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Richtiges Lesen will gelernt sein

Ausgabe 283

Foto: Wallpad

„Wie schnell doch die Leute Dinge verurteilen, die sie nicht verstehen.“ Die edle ‘Aischa, die Gattin des Propheten
„Wie viele Nörgler es bei Aussagen gibt. Doch der Fehler liegt in einem falschen Verständnis.“ Al-Mutanabbi
Das korrekte Lesen und Schreiben ist so bedeutend wie die Wichtigkeit von spirituellen Manieren (arab. adab), wenn jemand kritisiert oder mit anderen diskutiert. Anlass dafür ist auch die allgemeine Entwertung unseres öffentlichen Diskurses.
Erstens müssen wir verstehen, dass Mehrdeutigkeit ein Aspekt von Sprache ist – selbst in ihrer einfachsten Verwendung. Jeder, der jemals ein Wörterbuch verwendet hat, weiß, dass Wörter oft mehrere Bedeutungen haben (aus diesem Grund gibt es bei Wikipedia eine entsprechende Option). In der Rhetorik bezieht sich Amphibolie auf das Phänomen der mehrdeutigen Syntax.
In der islamischen Tradition gehört die Beherrschung von Grammatik, Rhetorik, Logik sowie ein Abschnitt der Logik, welche die Haltung in der Forschung und Dialektik behandelt, zu den Voraussetzungen einer Debatte. Jene, die hier nur schlecht vorbereitet sind, werden Opfer von häufigen Missverständnissen. In der Vergangenheit haben solche Personen nicht mit Aussagen einer gelehrten Person debattiert oder diese hinterfragt. Denn sie kannten folgenden Vers des Qur’an sehr gut: „Sprich: ‘Sind etwa diejenigen, die wissen, und diejenigen, die nicht wissen, gleich?’“ (Az-Zumar, Sure 39, 9) Diese rhetorische Frage ist offenkundig, denn sie braucht keine Antwort.
Darüber hinaus gibt es in der islamischen Tradition lang anhaltende Konvention von Fußnoten, in denen Gelehrte die unverständliche Sprache ihrer Vorläufer erhellten. Insbesondere malikitische Juristen zogen das Schreiben in schwerverständlichen Formulierungen vor, um unvorbereitete Leser vor Ausflügen in ihre Bücher abzuhalten. Manchmal wurden Kommentare zu früheren Kommentaren geschrieben. Und einige Bücher enthielten Randnotizen. Alle ­erwähnten Formen waren Arten und Weisen, in denen hochfähige Gelehrte Mehrdeutigkeit von früheren Texten entfernten, damit gebildete, aber weniger fähige Gelehrte sie verstehen konnten.
Ich verbringe viel Zeit damit, solche Texte zu lesen, da ich von viel sachkundigeren Gelehrten abhängig bin. Ich suche auch oft in meinen Lesungen nach einem Wort, manchmal zum reinen Vergnügen, Nuancen zu erkunden und andere Male, um sicherzustellen, dass ich das Wort richtig verstehe. Einmal habe ich beim Lesen eines arabischen Gedichts ein ungewöhnliches Wort gefunden und nachgeschaut, bis ich herausfand, dass die in einem arabischen Wörterbuch enthaltenen Bedeutungen im Zusammenhang mit dem Gedicht keinen Sinn ergaben. Das zwang mich dazu, dass ich auf ein anderes größeres Wörterbuch mit entsprechender Bedeutung zurückgriff.
Lesen ist eine Tätigkeit, die größtenteils im Kopf stattfindet. Aber gutes Lesen ist eine ermüdende Anstrengung geistiger Fähigkeiten. Einer meiner Lehrer sagte, dass Lesen vier Ebenen hat: das Verständnis der Gliederung des Textes, die ­Begriffe des Autors zu bewäktigen (was bedeutet, dass man die Begriffe so versteht, wie der Autor sie beabsichtigte), Verständnis der Vorschläge, ihrer Argumente und Beweise, die sie stützen und schließlich auf den Text mit der entsprechenden Höflichkeit zu antworten.
