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Allah hat alles in Paaren erschaffen

Ausgabe 291

Foto: FS Stock | Shutterstock

(Yaqeen Institute). Geschlecht ist real. Es lehrt uns, wer wir als Einzelne, als Gemeinschaft und als Hervorbringer von Kulturen sind. Die Moderne hat einen Großteil unseres Verständnisses von diesem bestimmenden Aspekt des Selbst jedoch entwurzelt. Die neuen Gendertheorien, wie sie von bekannten Intellektuellen wie Judith Butler formuliert wurden, ersetzen diese traditionellen Vorstellungen nicht, sondern ignorieren sie.

Sie vereinfachen Wissenschaft und übersehen philosophische Herangehensweisen an das Thema. Ich möchte zeigen, dass traditionelles Denken über Geschlecht – insbesondere muslimische – weit über eine Behandlung des Körpers, seiner Funktionen sowie Rolle, Kleidung und Haltung hinausgeht. Ziel ist eine Abbildung der komischen Ganzheit.

Professor Sachiko Murata sagt in ihrem wegweisenden Werk „The Tao of Islam: A Sourcebook of Gender Rela­tionships in Islamic Thought“, dass ­Geschlecht eine charakteristische Eigenschaft der muslimischen Kosmologie und des sufischen Denkens war. In dieser Kosmologie werden Ursprünge, Geschichte und Zukunft der Welt hauptsächlich unter spirituellen Gesichtspunkten erklärt.

Professor Abdal Hakim Murad schreibt in seinem Essay „Islam, Irigaray and the Retrieval of Gender“, dass Islam ein bestätigendes Narrativ in Sachen Gender anbietet. Er bezieht es als Bestandteil dessen ein, was einen Menschen spirituell ganzheitlich macht und pulsierend mit dem Universum verbindet.

So sehr die westliche Kultur über Geschlecht und Rechte debattiert, hat sie keine kohärente Botschaft zu diesem Thema. In der Tat ist Gender eines der am stärksten fragmentierten Konzepte, auf das wir in aktuellen Debatten über Ideen stoßen, die unsere Gesellschaft prägen. Ebenso können Philosophen, Soziologen, Religionswissenschaftler und andere Wissen beitragen. Sie können aber nur maßgeblich in ihrer eigenen Disziplin darüber sprechen. Es fällt Menschen zutiefst schwer, auf ihrer Wissensbasis zu bleiben. Einige gehen deutlich über ihre Fachkenntnisse hinaus, um Hypothesen aufzustellen, die ihre Analyse unterstützen. Sie treten in andere Bereiche nicht mit der nötigen Demut ein, die sie offen dafür machen würde, was draußen existiert.

Moderne Kritik betont die Unwichtig­keit von Geschlecht, während sie selbst von dem Konzept verzehrt wird. Sie ist voll eingenommen von ihrer Autorität, das Thema umzugestalten und vollkommen desinteressiert an dem, was durch ihre Neuformulierung verlorengehen könnte. Judith Butler geht in „Performative Acts and Gender Constitution: An Essay in Phenomenology and Feminist Theory“ davon aus, dass Geschlechteridentität ein soziales Konstrukt sei. Es würde ein falscher Zusammenhang zum biologischen Geschlecht hergestellt. Dieser werde generationsübergreifend durch die Übernahme von Bekleidungsgewohnheiten und Verhaltensweisen weitergegeben. Sie dienten dem patriarchalen Ziel der Fortpflanzung.

Laut Butler hat Geschlecht keine Wirklichkeit, kein Wesen. Und das biologische sei „verschieden vom Vorgang, durch den der Körper kulturelle Bedeutungen trägt“. Das biologische Geschlecht ist eine Tatsache, den sie nicht bestreiten kann. Aber sie assoziiert es mit der Anatomie des Unübersehbaren – praktisch unter Ausschluss des Geschlechts in den Zellen unserer Körper. Würde sie den physiologischen Aspekt leugnen, könnte ihre Arbeit als absurd zurückgewiesen werden. Sie bestätigt ihn nur so, um als glaubhaft wahrgenommen zu werden. Aber sie scheitert in der ­Bestätigung seines vollen wissenschaftlichen Gewichts, sodass Widersprüche ihres Denkens nicht zu Tage treten.

Die Phrase „Männer und Frauen“ neigt wie andere dazu, sich in bestimmte Gespräche einzuschleichen. Dazu gehören unter anderem Worte wie Heirat, Rechte, Gleichheit oder Geschichte. Aber selbst dieses Wort wird nun einer Inaugenscheinnahme unterzogen: Es könnte gefährlich exklusiv sein. In ihm sind Schlussfolgerungen eingebettet, die zunehmend in Frage gestellt werden. Zum einem legt sie nahe, dass gemeinsam über Männer und Frauen gesprochen werden kann und sollte. Andererseits impliziert sie, dass sie zwei Kate­gorien darstellen, außerhalb derer es keine anderen wichtigen Akteure gibt. In anderen Worten, Männer und Frauen sind korrespondierende Elemente, die eine Art System ausmachen.

