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Rassismus: Forscherinnen warnen vor Folgen im Schulalltag

schule rassismus

Rassismus: Rund 40 Prozent der Schülerinnen und Schüler haben eine Migrationsgeschichte – und viele von ihnen erlebe subtile Benachteiligung. Das zeigt sich an Leistungsbewertung, aber auch ganz konkret in der Sprache.

Berlin (KNA). „Ich lebe in Deutschland, ich besuche die dritte Klasse“, steht unter dem Bild von dem blonden Jungen. Bei dem schwarzen Kind neben ihm heißt es: „Ahmet kommt aus Afrika“, und: „Er versteht noch schlecht Deutsch.“

Für Aileen Edele ein problematisches Beispiel: „Vor allem ältere Schulbücher stellen migrierte Menschen oft als homogene, problematische Gruppen dar, die es zu integrieren gilt“, schreibt sie in einem aktuellen Papier des Mediendienstes Integration.

Schulbücher sind laut der Forscherin nur ein Teil des Problems – grundsätzlich orientiere sich der schulische Alltag noch stark an einer vermeintlichen „Standard-Familie“.

Bestimmte Weltregionen würden „fast ausschließlich als arm, ländlich und rückständig dargestellt“, Weltreligionen problematisierend: „Muslime tauchen vor allem im Zusammenhang mit Integrationsdefiziten oder Bedrohungsszenarien auf“, sagt Edele. Dies fördere hierarchisches und rassistisches Denken.

Foto: Designed by Freepik

In neueren Schulbüchern gebe es gewisse Fortschritte, heißt es in der Expertise. Allerdings würden etwa lateinamerikanische Länder oftmals in einen Gegensatz zu Europa gestellt, „wo Probleme wie soziale Ungleichheit oder Umweltverschmutzung vermeintlich nicht (mehr) auftreten“.

Gemeinsam mit Sophie Harms hat die Professorin des Berliner Instituts für Migrations- und Integrationsforschung zahlreiche Studien mit hohen Datensätzen ausgewertet. Ergebnis: Eine Mehrheit der Schülerinnen und Schüler mit Migrationsgeschichte hat nach eigenen Angaben selten oder nie persönliche Diskriminierung erlebt.

Allerdings sollte dies „nicht als Entwarnung missverstanden werden“: Rassismus erlebten vor allem junge Menschen, die als nicht der Mehrheit zugehörig wahrgenommen werden. Auch werde diese Diskriminierung nicht immer benannt.

Rund 40 Prozent aller Schülerinnen und Schüler haben einen Migrationshintergrund. Besonders stark von rassistischer Diskriminierung betroffen sind demnach Schülerinnen und Schüler, deren Familien aus der Türkei oder arabischsprachigen Ländern eingewandert sind – sie berichten häufiger von persönlicher Diskriminierung als diejenigen, deren Familien ursprünglich aus Polen, dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion oder dem früheren Jugoslawien stammen. Zudem fühlen sich Jungen demnach stärker diskriminiert als Mädchen.

Edele und Harms verweisen auf weitere Studien, denen zufolge Diskriminierung besonders häufig aufgrund der Hautfarbe geschieht. Auch gegenüber Sinti und Roma gebe es massive Vorurteile.

Diese Erfahrungen könnten sich negativ auf Selbstbild und Wohlbefinden auswirken. „Alle Schüler*innen haben das Recht auf einen diskriminierungsfreien Schulbesuch“, mahnen die Forscherinnen.

kinder Bildungssystem

Foto: Anastasia Shuraeva, Pexels

Betroffene besuchten seltener ein Gymnasium und machten seltener Abitur – einigen experimentellen Studien zufolge, weil Lehrkräfte mitunter gleiche Leistung schlechter bewerten. Auch das Verhalten von Lehrerinnen und Lehrern könne dazu beitragen, dass Schülerinnen und Schüler mit Migrationsgeschichte sich weniger zutrauten und weniger gefördert würden.

Problematisch sei zudem „die geringe Anerkennung der Herkunftssprachen eingewanderter Familien“: So sei es die Ausnahme, dass diese an Schulen als Fremdsprachen gelehrt würden.

Angebote mit herkunftssprachlichem Unterricht seien von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich: In Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern umfasse es nur eine Sprache, in Nordrhein-Westfalen dagegen 28.

