Ein subtiler Akteur?

Ausgabe 305

Foto: Jim Mattis, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY 2.0

Der kleine Staat Katar hat sich mithilfe „subtiler Macht“ auf globaler Ebene einen Vorteil geschaffen, der anderen regionalen Nachbarn fehlt.

(iz). Was haben Frankreichs Top-Fußballklub Paris Saint Germain, das britische Luxuskaufhaus Harrods, Deutschlands größter Automobilhersteller Volkswagen und die Bank of America gemeinsam? Sie gehören teilweise oder ganz dem ­Golfstaat Katar.

Mit seiner Einwohnerzahl von rund 2,7 Millionen wird das Land häufig mit mehrfachen Superlativen in Verbindung gebracht: Stolz auf das höchste Pro­kopfeinkommen der Welt. Laut UN ein Land mit einem sehr hohen mensch­lichen Entwicklungsindex. Die dritt­größten Erdgasreserven der Welt.

Letzteres ist der zentrale Motor der Profiterzeugung. Dies ermöglicht dem nationalen Staatsfonds von Katar (der Qatar Investment Authority, die Vermögenswerte im Wert von 115 Mrd. USD kontrolliert) Anteile an unzähligen Unternehmen in einem vielfältigen ausländischen Investmentportfolio zu erwerben oder zu halten. Verwaltet werden sie von der Qatar Holding. Zu diesem Portfolio gehören global bekannte Firmen wie die Deutsche Bank (Unternehmensanteile von 6,1 Prozent), die Miramax Film Studios (im Besitz der beIN Media Group), Russlands Erdölgigant Rosneft (19 Prozent) sowie die Luxusmarke Valentino.

Großbritannien und London sind insbesondere zu einem Magnet für katarische Investments und Aufkäufe geworden. Das reicht von Sainsbury (mit 17,4 Prozent ist die katarisch kontrollierte Investmentgruppe Three Delta der größte Aktieneigner), über Barclay’s Bank (das Emirat als größter Mitinhaber), Londons Flughafen Heathrow (20 Prozent), der Mutterkonzern von British Airways IAG (25,1 Prozent) bis hin zum Immobilienbesitz von Canary Warf bis zum Shard. Es dürfte den meisten Briten unbekannt sein, wie viele ihrer geliebten britischen Ikonen längst teilweise oder voll in kata­rischer Hand sind.

Die arabischen Golf-Königreiche – gesegnet mit einer Überfülle an natürlichen Ressourcen, die ihre Rentier-Wirtschaften daheim antreiben – haben einen Hang, sich mit westlichen Marken und Einrichtungen zu schmücken. Anders als seine regionalen Nachbarn Dubai oder Abu Dhabi geht Katars internationalistische Reichweite weit über seine vielfältigen globalen Investments hinaus. In den letzten Jahren hat es sich als Mittler zur Konfliktlösung in einer Region herausgestellt, der nicht vor geopolitischen und innerstaatlichen Spannungen zurückschreckt.

Von seinem Engagement in Libyen während des Arabischen Frühlings bis zu den jüngsten Friedensverhandlungen zwischen den afghanischen Taliban und den USA – Doha steht an der vordersten Front dessen, was ein Analytiker zynisch als „außenpolitisches Abenteurertum“ bezeichnete. Nichtsdestotrotz hat sich Katar stetig zu einem Vermittler der Wahl für Konfliktparteien entwickelt, da es als vorurteilsfrei und neutral angesehen wird – ähnlich zu Schwedens traditioneller Rolle als Moderator bei Friedensbemühungen.

Darüber hinaus hat sich das Emirat seit dem Start des Nachrichtensender Al Jazeera zu einem Handelnden für sozialen Wandel erwiesen. Im Vergleich zu anderen Medien der Region bietet es ein dringend benötigtes objektives Forum für eine lebendige politische Debatte. Das alles in einem Teil der Welt, der berüchtigt ist für die Lähmung seiner politischen Struktur. Und wo autokratische Führer, die von ihren Subjekten weder geliebt noch legitimiert sind, trotz des Rufes nach demokratischen Reformen an der Macht kleben.

