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Beschäftigung mit dem Geist Maulanas

Foto: don del castillo, via flickr | Lizenz: CC BY-NC 4.0

Ahmet Aydin stellt die Beschäftigung des türkischen Gelehrten Schaikh Osman Nuri Topbaş mit dem Werk von Maulana Rumi vor.

(iz). Antworten auf Fragen zu liefern, die die Bevölkerung beschäftigen, ist Aufgabe derjenigen, welche die Fähigkeit und die Autorität dazu haben. Muslime sind eine Bevölkerungsgruppe in Deutschland, über die häufig gesprochen wird. Sie fallen derzeit nicht mit Scharfsinn, Poesie und Philosophie auf und werden mit Anschlägen in Verbindung gebracht. Sie kommen nur dann in die Schlagzeilen, wenn von ihnen ein Anschlag ausgeht. Die wirklichen Fragen, die vor allem die Jugend beschäftigen, werden kaum bis gar nicht thematisiert.

Ist Rumi nicht ein Kafir – jemand, der die Wahrheit Allahs ignoriert, leugnet, verdeckt? Diese Frage beschäftigt die Jugendlichen. Als ich im Jahre 2018 anlässlich des 745. Todestages des ehrenwerten Großgelehrten und des vielleicht größten Poeten, den diese Erde je gesehen hat, hielt, wurde mir diese Frage von jungen Muslimen gestellt. Vor allem salafistisch und wahhabitisch geprägte junge Muslime sprechen immer wieder Menschen in meinem Umkreis an, um sie darauf hinzuweisen, dass man sich in acht nehmen müsse vor mir. Ahmet Aydin würde das Gedankengut verbreiten, das ihn aus dem Islam ausschließt. Was ist das für ein Gedankengut? Was symbolisiert Rumi?

Rumi symbolisiert den Tasawwuf. Dieser Begriff wird mit Sufismus übersetzt. Diese missratene Übersetzung legt den Schluss nahe, dass es sich wie bei allen -ismen um eine Ideologie handelt. So wird es von Salafisten und Wahhabiten gepredigt. Diejenigen, die selbst den Islam als eine Ideologie bezeichnen, reden vom Tasawwuf als die „sufistische Ideologie“. Tasawwuf ist keine Ideologie. Tasawwuf ist ein Zustand. Zur Zeit von Muhammed, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, wurde dieser Zustand lediglich „Ihsan“ genannt: „Diene Allah so, als ob du Ihn sehen könntest, wenn du Ihn auch nicht siehst, so sieht Er dich.“ Zur Zeit Abu Hanifes als der Islam nach und nach systematisiert wurde, wurde Tasawwuf als „Fiqih Batin“ bezeichnet: das „Verständnis der Innenwelt“, die „Rechtswissenschaft der Innenwelt“. In der Zeit Imam al-Ghazalis wurde es als „Zuhd“ bezeichnet. Auch der Gelehrte al-Jauziya bezeichnet es als „Zuhd“. Der in Europa durch die Verbreitung der aristotelischen Ideen bekannte Ibn Ruschd (lat. Averroes) bezeichnete Tasawwuf ebenfalls als „Zuhd“ – das Wissen über die „Einkehr“ oder auch „Genügsamkeit“. In seiner „Maßgeblichen Abhandlung“ bezeichnet Ibn Ruschd zudem Tasawwuf als das Wissen, das von al-Ghazali wiederbelebt wurde, nachdem es bereits in Vergessenheit geriet. Und heute wird es als Tasawwuf bezeichnet. Bloß Begriffe, die denselben Kern ausdrücken. Anders sehen es die salafistischen Prediger, die ihr Unwissen und ihre gewaltige und gefährliche Ignoranz auf YouTube und in ihren Moscheen verbreiten. Sie sagen, al-Ghazali habe sich von Tasawwuf abgewandt – al-Ghazali habe es bereut sich mit dem Tasawwuf (Sufismus) beschäftigt zu haben und hätte Gott dafür um Vergebung gebeten (arab. Tauba). 

