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22.04.2012 Interview: Islamwissenschaftler Muhammad Sameer Murtaza zum Einfluss radikaler Strömungen
„Deutungshoheit des Islam wieder dem Mainstream zurückgeben“
(iz). Es sind gelegentlich die Extreme, die Muslime nach Außen, aber auch in der Binnenwahrnehmung bestimmen. Insbesondere wegen der bisherigen Zurückhaltung des Mehrheitsislam schaffen es Kleingruppen oft, dass ihre Sicht der Dinge dominiert - zum Schaden aller Muslime.
Hierzu sprachen wir mit Muhammad Sameer Murtaza, der vor Kurzem mit einem längeren Debattenbeitrag über Extremismus, seine Ideologie und die Folgen für die Muslime Stellung bezogen hat. Murtaza ist Islamwissenschaftler bei der Stiftung Weltethos. Kürzlich erschien sein Buch „Islamische Philosophie und die Gegenwartsprobleme der Muslime“.
Islamische Zeitung: Ihr Beitrag auf islam.de zu den ideologischen Hintergründen des Terrors von Muslimen wurde über die muslimische Community hinaus debattiert. Sehen Sie sich als Vorreiter in dieser Debatte?
Muhammad Sameer Murtaza: Nein, ich partizipiere an dieser Debatte, die bereits seit geraumer Zeit innerhalb und außerhalb der muslimischen Welt geführt wird. Ich verweise auf die Beiträge von Muhammad Al-Ghazali, Hamid Algar, Mohammad Arkoun, Reza Aslan, Navid Kermani und Sayyid Yusuf Ar-Rifa’i, um nur einige zu nennen. Gerade in Deutschland haben die Islamische Zeitung und der Zentralrat der Muslime wiederholt auf die Gefahren ideologischen und wahhabitischen Denkens hingewiesen. Insbesondere Lesenswert ist die ausführliche Auseinandersetzung des Gelehrten Abd Al-Hafidh Wentzel mit diesem Denken auf islam.de.
Mein Beitrag „Jenseits von Eden“ wurde wohl deshalb gesamtgesellschaftlich wahrgenommen, da er ausführlich die theologischen Wurzeln von Terror im Namen des Islam ideengeschichtlich so aufbereitet hat, dass es auch für Nichtmuslime nachvollziehbar und dadurch verständlich wurde. Für die meisten Menschen in diesem Land ist der Islam, seine Geschichte, seine Theologie etc. eine unbekannte fremde Welt ist.
Islamische Zeitung: In der Vergangenheit distanzierten sich muslimische Repräsentanten sprachlich eher schwammig vom „Terror gegen Unschuldige“, ideologische Hintergründe blieben unberührt. Warum war das so?
Muhammad Sameer Murtaza: Dies mag zwei Gründe haben. Zum einen fehlt uns Muslimen in Deutschland noch immer eine Diskussionskultur. Dabei ist gerade eine Kontroverstheologie im Qur’an vorhanden und prägte die geistig fruchtbare Zeit des Islam. Dies mag sich aber mit der Herausbildung einer intellektuellen Elite unter den deutschen Muslimen ändern, zumindest sehe ich hier die ersten Anzeichen.
Zum anderen dürfen wir aber auch nicht übersehen, dass die meisten Muslime, die in Verbänden tätig sind, in erster Linie ehrenamtliche Funktionäre sind und keine Gelehrten oder Wissenschaftler. Und obwohl wahrscheinlich die meisten dieser Funktionäre für die Herausforderungen, die ihnen begegneten, gänzlich überfordert waren, haben sie Großes geleistet. Aber auch hier erleben wir einen Wandel. Die Organisationen bemühen sich sichtlich professioneller zu werden und es rückt auch ein intellektuell anderes Kaliber in die Führungspositionen vor. Es ist ja nicht ohne Bedeutung, dass ich den Beitrag mit Unterstützung und Rückenhalt von islam.de beim Zentralrat der Muslime veröffentlicht habe.
Islamische Zeitung: Sie widersprachen der Meinung, wonach die Attentäter keine „richtigen Muslime“ seien. Wie lässt sich das begründen?
