Zwischen Diversität und Selbstausbeutung: Aus der eigenen Identität Kapital schlagen

Ausgabe 323

Foto: Danon, Adobe Stock

Einen Fußabdruck im Sand der Zeit zu hinterlassen, war schon immer ein Anliegen. Das gilt vor allem für diejenigen, die irgendwann einmal unter Besatzung lebten. Es ist eine Post-Besatzung. Durch zuvor ausradierte Erzähllinien haben wir gelernt, dass Geschichte ein Akt des kreativen Schreibens für die Fähigen und Mächtigen in der Vergangenheit und Gegenwart ist. Wir bemühen uns sehr darum, einmal so erinnerungswürdig zu sein. Essay von Afaf Asad

(Amaliah.com). Mit dem Anbruch disruptiver Technologien der vierten industriellen Revolution und der Abenddämmerung einer „Kolonie“, wie man sie kannte, gehen wir davon aus, die Dinge würden ein bisschen besser für uns. Die Welt ist nicht länger auf einen „Kanal“ beschränkt und es gäbe zu viele Frequenzen, als dass sie exklusiv für eine Gruppe sein könnten, richtig?

Beim ersten Blick stimmt das sicherlich. Wir haben lange frustriert zugeschaut, wie der Kuchen immer größer wurde. Diese Torte besteht aus unseren Zutaten. Sie wird zu einem ermäßigten Preis mit einem Etikett verkauft, das nicht einmal versucht, uns zu ähneln. Aber jetzt bemühen wir uns mit unseren Instagram-Accounts, Blogs und Arbeitsplätzen um „Repräsentation“. Wir warten nicht länger auf die flüchtige Anerkennung durch massive Unternehmen, die uns bestätigen werden. Wir können uns durch Mikroerzählungen selbst relevant machen.

Ja, globalisierte Technologie bedeutet, dass wir für die eigene Schönheit für unsere Mütter festhalten können, die ihr Haare glätten mussten, ihre Taillen schmälerten und auf ihre Sprache achten mussten. Wir können kreativ für unsere Väter sein, die so hart auf den Verdienst des Lebensunterhalts fokussiert waren, dass sie ihr Leben vernachlässigten.

Aber in der Ära bunter Vielfalt und den Hymnen medialer Empfänger wandelt sich meine Feierstimmung langsam in Besorgnis. Wenn wir erkennen, dass wir ein Stück des Kuchens beanspruchen können, sowie Mut und Mittel haben, es einzufordern, müssen wir achtsam und – was noch wichtiger ist – gefühlvoll sein. Ich stelle mir folgende Frage: Bin ich gefährdet, der gleichen Obsession zu Geld und Macht zu erliegen, die uns zu der Struktur geführt hat, in der wir heute leben? Schlimmer noch: Habe ich, selbst ohne Bezahlung, das Gefühl, ich würde der Welt meine Geschichte, Gefühle und meinen Körper schulden?

Verstehen Sie mich nicht falsch. Nachdem man uns lange gesagt hat: „Lasst sie doch den Kuchen essen“, behaupte ich keinen Moment lang, dass wir nicht das Recht hätten, ihn zu bekommen und auch zu essen. Aber ich frage mich, ob das Recht, etwas zu tun, immer die richtige Entscheidung für uns ist. Ihr Kuchen ist irgendwann einmal aufgebraucht. Und ich fürchte, unsere Seelen zur Bezahlung ebenfalls.

Im Kern geht es mir hier um unsere neue Fähigkeit, uns ganz selbst zu gehören – und ebenso potenziell zu verlieren. Inmitten vieler Anfälle der Unsicherheit aufgewachsen gestehe ich zu, dass Anerkennung eine Notwendigkeit sein kann und Aufmerksamkeit süchtig macht. Wenn Aufmerksamkeit Währung ist, können wir uns kommerzialisierte Kulturen nicht leisten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Unterdrückung irgendeiner Gruppe (sei es aufgrund von Rassismus, Geschlecht oder Religion) auf dieselbe Weise endet, wie sie begonnen hat; indem wir es erlauben, unseren Körpern finanzielle Werte zuzuordnen.

Das hat einige von uns dazu veranlasst, Kapital aus jenen Identitäten zu schlagen, für die wir zuvor bestraft wurden. Zu gewissen Zeiten kann das eine Form von Ausbeutung in sich sein. Wenn wir das tun, riskieren wir die Trennung von unseren Gemeinschaften. Wir sehen nicht mehr alles, und wir sind durch die Handys gefesselt, als hätte man uns die Hände auf den Rücken gebunden. Ja, ich fühle mich der Gefahr ausgesetzt, der billigen Idee von Geld und Anerkennung auf den Leim zu gehen, während ich ängstlich auf das Feedback zu meinen Bildern und der Preisgestaltung für meine Kunst warte…

Während die Welt die Augen öffnet, müssen wir nicht zeitgleich unsere Herzen und Körper vollkommen zur Auswahl anderer öffnen. Da Technologie die Grenze zwischen dem Körperlichen und Spirituellen verschwimmen lässt, sollte unsere Stärke darin liegen, zu entscheiden, wann und zu welchen Bedingungen wir kleinere Teile unseres Selbst offenbaren. Wir dürfen nicht vergessen, dass geldbasierte Systeme vor nichts haltmachen für Profitmaximierung. Selbst wenn es bedeuten kann, dass wir den Zugang zu den Gemeinschaften verwehren, die wir zu vertreten vorgeben.

Ich kann Ihnen versprechen: Meine glücklichsten Momente haben nichts mit Klickzahlen zu tun. Es war der liebe Junge, der mich im überfüllten Bahnhof auf die Stirn küsste. Oder die eilige Kaffeepause mit Freunden, in der wir aus vollem Halse Kinderlieder sangen. Solche Momente sind so wirklich, dass man sie durch niemanden bestätigen muss. Wenn Ihr mit euren Familien sitzt, seid mit ihnen! Legt eure Handys weg, wenn eure Mutter mit euch tratscht. Hören Sie sich beim Abendessen aufrichtig die Pläne Ihres Freundes für das „nächste große Start-up“ an. Schreien Sie, nicht um ein Echo zu bekommen, sondern um gehört zu werden. Fügen Sie der Technologie eine menschliche Note hinzu, nicht andersherum. Lassen Sie die Kunst das Leben nachbilden, nicht umgekehrt.

Kleine Telefone wurden entwickelt, um Stimmen zu verstärken, nicht um sie zu komprimieren. Wir werden unsere Fußabdrücke hinterlassen, versprochen. Lasst uns durch den Sand wirbeln. Wir haben eine Wahl zu treffen.

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