Als Gesellschaft verengte sich unser Fokus auf Biologie und gelebte Erfahrung von Männern und Frauen. Wie Butlers Annahmen zeigen, beschränkt sich der Rahmen unseres Gesprächs auf was immer sich direkt innerhalb dieser Dimensionen bewegt. Vorrangig besteht die Vorstellung, dass wir, um uns vor begrenzenden Ideen von Geschlechtern zu schützen, Diskussionen meiden müssten, die Unterschiede zu sehr betonten. Religion wurde hier als Schuldiger ausgemacht, Geschlechterunterschiede in einem erdrückenden Maße fortzuführen. Dabei versucht religiöse Kosmologie, das dynamische Wesen des Universums zu erklären, indem sie eine große Menge an Symbolen benutzt. Von diesen ist ­Geschlecht ein Schlüsselelement. Sie weist aber die Vorstellung zurück, dass das Symbolisierte mit dem Symbol gleichgesetzt werden könnte.

Wohl waren Denker wie Butler in der Lage, ihre Schlussfolgerungen so weit zu tragen, weil einige unserer Ausdrucksformen von Gender so schwach sind. Je mehr darauf bestanden wird, dass ­Mädchen nur rosa tragen und nur Jungen mit Autos spielen können, desto glaubwürdiger erscheinen ihre Argumente. Aber solche Aussagen sind weit entfernt vom Gegenstand muslimischer Kosmologen.

Diese Denker, welche die Verständniswege formulierten, auf denen Geschlecht eingesetzt werden kann, um die Kräfte zu verstehen, die unsere Welt formen, interessieren sich für die meisten sozialen „Akte“ nicht. Bekanntermaßen desexualisiert Islam den Körper im öffentlichen Raum. Daher wird die Profitmaximierung des Körpers abgelehnt, insbesondere des weiblichen. Muslimische Kosmologen beschäftigen sich mit einem qur’anischen Prinzip, wonach Allah „alles in Paaren erschuf, damit ihr nachdenkt“ (Adh-Dhariyat, Sure 51, 49). Da wir in diesem Vers zur Reflexion aufgerufen sind, müssen wir über oberflächliche Unterschiede hinausgehen.

Geschichten und Symbole sind die Wächter kultureller Werte und Quellen der Bedeutung. Jeder Psychotherapeut, der der Rede seines Patienten zuhört, wird in der Lage sein, die Geschichte zu erkennen, die sein Klient erzählt. Durch sie begreift der Arzt die Welt, auf die sich der Patient beschränkt hat und kann bestimmen, ob es nicht ein alternatives Narrativ ist. Ob wahrer oder hilfreicher – dieses kann es dem Klienten ermöglichen, in einem anderen, lebensbejahenden Weltverständnis zu leben.

Die Geschichte von der Schaffung Adams und Evas – in den vielfältigen Wegen, auf denen sie im Qur’an erzählt wird – illustriert nur, wie wichtig es für Menschen ist, dass er einen Ursprung hat. Hier dient eine Erzählung dazu, darüber nachzudenken, sodass wir unser Wesen und unseren Zweck definieren können. Ohne die Geschichte von Adam wüssten wir nicht, dass uns die Verantwortung des Sachwalters (arab. khilafa) übertragen wurde. Es wird aber hier nicht klar, warum wir befähigt sind, diese Aufgabe auszuführen. Fehlt uns der Zugang zum „warum“, dann entzieht sich uns das angemessene Verhalten in Übereinstimmung mit dem Rang der Khilafa.

Diese Sachwalterschaft, wie sie im Qur’an beschrieben wird, trägt dem Menschen Pflichten auf. Sie betrifft Verantwortung im Umgang zur Beziehung mit dem Rest der Schöpfung. Wir sind aufgerufen, uns um sie zu sorgen. Unsere Fähigkeiten aber können leicht dazu missbraucht werden, Schaden anzu­richten, wenn unsere Perspektive und Prioritäten verzerrt sind. Tiere, Pflanzen und die mineralische Welt lassen sich nicht in einer moralischen Sprache beschreiben, denn ihr Sein wird durch ihre Natur beschränkt, die begrenzt und ­festgeschrieben ist.