Diese letzte Phase, die Mortimer Adler als „Antwort“ auf den Autor bezeichnete, ist die schwierigste Stufe. Es ist die ­Fähigkeit, mit Verständnis zu kritisieren, ihre Argumente für die Ablehnung zu begründen und sie mit Gegenargumenten zu unterstützen. Aber diese letzte und problematische Phase des Lesens hängt vollständig von der Beherrschung der ersten ab. Auf dieser Ebene bedeutet „Kritik“, dass man den Annahmen, der Logik oder den Schlussfolgerungen eines Autors oder eines Teils davon – basierend auf einer genauen und kontextuellen Lektüre seiner Arbeit – nicht zustimmen kann.
Anbei ein klassisches Beispiel für eine mehrdeutige Aussage in den Usul. Die Hadithgelehrten erwähnen die Aussage des Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, dessen Inhalt übersetzt ungefähr so lautet: „Wer nach dem Ramadan mit sechs Tagen vom Schawwal folgt, der ist so, als hätte er konstant gefastet.“ Die originale arabische Phrase „vom (Monat des) Schawwal“ (arab. „min Schawwal“) ist ein Verhältniswort im Arabischen. Ibn Hischams bekanntes Buch „Mughni Al-Labib“ ist ein umfangreiches Verzeichnis solcher arabischen Präpositionen und Partikeln (Funktionswörtern). Er führt 15 mögliche Bedeutungen des Verhältniswortes „min“ auf, wenn es in einem Satz benutzt wird. Imam Malik war überzeugt, das „min“ im Zusammenhang dieses Hadithes stellt den grammatikalischen Fall des Initiativ dar. Also verstand er die Aussage so, dass Schawwal der Monat ist, in dem das Fasten beginnen solle und sich dann über die folgenden erstreckt. Imam Schafi’i jedoch verstand die Präposition „min“ im als grammatikalisches Partitiv. Daher glaubte er, dass diese Fastentage nur im Monat Schawwal sein dürften und sich nicht auf andere Monate erstrecken. In diesem Fall besteht die Mehrdeutigkeit einfach nur den Vorzug einer Deutung vor einer anderen.
Die Tatsache, dass Sprache so viele Bedeutungen und vielfältige Möglichkeiten zulässt, zeigt ihren Reichtum. Leser können die verschiedenen Möglichkeiten von Wörtern isoliert oder in ihrer Reihenfolge bestaunen. Sie können Bedeutungs­möglichkeiten in ihrem Versuch erkunden, sie voll auszuschöpfen, wie es die muslimischen Gelehrten und Interpreten taten. Oder sie können missverstanden werden und in Folge zu Zorn und ­Verwirrung führen.
Einige gehen noch weiter, indem sie mit ausfälligen Schmähungen reagieren, sogar mit unlauteren Worten. Solche Leute werden im Internetjargon liebevoll als „Trolle“ bezeichnet. In Wirklichkeit offenbaren sie aufgrund ihres Unverständnisses – im Vergleich zu ihrer Lesefähigkeit – einfach ihre eigene Unwissenheit. Denn Lesen und Verstehen sind zwei deutlich verschiedene Phänomene. Der Qur’an beschreibt diejenigen, die die Thora auswendig kennen, sie aber nicht verstehen, als „Esel mit Büchern“.
Das Missverstehen in der Annahme des eigenen Verstehens ist üblich bei ­Leuten, die arrogant, unwissend oder einfach zu faul sind, weiter nachzuforschen, um die Feinheiten oder Abstufungen ­einer Sprache zu erkunden. Ihr Selbsttäuschung führt sie zum Glauben, dass sie einfach wissen. „Ich verstehe es. Und ich habe Recht. Daher liegt er falsch.“ Das ist der Weg, den Iblis wählte: „Ich bin besser als Adam. Ich bin ihm überlegen. Mein Wissen übersteigt seines.“
Wenn jedoch eine Person auf der anderen Seite auf Worte stößt, die falsch klingen oder seine eigenen Annahmen herausfordern, dann hält er inne, denkt nach, und fragt sich: „Verstehe ich das richtig? Meinte der Autor, was ich glaube, dass er sagte?“ Kann man den Autor fragen, umso besser. Wenn nicht, dann kann man eine zweite Meinung bei einem klugen Freund einholen oder Rückgriff auf ein gutes Nachschlagewerk nehmen. So lassen sich Bedeutungsschattierungen finden, die vielleicht verpasst wurden.

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