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Die Saat des eigenen Sturzes

Ausgabe 299

Foto: Pixels

(iz). In der „kleinen Geschichte der Menschheit“ erzählte Yuval N. Harari die Geschichte des Homo Sapiens vom Jäger und Sammler bis in die Gegenwart. Einer Gegenwart, in der die „neue Religion des Humanismus“, untermauert durch Wissenschaft, Kapital und Technik eine Ordnung geschaffen hat, die vom Menschen selbst, als Dreh- und Angelpunkt des Daseins ausgeht. Jetzt ist er dabei, sich selbst neu zu erfinden, im Rahmen einer „neuen Agenda“, die da wäre: Unsterblichkeit, Glück und Göttlichkeit.

In „Homo Deus“, 2016 publiziert, vertieft Yuval Noah Harari den Blick auf das moderne anthropozentrische Weltbild, auf dessen Sinn- und Werteverständnis, auf sein Menschenbild und seinen Mythos, sowie auf die technischen und wissenschaftlichen Errungenschaften in dessen Schlepptau. Auch in diesem Buch erfrischt und verblüfft er durchgehend durch die radikale Entzauberung alles Ideologischen, das er mit „Religion“ (= Tatsachenbehauptung, intersubjektive Übereinkunft) gleichsetzt und von Spiritualität (innere Reise, Sinn- und Wahrheitssuche) scharf unterscheidet. Harari, der meditierende Atheist, hält mit seiner eigenen Einstellung nicht hinterm Berg und spickt zudem auch „Homo Deus“ mit vielen anschaulichen, oft witzigen, zuweilen zynischen Beispielen. Dem aufmerksamen Leser werden Schwachstellen, auch widersprüchliche Aussagen nicht entgehen.

Eine gewisse Ambiguität fühlt sich allerdings stimmig an und dass, obwohl die umfassende Thematik Hararis Herangehensweise nicht in allen Aspekten geteilt werden kann und auch dass sein Stil, seine Terminologie, sein Auftritt nicht jedermanns Sache sind, sollte nicht dazu führen, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Denn Yuval Hararis Perspektiven und Recherchen sind zu brisant, zu relevant und treffen zu sehr den Nerv der Zeit, um leichtfertig ignoriert zu werden. Seine Fragestellungen regen zum profunden Nachdenken über Verhältnisse an, die uns generationsübergreifend zum selbstverständlichen Alltag geworden sind und die gründlich zu hinterfragen an der Zeit ist. Harari tut dies auf seine Weise und er provoziert bewusst. In diesem Buch geht er mit dem geistigen Seziermesser an die Glaubenssätze der Moderne und weist auf deren gegenwärtige Implikationen und Konsequenzen sowie mögliche künftige Entwicklungen und Manifestationen hin.

Die industrielle Revolution hat uns im Zuge wundersamen Wirtschaftswachstums auch grosse Schrecken, Katastrophen und vernichtende Kriege beschert. Tendenziell aber wurden Krieg, Krankheit und Hunger im letzten Jahrhundert vergleichsweise eingedämmt. Noch vor einigen Jahrhunderten war die Option Krieg meist eine Selbstverständlichkeit, Hungersnöte allgegenwärtig und Seuchen forderten immer wieder Opfer in Millionenhöhe. Heute ist Krieg schon deshalb unwahrscheinlicher geworden, weil die wertvollste Ressource der Gegenwart und zentrale Quelle von Wohlstand „Wissen“ ist, im Sinne von Knowhow und Information und die Schätze des Silicon-Valley, anders als Gold oder Öl, viel effizienter in friedlichem Handel zu bekommen sind. Natürlich steht die Möglichkeit von Atom- oder Cyber-Kriegen immer bedrohlich im Raum. Diese wird aber vor allem als Abschreckung eingesetzt und sieht vom Einschreiten in grossem Umfang bisher möglichst ab. Terrorismus bezeichnet Harari als „Strategie der Schwäche“ und „Gewaltspektakel“, mit dem vorrangigen Ziel der Provokation, auf dass Staaten sich dann verpflichtet fühlen, mit einer „Sicherheitsshow“, einer Überreaktion der staatlichen Gewalt zu reagieren, welche an sich eine grössere Gefahr für unsere Sicherheit darstellt, als der Terrorismus selbst. Hunger wird öfter durch Politik denn durch Naturkatastrophen verursacht und Krankheiten durch Selbstverschulden wie Diabetes oder auch Suizid befinden sich auf dem Vormarsch. Die Devise der Aufrüstung, um in Schach zu halten einerseits und zielgerichteten Steuerung andererseits hat über die Biowissenschaften auch die Medizin erreicht. So wurden Epidemien drastisch zurückgedrängt, auch hier aber besteht die Gefahr des gesteuerten Einsatzes. Harari bezeichnet es als wahrscheinlich, dass grössere Epidemien die Menschheit in Zukunft vor allem dann bedrohen, „wenn diese selbst sie im Dienste irgendeiner erbarmungslosen Ideologie erzeugt“.

