, ,

Eine „Wohnstatt des Islam“. Ahmet Aydin stellt Imam An-Nawawis Klassiker „Das Buch der Vierzig Hadithe“ vor

Ausgabe 327

Kairo: In der Sultan-Hassan-Moschee wird das Werk von An-Nawawi für die Besucher erklärt. (Foto: Waleed Arafa, Wikimedia Commons)

Wer in Deutschland geboren wird, Muslim ist und Deutsch besser spricht als Arabisch, Türkisch, Persisch oder eine andere Sprache, in der es mehr Literatur von Muslimen gibt, der leidet darunter, nicht genügend Quellen zur Verfügung zu haben. Auch ich war einer dieser Jugendlichen, die darunter litten. Ich kenne die Gefahr sich auf Deutsch Wissen über meinen Glauben, den Islam, aneignen zu wollen.

(iz). Die „Udo Keller Stiftung Forum Humanum“ hat bereits im Jahr 2007 dazu beigetragen, dass diesem Misstand abgeholfen wird. Im Jahr 2007 kam eine Übersetzung der „Arba’in“ heraus. „Die“ Vierzig Hadithe, die von keinem geringeren als dem bedeutenden An-Nawawi im 13. Jahrhundert ausgewählt und mit Kommentar herausgegeben wurden. Von dieser Übersetzung ins Deutsche jedoch, wusste ich leider lange Zeit nichts.

Stattdessen suchte ich im Chaos der Online-Welt nach Antworten auf meine Fragen und stieß auf Prediger, von denen ich heute absolut allen jungen Musliminnen und Muslimen abrate. Ahnungslos, dass es das „Buch der Vierzig Hadithe“ im „Verlag der Weltreligionen“ auf Deutsch gibt, fand ich jedoch auf der Seite einer deutschstämmigen Muslimin Antworten

 Es handelt sich um die Seite der studierten Arabistin und Germanistin Silvia Horsch. Hier las ich Hadithe auf Deutsch, die alltagstauglich waren und mein Herz beruhigten. Aussagen Muhammeds, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, die mahnten den eigenen Charakter zu kultivieren, statt nach Fehlern anderer zu spähen. Die Fehler anderer in den Mittelpunkt zu rücken, ist der Beginn eines drohenden Extremismus. Ob nun religiös oder nicht, das spielt keine Rolle. Arbeit am eigenen Charakter ist das Fundament eines gesunden Glaubens.

„Die“ Vierzig Hadithe

Nicht erst seit heute. Dies gilt für Muslime bereits seit dem Auftreten Muhammeds, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden. Um diesen Ur-Geist des Islams zu vermitteln, haben viele Theologen Werke geschrieben. Einer davon, dem dies auf meisterhafte Weise gelang, ist der Theologe An-Nawawi. Ein Experte auf dem Gebiet Aussagen des Propheten zu deuten und ihren Geist zu vermitteln, statt bloß tote Buchstaben wiederzugeben. Der Imam nahm sich vor, ein Werk zu schreiben, das Wissen über den Islam in Gänze darbietet – und es scheint ihm geglückt. Sein Werk wird als das bedeutendste des Genres der 40 Hadithe angesehen. Genauso wie Rumi nicht bloß ein Mesnewi schrieb, sondern „das“ Mesnewi, schrieb er „die“ Vierzig Hadithe.

Was es mit dem Genre der 40 Hadithe auf sich hat, erfährt der Leser im Nachwort der Übersetzung. Was ist ein Hadith? Welche Rolle spielen sie für die absolute Mehrheit der Muslime? Darüber wird ausführlich informiert. Muslime werden hier an einen Teil ihrer eigenen Geistesgeschichte herangeführt. Es gibt im 13. Jahrhundert bereits dermaßen viele Bücher von 40 Hadithen, dass es hätte überflüssig erscheinen können, ein weiteres zu schreiben.

