Das Internet manifestiert auch die Trennung von Wissen und Person

Ausgabe 243

artsfon.com

(iz). Es ist ein beachtlicher Versuch, Ordnung in das Chaos zu bringen. In seinem Sachbuch „die Explosion des Wissens“ zeigt der englische Medienhistoriker Peter Burke die Geschichte der Erkenntnis auf. In einem großen Bogen geht es um die Bildungspolitik vergangener Jahrhunderte bis heute, von der Enzyklopädie bis Wikipedia. Das Buch beschreibt damit nicht nur den aktuellen Umbruch unserer Wissens- und Informationsgesellschaft, sondern auch die Geschichte des Sammelns, Archivierens, Verbreitens, bis hin zum Unterdrücken von Wissen überhaupt.
„Wissen ist Macht – Macht ist Wissen“, stellte der englische Philosoph Sir Francis Bacon schon im 16. Jahrhundert fest. Mit wachsendem Fortschritt setzte sich diese Überzeugung durch und wurde zum Schlüssel einer global angelegten Politik. Wer wusste, wo die globalen Ressourcen versteckt sind, und wer neue Techniken zu ihrer Gewinnung und Verwertung anwenden konnte, gewann einen entscheidenden Standortvorteil. Natürlich hatte die Macht selbst auch zunehmend Interesse an der Kultivierung des ihr nützlichen Wissens. Über Jahrhunderte setzte sich letztlich eine Idee der objektiven Wissenschaften durch, ergänzt durch den wachsenden Drang nach der kommerziellen Verwertbarkeit von Wissen.
Die in Burkes Werk im Titel angesprochene „Explosion des Wissens“ wiederum ist als Bild natürlich mit der Erfindung der sozialen Medien unserer Zeit verknüpft. Natürlich hatte jede Epoche immer wieder neues Wissen angesammelt, aber die modernen Technologien und Medien schaffen heute beinahe unbegreifliche, neue Möglichkeiten der Archivierung und Systematisierung aller denkbaren Wissensbereiche. Die Technik nährt so auf ihre Weise phantastische Vorstellungen eines endlosen Wachstums von Wissen, das dem Menschen in Zukunft zur Verfügung stehen soll.
Diese Explosion der Datenmengen auf globaler Ebene erschüttert längst auch das alte Verständnis von Wissen. Mancher Technikgläubige vergleicht das grenzenlose Internet in seiner Wirkung schon mit einer Offenbarung, die eine neue Ordnung hervorbringt und neue Gesetzlichkeiten und Verhaltensnormen schafft, die sich dem Willen des Einzelnen oder sogar dem Willen ganzer Nationen entziehen.
Das Phänomen „Big Data“ symbolisiert heute auch eine Art Machtphantasie, die die Idee der Allwissenheit und Kontrolle umfasst. Für den Berliner Philosophen Bjung Chul Han ist diese neue Dimension des „datengetriebenen Wissens“ im Grunde eine Revolution, eine zweite Aufklärung, der es aber kaum noch um subjektive Theorien oder lästige Methodenlehre geht. Der Faktor Mensch, als Träger und Anwender des Wissens, wird durch die Logik von Datenbanken ersetzt.
Je nach philosophischer Überzeugung steht somit das Internet und seine Daten- und Wissensverwaltung für einen Abgrund oder aber für die Hoffnung, neue Lösungen für die Herausforderungen der Menschheitsgeschichte zu finden. Wenn wir heute die „Explosion des Wissens“ feststellen oder beklagen, denken wir dabei bereits bildhaft in den Kategorien einer eher zwiespältigen Zustandsbeschreibung unserer Lage. Es herrscht heute spürbare Verunsicherung, ob das Internet und die dadurch mögliche Politik des Wissens, die größte Freiheit oder Unfreiheit des Menschen ermöglichen wird und ob die Wahrscheinlichkeit, dass die Probleme der Menschheit auf diese technologische Weise gelöst werden, eher sinken oder steigen.
Pessimisten jedenfalls interpretieren das Netz im Sinne der Definition Carl Schmitts, aus seinem „Nomos der Erde“ zitiert, der Nihilismus manifestiere sich hier in einer für ihn typischen Trennung von Ordnung und Ortung. Tatsächlich wirkt das Internet jenseits der gängigen Vorstellung der geopolitisch fixierbaren Quellen von verantwortlicher Macht. Das Internet ist überall und nirgends, jeder hat Zugang, jeder wird davon bestimmt, ohne Rücksicht auf die lokalen Denktraditionen oder Befindlichkeiten seiner Nutzer. Ohne ein Gefühl für die Wertigkeit oder für tiefere Unterscheidung zu beanspruchen, sammelt das Internet fleißig alle Bestände des Wissens. Jeden Tag sollen zudem etwa sieben Millionen Internetseiten neu ins Netz gehen.
Auch für Muslime ist die Bedeutung des Internets für ihr eigenes Verständnis von Wissen noch nicht eindeutig zu klären. Die Klage von Nevid Kermani, die Muslime seien in der Moderne in einem bedauerlichen Zustand, weil eine 1.400-jährige Deutungsgeschichte des Islam verloren zu gehen scheint, deutet hier bereits auf das Problem hin. Über lange Zeit gab es in der islamischen Bildung eine Einheit von Ort, Person und Wissen, mit vielen lokalen Besonderheiten. Diese Traditionen der Wissensvermittlung sind in der Auflösung. Heute beziehen viele junge Muslime bereits ihr Wissen nicht mehr aus dem auf Jahre angelegten Unterricht ihres Imam oder ihrer Schule, sondern wählen ganz andere Wege der absoluten Beschleunigung.