Muhammad Sameer Murtaza: Eigentlich ganz simpel: Jeder Mensch, der das islamische Glaubensbekenntnis ausspricht, ist ein Muslim. Wer sind wir, dass wir das Recht haben, einem Menschen sein Muslim-Sein abzusprechen? Die Menschen, die leider im Namen Gottes Hass predigen, Anschläge verüben und Menschen ermorden, tragen muslimische Namen, kommen zumeist aus muslimischen Familien, sind im Islam sozialisiert und glauben fest daran, dass sie Gottes Willen verwirklichen. Sie benutzen den Islam nicht als Mittel für politische oder sonstige Zwecke, nein ihr Glaube bringt sie sogar soweit, sich selber für ihre Sache zu töten. Wenn wir nun abwimmeln, dass dies keine Muslime sind, verdrängen wir nur das Problem. Vielmehr müssen wir uns schonungslos fragen: Aus welchem theologischen Denken beziehen diese Menschen ihre Legitimität? Hier kommen wir dann zu einer wichtigen Erkenntnis. Es gibt das Wesen des Islam, das sich im Qur’an und der Sunna findet, aber dieses Wesen erfährt in der Zeit unterschiedliche Realisierungen. Diese Realisierungen müssen immer wieder kritisch einer Untersuchung unterzogen werden, indem wir den Maßstab, das Wesen des Islam heranziehen. Und schließlich dürfen wir nicht übersehen, zu jeder Zeit gibt es auch das Unwesen, den missgestalteten Begleiter einer jeden Religion.
Islamische Zeitung: Was kennzeichnet die extremen Strömungen, die das Gedankengebäude für Terroristen bilden?
Muhammad Sameer Murtaza: Im Kern ist es ein radikaler Exklusivismus, der die Menschen in Menschen des Himmels, nämlich sie selbst, und Menschen der Hölle, also alle anderen Muslime, sowie Andersgläubige einteilt. Die eigene Erhöhung wird durch angebliche Prophetenaussprüche noch unterfüttert, wonach die Umma in 73 Gruppen Zerfallen würde, wobei nur einer Eintritt in das Paradies gewährt wird. Dabei hatte bereits der Reformer Muhammad Raschid Rida empfohlen, solche Hadithe kritisch in Augenschein zu nehmen, da sie nicht zur frühen pluralistischen Entwicklung des Islam passen, sondern vielmehr zum späteren Schisma, in dessen Verlauf jede Gruppe versuchte die eigene Position durch gefälschte Prophetenworte zu untermauern.
Die Definition dessen, was einen Muslim ausmacht, wird gerade von den Wahhabiten sehr eng gezogen. Der Glaube an den einen Gott und ein Leben nach dem Tod, sowie eine rechtschaffene Lebensführung sind ihrer Meinung nach nicht ausreichend. Der Wahhabit sieht überall nur Verfehlungen, Irrwege und unerlaubte Neuerungen, es ist eine ganz und gar pessimistische Sicht auf die Umma. Von einer islamischen Ökumene will er nichts wissen, sondern die Muslime zum Ursprung des Islam, so wie er diesen versteht, zurückführen. Und hier unterteilen sich dann die Wahhabiten in solche wie die deutschen Vogelianer, die eben Mission betreiben und den Qur’an wie einen Wegwerf-Flyer verteilen, und jene radikalisierten Wahhabiten, die glauben, dass Mission nicht ausreicht, sondern die Welt müsse mittels Gewalt „gereinigt“ werden. Wir kennen alle die Blutbäder, die diese Wahhabiten an Schiiten und Sufis im Irak, Afghanistan oder Pakistan angerichtet haben.
Islamische Zeitung: Interessanterweise gab es in den letzten Jahrzehnten - im Gegensatz zur Anfangszeit, wo diese verfolgt wurden - bis zum 11.9.2001 kaum eine kritische Auseinandersetzung mit dem Salafismus/Wahabismus. Falsch verstandene Solidarität oder Finanzkraft ihres Herkunftslandes?
Muhammad Sameer Murtaza: Dies liegt an drei Dingen. Erst durch das Islamstudium habe ich doch gemerkt, wie sehr wir in Deutschland von dem Wissen über die islamische Geschichte, Theologie, die Rechtsschulen, die Mystik und vor allem die Philosophie abgeschnitten sind. Das meiste, was sich auf muslimischen Büchertischen findet, dient der Erbauung oder der Moral, aber Texte von Al-Farabi oder Ibn Sina liegen in der Regel nicht aus, obwohl es diese auf Deutsch gibt. Die meisten Muslime kennen lediglich die jüngere Geschichte des Islam und verstehen sie imaginär als „die“ Geschichte des Islam. Das sind dann häufig ideologische Texte von Maududi, Qutb oder wahhabitische Texte von „Abu So-und-so“. Aber der Islam ist mehr und hat mehr zu bieten. Provokante Texte wie jene von Attar und Muhammad Iqbal. Herzerweichende Liebesmystik von Rabi’a Al-Adawiyya oder philosophische Schwere von Al-Kindi.
