Organisationsformen der Zeit anpassen

Ausgabe 306

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(iz). Die aktuellen Debatten über den sogenannten politischen Islam entfalten eine Wirkung, als wäre die islamische Lebenspraxis nur noch mit politischer Terminologie zu fassen. Dabei gerät der ganzheitliche Hintergrund des Islams zunehmend in Vergessenheit.

Die Idee, dass der Islam nicht nur Teil eines Problems, sondern auch Teil von Lösungen sein könnte, droht beinahe undenkbar zu werden. Muslime mögen sich auch politisch engagieren, aber mindestens genauso wichtig sind die sozialen und ökonomischen Aspekte des Islam. Gut ausgebildete Muslime sind heute längst Unternehmer, Wissenschaftler, Soziologen oder Architekten und tragen auf unterschiedlichste Weise zum Gemeinwohl bei. „Im Jahr 2019 wurde also etwa jede vierte Existenzgründung durch Migrantinnen oder Migranten realisiert – das sind 160.000 von insgesamt 605.000 Grün­dungen“, berichtet beispielsweise Dr. Georg Metzger von der KfW.

Der Islam gibt derartigem Engagement nicht nur eine Berechtigung, sondern auch andauernde Inspiration. Der Eindruck, dass der Islam in erster Linie ein Phänomen des Politischen sei, trügt. Muslimische Interessenvertretungen (aber auch die interessierte Öffentlichkeit) müssen sich fragen, warum es kaum eine Debatte außerhalb der politischen Sphäre zu geben scheint, in der Muslime zu wichtigen gesellschaftlichen Themen beitragen oder mitstreiten. Das Thema ökonomische Gerechtigkeit, die urbane Entwicklung unserer Städte oder die Teilnahme an Debatten über ethischen Fragen wären Themen, in der Muslime aus ihren eigenen Quellen ­heraus entsprechende Diskussionen bereichern könnten.

Die Bewahrung der Schöpfung, um nur ein Beispiel zu nennen, ist ein wichtiger Berührungspunkt mit einem der Hauptanliegen der deutschen Gesellschaft. Hier fehlt es aber an Impulsen, diese Seite des Islam in die ­öffentlichen Debatten einzuführen. Es fehlen insofern Verbände oder Organisationen, die entsprechend kreative Potentiale überparteilich organisieren, sammeln und anbieten.

Für die Zivilgesellschaft und ihre Einrichtungen wäre es ebenso wichtig junge Muslime und Akademiker aus diesen Bereichen Raum und Stimme zu geben. Blickt man in die Geschichte der islamischen Zivilisation zurück, entdeckt man durchaus die Neigung einer vollständigen Politisierung der muslimischen Gemeinschaft entgegenzuwirken. Hier kann man an soziale Wirkung von Stiftungen und die Förderung von Wissenschaft denken oder aber auch an die herausragende Bedeutung der Geschäftsleute und Händler. Die in Vergessenheit geratenen Gilden, versuchten das berufliche und wissenschaftliche Wissen von Muslimen zu bündeln.

Es wäre an der Zeit diese Formen der Organi­sation, den ausschließlich politisch und hierarchisch verfassten Verbänden entgegenzusetzen. Diese Absicht muss nicht die Existenzberechtigung von politisch verfassten Akteure in Frage stellen, sondern würde eher helfen die Balance der gesamtgesellschaftlichen Präsenz von Muslimen herzustellen. Diese Form des organisierten Islam, würde auch mithelfen, die Zusammenarbeit von Muslimen jenseits der ethnischen oder politischen Zugehörigkeit zu etablieren. Geht es um Fragen der Kompetenz, sollten diese alten Formen der Trennung eigentlich keine Rolle mehr spielen. Die Gesellschaft ist durchaus bereit, denkt man an die Erfolge muslimi­scher Wissenschaftlerinnen in der Bekämpfung der Pandemie, solche Beiträge auch wahrzunehmen oder anzuerkennen.

Schlußendlich geht es weniger um die Reform des Islam, sondern darum, die Organisationsformen der Muslime unserer Zeit anzupassen. Viele junge Muslime sind, ganz im Einklang mit allen anderen Jugendlichen, heute eher für das projektorientierte und weniger das verbandsorientierte Engagement zu begeistern. Diese Projekte, jenseits des Politischen und Teil eines Wettstreits guter Ideen, anzubieten und zu gestalten ist nicht nur im Trend, sondern eine der Zukunftsoptionen muslimischen Lebens in Deutschland.

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