Essay: Ermüdet durch die Religiösen
Oft ist es nicht die Religion selbst, die Menschen ermüdet, sondern die Sprache derer, die in ihrem Namen sprechen.
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(iz). Es ist leicht, die wachsende Distanz zur Religion, die sich heute insbesondere unter jungen Menschen beobachten lässt, allein mit der Säkularisierung, den Verlockungen des modernen Lebens oder der Konsumkultur zu erklären. Von Dr. Muhammed Mustafa Yüksel
Doch wir sollten uns der schwierigeren Aufgabe stellen und einer grundlegenderen, aufrichtigen Frage nachgehen: Wenden sich die Menschen tatsächlich von der Religion ab – oder vielmehr von der Art und Weise, wie in ihrem Namen gesprochen wird?
Religion sollte den Menschen auf seiner Suche nach Sinn begleiten. Sie sollte Balsam für seine Wunden und eine Gefährtin in seiner Einsamkeit sein.
Doch allzu oft tritt in der religiösen Rede Härte an die Stelle von Barmherzigkeit, Machtausübung an die Stelle von Weisheit und Zurechtweisung an die Stelle einer einladenden Ansprache.
Wer Fragen stellt, gilt als verdächtig; wer widerspricht, als rebellisch; wer anders denkt, beinahe schon als Feind. Dass eine solche Sprache bei einer jungen Generation, der Freiheit und Individualität viel bedeuten, kaum Anklang findet, ist wenig verwunderlich.
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Doch das Problem erschöpft sich nicht in der Sprache. Auch die religiösen Institutionen und Gemeinschaften müssen kritisch hinterfragt werden. Insbesondere ihr Verhältnis zu Macht, Herrschaft und Besitz bedarf einer gründlichen Auseinandersetzung.
Je größer die im Namen der Religion errichteten Institutionen werden, je mehr Eigentum, Geld, Ämter und gesellschaftlichen Einfluss sie anhäufen, desto mehr verschwimmt mitunter die Grenze zwischen dem Dienst am Menschen und der Ausübung von Macht über ihn.
Mittel und Möglichkeiten, die einst dazu dienten, den Menschen zu helfen, können sich im Laufe der Zeit in Instrumente verwandeln, die vor allem dem Selbsterhalt der Institution dienen.
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Wo Macht der Kritik entzogen wird, wo sich Reichtum in den Händen weniger konzentriert und die Stimmen der Armen und Unterdrückten ungehört bleiben, verliert der religiöse Anspruch auf Gerechtigkeit an Glaubwürdigkeit.
Was wir heute brauchen, ist eine religiöse Sprache, die Menschen nicht auf Linie bringt, sondern ihre Herzen erreicht. Die Aufforderung des Qur’ans, „Rufe zum Weg deines Herrn mit Weisheit und schöner Ermahnung“ (Sure an-Nahl, 16:125), gibt auch einen wichtigen Maßstab dafür vor, wie Menschen zum Glauben eingeladen werden sollten.
Es gilt, für das Wahre einzutreten, ohne dabei Herzen zu verletzen, Unterschiede in Feindschaft zu verwandeln oder die Würde des Menschen anzutasten. Wir brauchen eine Sprache, die sich vom Leid unserer Gegenwart berühren lässt und Gerechtigkeit, Frieden, Freiheit und Barmherzigkeit in den Mittelpunkt des Lebens stellt.

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Eine Sprache, die nicht Angst verbreitet, sondern Hoffnung vermittelt; die nicht beherrschen, sondern heilen will; die nicht trennt, sondern Menschen zusammenführt.
Die Zeiten ändern sich, und mit ihnen verändern sich auch die Fragen der Menschen. Junge Menschen fragen nicht nur, woran sie glauben sollen, sondern auch, in welcher Welt sie leben wollen. Sie sprechen über Kriege, Ungleichheit, die Klimakrise, Einsamkeit, Zukunftsängste und ihre Sehnsucht nach Freiheit.
Wenn die Religion diese Fragen nicht aufgreift und die Lebenswirklichkeit der Menschen nicht mehr berührt, verliert sie ihren Platz in der Mitte des Lebens und gerät zunehmend an dessen Rand. Dabei richtet sich die Botschaft der Offenbarung nicht allein an die Menschen vergangener Zeiten, sondern ebenso an die Menschen von heute.
Was wir brauchen, ist keine Abkehr vom Wahren. Im Gegenteil: Wir müssen eine neue Sprache finden, die das Wahre zum Ausdruck bringt und zugleich die Wunden unserer Zeit ernst nimmt und zu ihrer Heilung beitragen kann.
Vielleicht ist es genau das, was wir neu lernen müssen. Religion zu vermitteln bedeutet nicht, von oben auf Menschen herabzublicken. Es bedeutet, sich zu ihnen zu setzen, ihnen zuzuhören, ihre Sorgen ernst zu nehmen und gemeinsam mit ihnen nach dem Wahren zu suchen.
Religion kann wieder lebendig werden, wenn sie nicht am Leben der Menschen vorbeiredet, sondern mitten aus dem Leben heraus spricht. Ohne große Gesten, ohne Verstellung. Einfach aufrichtig und glaubwürdig.
* Dr. Muhammed Mustafa Yüksel lebt derzeit in Köln. Er arbeitete drei Jahre an der Goethe-Universität in Frankfurt als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Seine Promotionsarbeit trägt den Titel „Zwei zeitgenössische liberale Abhandlungen über die politische Autorität Muhammads. Mehmed Seyyid Bey und ‘Ali ‘Abd ar-Raziq“. In dieser geht er der Frage nach, ob das Kalifat eine göttliche Institution oder ein menschliches Machtgebilde ist. Sie erscheint 2026 im Verlag Dr. Kovač, einem Fachverlag für wissenschaftliche Literatur.