Dies mündet in den zweiten Punkt: Wenn man also seine Religion nicht kennt, dann sind wir alle einfach nur Muslime und Kritik an bestimmten Realisierungen des Islam wird dann als Pauschalangriff auf den Islam missverstanden und der Gläubige sieht sich in der Pflicht, seine Religion zu verteidigen. Und am Ende landen wir dann bei einem Religionschauvinismus, der nichts anderes als die bedingungslose vor-islamische Stammesloyalität ist, die der Prophet eigentlich durch das bedingungslose Prinzip der Gerechtigkeit ersetzen wollte.
Und schließlich führt diese große Unkenntnis über die eigene Religion dazu, dass man kostenlose Literatur annimmt, da es ja alles islamische Literatur ist. Früher waren es die großzügigen Büchergeschenke der saudischen Botschaft, heute die kostenlose Lektüre im Internet. Aber es gibt einfach keine „nur islamische Literatur“, sondern hinter jedem Buch steckt eine vorgeprägte theologische Denkweise, die man kennen muss, um sich auch mit dem, was man liest, kritisch auseinanderzusetzen.
Islamische Zeitung: Sie haben in der Vergangenheit zu den frühen Modernisten der islamischen Welt publiziert. Was sie bei aller Verschiedenheit kennzeichnet, ist eine Abkehr vom traditionellen islamischen Recht. und seiner Begrenzung von Gewalt, und eine politische Instrumentalisierung des Islam. Wäre hier nicht eine Revision der angeblichen „Reformer“ angebracht? Immerhin versteht sich der Wahabismus selbst als „Reformbewegung“...
Muhammad Sameer Murtaza: Das Reformprojekt des Philosophen Jamal Al-Din Al-Afghani und des Gelehrten Muhammad Abduh halte ich für einen wichtigen intellektuellen Anstoß zu einer geistigen Widerbelebung der Muslime. Im Grunde haben wir es hier mit einem islamischen Protestantismus zu tun und es gibt interessante Analogien zum christlichen Protestantismus.
Aber jede Reform hat auch ihre Schattenseite und ihre Trittbrettfahrer. Durch den Kolonialismus waren die traditionellen Strukturen muslimischer Gelehrsamkeit in vielen Ländern erschüttert worden oder gar zusammengebrochen. Al-Afghanis Aufruf zu einer Rückkehr zum Qur’an, um sich von überkommenen, nicht mehr funktionierenden Strukturen zu befreien, machten sich nun auch andere zu eigen. Dies ist zuerst einmal nichts Schlechtes, sondern kann auch als Emanzipationsbewegung verstanden werden. Bedauerlicherweise fehlte diesen neuen Denkern die Ausbildung, die Al-Afghani und Abduh genossen hatten. Mit der Muslimbruderschaft schuf der im Sufismus verwurzelte Hasan Al-Banna den ideologischen Islam. Mit Sayyid Qutb und Abd Al-Salam Faraj radikalisierte sich dieses Verständnis weiter und führte zu einer Entgrenzung der Gewalt.Und im nihilistischen Islam der Al-Qaida haben wir schließlich eine Fusion aus Wahhabismus und ideologischem Islam. Vergangenes Jahr habe ich mit „Die ägyptische Muslimbruderschaft - Geschichte und Ideologie“ den ideologischen Islam dekonstruiert. Dahinter standen sechs Jahre Forschungsarbeit und viel böses Blut seitens der Muslimbrüder. Kürzlich habe ich mit „Islamische Philosophie und die Gegenwartsprobleme der Muslime. Eine Reflexion zu dem Philosophen Jamal Al-Din Al-Afghani“ mich noch mal ausführlich dem Denken Al-Afghanis gewidmet, dem es ja auch um die Eindämmung der Gewalt zwischen Sunniten und Schiiten ging. Ich denke, man sollte zwischen den frühen Reformern und den späteren Ideologen unterscheiden.
Islamische Zeitung: In den Mainstreammedien wird der Salafismus/Wahabismus fälschlicherweise als besonders „islamisch“ oder „religiös“ beschrieben. Müssten Muslime hier nicht vielmehr betonen, dass es sich bei diesen im klassischen Sinne um „Sekten“ handelt?