Bei diesem stets anwachsenden Potential an menschlicher Einflussnahme auf übermenschlich angelegte Möglichkeiten, ist es natürlich von großer Bedeutung, sich über die „neue Agenda“ Gedanken zu machen, ehe die technischen Entwicklungen selbst uns relevante Entscheidungen abnehmen. Denn diese sind dabei, unsere moralisch-ethischen und politischen Inhalte sowie unsere Selbstwahrnehmung vollkommen umzukrempeln: „Eine Ökonomie, die auf immerwährendem Wachstum gründet, braucht grenzenlose Projekte, wie das Streben nach Unsterblichkeit, Glück und Göttlichkeit.“ Diese Behauptung mag befremden. Es ist für den wachen Beobachter jedoch offensichtlich, dass das von exponentieller Beschleunigung angetriebene Streben, Forschen und Agieren herkömmliche Weltsichten und Sinnzusammenhänge laufend abstreift, neue Kontexte schafft und sich dabei immer enger und ausschliesslicher auf den Brennpunkt Mensch als Organismus, als emotional-intellektuelles Wesen und, last but not least, als Algorithmus zubewegt. Die Maxime des „Rechts auf Leben, Freiheit und Glück“ entfernt sich zunehmend vom philosophisch-metaphysischen Bezug, auch vom Versuch ihrer ethischen und politischen Umsetzung und wandelt sich vor unseren Augen zum bloßen wissenschaftlichen Projekt.

Es gab und gibt aber einen „religiös“-ideologischen Hintergrund, den Harari in etwa so umreißt: Das Transzendente als kollektiver Bezugspunkt wurde im Schlepptau der wissenschaftlichen Revolution (ab 15. Jh) vom Humanismus als „neuer Religion“ abgelöst. Diese hat sich in drei Fraktionen gegliedert und erscheint entweder im „liberalen“, „sozialistischen“ oder „evolutionären“ Kleid. Die „sozialistische Fraktion“ umfasst die sozialistisch/kommunistische Linke, beruht auf dem Prinzip der Gleichheit und definiert die menschliche Natur als eine kollektive. Die „evolutionäre Fraktion“ ist „darwinistisch inspiriert“, sie geht von der Vorstellung eines Über- bzw. Untermenschen aus, befürwortet die „Züchtung des Übermenschen“ und tritt dementsprechend autoritär auf. Darunter sammelt sich die gesamte politische Rechte. Die „liberale Fraktion“, wie die sozialistische auch ein Abkömmling der christlichen Vorstellung einer „heiligen menschlichen Natur“ hat sich nach dem 2. Weltkrieg durchgesetzt und hat sich in der Phase des Aufbaus als sehr nützlich erwiesen, um das Projekt der Moderne voranzutreiben. Diese Einteilung und Spezifizierung stößt beileibe nicht nur auf Zustimmung, sie erregt manches Gemüt. Der Gedanke dieser verschiedenen Fraktionen als einer und derselben Ideologie, bzw. „Religion“ ist jedoch für eine schlüssige Analyse der Moderne bedeutsam und in ihrer Einfachheit mag ein Schlüssel liegen. Ob die verschiedenen Fraktionen nicht in der Tat nur leicht austauschbare Gesichter derselben Lebensauffassung sind, bleibe dahingestellt – die Zukunft wird es weisen. Harari warnt jedenfalls in Bezug auf den Humanismus, den er mit der „Anbetung des Menschen“ gleichsetzt, in ihm sei schon die Saat zu seinem Sturz enthalten: „Wenn man mit einem mangelhaften Ideal beginnt, erkennt man seine Defizite oftmals erst dann, wenn es kurz vor der Verwirklichung steht.“