An manchen Schulen seien Herkunftssprachen verboten; Türkisch oder Russisch erschienen also als weniger förderungswürdig als etwa Englisch oder Spanisch. „Selbstverständlich müssen auch für den Erwerb der deutschen Sprache ausreichend Lerngelegenheiten eröffnet werden“, so die Autorinnen.

Jedoch könnten gute Kenntnisse der Herkunftssprache auch den weiteren Spracherwerb erleichtern – insofern seien Verbote doppelt fatal. Sie signalisierten zudem, „dass ihre Familiensprache und somit ein wichtiger Teil ihrer Identität nicht erwünscht und als unvereinbar mit dem Bildungsort Schule angesehen wird.“

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Kurzmeldungen Inland (Nr. 370): von Seelsorge bis Rassismus

kurzmeldungen inland

Die Kurzmeldungen aus dem Inland (Nr. 370) reichen Diskriminierung über Seelsorge bis zu rechtem Terror.

AfD nutzt afrikanische Bots zur Verstärkung

BERLIN (IZ). Mehr als 1200 TikTok-Accounts haben laut einer Analyse der Organisation Reset Tech monatelang systematisch Inhalte zur Unterstützung der AfD-Chefin Weidel verbreitet. Zusammen erreichen sie über drei Mio. Follower und mehr als 30 Mio. Likes. Auffällig ist, dass 57 % der Beiträge aus Nigeria stammen, obwohl es um deutsche Innenpolitik geht. Viele Accounts posteten identische Videos und Texte im Minutentakt, was auf koordinierte oder automatisierte Abläufe hindeutet. Die Profile waren vor allem rund um die Wahlen 2025 und 2026 aktiv und zuvor oft im Bereich Online-Investments unterwegs.

Rassismus diskrimninierung

Foto: Zerbor, Adobe Stock

Beauftragter warnt vor steigender Hetze

BERLIN (KNA). Der Antiziganismus-Beauftragte der Bundesregierung, Michael Brand (CDU), sieht einen sozialen Rückschritt im Umgang mit Minderheiten. „Es ist wieder salonfähig, gegen Minderheiten zu hetzen, sie als Sündenböcke hinzustellen“, sagte er der „taz“ am 15. März. Der CDU-Politiker betonte, dass gesellschaftliche Debatten differenziert geführt werden müssten. Probleme müssten benannt werden, ohne Gruppen pauschal verantwortlich zu machen. „Mit falscher Rhetorik dabei ganze Bevölkerungsgruppen in Sippenhaft zu nehmen, das geht gar nicht.“

Jule Nagel kritisiert Sachsens Polizei

DRESDEN (IZ). Die Linken-Politikerin Jule Nagel wirft Sachsens Innenminister Armin Schuster vor, eine Studie zu institutionellem Rassismus in der Polizei zu blockieren. Die Untersuchung war nach den rechtsterroristischen Morden von Hanau 2020 vereinbart worden, um rassistische Strukturen in Sicherheitsbehörden zu beleuchten. Trotz bundesweiter Debatten über rassistisches Profiling und rechtsextreme Netzwerke in Polizei und Bundeswehr kommt das Projekt in Sachsen nicht voran. Nagel spricht von einem sicherheitspolitischen Skandal und fordert Transparenz sowie unabhängige Forschung zu Rassismus in staatlichen Institutionen.

Telefonseelsorge MuTeS Berlin

Foto: MuTeS

Studie: Seelsorge braucht ein „Beichtgeheimnis“

FRANKFURT (KNA). Muslimische Gefängnisseelsorger brauchen einer Studie zufolge mehr juristische Absicherung. So müsse ein Zeugnisverweigerungsrecht erarbeitet werden, das muslimische Seelsorgende mit christlichen rechtlich gleichstellt, teilte die Goethe-Universität in Frankfurt mit. Islamische Gefängnisseelsorge müsse zudem von Extremismusprävention und Deradikalisierung klar abgegrenzt werden. Die Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft an der Goethe-Universität hatte eine Studie zu islamischer Gefängnisseelsorge in Deutschland in Auftrag gegeben.