Muhammad Sameer Murtaza: Zunächst müssen wir mit den Begriffen vorsichtiger umgehen. Salafiyya ist ein Begriff, der die ersten drei Generationen der Muslime bezeichnet. Er ist also für jeden Muslim positiv konnotiert. Die vor dem Ölboom als Sekte deklassierten Wahhabiten schmücken sich heute mit dem Wort Salaf, um von ihrem Ursprung abzulenken. Ich bin nicht bereit, ihnen die Ehre zuteilwerden zu lassen, denn in ihrem Fühlen, Auftreten, Sprechen und Handeln sind sie von den Prophetengefährten so weit entfernt, wie die Sonne von der Erde.
Schließlich wurde der Begriff Salafiyya noch auf die Reformbewegung von Muhammad Abduh angewandt, was aber lediglich darauf hinwies, dass diese Reformer sich dem Wesen des Islam wieder zuwenden wollten. Aber nie im Leben kamen diese darauf, sich als Salaf zu bezeichnen.
Insofern müssen wir um der Klarheit Willen auf das Wort Wahhabismus zurückgreifen und darauf hinweisen, dass wir es hier mit einer Sekte zu tun haben. Gerade der Islam der Vogelianer zeichnet sich durch ein Vakuum an Wissen aus. Selbst eine Sendung wie „Schlümpfe“ ist da gehaltvoller. Dies eint sie auch mit den Leuten von „Politically Incorrect“. Es ist der gleiche ängstliche Menschenschlag, der sich zum einen durch die Verachtung der Menschenwürde auszeichnet und zum anderen dadurch, dass beide Bewegung nicht intelligent sind.
Islamische Zeitung: In Deutschland füllen diese Gruppen offenkundig ein Vakuum, das vom organisierten Islam nicht gefüllt werden konnte. Was müsste die muslimische Community in Deutschland hier tun?
Muhammad Sameer Murtaza: Diese Popularität ist zum einen dem mangelnden Wissen über die eigene Religion geschuldet, weshalb wir unbedingt einen islamischen Religionsunterricht benötigen und zum anderen der Tatsache, dass wir in den muslimischen Gemeinden unter großen Jubel Konvertiten willkommen heißen, sie aber anschließend im Stich lassen und sie oftmals nicht wirklich in das soziale Leben der Moscheegemeinde integrieren. Hier braucht es eine Handreichung für Moscheegemeinden, aber auch für den Konvertiten, damit er für den Anfang weiß, aus welchen Töpfe des Wissens er sich am Anfang seiner großen Reise bedienen sollte.
Ein anderes Problem ist, dass zu viele Gemeinden und gebildete Muslime immer noch nicht verstanden haben, dass die muslimischen Organisationen nur dann gute Arbeit leisten können, wenn sie Unterstützung und Manpower erhalten. So soll jeder sich selber an die eigene Stirn fassen.
Schließlich wenn wir nicht wollen, dass der Islam in Deutschland zu einer Ghettoreligion verkommt, müssen wir uns intellektuell öffnen, weiterbilden, innerislamische Diskussionsfreude an den Tag legen und gehaltvolle Projekte und Literatur produzieren. Hier bin ich auch gespannt, wie die so genannten Jugendorganisationen Muslimische Jugend in Deutschland und Lifemakers eigentlich auf diese Entwicklung reagieren wollen, denn auffälligerweise sind diese gar nicht mehr präsent.
Aber machen wir uns nichts vor, auch wenn ein Teil dieser Vogelianer später wieder in den Mainstream des Islam zurückkehrt, diese Bewegung ist dauerhaft. Umso mehr dürfen wir nicht zulassen, dass diese das Bild unserer Religion in der Öffentlichkeit bestimmt. Es liegt an jedem von uns, die Deutungshoheit des Islam wieder dem Mainstream zurückzugeben und seinen Beitrag zu einer geistigen Blüte des Islam und einer gebenden sozialen Seite unserer Religion in Deutschland zu leisten.
Islamische Zeitung: Lieber Herr Murtaza, Danke für das Interview.
Yasin Andreas Herrmann aus Ort schrieb am 23.04.2012
Salaam, geehrter Bruder,
"...denn in ihrem Fühlen, Auftreten, Sprechen und Handeln sind sie [Wahabiten] von den Prophetengefährten so weit entfernt, wie die Sonne von der Erde."
