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Erinnerung an den Tod führt zu einem besseren Leben

Ausgabe 333

Tod Sterblichkeit Friedhof
Foto: Lumiereist, Shutterstock

Manche könnten denken, eine Lebensführung mit dem Fokus auf den Tod entmündige uns und führe zu Untätigkeit oder Apathie.

(almadina.org). Öffnen wir YouTube. Seine Algorithmen werden uns mit den aktuellsten Lebensberatern grüßen. Sie erklären uns, wie wir den Körper bis zum größtmöglichen Ausmaß beleben. Gleichzeitig erfahren wir, wie so alle möglichen Dopaminreaktionen ausgelöst werden.

Von Trainern wie Tony Robbins und Lisa Romano bis hin zu Gesundheitstrainern hat jeder Tipps, wie wir das Beste aus unserer biologischen Maschinerie herausholen. Morgendliches Eisbaden, intensive Atemübungen und todsichere Anlagestrategien sind das neueste Gebräu für ein „erfüllteres“ Leben.

Tod

Foto: DİTİB Sehitlik Moschee Jugend, Facebook

Tod erinnert an Ganzheitlichkeit

Was ist aber mit unserem spirituellen „Motor“? Sind wir der Körper oder haben wir einen? Führt die Vernachlässigung dessen, was uns zu Menschen macht, zu Übermaß und Schaden?

Allah sandte uns im Gesandten Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, ein perfektes Vorbild. Sein Alltag war voller einmaliger Weisheit und spiritueller Rechtleitung. Sie bringen Harmonie in unsere gesamte Wahrnehmung von Dasein.

Der Prophetengefährte ‘Abdullah ibn ‘Umar, möge Allah mit ihm zufrieden sein, war einmal mit dem Gesandten. Ein Mann von den Ansar stellte ihm diese Frage: „O Gesandter Allahs, wer von den Gläubigen ist der Beste? Er sagte: ‘Derjenige, der die besten Manieren unter ihnen hat’. Er fragte: ‘Wer von ihnen ist am weisesten?’ Er sagte: ‘Derjenige, der am meisten an den Tod denkt und sich am besten auf ihn vorbereitet. Das sind die Weisesten.’“ Der Prophet erinnerte sich und andere mit diesen Worten an den Tod: „Seid beständig in der Erinnerung des Zerstörers der Freuden – Tod.“

Tod

Foto: Yaseer Booley

Verdrängung der Sterblichkeit

Dennoch ist das für viele nicht natürlich. Wir sind von Natur aus programmiert, nicht über Sterblichkeit nachzudenken. Ob es sich um eine evolutionäre Eigenart oder ein spirituelles Unbehagen handelt: Wir bleiben absichtlich stumpf gegenüber der Realität des Grabes. Zusätzlich werden wir von multinationalen Konzernen überschwemmt, um uns davon zu überzeugen, dass sie alle Lösungen für den unausweichlichen Untergang haben: „Männer um die 50 wollen sich wieder jung fühlen? Wir haben Hormonersatz für Sie. Frauen, deren Haut anfängt, Falten zu bilden? Dafür haben wir alle möglichen Peptide!“ Unsere Vorstellung vom Altern in Würde bis zum Tod wird durch falsche Versprechungen von Jungbrunnen ersetzt.

Manche könnten denken, eine Lebensführung mit dem Fokus auf den Tod entmündige uns und führe zu Untätigkeit oder Apathie. Vergleichen wir das mit dem Leben des Gesandten Muhammad und wie die Erinnerung an den Tod seinen Antrieb beeinflusste. Sein Rat, sich auf Vergänglichkeit einzulassen, anstatt ihr auszuweichen, befreite ihn von den Motivationen, die allein auf der physischen Existenz beruhten.

Seine Inspiration für all seine verschiedenen Aktivitäten war die Rückkehr zu Allah. Sein Antrieb war der Tag, an dem wir alle vorm Herrn der Welten stehen und gefragt werden, ob wir unserer Verantwortung pflichtbewusst nachgekommen sind. So wird die Erinnerung an den Tod, wird sie mit dem richtigen Geist und Verstand wahrgenommen, zum Handeln befähigen.

Marrakesch: Innenhof der Zawija von Sidi Ben Slimane Al Jazuli,
dem Autor der „Dala’il Al-Khairat“. (Foto: Robert Prazeres)

Methoden der Erinnerung

Es gab verschiedene Methoden, mit denen frühere Muslime diese Praxis in ihren Alltag einbanden. Imam Al-Dschazuli schrieb das Wort „Tod“ auf die Wände seiner Räume. Im Gegensatz zum heutigen Denken, das ein solches Vorgehen als makabren Akt einer Persönlichkeitsstörung einstufen würde, ermächtigte es ihn, seine Anstrengungen auf die nächste Welt auszurichten.

Und es gab ihm die Fähigkeit eines der schönsten Bücher der Erde zu schreiben – die „Dala’il Khairat“. Dass er den Tod als zentrales Lebensthema betrachtete, trieb ihn zum Handeln an. Der immer wiederkehrende Gedanke, ca. zwei Meter tief begraben zu werden, lähmte ihn nicht. Stattdessen gab es ihm ein Gefühl der Dringlichkeit und trieb dazu an, Allah auf die schönste Weise zu dienen.

Wenn wir dem Ausmaß von Al-Dschazulis Erinnerung an den Tod nicht folgen können, gibt es andere Methoden. Besonders zu empfehlen ist das Kapitel über den Tod und das Leben nach dem Tod von Imam Al-Ghazali in seinem berühmten Werk „Ihja ‘Ulum ad-Din“. Er unterstreicht die Bedeutung der prophetischen Gewohnheit, des Todes zu gedenken und die vielen Vorteile, die sich daraus für unser Leben ergeben.

Kommunikation mit dem Selbst

Ebenso hilfreich ist es, mit dem Selbst zu kommunizieren, es daran zu erinnern, dass wir zu Allah zurückkehren werden und dass alle irdischen Bestrebungen vergänglich sind, wenn sie nicht Allah und Seinem Gesandten gewidmet sind. Schaikh Muhjiddin ibn ‘Arabi pflegte, äußerst nützliche Briefe an sein Selbst zu schreiben. Er stellte sich vor, dass sein Nafs aus dem Körper entfernt wurde und trat in eine Debatte mit ihm darüber ein, warum es sein ganzes Streben auf das Jenseits richten sollte. Die Großen wurden durch solch intime Selbsterkenntnis groß.

Die Anwendung des prophetischen Rates zur Erinnerung an den Tod bringt uns auf den Weg zur Selbst-Reflexion und Veränderung. Sobald wir uns der eigenen Sterblichkeit bewusst werden, können wir mit dem Leben beginnen.