Prozess gegen minderjährige Terrorverdächtige

HAMBURG (IZ). Vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht Hamburg hat der Terrorprozess gegen die rechtsextreme Gruppe „Letzte Verteidigungswelle“ begonnen. Acht teils minderjährige Angeklagte sollen laut Bundesanwaltschaft Brand- und Sprengstoffanschläge auf Asylunterkünfte, ein Kulturhaus und linke Einrichtungen verübt oder geplant haben, um einen Zusammenbruch des demokratischen Systems herbeizuführen. Die Gruppe inszenierte sich in sozialen Medien als gewaltbereite Jugendbewegung; den Beschuldigten drohen Jugendstrafen von bis zu zehn Jahren.

urteil

Pressebild: IGMG

IGMG: Mehr Handeln bei Islamfeindlichkeit

KÖLN (IZ). Die IGMG forderte zum Welttag für Bekämpfung von Islamfeindlichkeit am 15. März entschlossenes politisches Handeln gegen antimuslimischen Rassismus. Generalsekretär Ali Mete kritisiert, dass Muslime in Europa und besonders in Deutschland überdurchschnittlich häufig Diskriminierung bei Arbeit, Wohnen, Bildung und im öffentlichen Leben erfahren. Wenn Politik Musliminnen pauschal als Sicherheitsrisiko markiere, verletze das rechtsstaatliche Prinzipien und untergrabe das moralische Fundament der Demokratie. UN‑Resolutionen und Gedenktage – erinnert wird an das Massaker von Christchurch 2019 – reichten nicht aus. Nötig seien konsequente Strafverfolgung von Hasskriminalität, wirksamer Schutz der Religionsfreiheit sowie verantwortungsvolle Medienberichterstattung.

Rassismus: Vier von fünf Muslimen betroffen

LEIPZIG/FRANKFURT (IZ). Eine Großstudie des Bundesinnenministeriums belegt erstmals umfassend strukturellen Rassismus in deutschen Behörden. Die Untersuchung „Institutionen und Rassismus“ (InRa), von zehn Forschungseinrichtungen über drei Jahre erstellt, zeigt: Diskriminierung findet in Jobcentern, Ausländerbehörden, Polizei und Justiz statt – meist subtil, eingebettet in Routinen und Ermessensspielräumen. 80 Prozent von 468 befragten Muslimen gaben an, in Behörden rassistisch diskriminiert worden zu sein. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz gilt bislang nicht für staatliche Institutionen.

Foto: UN Photo / Jean-Marc Ferré, via flickr | Lizenz CC BY-NC-ND 2.0

Volker Türk gegen Afghanistan-Abschiebungen

LEIPZIG/GENF (KNA). Vor dem Hintergrund neuer drastischer Strafgesetze der Taliban hat sich UN-Menschenrechtskommissar Türk besorgt über Abschiebungen nach Afghanistan geäußert. Es müsse sichergestellt sein, dass dadurch nicht das prinzipielle Verbot von Rückführungen in Gefährdungssituationen verletzt werde, sagte er vor dem Menschenrechtsrat. Ohne individuelle Prüfung der Umstände sollten Staaten auf Abschiebungen verzichten. Deutschland hat erstmals auf Grundlage einer Vereinbarung mit den Taliban Straftäter per Charterflug nach Afghanistan abgeschoben. Ende Februar seien 20 Männer von Leipzig aus nach Kabul geflogen worden, teilte das Bundesinnenministerium mit. Sie hätten unter anderem Sexualdelikte, Körperverletzung und Drogendelikte begangen. „Die Abschiebung von Straftätern ist ein zentraler Baustein von Kontrolle, Kurs und klarer Kante in der Migrationspolitik“, sagte Innenminister Dobrindt (CSU). Die getroffene Vereinbarung schaffe eine verlässliche Grundlage für direkte und dauerhafte Deportationen. „Unsere Gesellschaft hat ein Interesse daran, dass Straftäter unser Land verlassen. Deswegen handeln wir konsequent und bauen die Abschiebungen Schritt für Schritt aus.“

Ministerpräsident Söder beim Iftar

PENZBERG (IZ). In Penzberg haben die Islamische Gemeinde und das Islamische Forum zu einem interreligiösen Iftar im Ramadan eingeladen, an dem Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und Innenminister Joachim Herrmann teilnahmen. Imam Benjamin Idriz stellte die Moschee als seit 2005 etablierten Ort des Dialogs vor, die inzwischen 550 Mitglieder aus 40 Nationen zählt. Söder und Herrmann betonten die Bedeutung von Begegnung und religiösem Dialog für gesellschaftlichen Zusammenhalt gerade in Zeiten zunehmender Spaltungstendenzen.