Was also zeichnet sein Buch aus: „Daß es sich bei den Hadithen in al-Nawawis Buch der Vierzig Hadithe unbestritten um durchweg zentrale und für das Verständnis des Islams grundlegende Hadithe handelt, mag dazu beigetragen haben, daß seine Sammlung einen so außerordentlichen Erfolg bei der Nachwelt haben sollte.“ An-Nawawi war und ist erfolgreich. Seine Absicht hat sich realisiert: ein Werk verfassen, das eine Gesamtdarstellung des Islams enthält. Selbst sagt er im Vorwort:

„Es handelt sich also (in meinem Buch) um vierzig Hadithe, die alle genannten Themen vollständig umfassen, und jeder dieser Hadithe ist ein gewaltiger Grundpfeiler der Religion. Von jedem dieser Hadithe haben Gelehrte verschiedentlich gesagt, er sei der Dreh- und Angelpunkt des Islams oder er enthalte die halbe Glaubenslehre des Islams oder ein Drittel davon oder dergleichen.“

Stufe muslimischer Bildung in Deutschland

An-Nawawis Werk ist dann ausreichend, wenn jemand genügend Vorwissen mitbringt. Die Stufe der Bildung über den Islam ist jedoch in Deutschland auf einem äußerst geringen Niveau. Um es genauer und weniger euphemistisch zu sagen: Die Stufe der islamischen Bildung in Deutschland ist noch stark ausbaufähig. Um nur ein Beispiel zu nennen: Es kommt vor, dass ein Deutschstämmiger Muslim wird und von unwissenden Muslimen gesagt bekommt, Poesie sei religiös untersagt (arab. haram). Hierbei handelt es sich leider um kein fiktives Beispiel.

Die Übersetzung „der“ Vierzig Hadithe kann dazu beitragen, die Stufe der islamischen Bildung in der breiteren Masse in Deutschland anzuheben. Eine Sache über die bestimmte junge Musliminnen und Muslime immer mal wieder diskutieren, ist die Frage, ob Deutschland ein Land des Islams sei oder nicht. Der Imam beantwortet diese Frage. Ein Ort, an dem der Muslim seinen Glauben frei ausüben darf, stelle ein Land des Islams dar. Dies vertritt An-Nawawi und beruft sich dabei auf keinen geringeren als Al-Mawardi, einem der bedeutendsten und höchsten Gelehrten am Hofe der Abbasiden. Um eine Wohnstatt des Islam handle es sich, wenn der Muslim eine Familie gründen und seinen Glauben ausüben darf.

Muslime im damaligen Spanien unter der Inquisition lebten nicht in einer Wohnstatt des Islams, denn es wurde ihnen beispielsweise untersagt zu fasten. Doch Europa ist wesentlich weiter als das. So heißt es im türkischen Volksmund: „In Europa ist Islam, aber es fehlen die Muslime.“ Anderswo ist leider zu beobachten, dass man die Bezeichnung Muslim trägt, doch eben nicht in diesem Sinne handelt. Dazu sagt An-Nawawi: „Jeder Gläubige (arab. mumin) ist ein Muslim, aber nicht jeder Muslim ist ein Gläubiger.“ Daran sei auch die Mehrheitsgesellschaft erinnert, wenn sie dazu geneigt ist, das Verhalten eines Muslims mit dem Islam gleichzusetzen.

Ein weiterer Aspekt, den der Leser bei der Lektüre auf Deutsch erfährt: „Der Mensch muß […] der Wesensnatur des Menschen entgegenwirken, für seinen Bruder [um das Beste] bitten und ihm wünschen, was er für sich selbst wünscht.“ So An-Nawawi im Kommentar zum 13. Hadith. Ein Bruder sei nicht bloß der Bruder im Glauben. Jeder Mensch sei ein Bruder. Auch für diesen muss der Muslim das Beste wünschen. Der Feind seines niederen Selbst zu werden ist ein Fundament dessen, was uns in Qur’an und Sunna vermittelt wird. Dazu gehört seinen vermeintlichen Feinden – auch in weltlichen Angelegenheiten – Gutes zu wünschen, so schwer es auch sein mag.