Ganz sicher haben Sie größtenteils Recht mit dem was Sie sagen und in weiten Teilen stimme ich Ihnen auch voll und ganz zu. Entscheidend ist jedoch ohne Zweifel nicht das Was, sondern das Wie. Denn der Charakter, das „Fühlen, Auftreten, Sprechen und Handeln“ des Propheten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, selbst, aber natürlich auch seiner Gefährten und der nachfolgenden Generationen, zeichnete sich im Umgang mit Andersgläubigen in ganz besonderem Maße durch Barmherzigkeit aus. Und das ist der entscheidende Punkt. Denn nach Innen gerichtet, also gegenüber den Glaubensgeschwistern, war der Umgang umso mehr von liebevoller, zumindest jedoch von unvergleichlich respektvoller Natur. Gerade auch dann, wenn elementare Meinungsverschiedenheiten zur Diskussion standen.
Und eben jenen respektvollen Umgang, jenes von Ihnen geforderte „Fühlen, Auftreten, Sprechen und Handeln“ gemäß der Salaf, suche ich (auch) in Ihrem Text vergeblich. Im Gegenteil. Ich finde überwiegend Selbsterhöhung und Denunziation.
Und so unterscheidet sich der Duktus Ihres Textes im Kern nicht von vielen Texten und Thesen unserer wahabitischen Geschwister. Und das ist interessant. Denn Sie selbst werden damit zum agierenden Teil des von Ihnen kritisierten Manichäismus: Ihre Selbsterhöhung zu „intellektueller Muslim“ steht nun der generellen Denunziation der „Vogelianer“ gegenüber.
Es stellt sich also nach wie vor die Frage nach der Mitte. Denn die Lösung ist nicht, um das Pendel in Waage zu halten, stur auf die andere Seite zu preschen, auch dann nicht, wenn sie sich in ein intellektuelles Gewand hüllt. Denn extrem geht es in alle Richtungen, Agitatoren haben wir leider genug.
Möge Gott Ihre und unser aller Arbeit segnen und uns einen, amin.
Wassalaam, und von Herzen alles Gute,
Yasin
Abdel Karim Weiss aus Puchheim schrieb am 23.04.2012
Der Autor macht es sich sehr einfach. Die "Salafisten" oder auch "Vogelianer" sind "intelligent wie Brot". Ihnen mangelt es an Wissen und Verständnis des Islam. Punkt. Im Endeffekt beansprucht der Autor die Deutungshoheit für sich, beziehungsweise die von ihm aufgezählten Gelehrten der Reform, als wären diese unumstrittene Vertreter des Islam. Der Mainstream ist er selbst. Aber ein Islamwissenschaftler ist alles andere als ein islamischer Gelehrter. Vielleicht mag er so manchem Vertreter der "Salafisten" rethorisch und intellektuell überlegen sein, aber das ist kein Maßstab für die Wahrheit. Es fehlt uns im deutschsprachigen Raum leider an Gelehrten, die diese Debatte auf ein wissenschaftliches Niveau führen könnten. Im arabischen Raum gestaltet sich der Diskurs nämlich gänzlich anders. Es wäre Interessant zu sehen wie die Thesen des Autors beispielweise einem Sheikh Saalih al-Munajjid Stand halten. Aber hier in Deutschland bestimmen Islamwissenschaftler und Islamkritiker (am liebsten Ex-Muslime) als vermeintliche Experten den Diskurs
Tamer Türksoy aus Frankfurt am Main schrieb am 23.04.2012
Wir sollten als Leser davon ausgehen, daß Herr Murtaza schlicht Handlungs- bzw. Diskursbedarf innerhalb der muslimischen Gemeinschaft sieht. Natürlich kann ein einzelnes Interview nicht hinreichend darlegen, welche weitgehenden Überlegungen hinter den Aussagen von Herr Murtaza stecken dürften.
Seine Aussagen somit als angemessen oder unpassend zu bewerten,
greift meines Erachtens nach zu kurz.
Die akademische (Papier)Qualifikation ist angesichts unserer oft unbekannten eigene Geschichte und ihrer unterschiedlichen Auslegung unwichtig.Herr Murtaza ist hier nicht an sich das Thema. Es geht um seine Position. Klartext braucht Mut ! Vielen Dank dafür!
Muhammad Sameer Murtaza aus Bad Kreuznach schrieb am 24.04.2012
Asalamu-aleikum,
ich würde gerne ein paar Anmerkungen machen, da ich glaube, dass bei den ersten beiden Posts ein Missverständnis vorliegt.