In Anbetracht dieser Phänomene und Entwicklungen kann berechtigterweise gesagt werden, dass Katar eine beträchtliche Macht einsetzen kann – völlig unangemessen seiner geringen Größe. Wie wurde diese unverhältnismäßige Machtanhäufung, ein Gräuel in der traditionellen Machtdynamik bei internationalen Beziehungen, möglich? Mehran Kamrava, Professor und Direktor des Zentrums für Internationale und Regionale Studien einer Filiale der Georgetown Universität in Katar, prägte in seinem Buch „Katar – Small States, Big Politics“ den Begriff „subtile Macht“. Wie wird sie beschrieben und was unterscheidet sich von traditionellen Definitionen wie „weiche“ und „harte“ Macht? Und warum übt Katar diese Art Macht aus und keiner seiner regionalen Nachbarn?

Während wir mit den konventionellen Machtdefinitionen der Politikwissenschaft und den internationalen Beziehungen gut vertraut sind, scheint keine davon für Katar zu gelten. Mit nur 12.000 aktiven Soldaten, eine der niedrigsten Menge der Region, verfügt Doha (trotz seines führenden Prokopfeinkommens) nicht gerade über „harte Macht“. Joseph Nye, Fachmann für internationale Beziehungen, beschrieb sie als „die Fähigkeit, das Zuckerbrot und die Peitsche der Wirtschaft und des Militärs zu benutzen, damit andere seinem Willen folgen“. Der zugrundeliegende Mecha­nismus hinter ihrem Gebrauch ist daher Zwang. Noch besitzt das Emirat „soft power“, die Nye 1990 als ein Land ­beschrieb, das andere Länder dazu bekommt, zu tun, was es will. Nicht durch die harte Macht des Zwangs, sondern durch die Kooptierung ihrer kulturellen und politischen Wertesysteme.

Als relativ junger, unabhängiger Staat in Kämpfen einer strukturellen sozialen Transformation sowie der Gestaltung ­einer eigenständigen nationalen, kulturellen Identität, findet sich die milde ­Autokratie Katars nicht aus der „Soft Power 30“-Liste. Das ist eine vergleichende Einschätzung von Staaten entsprechend ihres Einsatzes weicher Stärke. Definiert wird sie als „effektive Kommunikation eines erfolgreichen globalen Narrativs“ – nicht durch militärische Stärke, sondern durch Anziehung und nicht-aggressive Überzeugung.

Der Staat Katar übt Macht anders aus; namentlich „subtile Macht“, was ihn ­einzigartig macht. Kamrava bestimmt sie als eine „wirksame Mobilisierung von Umständen und sich entwickelnden ­Gelegenheit zu seinen Vorteilen, seinen enormen finanziellen Reichtum sowie des strategischen Einsatzes von Staatsfonds als auch seine vorsichtig abgestimmte Außenpolitik des Abwägens“.

Genauer ausgedrückt umreißt er vier zentrale Pfeiler, auf denen sein Konzept der diskreten Stärke beruht: „physischer und militärischer Schutz“, die Verfolgung einer „Markenwahrnehmung und Aufbau eines positiven Renomees“, eine „proaktive Anwesenheit auf der globalen Bühne“, war Katar durch Hyperdiplomatie sowie Mediation und Lösung von Konflikten erreicht, und schließlich das traditionell harte Kapital des Reichtums.

Wie erwähnt ist Dohas Militär bescheiden. Daraus folgt, dass es sich bei seiner Sicherheit stark auf Schutz der US-Armee verlässt. Und so ist Katar gegenwärtig Heimat des Luftwaffenstützpunktes Al-Udeid; mit über 10.000 stationierten Mannschaften die größte dauerhafte Basis im Nahen Osten. Die willige Unterordnung der katarischen Sicherheitsbedürfnisse unter „den US-Sicherheitsschirm“, wie Kamrava ihn regelmäßig in seinem Buch beschreibt, ermöglicht es der ­politischen Führung in Doha, „verfügbare Ressourcen auf andere, potenzielle gleichwertig oder teurere Anstrengungen aufzuwenden, die auf den Aufbau internationalen Prestiges und des Einkaufs von Einfluss abzielen“.

