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Die Konferenz der Vögel – schönes Buch mit unsichtbarer Herkunft

Eine Rezension zu Maximilian Hauptmanns „Die Konferenz der Vögel“, illustriert von Teelke Limbeck, erschienen im Verlag edition a.

27.10.2026 Ahmet Aydin 6 Min. Lesezeit Ausgabe 377
konferenz der vögel attar edition a

Foto: Habiballi Savaj/Wikimedia Commons | Lizenz: gemeinfrei

(iz). Es ist erfreulich, wenn die großen Werke der islamischen Geistesgeschichte ihren Weg in die Gegenwart finden und auch einem jungen Publikum zugänglich gemacht werden. Ein solches Beispiel ist das von Maximilian Hauptmann verfasste und von Teelke Limbeck eindrucksvoll illustrierte Buch „Die Konferenz der Vögel“.

Es erzählt eine zeitlose Geschichte über die Suche nach Wahrheit, die Überwindung von Ängsten und den Weg des Menschen zu sich selbst.

Die Geschichte handelt von einer Versammlung der Vögel, von denen einige beschließen, sich auf die Suche nach ihrem König zu begeben. Auf ihrem Weg müssen sie zahlreiche Hindernisse überwinden, Meere überqueren und weite Landschaften durchwandern. Jede Herausforderung bringt sie ihrem Ziel näher und lässt sie zugleich innerlich wachsen.

Die Erzählung ist an das berühmte Werk Die Konferenz der Vögel (pers.: Mantiq at-Tayr) des persischen, muslimischen Gelehrten Scheikh Feriduddin Attar aus dem 12. Jahrhundert angelehnt.

Scheikh Attars Werk gehört zu den bedeutenden Schätzen der islamischen Literatur und Spiritualität. Die Reise der Vögel ist bei ihm weit mehr als ein Märchen. Sie ist eine tiefgründige Allegorie über die menschliche Seele, ihre Läuterung und ihre Suche nach der Nähe zu Allah.

Gerade deshalb ist es begrüßenswert, dass eine solche Geschichte in einer ansprechenden, leicht zugänglichen Form für Jugendliche neu erzählt wird. Besonders hervorzuheben sind die außergewöhnlich schönen Illustrationen von Teelke Limbeck.

Foto: edition a

Mit einer beeindruckenden Vielfalt an Farben, feinen Details und ausdrucksstarken Vogelgestalten erschafft die Illustratorin eine Bildwelt von großer ästhetischer Qualität. Mal erscheinen die Vögel inmitten leuchtender Landschaften, mal vor dunklen, geheimnisvollen Hintergründen.

Die Bilder vermitteln Bewegung, Sehnsucht und die Weite der Reise. Sie sind nicht bloß schmückendes Beiwerk, sondern tragen die Erzählung auf ihre eigene Weise. In ihrer Schönheit und künstlerischen Sorgfalt werden sie dem großen literarischen Erbe Scheikh Feriduddin Attars durchaus gerecht und machen ihm Ehre.

Auch Maximilian Hauptmann gebührt Anerkennung und Dank dafür, dass er diesen anspruchsvollen Stoff in eine verständliche, poetische und universell zugängliche Sprache übertragen hat.

Das Buch zeigt, welches Potenzial in der islamischen Geistestradition liegt. Ihre Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach Selbsterkenntnis, Mut, Liebe und Wahrheit sprechen Menschen unabhängig von ihrer religiösen Zugehörigkeit an.

Es kann Muslimen durchaus als Beispiel dafür dienen, wie sich Inhalte aus der eigenen spirituellen Tradition in einer Sprache vermitteln lassen, die auch Menschen außerhalb des Islam erreicht.

Doch genau hier liegt zugleich die problematische Seite dieser Veröffentlichung. Denn während die Geschichte aus der islamischen Tradition schöpft, bleibt diese Herkunft weitgehend unsichtbar.

Auf dem Buchrücken ist lediglich von einem „Sufi-Märchen“ beziehungsweise einem „persischen Märchen aus dem 12. Jahrhundert“ die Rede. Der Begriff Islam kommt in der vorgestellten Ausgabe nicht einmal vor. Damit wird eine Erzählung, die ursprünglich tief in der islamischen Glaubens- und Gedankenwelt verwurzelt ist, aus ihrem religiösen Zusammenhang herausgelöst.

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Foto: NoonVirachada/Shutterstock

Dabei beginnt Scheikh Attars Originalwerk mit der Preisung Allahs und dem Lob des Propheten Muhammad (s). Seine gesamte Erzählung ist durchdrungen von islamischen Vorstellungen über den Menschen, die Schöpfung, die Liebe zu Allah und die geistige Reifung des Menschen.