Das Merkmal von Religion ist nach Harari die „intersubjektive Übereinkunft“. Er unterscheidet hier nicht zwischen Religion, Ideologie und religiösen Ideologien – eine Parallele, die übrigens in semitischen Sprachen etymologisch gegeben ist. Er definiert diese als „allumfassende Geschichte“, und „vollständige Beschreibung der Welt, die menschlichen Gesetzen, Normen und Werten eine übermenschliche Legitimation verschafft“. Während die innere spirituelle Reise des Individuums vor allem danach ausgerichtet ist, Fragen zu stellen, solche, die auch nicht vor der Frage nach dem Wesen des „Ich“ und dem Sinn des Daseins Halt machen, lebt und nährt sich Religion aus Antworten. Während Spiritualität auf ihrer Wahrheitssuche auch unbequeme Antworten gelten lässt, ist das Ziel von Religion, Ordnung zu etablieren, Orientierung zu geben und Macht auszuüben. Diese Machtstrukturen bildet der Homo Sapiens innerhalb seiner „Dreifachwirklichkeit“ aus objektiven Gegebenheiten, innerem Erleben sowie, anders als bei Tieren, über (geschriebene) Sprache vermittelte „Geschichten“ oder „gemeinsamen Fantasien“. Aus diesen erschafft er „Wirklichkeiten“ wie Währungen, Nationen, die Weltbank, Google und – wieder modifizierte – „Religionen“. Diese „intersubjektiven Sinngeflechte“ ermöglichen sowohl massenhafte Kooperation innerhalb großer Gruppen, erfordern gleichzeitig auch deren Beherrschung. Während vormoderne Mythen und „Fiktionen“ vor allem von einem sinnvollen kosmischen Plan ausgingen, in dem alles seinen Platz in der größeren Ordnung der Dinge einnahm, lehnt die moderne Kultur den Glauben an einen kosmischen Plan ab: „wir sind keine Darsteller in irgendeinem Drama, das größer ist, als das Leben. Das Leben kennt kein Textbuch, keinen Stückeschreiber, keinen Regisseur, keinen Produzenten – und keinen Sinn“, aber: „Der moderne Pakt verschafft uns Macht“ und „befördert wird das Streben nach Macht durch das Bündnis zwischen wissenschaftlichem Fortschritt und wirtschaftlichem Wachstum“. „Intersubjektive Sinngeflechte“ verdrängen den kosmischen Sinn, Humanismus, Wissenschaft und Wirtschaft bestimmen zusammen Sinn, Inhalte und Werte.

Das Wirtschaftswachstum ist zum „Knotenpunkt geworden, an dem sich fast alle modernen Religionen, Ideologien und Bewegungen treffen“ und hat einen beinahe religiösen Status erreicht. Der Glaube daran kann mit gutem Recht ebenfalls als fester Bestandteil der modernen Religion bezeichnet werden. Die „erschaffenen Wirklichkeiten“ auf Grundlage dieses „Pakts“ haben unser Leben in Beschlag genommen, und fordern vermehrt unsere ganze Aufmerksamkeit ein. Wissenschaft, stellt Harari fest, bedarf des religiösen Unterbaus. Die Aktionsfelder von Religion und Wissenschaft sind komplementär: Religion beschäftigt sich mit Ordnung, der Wissenschaft geht es in erster Linie um Macht. Religion spricht von Werten, Wissenschaft befasst sich mit Tatsachen. Religiöse und wissenschaftliche „Wahrheit“ ist schon deshalb gut kompatibel, meint Harari, weil sich im Grunde „weder Wissenschaft noch Religion sehr um die Wahrheit schert“. „Fiktion“, so sieht er es, „ist nicht schlimm. Sie ist lebenswichtig“.

