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Die Mut-Mach-Kolumne #5: Wie wäre es, wenn wir uns selbst zuhören würden?

Ausgabe 329

Foto: Kübra Böler

„Wie geht es Dir?“ hat sich mit der Zeit zu einer sehr oberflächlichen Floskel entwickelt. 
Viele Menschen antworten genauso mechanisch, wie die Frage klingt: 
„Gut, danke und selbst?“, „Alhamdulillah und selbst?“
Wie viele von uns haben sich diese Frage selbst gestellt: Wie geht es Dir?
Großes Schweigen…
Manchmal, da ist die Stimme im Kopf so laut
er könnte platzen. 
Manchmal, da ist sie einfach nur verwirrt und sprachlos
sie kriegt keinen Mucks heraus. 
Manchmal ist es nicht nur eine, sondern viele verschiedene. 
Welche davon die eigene, oft ungewiss. 
Gerade in solchen Phasen vertrauen wir uns gerne unseren Mitmenschen an. 
Wir kennen sie alle, die eine geduldige, immer aufmerksam zuhörende Person.
Doch wie wäre es, wenn wir selbst diese Person für uns werden?
Wie wäre es, wenn wir uns selbst zuhören würden?
Was würden wir uns erzählen? Was würden wir hören?

„Ich bin müde.“
„Ich bin erschöpft.“
„Ich hab kein Bock mehr.“ 
„Wallah, was wollen die alle von mir?!“
„Ich habe Angst.“
„Wenn ich versage, wird Person x/y das sagen!“
„Wie soll ich die Miete der nächsten Monate zahlen?“
„Was passiert, wenn der Strom dauerhaft ausfällt?“
„Werden meine Kinder ein gutes Leben führen können?“
„Ich fühle mich nach langer Zeit wieder besser.“
„Ich habe viel mehr geschafft, als ich dachte.“
„Das lief besser als gedacht!“
„Boah, einfach nur krass!“
„Ich kann gar nicht dankbar genug sein!“
„Inna li-llahi wa-’inna ‘ilayhi raji’un.“

Die Erfahrung zeigt, dass das Schweigen manchmal viel lauter und stärker ist als das Sprechen. 
Denn wir schulen uns im Zuhören. Wir hören uns selbst zu, horchen in uns rein und geben uns somit selbst die Chance herauszufinden, welche der manchmal sehr vielen Stimmen unsere eigene ist:

„Glaub an Dich.“
„Du hast es so weit geschafft. Die zwei (hundert) Meter schaffst Du auch noch.“
„Du wirst unendlich geliebt.“
„Ich respektiere Dich.“
„Gott ist immer mit Dir.“
„Wir kommen von Gott und kehren zu ihm zurück.“
„Du bist stark.“
„Du darfst das tun.“
„Du darfst darauf verzichten.“
„Alles im Leben ist für Dich, egal ob gut, schön oder herausfordernd.“ 

Ganz schön laut, das eigene Innere. 
Das Lauschen der eigene(n) Stimme(n) wirkt für die Außenwelt meistens wie ein großes Schweigen. Nur die wenigsten erkennen, dass in uns diskutiert, entschieden, beraten oder reflektiert wird. Es ist ein Laut sein im eigenen Schweigen. 
Laut im eigenen Schweigen sein, innerlich aufräumen stärkt und formt den Charakter.
Laut im eigenen Schweigen sein bedeutet, sich selbst auszuhalten Wer sich selbst aushalten kann, kennt seine Stärken und Schwächen.
Wer seine Stärken und Schwächen kennt, handelt bewusster. 
Gerade in diesen Herbsttagen und den uns bevorstehenden Wintertagen wird es ruhiger und hektischer zugleich: Die meisten Bäume haben ihre Blätter verloren, die Wege sind mit dem bunten Farbspektakel der Blätter geschmückt. Ein weiterer Jahreszyklus neigt sich dem Ende zu und kündigt gleichzeitig den nächsten an.

Die perfekte Zeit, um sich selbst zuzuhören. 
Die perfekte Zeit, um sich selbst Raum und Zeit zum Verarbeiten zu geben. 
Die perfekte Zeit, um sich neu auszurichten, neue Ziele zu formulieren.
Die perfekte Zeit, um Abschied zu nehmen, von allen alten Versionen des Selbst. 
Die perfekte Zeit, um in sich zu gehen und laut im Schweigen zu sein. 
Die perfekte Zeit, um sich neu zu erfinden, immer und immer wieder. 
Mal laut, mal leise, mal beides.

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