(iz). Niemand, so schrieb der englische Barockdichter John Donne im Jahr 1624, ist eine Insel. Der Ausspruch gilt als das Motto der Moderne: er riss die europĂ€ische Menschheit aus dem Winterschlaf des Mittelalters, dem Einsamkeit und Askese als der Tugenden höchste gegolten hatten, und stimmte den Leitton des abenteuerlichen Unternehmens der ĂŒberseeischen Expansion an, die erst ĂŒber die SĂ€ulen des Herakles â und schlieĂlich ĂŒber den Rand des Erdkreises hinaus fĂŒhren sollte.
Der italienische Romancier Paolo Giordano, eigentlich promovierter Physiker, der 2008 mit seinem DebĂŒt âDie Einsamkeit der Primzahlenâ weltbekannt wurde, greift in seinem Essay âIn Zeiten der Ansteckungâ dieses Zitat auf. Es ist eines der ersten âCorona-BĂŒcherâ, das E-Book erschien noch vor der gedruckten Version â und es ist ein Essay nicht im programmatischen VerstĂ€ndnis der heutigen ÂLiteraturindustrie, sondern im originalen VerstĂ€ndnis Michel de Montaignes, eines anderen geistigen GrĂŒndervaters der FrĂŒhen Neuzeit: ein essai, also ein Versuch, der sich, wie eben Montaigne, an einzelnen Sentenzen entlanghangelt, um einen Zugang zu einer Wirklichkeit zu gewinnen, die den Menschen ratlos und verstört zurĂŒcklĂ€sst.
âNous nâavons aucune communication Ă lâĂȘtreâ â wir haben keine Gemeinschaft mit dem Sein, lautet einer der berĂŒhmtesten AussprĂŒche Montaignes, und er steht geistesgeschichtlich gleichrangig neben jenem âno man is an island, entire of itselfâ des John Donne. Beide SĂ€tze gewinnen im Lichte des Corona-Lockdowns konkrete AktualitĂ€t, beide verweisen aber auch in dialektischer Zuspitzung auf das generelle existenzielle ÂDilemma des Menschseins, âKrise und Chance zugleichâ zu sein: Krise, weil der Mensch in der Welt abgeschnitten ist von seiner UrsprĂŒnglichkeit; Chance, weil erst diese Abgeschnittenheit ihn auf etwas HöheÂres hin entwirft. Keine Kommunikation mit dem Sein zu haben, zeigt sich heute daran, zum Virus als Herd der Ansteckung nicht ohne Weiteres durchdringen zu können. Dass aber niemand eine Insel sei, bedeutet, dass jeder jeden anstecken kann.
âNoch bevor Epidemien medizinische NotfĂ€lle werdenâ, so schreibt Giordano in seiner römischen QuarantĂ€ne, âsind sie mathematische NotfĂ€lle. Denn die Mathematik ist eigentlich nicht die Wissenschaft von den Zahlen, sie ist die Wissenschaft von den Beziehungen: Sie beschreibt die Verbindungen und den Austausch zwischen Wesenheiten und versucht dabei zu vergessen, woraus diese Wesenheiten gemacht sind, indem sie sie zu Buchstaben, Funktionen, Vektoren, Punkten und FlĂ€chen abstrahiert. Die gegenwĂ€rtige Epidemie ist eine Infektion Âunseres Beziehungsnetzes.â
Die mathematische Dimension der Pandemie mag verstören, doch sie hat etwas Beruhigendes; zeigt sie doch, wie sehr selbst das Chaos einer Ordnung, einem System folgt. Vor allem aber erlaubt sie einen Sprung von der evidenzbasierten Wissenschaft zur Religion, denn bekanntlich ist die Mathematik keine empirische, sondern eine eidetische Wissenschaft, die auf Axiomen âvor aller Anschauungâ basiert, welche sich einer wissenschaftlichen NachprĂŒfung im engeren Sinne gerade entziehen.