Das führt uns zur zweiten Eigenschaft des Menschen in unserer Beziehung zur Schöpfung. Allah hat uns mit einer reichhaltigen und komplexen Natur von Eigenschaften versehen, die uns von anderen Geschöpfen unterscheidet. Murata schreibt, dass Menschen „das Ganze manifestieren“. Das heißt, wir sind der kleine Kosmos und manifestieren alle Eigenschaften des „großen“ Kosmos in uns selbst. Diese Einschätzung der Kosmologen basiert auf einer Menge an Aussagen in den Quellen. Zu diesen gehört jener Vers: „Wir werden ihnen Unsere Zeichen am Horizont und in ihnen selbst zeigen, bis ihnen klar wird, dass das die Wahrheit ist.“ (Fussilat, Sure 41, 53)

Im Qur’an wird der Begriff Zeichen (arab. aja, auch synonym mit Vers) hunderte Male benutzt. Wir, das Publikum, sind aufgefordert, diese Zeichen zu sehen und hinter ihnen die Wahrheit, auf die sie sich beziehen. Die Vielfalt der Zeichen bringt uns schlussendlich zu einem Verständnis von Einheit (arab. tauhid). Derart wird alles Leben mit Bedeutung versehen.

So wie wir Wissen von unserem Schöpfungszweck durch die qur’anische Behandlung unserer Ursprungsgeschich­te erhalten, so lernen wir auch über ­Geschlecht und seine Bedeutung. Im Ursprungsnarrativ steht Adam sowohl für den urbildlichen Menschen als auch den archetypischen Mann. Das liegt daran, dass Gender (von Menschen) nur verstanden wird, wenn sowohl Frauen als auch Männer gegenwärtig sind. Vor Evas Schöpfung wird Adam passender als Mensch beschrieben. Männlichkeit kann nicht ohne Weiblichkeit begriffen werden. Ein Großteil unserer Wissensbasis ist unmöglich ohne Rückgriff auf Gegenteile.

Der erste Vers der Sura An-Nisa zeigt die Ableitung des Menschen von Einheit, über Dualität zur Vielheit: „Oh ihr Menschen, fürchtet euren Herrn, Der euch aus einem einzigen Wesen schuf, und aus ihm schuf Er seine Gattin und ließ aus beiden viele Männer und Frauen sich ausbreiten.“ (An-Nisa, Sure 4, 1) In der Sura Hudschurat wird diese Bewegung von Singularität zur Vielheit bestärkt, wobei wir den zusätzlichen Nutzen erfahren, wie wir zurück zur Singularität gelangen: „Oh ihr Menschen, Wir haben euch ja von einem männlichen und einem weiblichen Wesen erschaffen, und Wir haben euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt. Gewiss, der Geehrteste von euch bei Allah ist der Gottesfürchtigste von euch. Gewiss, Allah ist Allwissend und Allkundig.“ (Hudschurat, Sure 49, 13)

Die Dynamik der Schöpfung – ihre Feinheit und Verwobenheit – ist eine Manifestation von Gottes schöpferischer Macht, die wir durch Seine Namen – die der Majestät und der Schönheit – erfahren können. Allah „erschuf alles in Paaren“ (Adh-Dhariyat, Sure 51, 49). So werden wir in unserem Geschlecht bestätigt und mit der ganzen Schöpfung verbunden, aber auch – durch unser ­Geschlecht – mit der dynamischen Paarbildung von Allahs Namen.

Moderne Theorien meinen, dass wahre Freiheit im Ablegen der Ketten des Männlichen und Weiblichen und der Annahme des Androgynen liegt. ­Abdul Hakim Murad dagegen sagt, dass ein menschliches Leben es nicht nötig macht, unser Geschlecht im Tausch ­gegen Androgynie aufzugeben.

Die Vorstellung des Theoretikers, dass wir zur Erlangung der letzten Freiheit, die wir bei Allah sehen, androgyn sein müssten, ist ein Missverständnis. Ihr theologisches Verständnis ist fehlerhaft. Murad zeigt, dass Allah diese Unterschiede als Mittel erschuf, um über Ihn nachzudenken. Sie sind keine Hürden, sondern Werkzeug. Unser Geschlecht ist wie unser Körper Hilfsmittel, dass die Erreichung unseres höchsten Zweckes der Anbetung (arab. ‘ibada) und Khilafa mit ermöglichen soll.

Die Moderne sieht die Wege, in denen wir nicht identisch sind und liest Bedeu­tungslosigkeit in ihnen. Ein häufiger ­Aspekt davon findet sich in der Hartnäckigkeit mancher, Aspekte der Identität von anderen nicht sehen zu wollen. Mit anderen Worten, wenn ich den Anderen nicht betrachten kann, ohne von meinen Vorurteilen und vorgefassten Ansichten abzulassen, dann täusche ich vor, Unter­schiede nicht zu sehen und beanspruche moralische Überlegenheit.

Tuisa Hilft - Kurban

Einige Modernisten meinen, dass ­Traditionen wie der Islam umfassende Theorien aufgestellt haben, weil sich diese weigerten, die Vielfalt anzuer­kennen. Das Gegenteil ist der Fall. Was Islam in der heutigen Zeit wiederbelebt, ist eine erneute Bestätigung von Ver­körperung, ein Wiederaufleben weib­licher Symbolik und eine Aufforderung, die Form zu sehen und darüber hinauszugehen.