Der Tasawwuf (auf Deutsch als „Sufismus“ bekannt), aus dessen Tradition das Werk hervorgegangen ist, ist keine vom Islam losgelöste Spiritualität, sondern ein wesentlicher Bestandteil des Islams. Tasawwuf ist Ausdruck jener spirituellen Dimension des Ihsan, die im berühmten Dschibril-Hadith beschrieben wird. Er entwickelte sich auf der Grundlage von Koran und Sunna.

Natürlich muss eine moderne Nacherzählung für Jugendliche nicht sämtliche theologischen und philosophischen Dimensionen des Originals übernehmen. Auch spricht nichts dagegen, eine Geschichte so zu erzählen, dass sie Menschen verschiedener Weltanschauungen berührt. Universalität ist eine Stärke, kein Mangel. Problematisch wird es jedoch, wenn diese Universalität dadurch entsteht, dass die islamischen Wurzeln eines Werkes nicht mehr erkennbar sind.

Eine universelle Vermittlung islamischer Weisheit muss nicht mit ihrer Entislamisierung einhergehen. Im Gegenteil: Gerade die Kenntnis ihrer Herkunft könnte jungen Leserinnen und Lesern zeigen, welchen Beitrag muslimische Dichter und Denker zur Weltliteratur und zur Auseinandersetzung mit den großen Fragen des Menschseins geleistet haben.

Diese Veröffentlichung wirft deshalb auch eine selbstkritische Frage an die muslimische Gemeinschaft auf: Wie gut gelingt es uns eigentlich, unser eigenes intellektuelles, literarisches und spirituelles Erbe zu vermitteln?

Wenn muslimische Gelehrte, Autoren, Pädagogen und Institutionen diese Aufgabe nicht ausreichend wahrnehmen, überlassen sie anderen die Deutung und Weitergabe ihrer Tradition. Dabei besteht die Gefahr, dass islamische Inhalte zwar weiterhin geschätzt und verbreitet werden, ihre islamische Herkunft jedoch zunehmend aus dem Bewusstsein verschwindet.

Die Konferenz der Vögel ist somit ein erfreuliches und zugleich nachdenklich stimmendes Buch. Erfreulich, weil es einen bedeutenden Stoff der islamischen Literatur für junge Menschen zugänglich macht und dies auf eine sprachlich ansprechende und künstlerisch beeindruckende Weise.

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Foto: Napi Wan Ali/Shutterstock

Nachdenklich stimmend, weil es beispielhaft zeigt, wie islamisches Gedankengut in der Gegenwart Anerkennung finden kann, ohne noch ausdrücklich als islamisch wahrgenommen zu werden. Das schmälert weder die Leistung des Autors noch die der Illustratorin. Beiden gebühren Dank und Lob für ein Werk, das die Schönheit und Weisheit dieser alten Erzählung einer neuen Generation nahebringt.

Die Antwort darauf sollte nicht sein, solche Veröffentlichungen abzulehnen. Vielmehr sollten sie Muslime dazu anregen, selbst aktiv zu werden: mit guten Übersetzungen, zeitgemäßen Nacherzählungen, Kinder- und Jugendbüchern und einer lebendigen Vermittlung der eigenen Tradition, denn: Das islamische Erbe besitzt eine universelle Botschaft. Um die Welt zu bereichern, muss es seine Herkunft nicht verbergen.

Gerade an die Muslime richtet sich deshalb ein Appell: Entdeckt die Schätze eurer eigenen Geistesgeschichte, macht sie euren Kindern und Jugendlichen zugänglich und tragt sie selbstbewusst in die Welt hinaus! Es genügt nicht, ein reiches Erbe zu besitzen. Man muss es auch kennen, pflegen und weitergeben.

Das Buch selbst endet mit einer Frage, die in diesem Zusammenhang kaum treffender sein könnte: „Ihr habt Flügel, um zu fliegen. Wollt ihr sie denn nicht nutzen?“ Diese Worte stehen ganz im Geiste Scheikh Feriduddin Attars und erinnern zugleich an den großen Scheikh Dschalaluddin Rumi, der Attars Werke mit großer Wertschätzung las.

Scheikh Rumi formulierte einen verwandten Gedanken, wie Annemarie Schimmel in ihrer Übersetzung von Von Allem und vom Einen (pers.: Fihi ma fihi) wiedergibt: „Der Vogel fliegt mit seinen Flügeln, der Mensch mit seinem hohen Streben.“

Vielleicht ist dies auch die Botschaft, die wir Muslime aus dieser schönen Veröffentlichung mitnehmen sollten: Wir Muslime besitzen ein reiches intellektuelles und spirituelles Erbe, das uns Flügel verleiht. Es liegt an uns, sie zu nutzen.

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