Auf Youtube, Facebook oder Twitter werden beliebige Überzeugungen, Lehren und Urteile aus aller Welt gesammelt. Etwa so, wie wenn man sich im Supermarkt verschiedene Lebensmittel in den Einkaufswagen legt. Besonders erschreckend sind hier junge Muslime, die, nach einigen Monaten mit „Schaikh Google“, nicht nur die härtesten und endgültigsten Urteile fällen, sondern im Extremfall sogar bereit sind, diese Entscheidungen auch umzusetzen. Sie folgen zumeist einer globalen, uniformierten Lehre, die auf lokale Traditionen keinen Wert mehr legt. Damit wird auch die jahrhundertealte, auf Gründlichkeit angelegte, ortsgebundene Basisausbildung von Muslimen auf den Kopf gestellt.
Zweifellos trennen das Internet und die sozialen Medien nicht nur Ordnung und Ort, sie trennen auch zunehmend das Wissen von der Person. Das ungeheure Angebot des Wissens, ermöglicht durch die unbegrenzte, alltägliche Zusammenstellung von wissenschaftlichen Beiträgen, Reden, Videos und eBooks zu jedem denkbaren Thema, die Welt der „Big Data“ eben, verunsichert dabei nicht nur junge Muslime. Natürlich kann man diese diversen Möglichkeiten der technischen Welt, Wissen zugänglich zu machen, auch nicht eindeutig moralisch beurteilen. Das Phänomen einer globalen Wissenskultur ist eher faszinierend und erschreckend zugleich. Als allgemeine Mahnung mag aber das Wort des Universalgelehrten Herbert Simon gelten: „Ein Reichtum an Informationen schafft eine Armut an Aufmerksamkeit.“
Die Trennung von Wissen und Person, ein Trend, den die sozialen Medien heute verstärken, erkennt man auch im Kontext der islamischen Bildung. Tatsächlich ist das personale Element in der islamischen Bildung, über Jahrhunderte Schlüssel der Vermittlung von Wissen, in Misskredit geraten. Spricht man mit jungen Muslimen, hört man oft Misstrauen gegenüber Gelehrten heraus. Sie seien gegenüber der politischen Macht korrupt, sie schwiegen zu den wichtigen Themen ihrer Zeit oder sie verstünden nicht den Ort, an dem sie leben würden, heißt es dann. Viele junge Muslime träumen von Idealgelehrten, die alle Probleme und Rätsel „objektiv“ lösen können, die aber real nicht in ihrer unmittelbaren Welt existieren. Sie fallen so auch leicht auf virtuell agierende Heilsbringer herein.
Altehrwürdige Verortungen des islamischen Wissens in den islamischen Ländern sind ebenso in zweifelhaften Ruf geraten, zu oft haben sie nicht etwa dem Wissen des Islam entsprochen, sondern der fragwürdigen Bildungspolitik pseudo-islamischer Staaten. Für die kritische Jugend ist die Trennung von „Wissen, Person und Ort“, die das Internet heute ermöglicht, also oft eher eine positive Möglichkeit sich umfassend zu informieren. Sie können insofern mit der skeptischen oder gar negativen Interpretation des Netzes als eine bedenkliche Inkarnation des Nihilismus wenig anfangen.
Tatsächlich schafft die allgegenwärtige Präsenz der sozialen Medien und die Produktivität der Internetwelt einen Druck auf die klassische Gelehrsamkeit. Wenn der örtliche Imam nichts weiß, nichts wissen will oder einfach schweigt, wenn es um heikle Themen der Welt geht, sei es Geopolitik, Finanzkrise oder Terrorismus, dann wird das umfangreiche Angebot des Internets eben zur wichtigeren Quelle islamischer Bildung. Die Gefahr in diesem Vorgang ist allerdings evident, denn, sollten eines Tages nur noch die Algorithmen von Google den Wissensdurst leiten, könnten auch wichtige Aspekte der islamischen Methodik auf Dauer verloren gehen. Schon heute wissen nur wenige Muslime, mangels einer erkennbaren Lehre, der sie folgen, auf welchen Grundlagen genau ihr Iman und ihr Islam eigentlich methodisch zu begründen wären. Muslime, die sich bilden wollen, müssen auch begreifen, dass für diesen Vorgang nicht nur eine gewisse Entschleunigung notwendig ist, sondern auch der Wille, Jahre für das konsequente Studium der Grundlagen zu investieren.
Es wird also zu den großen Herausforderungen der islamischen Lehre gehören, gerade jungen Leuten zu helfen, in der Daten- und Bilderflut Orientierung zu finden. Wichtig ist, einen Kompass zu vermitteln, der ermöglicht, Prioritäten zu setzen und daran zu erinnern, dass nur mit einer überzeugenden Methodik das unübersichtliche Spiel der virtuellen Meinungen und Bilder verarbeitet werden kann. Hier schließt sich also der Kreis insoweit, als auch islamische Bildung die Geschichte der Wissensvermittlung und der Methodik in der islamischen Geschichte selbst lehren muss.
Es ist vermutlich kein Zufall, dass viele Muslime hoffen, dass gerade in Europa eine freie Lehre entsteht, die die in der globalen Welt der Technik drohende vollständige Trennung von Wissen und Person, Wissen und Ort, beenden würde. Die Lehre hierzulande könnte dann auch den kritischen Umgang mit den neuen Technologien aus islamischer Sicht umfassen. So entstünden neue Orte der freien Lehre und der Wissenschaft , die die traditionelle Wissensvermittlung mit der Moderne versöhnen und nicht zuletzt auch glaubwürdige LehrerInnen anbieten.
 

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