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Ohne Fact-checking kann auch die KI Desinformation verbreiten

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Trotz Fact-checking belebt auch die Künstliche Intelligenz (KI) rassistische Stereotypen und Desinformationen. Es braucht die kritischen Fähigkeiten des Menschen. (The Conversation). In jeder Hinsicht ist 2025 das Jahr, in dem […]

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Österreich zwischen Vorurteil und Politik

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Österreich: Die Alpenrepublik hat ein reales Problem mit Muslimfeindlichkeit. (KNA/IZ). Muslimfeindlichkeit in Österreich zeigt sich nicht nur in Vorurteilen, sondern in politischen Strukturen. Eine UN-Sonderberichterstatterin diagnostiziert ein tief verwurzeltes rassistisches […]

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Kanada: Ärger im Idyll

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Kanada genießt mit einigem Recht bei Diversität und Bürgerrechten einen besseren Ruf als die gegenwärtigen USA. Trotzdem gibt es auch hier Probleme. (The Conversation). Im April 2024 kursierte im Internet […]

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Presserat rügt Diskriminierung und Rassismus in Medien

Islamberichterstattung medien schulen Pressefreiheit presse

Der Pressekodex verbietet deutschen Redaktionen diskriminierende Berichterstattung. Immer wieder verstoßen Medien aber dagegen. Der Presserat hat einige von ihnen dafür gerügt.

Berlin (KNA/iz). Der Deutsche Presserat hat mehrere hiesige Medien wegen geringschätziger und rassistischer Berichterstattung gerügt. Das gab das Gremium am 30. September in einer Pressemitteilung bekannt.

So erhielten der „Südkurier“ und die „Augsburger Allgemeine“ eine Rüge wegen einer Aussage in einem Bericht, die implizierte, dass schwarze Menschen und Menschen mit arabischem oder asiatischem Aussehen keine Deutschen sein können.

Die beiden Blätter hatten über eine Umfrage des Augsburger Instituts für Generationenforschung mit dem Satz berichtet, junge deutsche Männern würden sich im Vergleich „deutlich mehr vor arabischen und schwarzen fürchten als vor deutschen oder asiatischen Geschlechtsgenossen“.

Gerügt wurde auch der Online-Auftritt des „Focus“, weil seine Redaktion sich eine diskriminierende Behauptung einer Touristin zu eigen gemacht habe, die der Türkei eine „weitverbreitete betrügerische Kultur“ unterstellt hatte, nachdem sie im Urlaub nach eigener Aussage beklaut worden sei.

Damit habe die Redaktion gegen das Diskriminierungsverbot verstoßen. Auch die „Berliner Zeitung“ erhielt eine Rüge wegen der Diskriminierung von Migranten unter Nennung falscher Tatsachen in einem Gastkommentar.

Die „Schweriner Volkszeitung“ wurde vom Presserat gerügt, weil sein redaktioneller Bereich einen Leserbrief veröffentlicht hatte, in dem die Forderung enthalten war, wenn jemand „Juden und Farbige“ ablehne, habe die Gesellschaft das hinzunehmen.

Dem Pressekodex zufolge Müssen Redaktionen die publizistischen Grundsätze auch bei Leserbriefen beachten. Im vorliegenden Fall habe man es mit einem schweren Verstoß gegen das Diskriminierungsverbot zu tun.

Der Presserat ist das Gremium der freiwilligen Selbstkontrolle der Presse. Er wacht über die Einhaltung des Pressekodex’, ein Regelwerk, dass sich die deutsche Medienlandschaft selbst gegeben hat.

Insgesamt hatte der Beschwerdeausschuss über 139 Beschwerden zu befinden. Neben den 18 öffentlichen Rügen und drei nichtöffentlichen gab es 25 Missbilligungen und 34 Hinweise. 49 Beschwerden wurden als unbegründet erachtet.

Rügen des Presserates sind die schärfste Sanktion der freiwilligen Selbstkontrolle der Presse. Sie werden bei schweren Verstößen gegen den Pressekodex ausgesprochen und sind meist öffentlich: Das betroffene Medium soll sie abdrucken.

Rechtlich zwingend ist das nicht, doch publizistische Wirkung entfaltet sie, indem das Ansehen des Mediums geschädigt wird und eine gesellschaftliche Diskussion über journalistische Standards angestoßen wird. Die Durchsetzung bleibt letztlich auf die freiwillige Mitwirkung der Redaktionen angewiesen.