Dieses „internationale Prestige“ als zweites Schlüsselelement subtiler Macht geschieht über Politik des Marketings und Brandings. Kamrava verweist darauf, dass Staaten in allgemeinen Begriffen „ein bestimmtes Image erlangen durch das Verhalten ihrer Führer im In- und Ausland, die Zuverlässigkeit der von ihnen hergestellten Erzeugnisse, ihre Außenpolitik, ihre Reaktionen auf Naturkatastrophen oder politische Krisen, ihre wissenschaftlichen und kulturellen Erzeugnisse und die gezielten Marketing- und Markenbemühungen, die sie unternehmen“.

Im Falle Katars geschieht die Wie­dererkennung seiner Marke auf diesen Gebieten:

Luftfahrt – durch den Erfolg seiner nationalen Airline Qatar Airways. Dies hat dazu beigetragen, den „Flughafenstaat“ in ein eigenständiges Arbeits- und Urlaubsziel zu verwandeln.

Sport – beispielsweise über die Aspire Academie zur Entwicklung von Leistungssport, durch den Erwerb des internationalen Fußballvereins Paris Saint Germain mit seinen Stars, durch Sponsorenverträge mit Vereinen wie AS Rom und Boca Junios (Argentien) sowie die Ausrichtung von Turnieren wie den Asienspielen 2006, der Handballweltmeisterschaft der Männer 2015 und den kommenden FIFA-Weltmeisterschaften 2022.

Medien – wie dem Sender Al Jazeera News.

Vermittlung in Konflikten – im Zusammenhang mit Markenbekanntheit steht der dritte Aspekt diskreter Stärke, den Kamrava als „proaktive Präsenz auf der globalen Bühne“ beschreibt. Während Branding in erster Linie ein Unterfangen privater Unternehmen ist (obwohl staatliche Akteure daran beteiligt sind, kommen die Kampagnen der nationalen Tourismusverbände in den Sinn), ist ­Diplomatie der Bereich, den der Staat aktiv verfolgt. Er konstruiert „eine bewusst gestaltete diplomatische Haltung, die darauf abzielt, ein Bild des Landes als globaler, guter Bürger zu vermitteln“, schreibt der Autor.

Das letzte Element, dass der Autor als Schlüssel zu dieser Art beschreibt, ist ganz gewöhnlicher Reichtum. Im Falle Katars übersetzt sich das in „Einfluss in sowie Kontrolle und Eigentum von wertvollem wirtschaftlichen Kapital, das in aller Welt verteilt ist“. Damit spielt er auf Katars vielfältiges und substanzielles Portfolio seiner Auslandsinvestitionen an. Dabei handelt es sich nicht um einen klassischen Fall von „Dollardiplomatie“ und daher kein Mittel, mit dem „die Reichen der Region versuchen, die Loyalität und den Gehorsam der weniger gut Ausgestatteten zu kaufen“, wie Kamrava es beschreibt. Die Subtilität dieser Machtvariante, bei der Investitionen über die ganze Welt ausgebreitet sind, liegt in seiner Sicht auf die Tatsache, dass sie „wegen ihrer langfristigen Erträge mehr geschätzt werden als schnelle Profite“.

Nach der Definition subtiler Macht und einem Blick, wie Katar zu ihr gekommen ist, bleibt eine Frage: Warum konnte Katar das im Vergleich zu anderen Golfstaaten mit ähnlichen sozioöko­nomischen und politischen Bedingungen leisten? Staaten wie Bahrain und die Vereinten Arabischen Emirate sind geo­grafisch ebenso klein. Ihre Rentier-Wirtschaft befindet sich inmitten einer Auffächerung angetrieben durch immer noch reichen Besitz an fossilen Brennstoffen. Ihre Gesellschaften werden von dynastischen Alleinherrschern regiert. Warum haben sie keine verwandte ­diskrete Stärke aufgebaut?