Der zweite Posts stellt den Vorwurf in den Raum, dass das Interview keine intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Wahhabismus in Deutschland darstellt. Hier übersieht er jedoch, dass das Interview Bezug nimmt auf einen bereits erschienenen intellektuellen Beitrag, nämlich den Aufsatz Jenseits von Eden, der beim Zentralrat der Muslime erschienen ist. Vielleicht kann die Islamische Zeitung dies in der Einleitung des Interviews durch eine Verlinkung klarer machen: http://islam.de/20027. Insofern geht es bei einem Interview nicht um eine Reproduktion zu dem bereits erschienenen Beitrag, sondern es ist ein Supplement, das aber aufgrund des Charakters eines Interviews nicht den gleichen wissenschaftlichen Ernst besitzen muss, jedoch wahrhaftig sein muss.
Insofern zeigt doch gerade der zweite Post das Kernproblem der heutigen Muslime und die zunehmende intellektuelle Unfähigkeit in Teilen unserer Umma mit Meinungspluralismus umzugehen, wenn kritische Äußerungen mich sogleich zu einem zweifelhaften Gläubigen, besser bereits Ex-Muslim deklassieren. So wird hier leicht von der Hand indirekt formuliert: >Aber hier in Deutschland bestimmen Islamwissenschaftler und Islamkritiker (am liebsten Ex-Muslime) als vermeintliche Experten den Diskurs.<.
Folglich hat der dritte Post genau erkannt, worum es mir geht, nämlich dass wir endlich anfangen zu diskutieren, welche Umma wir wollen, welche Außenwirkung sie haben soll und wie wir unsere Zukunft in Deutschland uns vorstellen. Hierfür ist klare Kante und ein heißes Herz vonnöten, denn es geht um eine der wichtigsten Zukunftsfragen für uns Muslime in Deutschland. Und ich stehe zu meiner Äußerung, dass die Vogelianer eine anti-intellektuelle Bewegung sind oder in anderen Worten eine Bewegung der Dummen. Man zeige mir einen geistreichen Beitrag von Pierre Vogel. Ich empfehle zur Lektüre das Forum Dawa-News.
Dies leitet auch über zum ersten Post. Ich bin ganz bei Ihnen hinsichtlich der Frage nach dem „Wie“? Aber ich glaube nicht, dass wir in dieser so wichtigen Auseinandersetzung naiv sein dürfen. Ja, Barmherzigkeit und Toleranz ist ein wichtiges Kriterium im Umgang zwischen Muslimen, aber auch im Umgang mit Nichtmuslimen, dass sollte ergänzt werden. Aber wie gehen wir mit unbarmherzigen und intoleranten Geschwistern um? Wie gehen wir mit den Vogelianern um, die in ihren Foren den Zentralrat der Muslime samt allen Mitgliedern als Kuffar und Munafiqun abstempeln. Die einen der präsentesten Muslime wie Aiman Mazyek in ihren Foren als Kafir und Hund beschimpfen? Ich vertrete die Haltung: Keine Toleranz gegenüber den Intoleranten. Egal ob sie sich als Muslime bezeichnen oder nicht.
Welchen Islam und welche Umma wollen wir? Wenn ich leidenschaftlich für eine pluralistische Umma eintrete, die auch Resultat der islamischen Geschichte ist, dann ist dies doch keine Selbstüberhöhung, sondern meine eigene persönliche Antwort auf die wichtigste Frage dieser Zeit.
Und natürlich haben Sie recht, ich mache den Gegensatz zwischen einer literalistischen Lesart und einer Lesart, die die Vernunft hinzuzieht auf. Denn es geht hier um die Frage, was islamisches Denken ist. Ist alles islamische Denken gleich oder spielt auch die Frage der Qualität eine Rolle? Ich bin der Meinung, dass islamisches Denken und die Erweiterung dieses Denken immer ein Denken mit den großen Denkern des Islam sein muss und dann geht es um die Qualität des Denkens. Solange wir dies nicht verstehen, findet kein intellektuelles Erwachen der Muslime statt, dabei war es gerade dieses, das den Islam zu einer großen Menschheitszivilisation werden ließ.
Folglich bin ich der Meinung, dass der Mainstream nicht in Schwäche gegenüber den Vogelianern auftreten sollte, sondern mit Stärke und da darf man auch schon mal polemisch sein, solange es wahrhaft ist, um deutlich zu machen, dass eben die Vogelianer nicht auf Augenhöhe mit dem Mainstream des Islam sind.