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Hajj 2025: die erste Generalversammlung der Geschichte

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Die letzte Predigt des Propheten auf der Hajj verweist auf die universelle und und antirassistische Botschaft des Islam.

(iz). Die Hajj – die jährliche Pilgerfahrt, an der fast drei Millionen Musliminnen und Muslime aus rund 180 Ländern teilnehmen – steht wieder bevor. Menschen aus allen Teilen der Welt kommen zusammen, und dieses heilige Ritual des Islam bleibt bis heute die größte Versammlung der Menschheit. Von Dr. Zeyneb Sayilgan

Es ist daher nur angemessen, sie als die erste Generalversammlung der Vereinten Nationen zu bezeichnen – ein Ort, an dem Menschen aus allen Regionen der Erde in Demut, Gleichheit und Hingabe zusammenstehen.

Während der Pilgerzeit halte ich inne und erinnere mich an die Abschiedspredigt des Propheten Muhammad im Jahr 632, gehalten auf dem Berg Arafat in der Nähe von Mekka. Muslime glauben, dass er der letzte Gesandte Gottes an die Menschheit war.

Seine letzte Ansprache am Ende der Hajj besitzt bis heute universelle Gültigkeit und war im sozialen Kontext des siebten Jahrhunderts eine radikale Botschaft.

Zwar hat die Menschheit enorme Fortschritte gemacht, doch viele Aspekte seiner Rede sind noch unerfüllt und verweisen auf tief verwurzelte soziale Krankheiten wie Rassismus, Sexismus und ausbeuterischen Kapitalismus. Sie fordern uns auf, aktiv gegen Ungerechtigkeit, Leid und Unrecht in vielen Bereichen des Lebens vorzugehen.

Die Hajj oder der Rassismus

„Alle Menschen stammen von Adam und Eva ab; ein Araber ist einem Nicht-Araber nicht überlegen, noch ist ein Nicht-Araber einem Araber überlegen. Ebenso ist ein Weißer nicht besser als ein Schwarzer, noch ein Schwarzer besser als ein Weißer – außer durch Frömmigkeit und gute Taten. Lernt, dass jeder Muslim ein Bruder des anderen ist und dass die Muslime eine einzige Bruderschaft bilden. Nichts soll einem Muslim rechtmäßig gehören, was einem anderen Muslim gehört – es sei denn, es wurde freiwillig und aus freiem Willen gegeben.“

In einer zutiefst tribalen und ethnisch hierarchischen Gesellschaft war dies eine revolutionäre Aussage. Die Predigt brach mit den rassischen und ethnischen Hierarchien des vorislamischen Arabiens, indem sie den Wert des Menschen nicht an Abstammung, Ethnie oder Hautfarbe, sondern an ethischem Verhalten maß.

Heute – angesichts des fortbestehenden Rassismus in seinen systemischen, institutionellen und kulturellen Formen – ist dieser Aufruf dringlicher denn je.

Die Worte des Propheten fordern moderne Gesellschaften auf, über symbolische Gleichheit hinauszugehen und sich mit den Strukturen und Hinterlassenschaften rassistischer Ungerechtigkeit auseinanderzusetzen – wie Kolonialismus, Sklaverei, Apartheid und Racial Profiling.

Foto: Prostock-studio, Shutterstock

Sexismus

„O Menschen, es ist wahr, dass ihr gewisse Rechte gegenüber euren Frauen habt, aber sie haben auch Rechte über euch.“

In einer Gesellschaft, in der Frauen kaum oder keine Rechte hatten, war die Anerkennung der Frau als gleichberechtigte Partnerin mit gegenseitigen Rechten bahnbrechend. Der Prophet forderte die Männer auf, Frauen mit Güte zu behandeln und erkannte ihre moralische und spirituelle Gleichwertigkeit an.

Trotz bedeutender Fortschritte in der Gleichstellung der Geschlechter kämpfen moderne Gesellschaften weiterhin mit patriarchalen Strukturen, geschlechtsspezifischer Gewalt, Lohnungleichheit und kulturell verankerter Frauenfeindlichkeit.

Die Predigt betont gegenseitige Würde, Fairness und moralische Verantwortung – eine Herausforderung sowohl für traditionelle als auch moderne Systeme, die Frauen entmenschlichen oder marginalisieren.