Betrügt sich der Mensch wirklich so bereitwillig selbst um Wahrheit und Wirklichkeit im Austausch für die vorübergehende Illusion von Macht? Ist nicht die Suche nach Sinn, nach ewigen Werten, nach bedeutsamen Antworten auf existentielle Fragen tief in uns verwurzelt? Harari meint: der Mensch braucht noch etwas, um Sinn so gefährlich nahe bei Fiktion anzusiedeln bzw. ihn ihr gleichzusetzen und seine Glaubenssätze auf ihr zu bauen. Er braucht einen Mythos. Diesen Mythos liefert der „revolutionäre Glaube des Humanismus“ mit dem Glauben an den Menschen selbst als Quell allen Sinns. Wir alle, auch die älteren Jahrgänge, sind mit dieser Vorstellung aufgewachsen und sie mag uns nur wenig bewusst sein. In der Tat aber ist sie einzigartig in der Geschichte: „Als der Ursprung von Sinn und Macht vom Himmel in die menschlichen Gefühle wanderte, veränderte sich das Wesen des gesamten Kosmos“. Das äußere Universum wurde zu einem „leeren Raum“, während die innere Welt, „bis dahin eine bedeutungslose Enklave vulgärer Leidenschaften, mit einem Mal unermesslich tief und reichhaltig“ erschien. Engel, Dämonen, Himmel und Hölle – alles nur noch innere Seelenzustände. Nietzsches „Gott ist tot“ ist so zu verstehen. Bei all dieser Umwälzung müssen wir dennoch nicht zwingend dem Monotheismus abschwören, entscheidend ist genau diese Verlagerung der Quelle von Sinn. Und da Sinn und Autorität immer miteinander einhergehen, werden folglich menschliche Gefühle, gepaart mit geistiger Entscheidungsfreiheit, auch zum Quell von Autorität. Allerdings ist dieser vom lebenden Menschen abhängige Sinn, zwangsläufig fragil und vergänglich. Ständiges Streben nach Macht in einem Universum ohne Sinn… kein Wunder, dass „die mächtigste Kultur der Geschichte stärker als jede frühere Kultur von existentieller Angst geplagt“ wird. Allmacht und Abgrund des Nichts – zwei Seiten der modernen Medaille. „Wir haben versprochen, im Namen einer exponentiellen Wachstumsdoktrin im Austausch für Macht auf (universellen) Sinn zu verzichten, und glauben, die Vorteile des „Deals“ genießen zu können, ohne den Preis dafür zu bezahlen.“ Dieser Preis ist unter anderem auch, dass diese Fiktionen die Ziele unserer Zusammenarbeit bestimmen.  Religionen, Politik, Kunst und Moral – sie alle haben die neue Doktrin übernommen. „Unsere Gefühle geben nicht nur unserem Privatleben einen Sinn, sondern auch gesellschaftlichen und politischen Prozessen“.  Kein Wunder auch, dass unter dieser Konstellation die anfangs genannte „Agenda“ innerhalb des Prozesses beinahe zwingend wird.

Man könnte nun einwenden, in der Praxis müsse die „Autorität Emotion“ doch zu Anarchie und Nihilismus führen. In der Tat schwebt dieser Schatten ständig über unseren Köpfen und bricht auch immer wieder massiv ins Geschehen ein. Und obwohl die klassischen Wirtschaftstheorien behaupten, dass Menschen „rationale Rechenmaschinen“ sind, gibt Harari zu bedenken: „Sapiens verhalten sich nicht gemäß einer kühlen mathematischen Logik, sondern folgen eher einer warmen sozialen Logik. Wir werden von Emotionen beherrscht!“ Wie also wird in Schach gehalten, was per se, auch über den grossen „Eisberg“ des Unterbewussten, Macht über uns hat? Ist die Kraft des gemeinsamen Mythos so groß? Und bietet sich nicht vielleicht gerade dieser als Angelpunkt für Macht und Manipulation, gerade im Zeitalter der digitalen Medien? Wo aber bliebe da ein weiteres „Heiligtum“ des Liberalismus, der freie Wille? Harari ist nicht der Erste, der solche und ähnliche Fragen stellt, aber wohl einer der wenigen, die sie, auch durch die Brille der Wissenschaft besehen, konsequent zu Ende denkt und viele Dinge auf den Punkt bringt. So entlarvt er zum Beispiel so banal wie treffend, Emotionen als die eigentliche ökonomische „Wertdeckung“ unserer Zeit. Das kapitalistische Credo des Wirtschaftswachstums als „Quell aller guten Dinge“ und „höchster Wert“ verweist auf den Ausweg aller Dilemmata unserer Zeit immer in die Zukunft und lädt so ständig zu einer nächsten Runde des existentiellen Pokers ein.