Salamu-aleikum
Muhammad Sameer Murtaza
Abdel Karim Weiss Nachname aus Ort schrieb am 25.04.2012
Walaikum salam wa rahmatullahi wa barakathu, mit den Ex-Muslimen waren tatsächlich nicht Sie gemeint, ich nehme mir nicht das Recht heraus anderen Muslime Ihren Glauben abzusprechen, schon allein mangels Wissen um den Takfir auszusprechen. Ich stimme Ihnen zu, dass ein Debatte von Vertretern verschiedener Denkschulen notwenig ist. Momentan wird aber nur über "Salafisten" geredet als mit ihnen, den auch die "Salafisten" sind keine homogene Bewegung die jeden Dialog verweigern und in Internetforen über Verräter und "die Ungläubigen" herziehen. Die Theorie der "Salafisten" bzw. ihre Auslegung des Glaubens muss nicht zwangsläufig zu einer intoleranten Praxis führen. Als ein Vertreter dieses "orthodoxen Islam" distanziere ich mich von Intoleranz und Hass, gerade wegen und nicht trotz meines persönliches Verständnis des Islam. Ja, die Debatte ist nötig, die Frage ist das wie. Ich denke das Zusammenkünfte á la Islamkonferenz nicht zum Ziel führen, denn wieviele Muslime fühlen sich wirklich durch ZDM und die zahlreichen anderen Verbände und Räte vertreten? Welche Legitimation hat Herr Mazyek im Namen aller Muslime in Deutschland zu sprechen? Es fehlt die demokratische Beteiligung der Mitglieder.
Muhammad Sameer Murtaza aus Bad Kreuznach schrieb am 26.04.2012
Asalamu-aleikum Herr Weiss,
vielen Dank für die Klarstellung, dann war es einfach ein Missverständnis. Erlauben Sie mir Ihre Gedanken aufzugreifen und eine Frage in den Raum zu stellen. Wie soll der Dialog geführt werden, wenn auf Seiten dieser Gruppierung jeder Dialog als Dialüg denunziert wird. Wer jedes Gespräch als Lüge verurteilt, darf sich nicht wundern, wenn niemand mit ihm redet. Außerdem was hindert Pierre Vogel und Co. als Newcomer den Dialog zu den Verbänden zu suchen? Stattdessen baut man eine Front auf, um sich selber als die Gruppe der Wahrheit zu präsentieren. Da werden führende Muslime als Hunde und schlimmeres beschimpft und der ZMD als ein Club von Rotweintrinker verächtlich gemacht. Keine gute Ausgangssituation für ein Gespräch.
Vertretungsanspruch im nichtpolitischen Bereich geschieht durch Vereinsgründungen und die Summe an Moscheegemeinden, die Islamrat, DITIB und ZMD zusammenbringen ist schon beachtlich. Aber natürlich muss sich nicht jeder Muslim von diesen vertreten fühlen. Darin sind sich ja die liberalen Muslime um Lamya Kaddor und die Leute um Vogel unc Co. einig. Aber soll man deshalb kleine Gruppen mit den Verbänden gleichsetzen und gleichgewichten?
Von seitens des ZMD wurde die Tür zum Gespräch nicht zugeschlagen, sowohl Vogel wie Kaddor haben dies mit ihrer denunzierenden beleidigenden Polemik getan.
PS: Aiman Mazyek spricht nicht für die Muslime Deutschlands, sondern für die Mitgliedsverbände des ZMD's.
Hassan Bachir aus Köln schrieb am 02.05.2012
Hallo Herr Murtaza,
ich verstehe leider nicht wieso die islamische Zeitungen jemandem mit einem solchen Auftreten wie ihrem, Herr Murtaza, hier eine Plattform bietet.
Aus dem Interview mit Ihnen ist sehr deutlich ihr Hochmut gegenüber anderen Muslimen zu hören. Wissen Sie denn nicht, wie gefährlich Hochmut für den Iman ist? Sie, der sich als so belesenen und eloquenten Autor verkauft.