Ratschläge zur Lektüre „der“ Vierzig Hadithe

Die bloße Lektüre „der“ Vierzig Hadithe mag im 13. Jahrhundert ausreichend gewesen sein, um Islam zu lernen. Heute reicht diese Lektüre nicht mehr aus. Es ist Vorwissen nötig, um „die“ Vierzig Hadithe zu verstehen und auch um zu verstehen, weshalb die ausgewählten Vierzig Hadithe den Islam in Gänze zusammenfassen. Wer eines der Hadithe entkontextualisiert betrachtet, der begeht einen Fehler. Neben den Aussagen zur Charakterreinigung finden sich Aussagen zu Kriegszuständen. Wer diese Aussagen ohne Vorwissen zu deuten versucht, begeht eine Sünde gegen Allah ta’ala.

Es ist zu beobachten, dass oftmals keine Experten herangezogen werden, um Aussagen Muhammeds, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, zu verstehen. In Deutschland treten wenige, dafür aber laute Menschen auf, die von der Nichtigkeit der Hadithe sprechen oder davon, dass Experten überflüssig seien. Jeder solle nach eigenem Ermessen Qur’an und Hadithe deuten. An-Nawawi steht für eine Tradition, die genau das vehement verneint. Ohne Experten auf einem Fachgebiet, die eine Autorität darstellen, ist kein richtiges Verständnis möglich. 

Viele Menschen kommen zu mir, einem studierten Germanisten, und stellen mir Fragen zu Goethe, Schiller und anderen deutschen Dichtern und Denkern. Scherzhaft antworte ich manchmal: „Deute doch selbst, du hast doch einen Verstand.“  – „Aber du verstehst Goethe und Schiller doch besser als ich, weil du das studiert hast.“, bekam ich als Erwiderung oft zurück. Und so ist es. Doch leider bringen wenige, aber lärmende Muslime in Deutschland diese Achtung, die sie für Goethe und Schiller aufbringen, nicht dem eigenen Propheten gegenüber auf. Sie erklären die muslimische Geistesgeschichte für nichtig. Das ist dieselbe Methode, die zu Extremismus unter Jugendlichen führen kann und führt. Die Lektüre „der“ Vierzig Hadithe kann von jedem betrieben werden, doch alle Leserinnen und Leser sollten sich bewusst machen, ein Gelehrter, das heißt ein Experte ist nötig, um die Aussagen und Kommentare zu verstehen.

Die vorliegende Übersetzung im Verlag der Weltreligionen beinhaltet nicht bloß den Kommentar An-Nawawis zu den Hadithen, sondern zusätzlich einen Kommentar des Kommentars. Dieser wurde bereits von einem Zeitgenossen al-Nawawis angefertigt. Wie viele Kommentare benötigt wohl der Durchschnittsbürger, der 700 Jahre nach ihm lebt? Es ist dennoch stark zu empfehlen, dieses Werk auf Deutsch zu lesen. So können Fragezeichen im Kopf entstehen, eine Recherche kann angestoßen werden, die zur Verbreitung und Mehrung des Wissens über den Islam führt und dadurch die Stufe der islamischen Bildung endlich auch in Deutschland anhebt.

Gedankt sei der Udo Keller Stiftung Forum Humanum für die Finanzierung eines solchen Projektes, dem Übersetzer und dem Verlag, der es herausbrachte. An solch einem islamischen Verhalten mögen wir Muslime, vor allem die Vermögenden, uns ein Vorbild nehmen und in Zukunft Projekte finanzieren, die uns solch ein geistiges Erbe auf Deutsch erschließen.

Al-Nawawi: Das Buch der Vierzig Hadithe Kitab al-Arba’in, Mit dem Kommentar von Ibn Daqiq al-’Id, Aus dem Arabischen übersetzt und mit einem Kommentar herausgegeben von Marco Schöller, Verlag der Weltreligionen, 805 Seiten, Preis: EUR 32.-