Bevor wir hier weitergehen und uns dem überaus spannenden Thema der auf diesem abenteuerlichen Boden agierenden Wissenschaften zuwenden, noch eine kurze Reflektion: Harari unterscheidet ganz nebensächlich zwischen Existenz und einem ewigen Sein, außerhalb von Raum und Zeit und berücksichtigt diesen Aspekt nicht in seinen Betrachtungen. Natürlich kann dies als zentraler Schwachpunkt empfunden werden, denn auch Teile der Wissenschaft, wie die Quantenphysik, weisen auf diese Seinsform hin. Harari fokussiert sich hingegen auf die Unterscheidung zwischen Energie – und Materiekreislauf und einem alles durchdringenden Bewusstseinsstrom. Aber auch der Geist, welcher das bewusst empfindende, erlebende Individuum in die Lage versetzt, moralisch zu werten und zu entscheiden, wodurch Mensch sich von Roboter unterscheidet, befinde sich in Gefahr, „der Seele, Gott und dem Äther im Mülleimer der Wissenschaft Gesellschaft zu leisten“. Biowissenschaft fahren am besten damit, menschliches Erleben bis hin zu elementaren Empfindungen wie Schmerz und Freude, als nichts als eine Art „geistige Luftverschmutzung“ zu deklarieren. Die Behandlung alles Lebendigen als Datenverarbeitung und die Gleichsetzung aller Organismen mit Maschinen entspricht dem Zeitgeist und passt am besten ins Zukunftsbild. Die Definition des menschlichen Geists und seiner Psyche als „datenverarbeitendem Computer“ und des Menschen insgesamt als von Sexualität und anderen Trieben befeuerte „Dampfmaschine“ hat auch die Psychiatrie geprägt. Unaufhaltsam ebnet diese Vorstellung den Weg für die zunehmende Verschmelzung des Technologischen mit dem Organischen und birgt somit die Saat einer unheimlichen Metamorphose.

Wissenschaft, sagt Harari, verstärkt, trotz des Fokus auf Fakten, die Mythen. „Statt intersubjektive Realität zu zerstören, wird die Wissenschaft sie in die Lage versetzen, die objektive und die subjektive Realität noch umfassender als bisher zu kontrollieren. Dank Computern und Biotechnologie wird sich der Unterschied zwischen Fiktion und Wirklichkeit auflösen, wenn die Menschen die Realität so ummodeln, dass sie ihren Lieblingsfiktionen entspricht.“ Und: die moderne Gesellschaft glaubt an humanistische Dogmen und nutzt die Wissenschaften nicht, um diese in Frage zu stellen, sondern um sie zu implementieren. Jedoch könnte es sein, dass der Pakt zwischen Wissenschaft und Humanismus sich bald schon auflöst und „durch eine ganz anders geartete Abmachung ersetzt wird“, nämlich der zwischen Wissenschaft und einer neuen posthumanistischen Religion.

Was sagen eigentlich die traditionellen Religionen zu diesem „Deal“, zum Geschehen der Moderne? Erstaunlicherweise haben sie das humanistische Dogma klaglos übernommen und integriert. Sie haben sich schon lange „von einer kreativen zur bloß reaktiven Kraft“ gewandelt. Der Mensch übernimmt, egal in welchem Glaubenssystem dieser Welt, unmerklich und unterschwellig die Rolle, „die Gott im Christentum und im Islam und die Naturgesetze im Buddhismus und im Taoismus spielten“. Es ist oberstes Gebot geworden, auf sein Herz zu hören und Gläubige argumentieren bei Herausforderungen oder Anfeindungen mit der Verletzung von Gefühlen, nicht mit Jahwes/Gottes/Allahs/ Verboten. Regeln werden verändert und auf die heiligen Schriften (Beispiel Legitimation von Schwulenehe durch die Kirche) zurückgeführt, während gewisse Vorstellungen in Wirklichkeit von modernen Denkern wie Foucault herrühren. Visionäre des Jahrhunderts wie Marx, Engels und Lenin, (und viele mehr, Anmerkung SMW) waren allesamt darauf bedacht, die technologischen und wirtschaftlichen Realitäten ihrer Zeit zu begreifen. Die Sozialisten „etablierten die erste Techno-Religion“, indem sie „Heil durch Technologie“ versprachen, während gerade religiöse Eiferer wie radikale Islamisten, messianische Juden, Anhänger hinduistischer Erweckungsbewegungen zu den neuartigen Gefahren und Chancen der Technologie schon gar nichts Relevantes zu sagen haben und „bei aller Inbrunst, keine Bedrohung für das liberale Paket“ darstellen. Der radikale Islam, „Anker der Gewissheit in einer Welt technologischer Stürme, aber ohne Karte und Ruder“ sei schlimmer gescheitert als der Sozialismus und sei „noch nicht einmal mit der industriellen Revolution zurande gekommen“.

