Hamd Evi e.V.: Was ein Praktikum über Engagement erzählt

Die Anfrage war unspektakulär. Die Mutter eines Achtklässlers wollte wissen, ob ihr Sohn sein einwöchiges Schülerpraktikum bei Hamd Evi Haus der Dankbarkeit e.V. machen könne, einem jungen gemeinnützigen Hilfsverein aus Troisdorf.

26.10.2026 Laila Massoudi 5 Min. Lesezeit
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Foto: Hamd Evi e.V. – Haus der Dankbarkeit

(iz). Das Problem: In genau dieser Woche war das Team in der Türkei unterwegs, um Dorfschulen in der Provinz Erzurum zum Schuljahresbeginn mit Material zu versorgen. Der Vorstandsvorsitzende Abdulrahman Köylüoglu machte einen Vorschlag, den er selbst als ungewöhnlich bezeichnet. Wenn die Eltern einverstanden seien, könne Jaro mitkommen und sein Praktikum dort absolvieren, wo die Arbeit des Vereins tatsächlich stattfindet.

Aus persönlichem Schicksal entstand gesellschaftliches Engagement 

Das Projekt übersetzt seinen Namen Hamd Evi mit „Haus der Dankbarkeit“. Dahinter steht eine persönliche Geschichte. Köylüoglu begann 2018 mit Hilfsaktionen, nachdem sein Sohn Ilyas Zeyd bei einem Unfall ums Leben gekommen war.

Aus der privaten Initiative wurden Projekte in Tansania und eine Spendenkampagne für ein Waisenhaus in Burkina Faso, das den Namen des Sohnes trägt. 2023 gründete er den heutigen Verein mit Sitz in Troisdorf. Gegenüber dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ beschrieb er das Ziel so: „für Freude und Dankbarkeit am Leben einzutreten“.

Die Liste der Einsätze ist für einen Verein dieser Größe lang. Nach dem Erdbeben in der Türkei 2023 half der Verein mit Geld- und Sachspenden und beim Bau von Wohncontainern. Es folgten Winterhilfen in Albanien, Gesundheitsprojekte in einem Flüchtlingslager in Kenia, Iftar-Mahlzeiten und Lebensmittelpakete im Ramadan in Tansania, Kurbanaktionen, Prothesen, Aufforstung mit Setzlingen.

Foto: Hamd Evi e.V. – Haus der Dankbarkeit

Auffällig ist, wie der Verein seine Arbeit organisiert. Nach eigenen Angaben arbeitet das gesamte Team ehrenamtlich. Verwaltungs- und Reisekosten tragen die Mitglieder über Beiträge und Fördermitgliedschaften, damit Spenden vollständig in die Projekte fließen. Dauerprojekte mit festen Zielzahlen gibt es nicht.

Man helfe, wo akut Bedarf bestehe, und mache danach auch einmal eine Pause, heißt es auf der Website. Hamd Evi gehört nach eigener Darstellung weder einer Moscheegemeinde noch einer Dachorganisation an und versteht sich als politisch und religiös unabhängig. Zugleich beschreibt Köylüoglu den Verein als muslimisch geprägt und von Menschen mit Migrationsgeschichte getragen.

Foto: Hamd Evi e.V. – Haus der Dankbarkeit

Drei Tage Dorfschulen

Die Eltern stimmten zu und übernahmen die Reisekosten. Je näher der Termin rückte, desto klarer wurde Köylüoglu die Verantwortung. „Natürlich hatte ich auch Bedenken“, sagt er. Ein Minderjähriger, mehrere Tage ohne Familie im Ausland. Beide Seiten sprachen noch einmal darüber und blieben dabei.

Am Abend des 14. Septembers stieg er am Flughafen Köln/Bonn zum ersten Mal in seinem Leben in ein Flugzeug. Über Ankara ging es nach Erzurum, eine im Vergleich zum Westen des Landes strukturschwache Region. Drei Tage lang fuhr das Team zu Dorfschulen und verteilte Rucksäcke, Hefte, Stifte und kleine Geschenke. Ein komplettes Schulpaket kostet nach Angaben des Vereins rund 30 Euro und wird aus Spenden finanziert.

Der Junge trug Material, half beim Verteilen und übergab die Rucksäcke selbst. Türkisch spricht er nicht, viele der Schulkinder kein Deutsch. Man verständigte sich mit Händen und Gesten und lachte viel. Köylüoglu erinnert sich an einen Satz seines Praktikanten: „Die Kinder hier freuen sich so sehr über Schulsachen, die für uns selbstverständlich sind.“

Der Freitag war ohne Einsätze geplant. Zur Zeit des Freitagsgebets gingen die beiden in die historische Ulu-Moschee von Erzurum. Köylüoglu betete, Jaro beobachtete das Geschehen und stellte Fragen. Ein Programmpunkt im Sinne eines Dialogformats sei das nicht gewesen, betont der Vereinschef. Es habe sich aus dem gemeinsamen Tag ergeben.

Ebenfalls ungeplant war eine persönliche Begegnung mit Safi Arpaguş, dem Präsidenten der türkischen Religionsbehörde Diyanet, der sich an diesem Tag in der Stadt aufhielt. Nach einem Abstecher in Istanbul mit Bosporusfahrt und Altstadt landeten beide am Samstagabend wieder in Köln. Aus dem ersten Flug waren vier geworden.

Am Flughafen wartete die Familie mit einem Präsentkorb und einer selbst gestalteten Ehrenurkunde. Die Überschrift: „Für das Praktikum, das zu einer Reise fürs Leben wurde.“ Wiederholen will der Verein das Experiment trotzdem nicht. Die Verantwortung für einen Minderjährigen auf einer Auslandsreise sei zu groß, um daraus ein regelmäßiges Angebot zu machen, sagt Köylüoglu.

Foto: Hamd Evi e.V. – Haus der Dankbarkeit

Was diese Geschichte zeigt

Bemerkenswert ist, was in dieser Woche ohne Absicht zusammenkam. Eine deutsche Familie, die den Verein zuvor kaum kannte, vertraut ihren Sohn einem muslimisch geprägten Hilfsverein an. Der übernimmt die Verantwortung, nimmt den Jungen mit zu den Hilfsprojekten und besucht mit ihm auch die Moschee. Niemand hatte ein Integrationsprojekt beantragt. Es ging um ein Schülerpraktikum.

Über muslimische Organisationen in Deutschland wird öffentlich vor allem dann gesprochen, wenn es um Verbandspolitik, Auslandsfinanzierung oder Sicherheitsfragen geht. Diese Debatten verdecken einen großen Teil dessen, was muslimisches Engagement im Alltag ausmacht: Spendenaktionen, Nachbarschaftshilfe, Bildungsarbeit, Katastrophenhilfe, getragen von Ehrenamtlichen, die ihre Freizeit und oft ihr eigenes Geld einsetzen. Der Verein ist dafür ein Beispiel unter vielen.

Solche Projekte zeigen, was neben den Problemen existiert und selten Aufmerksamkeit findet. Köylüoglu gehe es nicht um Bekanntheit seines Vereins, sondern darum, sichtbar zu machen, „was in unserer Gesellschaft bereits gut funktioniert“.

Der „Kölner Stadt-Anzeiger“, die „Kölnische Rundschau“ und andere Medien haben über Jaros Reise berichtet. Im Kern erzählt diese Geschichte etwas Einfaches: Eine Familie hat einem Verein vertraut, und dieser hat das Vertrauen gerechtfertigt.

Weitere Informationen: hamdevi.org

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