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Hass – Konjunktur und Geschichte einer Emotion

Foto: momius, Adobe Stock

Literaturwissenschaftlerin sieht sprachliche Verschärfung in öffentlicher Diskussion seit etwa zehn Jahren – Forschungsprojekt über historische und aktuelle literarische Politisierungen und Instrumentalisierungen – Sprachgeschichte belegt Zusammenhang zwischen Hass und hetzen.

Münster (exc). Hassprediger, Hasskommentare, Hasskriminalität: Das Phänomen Hass hat Forschungen zufolge in den Medien und in der öffentlichen Debatte in den vergangenen Jahren stark zugenommen. „Unter dem Stichwort ‚Hass‘ kann eine besorgniserregende gesellschaftliche Entwicklung gefasst werden: eine offensichtliche Emotionalisierung in der Gesellschaft hin zu Feindseligkeit und Ablehnung“, sagt die Literaturwissenschaftlerin Martina Wagner-Egelhaaf. Sie erarbeitet am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Universität Münster im Forschungsprojekt „Figuren des Hasses“ eine Literatur- und Kulturgeschichte dieser Emotion. Die Wissenschaftlerin beobachtet eine sprachliche Verschärfung innerhalb der letzten Dekade: „Noch vor zehn Jahren hätte man das Attentat von Hanau, den Mord an Walter Lübke oder Anschläge auf Synagogen und Asylbewerberheime nicht ‚Hassdelikte‘ genannt, sondern ‚Angriffe‘ oder ‚Gewalttaten‘.“ 

Politisierungen und Instrumentalisierungen dieses extremen Gefühls werden seit jeher vorgenommen, wie der Blick in die Literaturgeschichte zeigt. Die biblische Geschichte des Brudermords von Kain und Abel, religiös motivierter Hass in Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ bis hin zum Werk „100 Zeilen Hass“ des Schriftstellers und Kolumnisten Maxim Billers und aktuelle Bühnenstücke über Hass-Mails und Shitstorms eröffnen schillernde Perspektiven auf die Facetten des Hasses, der nach Wagner-Egelhaaf nicht immer trennscharf von anderen Emotionen zu unterscheiden ist. Sprachgeschichtliche Untersuchungen zeigen: Das Wort ,Hass‘, das im indogermanischen Ursprung zunächst ,Kummer‘ oder ,Sorge‘ bedeutet, stammt von ,hetzen‘ ab. „Dies ist insofern brisant, als hier Emotion und Handlung zusammentreffen“, erläutert die Wissenschaftlerin. „Der Zusammenhang von Wort und Tat wird hier mitgedacht.“

Literaturgeschichte zeigt: Hass ist eine Frage der Interpretation 

Das Phänomen erweist sich als vielschichtig, wie Martina Wagner-Egelhaaf verdeutlicht. Hass sei zunächst einmal eine menschliche Emotion. „Doch Hass wird funktionalisiert, politisiert, versprachlicht und in Erzählungen und Narrative gebracht“, sagt die Professorin. Dabei lohne sich ein genaues Zuhören und Hinschauen, denn oft schwingen andere Emotionen mit. „Was wir geneigt sind, als Hass zu identifizieren, tritt sehr häufig in einem Umfeld mit vergleichbaren, aber doch zu unterscheidenden Affekten auf. Hass geht Verbindungen zum Beispiel mit Wut, Zorn, Eifersucht, Rachsucht oder Gram ein“, so Martina Wagner-Egelhaaf. 

Wie sehr Hass eine Frage der Interpretation ist, verdeutlicht die Wissenschaftlerin etwa anhand der biblischen Erzählung von den Brüdern Kain und Abel. „Dort wird der Begriff ‘Hass’ nicht verwendet, der Brudermord geschieht nicht im Affekt. Dennoch handelt es sich hier um die Urszene des literarischen Motivs der verfeindeten Brüder, bei dem sich der eine zurückgesetzt fühlt und Hass auf den anderen entwickelt.“ In John Steinbecks literarischer Adaption des biblischen Stoffes „East of Eden“ von 1952 wird daraus eine Geschichte des Hasses. „Shakespeares ‘Kaufmann von Venedig’ behandelt religiöse und ökonomische Motive eines Kollektivhasses zwischen Juden und Christen“, so die Forscherin, „bei dem Hass stets Gegenhass erzeugt. Dies zeigt die brüchige Motivierung des Hasses.“

Der Schriftsteller Maxim Biller hingegen stellt der Wissenschaftlerin zufolge in „100 Zeilen Hass“ seinen Hass durch rhetorische Schärfe „in den Dienst einer aufklärerischen Kritik etwa an kleinbürgerlichen Denkmustern oder dem Kulturbetrieb“. Ein weiteres zeitgenössisches Beispiel: Im „Chor des Hasses“ beim Hamburger Theaterfestival 2018 trugen Schauspielerinnen und Schauspieler an Politikerinnen und Politiker gerichtete Hass-Mails vor. „Gerade durch die professionelle Darbietung erleben wir die Primitivität und Gefährlichkeit dieser Texte auf erschütternde Weise“, so Martina Wagner-Egelhaaf.

Die Ursprünge des Wortes ‘Hass’ liegen im indogermanischen ‘kad’, wie die Forscherin ausführt, und bedeuten so viel wie ‘Verstimmung’, ‘Kummer’, ‘Leid’. Dieser Wortstamm habe zunächst nicht die Bedeutung eines gegen andere gerichteten feindlichen Gefühls, diese entwickelt sich im germanischen Sprachgebrauch erst später. „Im Mittelhochdeutschen heißt ‘hazzen’, ‘verfolgen’, mit diesem Verbum ist auch unser neuhochdeutsches ‘hetzen’ verwandt. Es gibt also gute sprachgeschichtliche Gründe, warum in der öffentlichen Rede heute ‚Hass‘ und ‚Hetze‘ fast in einem Atemzug genannt werden“, erläutert die Forscherin. (mit/apo/vvm)