Einverstanden, Herr Harari, aber eigentlich wäre Qur’an und Sunna genau das: Karte und Ruder. Eher mangelt es wohl an verständigen Kapitänen und allem voran an gutem Mannschaftsgeist und flüggen Schiffen. Auch dass „Priester, Rabbiner und Muftis die jüngsten Errungenschaften in der Biologie und Computerwissenschaft schlicht nicht begreifen“ ist eine unzulässige Verallgemeinerung. Auch sie sind eben keine „Propheten“, die ermächtigt sind, „wegweisende Entscheidungen“ zu treffen und auch wenn einige sehr wohl „in die nötige Richtung weisen“ bleibt ihr Rufen in der breiten Öffentlichkeit meist ohne erkennbare Folgen. Gehört wird es doch. Dass aber der quasi-religiöse Charakter dieser Entwicklungen im Allgemeinen verkannt und als solcher unterschätzt, selten nur thematisiert wird, ist in der Tat problematisch, denn, Sie sagen es: „Religionen, die den Bezug zu den technologischen Realitäten der Gegenwart verlieren, verlieren ihre Fähigkeit, die Fragen, die gestellt werden, überhaupt zu verstehen“!

Übrigens, woran eigentlich glauben die Chinesen, dieser ökonomische Riese mit „sehr kleinem ideologischen Schatten“? Niemand, nicht einmal die Chinesen selbst, wissen heute, woran sie glauben. Genau dieses ideologische Vakuum, stellt Harari fest, macht China zur vielversprechendsten Brutstätte für die neuen Techno-Religionen aus dem Silicon Valley.

Heute ist Silicon Valley der aktuell aus religiöser Sicht interessanteste Ort. Dort bauen Hightech-Gurus „schöne neue Religionen für uns zusammen, die wenig mit Gott und alles mit Technologie zu tun haben“. Ihre Heilsvorstellungen entsprechen zwar den Vorstellungen der traditionellen Religionen fürs Jenseits, sollen sich aber auf Erden manifestieren, und zwar schon bald. Ja, noch weiter zurück gehen die Parallelen der „Techno-Religionen“ mit alten Glaubensvorstellungen. Eine Gegenüberstellung zwischen den Infrastrukturen zeigt:  Grosskonzernen wie Google und Microsoft sind durchaus dem antiken Uruk zu vergleichen, in dem grosse Menschengruppen Angestellte von Göttern wie Anki oder Inana waren, deren „Logos“ die „Skyline“ von Urum, Gebäude, Produkte und Kleidungsstücke zierten. Götter sterben nicht und haben auch keine Erben, können daher ungestört Besitz und Macht anhäufen. Der ägyptische Pharao war Mensch und „Gott“ zugleich…

Wieder einmal steht der Heilige Monat Ramadan vor der Tür. Welch eine Gnade, die wir als Muslime durch die Verbindung zwischen umfassender, gemeinschaftlicher Rechtleitung und einem einzigartigen, auch individuellen, spirituellen Weg besitzen. Mögen wir in diesem Fastenmonat Kraft, Einsicht und Vertrauen (arab. Tawwakkul) gewinnen, um den Herausforderungen der Zeit, in der wir leben, unerschrocken zu begegnen.

Was ist wertvoller: Intelligenz oder Bewusstsein? Wird die Künstliche Intelligenz uns bald übertreffen? Ist der Mensch ein Dividuum? Und was ist das Credo der „Religion des Dataismus“? – All dies im zweiten Teil von „Homo Deus“.

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