Diese Fragen sind es, die junge Muslime auf der Straße beschäftigen: Was ist Tasawwuf? Alle reden von Dschihad – was bedeutet Dschihad wirklich? War Rumi nun ein Muslim oder nicht? Wir wissen durch das Buch „Islam and Romanticism“ von Jeffrey Einboden welchen immensen Einfluss muslimische Dichter, die Meister im Tasawwuf waren (Sufi-Meister, wenn man sie so nennen will), auf die abendländische Romantik hatten. Rumi ist einer von ihnen. Durch die Arbeit Annemarie Schimmels sollten wir aber – auch in Europa! – wissen, dass er ein großer Gelehrter, ein Faqih, der hanifitischen Schule war. Im Osmanischen Reich entzog Sulaiman, der Prächtige, einem Manne die Stelle des „Schaikhul Islam“, die Stelle des obersten Richters, weil dieser Rumis Werk abfällig kommentierte. Wer Rumi und sein Lebenswerk herabsetzte oder abfällig kommentierte, fiel in Ungnade im Osmanischen Reich. Dies änderte sich schlagartig nach dem Zusammenbruch. Plötzlich gehörte Rumi dem Abendland und jeder, der sich mit Rumi beschäftigte und sein Werk ehrerbietig las und aus ihm lernte, galt als zu europäisch: „Wer von Europa so gelobt wird, der kann uns Muslimen nicht guttun.“ So lautet das engstirnige und rückwärtsgewandte Credo, das auch in Muslimen Deutschlands vorherrscht. Was für ein idiotisches und von geistiger Beschränktheit strotzendes Argument… 

Leider gibt es keine Werke Rumis von Muslimen in Deutschland übersetzt. Muslime gründeten zwar Verlage, aber bisher ist nichts zu dieser Frage erschienen, die die Jugend auf den Straßen und auf YouTube beschäftigt. Auch ein Martin Schulz konnte im TV-Duell 2017 behaupten, Rumi sei ein schiitischer Gelehrter und absolut keine muslimische Gemeinde korrigiert den Laien in Sachen islamischer Geistesgeschichte. Um Rumi-Experten zu finden, müssen wir in das Land schauen, das Rumi im 13. Jahrhundert als Geflüchteten aufnahm: Die Türken. Sie nahmen nicht bloß al-Ghazali auf und boten ihm die Möglichkeit zu forschen, auch Rumi lebte am Hof der Seldschuken, an dem Persisch gesprochen wurde. Einer der Rumi-Experten des letzten Jahrhundert ist Abdulbaki Gölpinarli. Er übersetzte das gesamte Werk Rumis ins heute verständliche Türkisch. Dazu gehören auch Briefe! In diesen wird mehr als deutlich wie muslimisch Rumi war. Ein Rumi-Experte unseres Jahrhunderts ist der in Istanbul lebende Osman Nuri Topbaş.

Im Jahr 2018 war er mit einer Gruppe von Jugendlichen in Rumis Stadt: Konya, einst seldschukische Hauptstadt. Aus diesem Ausflug und den Fragen, die dem Gelehrten gestellt wurden, entstand das Taschenbuch: „Mevlana İkliminde.“ Die Fragen der Jugendlichen in der Türkei sind denen hier in Deutschland ähnlich. Der Unterschied: In der Türkei erscheinen Antworten, in Deutschland wird die Herausforderung ignoriert. Worüber spricht Osman Nuri Topbaş? Was sagt er, das uns auch in Deutschland bereichern würde?

„Was lehrte Muhammed? Wie lehrte er? Was brachte er hervor?“ Osman Nuri Topbaş antwortet außergewöhnlich. Er antwortet und seine Antwort würde uns in Europa zu einer Gegenantwort zwingen. Ziehen wir ein Beispiel heran:

Beispielsweise Aristoteles. Er legte das Fundament für Gesetz und Ordnung einer praktischen Philosophie. Jedoch können wir keine Gesellschaft finden, die durch das Befolgen seiner Philosophie Glückseligkeit erlangte, weil seine Philosophie göttlicher Offenbarung fern ist. Aufgrund des Mangels an göttlicher Offenbarung sind die Ideen und Handlungen der Philosophen nicht zur Reife gelangt. Weil dies so ist, verlassen ihre hervorgebrachten Systeme die Konferenzsäle oder die Zeilen der Bücher nicht.

Muhammed sei anders. So Osman Nuri Topbaş. Die Umayyaden, Abbasiden, das muslimische Spanien, die Seldschuken und Osmanen sind die Schüler Muhammeds und haben Weltreiche begründet. Keine philosophischen Traktate, so geht aus Topbaş’ Ausführungen hervor, seien dafür nötig. Das größte Wunder des Propheten sei die Generation, die er erzogen hat: die Gefährten. Ihre Epoche wird als die „Epoche der Glückseligkeit“ bezeichnet. Gekennzeichnet ist sie, dies führt er in einem anderen Buch aus, nicht durch Luxus und Entspannung; nein, sie zeichne sich dadurch aus, dass man sowohl tatkräftig seinen diesseitigen Verpflichtungen nachkomme und gleichzeitig, vor allem bei Nacht, seine jenseitigen Verpflichtungen erfülle. Ein Volk, das auf Luxus Verzicht üben kann und das es als Ehre ansieht, sein Hab und Gut mit anderen zu teilen, das ist ein glückseliges Volk. Wird in der deutschen Öffentlichkeit so über den Islam und die islamische Geschichte gesprochen? Nein. – Fahren wir fort. Topbaş listet auf, mit welchen Methoden Muhammed seine Gefährten zu solchen Charaktereigenschaften erzog. 