Genau das aber, eine eidetische Wissenschaft, ist in gewisser Weise auch die Religion. Nicht nur, aber vor allem in westlichen Ohren mag dies unvertraut klingen, wĂ€hrend der Orient den Bruch zwischen Wissenschaft und Religion nie so scharf vollzogen hat wie der Westen. Die GrĂŒnde hierfĂŒr sind vielfĂ€ltig, ein wesentlicher Aspekt aber ist die MathematizitĂ€t des Islam, wie sie jĂŒngst etwa der US-amerikanische Orientalist Jack Miles in Âseinem Werk Gott im Koran thematisierte. Und so ist es bemerkenswert, dass ausgerechnet der promovierte Physiker Giordano in seinem Text ĂŒber das Virus ausgesprochen religiöse Töne anschlĂ€gt: âIn Psalm 90â, schreibt er, âgibt es eine Anrufung, die mir in diesen Stunden immer wieder in den Sinn kommt: Unsere Tage zu zĂ€hlen lehre uns [Herr]. Dann gewinnen wir ein weises Herz.â Man darf diesen religiösen Turn Giordanos angesichts Tausender Corona-Toter und ĂŒberfĂŒllter Leichenhallen im vom Virus besonders arg getroffenen Italien nicht als den billigen Akt intellektueller Verzweiflung missverstehen, als der er vielen Kritikern, gerade auch im journalistischen Milieu, erscheinen mag. Psalm 90 ist ein Klassiker des protestantischen kulturellen GedĂ€chtnisses, er steht gleichsam spiegelbildlich zum Insel-Zitat John Donnes: ist dieses leitmotivisch puritanisch (die Welt als offenes Buch, das von den getreuen PilgerÂvĂ€tern zu lesen, zu kartieren und zu erobern sei), so ist der Psalm 90 leitmotivisch pietistisch, lautet doch der wohl bekannteste Vers daraus: âUnser Leben wĂ€hrt siebzig oder achtzig Jahre, und wennâs köstlich ist, so istâs MĂŒhâ und Plage gewesen.â
In Zeiten der Ansteckung konvergieren, so scheint es, diese beiden Lesarten protestantischer ReligiositĂ€t: hier die seefahrerisch Âbeschworene Ineinanderverwobenheit aller und von allem, die sich in der Pandemie als Danaergeschenk entpuppt (in Giordanos Worten: âdie Infektion liegt in der ĂkoloÂgieâ); dort die sentimentale Invokation einer lĂ€ngst durch den zivilisatorischen Fortschritt ĂŒberholt geglaubten kontinentalen Gott- und Todesergebenheit, aus einer Zeit stammend, da der Tod im Kindbett, an einer LungenentzĂŒndung oder schlicht an âAuszehrungâ allgemeines Schicksal war â die aber jetzt in Zeiten von Triage und Notbestattungen Âwieder aktuell wird.
Doch Giordano geht es nicht bloĂ um Demut vor dem factum brutum, dass der Mensch doch (noch) nicht unsterblich ist, denn das wĂ€re zu simpel; vielmehr geht es ihm um Kritik an der vulgĂ€ren WissenschaftsglĂ€ubigkeit von heute. âIn der WissenÂschaftâ, so zitiert er die französische Philosophin Simone Weil, âist die Wahrheit heiligâ, was aber, fĂ€hrt er selber fort, âist die Wahrheit, wenn man dieselben Daten befragt und dieselben Modelle verwendet, aber zu entgeÂgengesetzten Ergebnissen gelangt?â
Was ist Wahrheit? Die aktuelle Krise, die keinen Bereich unseres durchrationalisierten Lebens unberĂŒhrt lĂ€sst, stellt unsere Vorstellung von RationalitĂ€t radikal auf den Kopf. âUnsere ungenauen Vorstellungen bilden ein Ăkosystem, ein grenzenloses Ăkosystem, in dem alles passieren kann.â Der menschliche Intellekt, den Immanuel Kant in Widerlegung des Anselmischen Gottesbeweises als einzigen Horizont des Wissens postulierte, bewegt sich je in uncharted waters (ein Wort, das man in den vergangenen acht Wochen hĂ€ufig in der internationalen Berichterstattung lesen konnte), in GewĂ€ssern, die bisher auf keiner Karte eingezeichnet waren. âDie Naturâ, so beschreibt Giordano das merkwĂŒrdige Chaos, dem physische Prozesse unterworfen sind, âbevorzugt schwindelerregendes oder entschieden langsameres Wachstum, Exponenten und Logarithmen. Die Natur ist ihrer Natur nach nicht linear.â
Das Leben mag siebzig oder achtzig oder vielleicht bald zweihundert Jahre dauern (die Pandemie gilt ja auch als Versuchsfeld der LebensverlĂ€ngerungsindustrie); es bleibt eine Welt jenseits des Sichtbaren, die im Diesseits einzuholen die groĂe Herausforderung des Menschseins bleibt; und wenn kein Mensch, ja: nichts Irdisches ĂŒberhaupt eine Insel ist, nicht einmal das Virus, die simpelste aller Lebensformen: so ist auch die Menschheit auf ihrem Planeten selbst vielleicht keine Insel, sondern Landzunge eines Kontinents, der nur scheinbar auf keiner Karte eingezeichnet ist.
Paolo Giordano: In Zeiten der Ansteckung. Wie die Corona-Pandemie unser Leben verĂ€ndert. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner. Rowohlt, 80 Seiten, 8.â