Für die Menschen, für Beirut

Foto: Novalib2, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 3.0

Im Orient geht die Sonne mit Fairuz auf. „Fairuz am Morgen“ sagt ein arabisches Sprichwort über die melancholischen Melodien der libanesischen Sängerin. Die Christin ist eine der bekanntesten Stimmen des arabischen Raums.

Beirut (KNA) Eine Dame fragt man nicht nach ihrem Alter, sagt der Volksmund. Dass es für Nuhad Wadia Haddad kein gesichertes Geburtsdatum gibt, trifft sich da vorzüglich. Am 20. November 1934 oder vielleicht auch erst am 21. November 1935 soll die Grande Dame des arabischen Chansons in der libanesischen Hauptstadt Beirut den ersten Ton ihres Lebens von sich gegeben haben. Unter dem Künstlernamen Fairuz ist sie seither zur wohl bekanntesten Stimme des arabischen Raums geworden.

Fairuz fis-subuh, Fairuz am Morgen, lautet ein arabisches Sprichwort. Wer sich in den Morgenstunden im Nahen Osten bewegt, ahnt den Grund: Das erste gesungene Wort des Tages gehört in vielen arabischen Sendern traditionell der First Lady des libanesischen Gesangs. Melancholisch-versöhnt erfüllt die ikonische Stimme von Damaskus über Ramallah bis Amman den öffentlichen Raum. Gemüsehändler, Frisöre und Baristas summen sich mit Fairuz in den Tag.

Viele Jahre soll Nuhad Haddad Familie und Nachbarn mit ihrem Talent beglückt haben, bevor sie als Jugendliche entdeckt wurde. Trotz anfänglicher Bedenken der konservativen christlichen Familie wurde sie Mitglied des staatlichen Radiochors. Ihr erster Mentor, der palästinensisch-stämmige Musiker und Komponist Halim Al-Rumi, komponierte ihre ersten Lieder und gab ihr den Bühnennamen Fairuz, übersetzt: Türkis.

Und Al-Rumi stellte die junge Sängerin den Rahbani-Brüdern Mansour und Assi vor – ein Kontakt, der nicht nur zu einer jahrelangen erfolgreichen musikalischen Zusammenarbeit führen sollte. 1955 heirateten Assi und Fairuz, von ihren vier Kindern trat Sohn Ziad später als Musiker und Komponist in die Fußstapfen seiner Eltern. Ein großes Konzert 1957 beim Internationalen Festival in Baalbek öffnete Fairuz endgültig die nationale und internationale Bühne. Sie besang die Schönheit des Libanon und eroberte die arabischen Herzen jenseits konfessioneller Grenzen.

Fairuz sammelt Schlüssel zu den Städten der Welt. Auch ein Schlüssel Jerusalems ist dabei – Geschenk des arabischen Bürgermeisters von 1961, als die Sängerin ihren Vater auf eine Pilgerreise in die damals jordanisch kontrollierte Stadt begleitete. Warm und mit fast schüchterner Eleganz besang Fairuz in ihrer Karriere viele arabische Hauptstädte, hielt sich jedoch von den Machthabern fern.

Aus dem libanesischen Bürgerkrieg (1975-90) hielt sie sich heraus. Mit Ausnahme eines einzigen Konzerts 1978 trat sie in dieser Zeit nicht auf, um von keiner Partei vereinnahmt zu werden. Erst 1994 gab es wieder öffentliche Auftritte: im zerbombten Herzen von Beirut, auf dem Märtyrerplatz, vor tausenden Landsleuten – für viele das Zeichen, dass der Krieg wirklich vorüber ist. Ein Konzert 2008 in der syrischen Hauptstadt Damaskus hingegen brachte der Christin Kritik von Fans und Politik. Die medienscheue Sängerin enthielt sich des Kommentars, während andere zu ihrer Verteidigung kamen: Das Konzert sei ein Geschenk an die Bevölkerung, nicht an die Herrscher.

Hoffnungsgeberin, ohne den Blick auf die Realität zu verlieren: 1984, inmitten des libanesischen Bürgerkrieges, legte Fairuz ihre sehnsuchtsvollen Worte über das Adagio aus dem „Concierto de Aranjuez“ von Joaquin Rodrigo. „Li Beirut“, für Beirut, von meinem Herzen einen Gruß an Beirut und Küsse an das Meer und die Häuser. Beirut, der Wein aus den Seelen der Menschen, habe den Geschmack von Feuer und Rauch angenommen, besingt Fairuz die verlorenen Seiten der Stadt und die Notwendigkeit des Wiederaufbaus. „Li Beirut“ erklang es zuletzt am Morgen des 5. August wieder auf vielen Kanälen, nachdem verheerende Explosionen im Hafen weite Teile des historischen Stadtkerns in Schutt und Asche gelegt hatten.

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