Die nächste Frage hat direkten Bezug zum Heute: Wie ist es möglich auch noch im Arbeitsleben seine individuelle Spiritualität aufrechtzuerhalten? – Hier spielen Freundschaften eine große Rolle. Der Charakter meiner Freunde wird sich, ob ich mir dem bewusst bin oder nicht, auf mich auswirken. Das menschliche Herz ist beständig im Austausch mit den Herzen, die es umgeben. Im Koran heißt es in Sure 9/119: „Seid mit den Aufrichtigen.“ Sich dessen bewusst zu bleiben und sich die Zeit zu nehmen, Freunde zu treffen, die mich darin unterstützen meinen Charakter auszubilden, indem sie mich an Allah teala, den Propheten, die Gefährten und die Evliya erinnern, dies ist der Weg seine Spiritualität aufrechtzuerhalten. Eine besondere Rolle spielt auch das 5-malige Gebet. Ibn Sina (lat. Avicenna) beispielsweise sagt, dass der Islam nicht solange Bestand haben könnte, wenn das 5-malige Gebet der Muslime nicht wäre. Es ist eine beständige Erinnerung den besten aller Freunde regelmäßig zu treffen: Allah, den Schöpfer und den Herrn der Welten.

Weiter geht Topbaş auf Atheismus und Deismus, Kapitalismus und Kommunismus ein. Dies sind Fragen, die Jugendliche beschäftigen: Greift Gott weiterhin in das Weltgeschehen ein oder hat Er nach einem Akt des Schaffens alles sich selbst überlassen? Wem gehört das Kapital: dem Individuum oder der Gesellschaft? Fragen über Fragen, die er kurz und bündig erläutert.

Die Stellung der Sunna wird von ihm besonders hervorgehoben. Hier zitiert er einen Tabi’i, das heißt einen Gelehrten der nachprophetischen Generation: „Wenn einer Person von der Sunna erzählt wird und diese Person antwortet: ‚Lass dies sein und informiere uns über den Koran!’, so wisse, dass diese Person in die Irre gegangen ist und die Menschen in die Irre führt.

Welche Antworten liefert die Sunna auf den Umgang mit dem Internet und was ist ein richtig verstandener Dschihad? Alles Themen, auf die er eingeht, bevor er mit Ratschlägen Rumis das Gespräch beendet. Ein Satz, der Topbaş’ Handbuch zusammenfasst: „In unserer Zeit glauben die Menschen, dass Eisen, Rohstoffe und Technologie das Zeichen einer fortschrittlichen Zivilisation sind. Indes: Eine Zivilisation gründet sich auf menschliche Werte.“ Vom Weg, der uns die Werte erkennen lehrt, kündet Rumi. Deshalb sei er so wertvoll. Der Weg ist der richtig verstandene Dschihad: Das bedeutet, die zur Verfügung stehenden Mittel dafür zu verwenden, den eigenen Charakter von schlechten Angewohnheiten zu befreien und sich mit guten Charaktereigenschaften zu schmücken. Auch spricht er über den kleinen Dschihad und legt den Rahmen fest.

Die Lösung finde sich im richtig verstandenen Tasawwuf. Was ist Tasawwuf (Sufismus)?: „Das Ziel des Sufismus ist es, in Zeiten gewaltiger Stürme der Ungläubigkeit und Ignoranz, im Herzen den Glauben auf unerschütterliche Weise zu stärken.“ Was bedeutet es den Glauben zu stärken?

Vor allem in unserer Zeit leben viele Menschen in der seelischen Krise, dass sie ihrer Begierde (türk. Nafs) und schweren Sünden verfallen. Statt sie zu beschimpfen und zornig zu werden, ist es offensichtlich, dass diesen Menschen leichter mit den unabdingbaren Prinzipien des Tasawwuf (Sufismus) geholfen werden kann. Diese sind Vergebung, Umarmung, Barmherzigkeit und Güte.

Erst wenn der Islam mit Einbeziehung des Tasawwuf gelebt wird, sind die Muslime in der Lage, die Gesellschaften, in denen sie leben, zu bereichern. Das ist die Message, die ich diesem kleinen Handbuch entnehme.

Diese Rezension erschien auf dem Blog: Fluegelwind.com und erscheint hier mit der Genehmigung des Autors.

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