Foto: Reiner Pfisterer | Tafel Deutschland e.V.

Kapitalismus

„Gott hat euch den Zins (Wucher) verboten, daher sollen alle Zinsverpflichtungen von nun an aufgehoben sein … Hütet euch vor Satan, zum Schutz eurer Religion. Er hat jede Hoffnung aufgegeben, euch in großen Dingen noch in die Irre zu führen – also seid wachsam bei den kleinen.“

Diese Aussage war ein direkter Angriff auf ausbeuterische Finanzsysteme, insbesondere den Wucher, der Armut und Ungerechtigkeit zementierte. Mit seiner Ablehnung traf der Prophet den Kern ungerechter ökonomischer Beziehungen.

Heute spiegelt der unregulierte Kapitalismus viele dieser ausbeuterischen Dynamiken wider: Lohndiebstahl, räuberische Kreditvergabe, Monopolbildungen, Zwangsarbeit und eine immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich.

Die Predigt ruft dazu auf, Wirtschaftssysteme zu schaffen, die ethische Verantwortung, Gerechtigkeit und soziales Wohl über Gewinnmaximierung stellen.

Nicht nur ein historisches Dokument

Die Abschiedspredigt des Propheten ist nicht bloß ein historisches Dokument – sie ist ein moralischer Kompass. Sie lädt Menschen aller Glaubensrichtungen ein, über Gerechtigkeit, Würde und die gemeinsame Menschlichkeit nachzudenken, die wir allzu oft inmitten von Spaltung und Gier vergessen.

Diese Predigt liest sich wie eine Menschenrechtserklärung – Jahrhunderte vor modernen Chartaformeln. Sie spricht von der Unantastbarkeit von Leben und Eigentum – niemandes Leben, Besitz oder Ehre darf verletzt werden. Sie ruft zur universellen Gleichheit und Einheit auf:

Alle Menschen sind Teil einer einzigen Familie. Sie erinnert an moralische Verantwortung und dass jeder Einzelne für seine Taten verantwortlich ist. Sie mahnt zu Gerechtigkeit und Maß: Kein Übermaß, kein Schaden – weder im Reichtum, noch im Geschlecht, noch in der Macht.

Auch wenn die Menschheit in vielerlei Hinsicht vorangekommen ist, zeigt die Botschaft dieser Predigt, wie weit der Weg noch ist. Sie ist ein zeitloser Aufruf, Rassismus und Vorurteile zu überwinden, patriarchale Unterdrückung zu beenden, ausbeuterische Wirtschaftssysteme zu reformieren und Gesellschaften zu bauen, die auf Mitgefühl, Gerechtigkeit und gemeinsamer Verantwortung beruhen. Wenn wir sie ernst nehmen, bleibt die Abschiedspredigt ein revolutionäres Manifesto für unsere fragmentierte Welt.

* Dr. Zeyneb Sayılgan ist Islamwissenschaftlerin. Ihre Forschung beschäftigt sich mit dem theologischen Gedankengut des muslimischen Gelehrten Bediüzzaman Said Nursi (1876-1960). Hierzu moderiert sie den Podcast Begegnung mit dem Islam. Ihre Arbeit wird in verschiedenen Medien veröffentlicht.

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Kurzmeldungen Deutschland (Nr. 359): von schlechter Berichterstattung bis zum Papst-Gedenken

kurzmeldungen

Die Kurzmeldungen aus Deutschland (Nr. 359) reichen von Kritik an der hiesigen Nahostberichterstattung, über Kritik am „Islamismus“-Begriff bis den Wochen gegen Rassismus. Übermedien: Journalisten kritisieren Medien BERLIN (IZ). Anfang April erschien […]

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Kriminalität und Migration: Wirklichkeit ist differenzierter

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Am 2. April wurde die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) vorgestellt. Die neuen Zahlen zeigen: Ausländische Tatverdächtige sind in der Statistik überrepräsentiert. (Mediendienst Integration). Migration in die Bundesrepublik hat die Kriminalität in […]

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Kampf gegen Rassismus bleibt aktuell

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Regelmäßige Diskriminierungserfahrungen bei Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religionen: Das stellt auch in diesem Jahr ein Rassismusmonitor fest. (iz/KNA). Muslimische Frauen und schwarze Menschen berichten einer Studie zufolge häufig über Diskriminierung […]

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