche Schöpfung und der Geist kommt sie direkt von Allah. Wir lesen im Qur’an: „So richte dein Gesicht aufrichtig zur Religion hin als Anhänger des rechten Glaubens, – (gemäß) der natürlichen Anlage Allahs, in der Er die Menschen erschaffen hat. Keine Abänderung gibt es für die Schöpfung Allahs. Das ist die richtige Religion. Aber die meisten Menschen wissen nicht.“ (Ar-Rum, Sure 30, 30)

Das bedeutet, dass Menschen gemacht sind, um die Einheit Allahs zu erkennen, bis sie von ihrem natürlichen Schöpfungszustand entfernt worden. Beschrieben wird dies auch in diesem Vers: „Und als dein Herr aus den Kindern Adams, aus ihren Rücken, ihre Nachkommenschaft nahm und sie gegen sich selbst zeugen ließ: ‘Bin ich nicht euer Herr?’ Sie sagten: ‘Doch, wir bezeugen (es)!’ (Dies,) damit ihr nicht am Tag der Auferstehung sagt: ‘Wir waren dessen unachtsam.’“ (Al-’Araf, Sure 7, 172)

Auf die grundlegende Frage, was es bedeutet, ein Mensch zu sein, können wir heute Antworten finden, die behaupten, die wesentliche Realität unserer Humanität selbst in Frage zu stellen. Der Qur’an jedoch bekräftigt unser Menschsein und beschreibt vier Aspekte des Menschen – unsere physische Schöpfung, unseren Geist, unsere natürliche Fitra und unser Licht –, die alle einen unvermittelten Ursprung von Gott haben und zusammen den Menschen zu einer unverwechselbaren und besonderen Schöpfung machen.

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