Kamrava schreibt dieses Ungleichgewicht vier „entsprechenden Vorteilen“ zu. In dieser Hinsicht seien Dohas Nachbarn benachteiligt.

Der erste besteht in der geänderten Machtdynamik am Golf und allgemein im Nahen Osten. Die strukturellen ­Unruhen der Arabellion in Ägypten sowie die Kriege im Irak und Syrien haben zu einem Niedergang des Gewichts traditioneller Regionalmächte geführt. Diese stehen vor existenzielleren, internen ­Angelegenheiten. Das folgende Vakuum wurde leicht durch Katar gefüllt und ­ermöglichte die Ausweitung seines ­regionalen Einflusses.

Der Umzug des US-Militärs aus Saudi-Arabien (die ausländische Präsenz nach dem Golfkrieg von 1990/91 war der Hauptgrund für Bin Ladens asymmetrischen Krieg gegen die USA) nach Katar. Das US-Zentralkommando hat Katars geopolitischen Aufstieg nur verbessert.

Nach Angaben sollte laut Kamrava zweitens der Aspekt von Handlungsfähigkeit nicht unterschätzt werden. Ein Machtvakuum kann Öffnung für einen aufstrebenden Staat sein, die Muskeln spielen zu lassen. Aber nur die Handlungskompetenz zur „absichtsvollen Führung“ stelle sicher, dass es besetzt wird. „Katars Führung ist fokussiert und unbelastet von Problemen parlamentarischer Politik. Da sie aus einer Handvoll Einzelpersonen besteht, ist Doha motiviert und entschlossen, nationale, regionale und globale Ambitionen zu ver­folgen“, meint der Autor.

Drittens hat der Anstieg von Katars ­regionaler Bedeutung ursächliche Bindung zu innenpolitischen Dynamiken; namentlich seien das „der Mangel an inneren Problemen und Spaltungen“. Nach Kamravi „erfreut sich Katar eines bemerkenswerten sozialen Zusammenhalts“, wenn man es mit seinen Nachbarn ­vergleicht. Hier fehlten sektiererische Spannungen wie in Bahrain, Spannungen zwischen Regionen wie in den VAE und weltanschauliche und geografische Ungleichzeitigkeiten wie in Saudi-Arabien sind auffallend abwesend.

Der letzte Faktor hinter Katars regionaler Macht ist erneut sein enormer Reichtum. Als weltweit größter Lieferant von Flüssigerdgas (LNG) teilt sich Doha das größte Erdgasfeld der Welt mit ­Teheran. Und so haben die wirtschaftlichen Profite dieses geografischen Segens dazu geführt, dass Katar seine Agenda der Hyperentwicklung innerhalb seiner eigenen Grenzen verfolgen kann, um sich zu diversifizieren seine Wirtschaft und sich von der Abhängigkeit endlicher ­Rohstoffe zu entwöhnen.

Diese vier komparativen Vorteile erklären den raschen Aufstieg zu regionaler – und zunehmend – globaler Macht, die nicht zu den traditionellen Diskursen über Macht in internationalen Bezie­hungen passt.

Nicht überraschend, dass es auch den Ärger einiger seiner Nachbarn wie Saudi-Arabien und den VAE auf sich gezogen hat. Sie sehen in Katars astronomischem wirtschaftlichen und politischen Aufstieg eine Bedrohung ihrer regionalen Hegemonieansprüche. Diese sich schwelende Drohung unterstreicht die geopolitischen Gründe Katars, überhaupt einen ein­zigartigen Markenkern diskreter Stärke zu brauchen.

Und während die saudisch geführte Blockade seit vier Jahren anhält und der wirtschaftliche Abschwung aufgrund der COVID-19-Pandemie nicht einmal die reichste Nation der Welt verschont, wird es interessant sein zu sehen, wie subtil die Macht ist, die diesen winzigen Riesen am Persischen Golf in absehbarer ­Zukunft herausstellen wird.

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