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Plötzlich Flüchtlingshochburg

Ausgabe 299

Foto: SOPA Images Ltd./Alamy

(iz). Als im März dieses Jahres zehntausende Menschen aus der Türkei in Richtung Europa zogen, fand sich der kleine Grenzort Karaagaç plötzlich inmitten der europäisch-türkischen Flüchtlingskrise wieder. Ein Ortsbesuch.

Es ist ein sonniger Frühlingstag in Karaagaç. Auf der kleinen Flaniermeile des Ortes schlendern Besucher aus aller Welt. In einem Straßencafé serviert ein rastahaariger Kellner Toast mit Käse und Sucuk. Zwei Kinder streiten sich um den besten Platz auf einer ausgemusterten Lokomotive. Ein verblichenes Schild erinnert daran, dass hier einmal die größte Bratpfanne der Welt zum Einsatz kam. Die Szene könnte gut als Werbevideo des lokalen Tourismusverbandes durchgehen. Wären da nicht die Polizisten, die mit ihren lärmenden Motorrädern immer wieder die Idylle stören. „Nur Einkaufen und dann zurück zur Grenze“, ruft einer der Beamten und verleiht seinen Worten mit einem kräftigen Stoß Nachdruck.

Unter normalen Umständen ist das 4.000 Einwohner-Dorf Karaagaç nicht mehr als ein etwas verschlafener Vorort der westtürkischen Stadt Edirne. Pärchen gehen hier abends in einem der vielen Restaurants essen. Familien erholen sich am Wochenende vom Großstadt-Stress. Doch für vier Wochen fand sich Karaagaç inmitten der europäisch-türkischen Flüchtlingskrise wieder. Mit dem Versprechen türkischer Politiker auf „offene Grenzen“ waren Anfang März dieses Jahres Zehntausende Flüchtlinge in Richtung Griechenland gezogen. Als sie an der griechischen Grenze stattdessen auf Stacheldraht und Tränengas stießen, wurde das drei Kilometer von der Grenze entfernte Karaagaç für Tausende zum letzten Versorgungspunkt und zur ein­zigen Möglichkeit, der Gewalt und Kälte an der Grenze für einige Stunden zu ­entkommen.

„Die einfachsten Dinge können wir nicht tun. Sie behandeln uns wie Tiere. Schlimmer als Tiere“, sagt Sirvan, der sich in einem der Straßencafés vom Alltag im knapp zwei Kilometer entfernten Camp am Grenzübergang Pazarkule/Kastanies erholt. Im irakischen Erbil habe er als Peshmerga den IS bekämpft. Um Terroristen zu bekämpfen, habe er danach in Europa als Soldat anheuern wollen. Doch nach drei Wochen an der Grenze sei von seinem positiven Bild von Europa nicht mehr viel übrig. „Mein ganzes Leben lang habe ich für Freiheit gekämpft, und was habe ich dafür bekommen?“, fragt er und liefert gleich selbst die ­Antwort: „Die Griechen beschießen uns jeden Tag mit Tränengas, die Türken behandeln uns wie Hunde und ich kann seit fünf Tagen nicht scheißen. Das ist mein Leben.“

Geschichten zerplatzter Träume findet man in den Cafés von Karaagaç so zuverlässig wie zerplatzte Tränengasgranaten griechischer Grenzschützer ein paar hundert Meter weiter. Neben einer abenteuerlichen Konstruktion aus Ladegeräten und Steckdosenleisten berichtet ein junger Iraner, er sei mit seiner Mutter auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Großvater. Iranische, türkische und internationale Organisationen hätten sie um Schutz gebeten. Vergeblich. Ein afghani­scher Vater, der sich mit seiner Frau und drei kleinen Kindern ein Zweimannzelt teilt, berichtet, für die Reise nach Europa hätten sie ihren ganzen Besitz verkauft: „Wohin sollen wir zurückkehren?“ Er brauche nicht so lang, um die Umstände seiner Flucht zu erklären, scherzt ein Ägypter auf der anderen Seite des Steckdosenturms: „Muslimbruder“, sagt er und tippt sich auf die Brust.

Nicht nur weil Griechenland seine Grenzen geschlossen hält, wird Karaagaç von Anfang bis Ende März dieses Jahres für viele Flüchtlinge zum einzig verbliebenen Zufluchtsort. Auch türkische ­Sicherheitskräfte tragen dazu bei. Überall in der Region treiben Soldaten und Polizisten die Schutzsuchenden zusammen. Im rund fünf Kilometer entfernten Edirne durchsuchen Polizisten Hotels und bringen jeden Flüchtling zurück ins Grenzgebiet. Zwischen griechischen ­Stacheldraht und türkischen Kontrollpunkten bleibt Karaagaç in diesen Tagen der einzige Ort, an dem sich Flüchtlinge einigermaßen frei bewegen konnten.