Halten Sie es für ein korrektes und vorbildliches islamisches benehmen Muslime als Vogelianer oder sonstwas zu bezeichnen und sich selbst als Teil einer intellektuellen Elite. Ein Muslim mit gesundem Verständnis des Islams ist bei solchen Aussagen einfach nur angewiedert. Man macht sich nicht über andere Muslime lustig und man diffamiert sie auch nicht - schon gar nicht öffentlich. Das Wohl der Ummah kann ihnen bei solchen Aussagen nicht am Herzen liegen. Eher der Wunsch nach Spaltung und Streit oder gar Kampf lässt sich aus ihren Aussage deuten.
Und auch wenn irgendjemand einen Muslim als Hund oder sonstwas bezeichnet hat, was soll's. Machen Sie Du'a für diesen Menschen, dass er seinen Fehler erkennt und bereut oder geben Sie ihm eine Nasiha. Aber hetzen Sie hier bitte nicht Muslime aufeinander.
Herr Murtaza, Sie sind nicht gerade ein Mensch bzw. Muslim mit einer großen Gefolgschafft. Machen Sie sich also bitte nicht so wichtig. Versuchen Sie sich lieber in eine Moscheegemeinde zu integrieren und lassen Sie sich dort mal den Kopf waschen anstatt über andere zu reden und zu schreiben.
Da ich Ihren Werdegang ein wenig kenne, weiß ich, dass Sie kein Mensch sind, der sich mit muslimische Gemeinschaften leicht tut. Sie wirken auf mich wie ein eitler, eingebildeter Einzelgänger, dem es egal ist, welchen Schaden er in der Ummah anrichtet. Wieviel Akzeptanz haben Sie denn noch in den Moscheegemeinden oder in der muslimischen Jugend, wo Sie mal aktiv waren?
Ich frage mich nur, wieso die islamische Zeitung ihren Werdegang bzw. ihre muslimischen Referenzen nicht hinterfragt hat, bevor sie dieses Interview hier postet.
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In der Mai-Ausgabe der Islamischen Zeitung (Nr. 215) beschäftigen wir uns mit den Schwerpunkten „Muslimische Frau“ und dem Bürgerkrieg in Syrien. Parvez Asad Sheikh beschreibt in einem Interview die Grundzüge der Geopolitik, wir gehen mit der IZ-Redaktion auf die Umra (kleine Pilgerreise) und denken über das Wesen der Freiheit nach. Außerdem: Beten während der Freitagsansprache, Großzügigkeit, Verfassungsschutz und der „Salafismus“, eine neue Moschee für Hamburg, eine Replik von Avni Altiner sowie die neue CD des Berliner Rappers Musa.
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IZ erklärt Deutschland: Die Salaf
Egal, ob angezählte Ex-Boser oder ehemalige Bonner Musterschüler, die in den Bergen Afghanistans ums Leben kommen, Der „Salafismus“ ist trotz der zahlenmäßig geringen Menge der Anhänger zum Synonym einer amorphen Bedrohung geworden. Diese neuzeitliche Ideologie, die lange unter Muslimen und unseren Gelehrten als „Wahhabismus“ [nach ihrem Begründer Ibn ‘Abdulwahhab] bezeichnet wurde, hat sich lange dieses Tarnbegriffs bedient, um der Klassifizierung als Sekte zu entgehen. Phänomenologisch ähnelt sie den Khawaridsch. Zum Leidwesen der muslimischen Welt ist der „Salafismus“ in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. Nicht nur, weil er ungenau ist, sondern mehr noch, weil die Generationen (die Salaf As-Salihin), auf die sich die Wahhabiten gerne beziehen, um sich deren Legitimation anzueignen, von allen praktizierenden Muslimen der Ahl As-Sunna wa’l-Dschama’a geachtet und geliebt werden. Wie bei anderen Begriffen muss man auch hier erst einmal der zeitgenössische Schutt der Missverständnisse weggeräumt werden, um verstehen zu können. Qadi ‘Ijad aus Ceuta, früherer andalusischer Gelehrter und Autor des monumentalen „Kitab Asch-Schifa“ beschrieb den Charakter dieser Generation unter anderem wie folgt: „(…) Es wurde überliefert, dass es eine Gruppe der Salaf, oder besser alle von ihnen, verabscheute, über etwas zu diskutieren, welches nicht zu Handlungen führte. (…)“ Der Imam schließt an anderer Stelle mit dem Gebet: „Möge Allah unseren gottesfürchtigen Salaf barmherzig sein, die ihren Din beschützt haben!“
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"Neues Wir-Gefühl" BERLIN. Gauck wirbt für respektvollen Dialog zwischen den Religionen. JIK besucht Bundespräsidenten (Foto: Dirk Enters).