Dabei verdankt der Ort, der so zum Inbegriff der Abschottung wird, überhaupt erst seine Existenz seiner Brückenfunktion zwischen Türkei und Europa. Als osmanische Bahnunternehmen mit britischer und deutscher Unterstützung Mitte des 19. Jahrhunderts Bahngleise von Istanbul bis nach Wien verlegten, entstand in Karaagaç das westlichste Bahnhofsgebäude der heutigen Türkei. Was als kleine Siedlung für Bauarbeiter und Bahnmitarbeiter begann, entwickelte sich schnell zum kosmopolitischen Schmuckstück der Region: Weil europäische Orientreisende in Karaagaç oft über Nacht Halt machen mussten, entstanden um den Bahnhof herum Kinos, Tanzlokale und sogar ein Casino mit Kegelbahn. Europäische Theatergruppen traten hier auf, westliche Bahnmitarbeiter ließen sich mit ihren Familien nieder. Um die Jahrhundertwende lebten hunderte Italiener, Deutsche und Österreicher in dem Ort. 1883 entstand eine deutsche Schule mitsamt Kindergarten. Gläubige hatten die Wahl zwischen einer griechisch, armenischen, französischen und bulgarischen Kirche.

Vom einstigen Glanz ist heute nicht mehr viel übrig. Abgesehen vom Bahnhofsgebäude und der mit Cafés und Restaurants gesäumten Hauptstraße besteht Karaagaç zum Großteil nur noch aus zweckmäßigen Wohnhäusern und Höfen von Bauern, die die umliegenden Acker bewirtschaften. Das liegt zum einen daran, dass die Bahnstrecke samt Bahnhof im Jahr 1971 nach Edirne verlegt wurde. Das Bahnhofsgebäude, mit dem der Aufstieg des Ortes begann, wird heute nur noch als Verwaltungsgebäude der Trakya Üniversitesi von Edirne benutzt. Der Niedergang des Ortes hat aber auch damit zu tun, dass sich hier nicht zum ersten Mal eine Flüchtlingskrise abspielt.

In den Balkankriegen von 1912 und 1913 veranlassten erst bulgarische und dann osmanische Truppen ein Großteil der Bevölkerung zur Flucht. Im griechisch-türkischen Krieg von 1918 rückten griechische Soldaten in den Ort und machten erneut zahllose Bewohner zu Flüchtlingen. Als 1923 der Vertrag von Lausanne die heutigen Grenzen der Türkei festgelegte, wurden erneut hunderttausende Menschen entlang konfessioneller Linien zwangsumgesiedelt. Als einziger Ort westlich des Grenzflusses Meriç/Evros blieb Karaagaç damals unter türkischer Kontrolle. „In der Vergangenheit blühte in Karaagaç das Leben (…) Aber jetzt sind die Straßen ruhig und leer“, stellte der der türkische Schriftsteller Nahid Sırrı Örik im Jahr 1939 fest.

Anders als noch vor hundert Jahren sind die heutigen Bewohner von Karaagaç nicht mehr unmittelbar von Krieg und Vertreibung betroffen. Skeptisch gegenüber ihren neuen Gästen sind sie dennoch. Der 48-jährige Mehmet ist der Besitzer eines der Cafés am Ort. Während viele Cafés überfüllt sind mit jungen Leuten aus aller Welt, sitzen bei ihm nur drei ältere Männer und starren auf das Fußballspiel auf dem Flachbildfernseher. „Wenn ich die bei mir bewirte, weiß ich nicht, ob die überhaupt bezahlen“, erklärt Mehmet, warum er sein Café für Flüchtlinge geschlossen hält. „Wir wollen die Migranten hier nicht. Sie sollen nach ­Europa oder zurück nach Istanbul und fertig“, sagt er und räumt die Teegläser ab. Da müsse er jetzt aber auch mal etwas sagen, unterbricht ihn einer seiner Gäste: „Wo sollen sie denn sonst hin? Was ­würdest du denn machen, wenn dein Haus zerstört wird?“. Zumindest in einer Frage sind sich beide einig: Erst Erdogans leeres Versprechen auf „offene Grenzen“ habe die Flüchtlinge nach Karaagaç ­getrieben. „Wir können uns doch selbst kaum noch frei bewegen“, erklärt Café-Besitzer Mehmet.

Aber auch Szenen der Solidarität und Gastfreundschaft sind überall im Ort zu sehen. Ein Hotel bietet Familien mit ­Kindern an, kostenlos zu duschen. Mitarbeiter türkischer Hilfsorganisationen verteilen in den Straßen Babynahrung, die sie aufgrund fehlender Sondergenehmigungen nicht ins Camp bringen dürften. Zur Ablehnung beitragen dürften außerdem nicht nur die Flüchtlinge, sondern auch das Verhalten der türkischen Behörden. An allen Ein- und Ausgängen des Ortes haben türkische Polizisten Straßensperren errichtet und sorgen nicht nur bei Flüchtlingen, sondern auch bei Anwohnern für Frustration.

„Warum hilft uns niemand?“, fragt Flüchtling Sirvan. Gemeint sind nicht die Bewohner von Karaagaç, sondern Politiker diesseits und jenseits der Grenze. „Europa und Türkei behandeln uns wie Tauschwaren“, schimpft er. Bis zum Nachmittag finden er und die anderen Flüchtlinge Zuflucht in den Cafés von Karaagaç, dann bereiten türkische Polizisten den erholsamen Stunden ein Ende. Auf Motorrädern fahren sie durch den Ort und fordern jeden Flüchtling auf, umgehend zur Grenze zurückzukehren. Über einen Feldweg schiebt sich eine endlose Reihe aus Menschen mit prall gefüllten Plastiktüten in Richtung Europa, zurück in Richtung Plastikplanen und Tränengas. „Wir wollen einfach ein ganz normales Leben“, sagt Sirvan, bevor auch ihn die Polizei wegschickt. Zumindest in dem Wunsch dürften sich Flüchtlinge und Bewohner von Karaagaç einig sein.

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