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Sind Dresden und Deutz zwei Seiten der gleichen Medaille?

Ausgabe 257

Foto: Raimond Spekking | Lizenz: CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

(iz). Überdurchschnittlich intensive Reaktionen auf einen früheren Beitrag (über die deutsche Islamdebatte) veranlassen mich dazu, bei der Beschreibung der deutschen Zustände mit Blick auf den Islam eine selbstkritische Perspektive einzunehmen und nach der Analyse der gesellschaftlichen Fremdbilder über Muslime nun auch die problematischen Selbstbilder zu thematisieren. Hierbei spielen auch Wahrnehmungen eine Rolle, die nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Islamdebatte stehen, aber als Selbstbetrachtung der innermuslimischen Zustände geeignet sind, ergänzende Impulse hinzuzufügen.
Es sollen Schlussfolgerungen, Wertungen, Eindrücke, Behauptungen sein – nicht als abschließendes Urteil misszuverstehen, sondern als Anregung zur Diskussion, vielleicht auch zum Widerspruch gemeint.
These: Narrative zeigen Wirkung
Es gehört zu dem Standardrepertoire der antimuslimischen Debatte, die Unvereinbarkeit einer deutschen Identität mit der einer muslimischen zu proklamieren. Diese Ethnisierung muslimischer Glaubenszugehörigkeit und die dadurch konstruierte Gegensätzlichkeit von „Deutscher vs. Muslim“ wird von vielen Muslimen verinnerlicht und in ihre Selbstwahrnehmung eingebaut. So wie „der Muslim“ als Synonym des Fremden und Gefährlichen stilisiert wird, kehren Muslime dieses Narrativ unhinterfragt in eine Abwehrhaltung gegen „den Deutschen“ um. Somit wird eben jene Haltung gespiegelt, die Muslime häufig als unberechtigte Distanzierungserwartung zurückweisen. So wenig, wie der muslimische Extremist stellvertretend für die muslimische Mehrheit steht, so wenig kann eine antimuslimische Haltung als Prädikat des „Deutschen“ formuliert werden.
These: Es gibt ethno-chauvinistisches Potential
Mit der zunehmenden Ethnisierung und Politisierung der „Islam-Debatte“ driftet der gesellschaftliche Diskurs immer weiter weg von der tatsächlich gelebten, praktizierten islamischen Wirklichkeit. Das Feld des (scheinbar) religiösen Diskurses ist okkupiert von ethnisch-nationalen Wagenburgen, die postfaktisch nur noch von einer gefühlten Wahrheit angetrieben werden. Ihre verschwörungstheoretische Grundüberzeugung, als letzte Verteidigungslinie der eigenen Identität in einer medial manipulierten Welt nur noch von Feinden umgeben zu sein, eint die sich als Endgegner begreifenden Fronten des gesellschaftlichen Diskurses. Wobei eben dieser Begriff zu optimistisch klingt. Wir führen schon seit geraumer Zeit keinen Diskurs mehr.
Bereitschaft zum Zweifel, zur Nachfrage, zur Aufforderung nach Erläuterung und Präzisierung kann es in einer solchen Konstellation nicht mehr geben. Jede Einschränkung, jeder noch so zaghafte Widerspruch wird als Feindseligkeit wahrgenommen – und als erneute Bestätigung der eigenen Bedeutung und Legitimation. Dresden und Deutz sind einander reflektierende Phänomene.
These: die Umwertung aller Werte
Als muslimische Community müssen wir uns eine Tatsache eingestehen: Über das ganze Spektrum unserer hiesigen Existenz befinden wir uns in einer tiefen spirituellen Krise. Den Vertretern gegnerischer Positionen wird mit Stigmatisierung und Dämonisierung begegnet. Statt inhaltlicher Konfrontation wird viel zu oft der Weg der heimlichen oder öffentlichen Verleumdung beschritten.
Jeder Fehler, jede irrige Position, jede noch so kleine kritikwürdige Angriffsfläche wird mit einer Kaskade empörter Vulgarität eingedeckt. Da empfängt eine Moschee in Baden eine Besuchergruppe, in der eine Dame mit einem für einen Gebetsraum unangemessen kurzen Rock mitläuft. Sicher hätte man sie darauf aufmerksam machen können. Was danach folgt, ist an Geschmacklosigkeit und Widerwärtigkeit kaum noch zu unterbieten. Im Internet wird aber die gleiche Situation mit einem Bild veröffentlicht, welche die Gruppe von hinten zeigt und den Eindruck erweckt, es handle sich um eine Gruppe, die sich zum Gebet aufgestellt hätte. Es folgen Hunderte Kommentare und Vervielfältigungen der Aufnahme, begleitet mit widerwertigsten Tiraden gegen den Moscheevorstand und die DITIB, als Dachverband der Moschee.
Dieser Einzelfall steht exemplarisch für eine hochproblematische Entwicklung: Der Mangel an Differenzierungsvermögen und die Unfähigkeit, einen Sachverhalt in vielschichtiger Weise zu durchdringen, führen zu beschränkten, zweidimensionalen Reaktionsmustern – möglich sind nur noch absolute Verherrlichung oder endgültige Verdammung.
These: keine Diskussion der Essenzialien
Weite Teile der muslimischen Community haben sich im Hadern über Zeit und Ort ihrer Existenz verloren. Manche schwelgen in der Idealisierung einer Vergangenheit. Sie vermittelt ihnen die Illusion, gegenwärtige Unzulänglichkeiten und Schwächen durch Machtphantasien und der Wiederbelebung vergangener Größe und Stärke überwinden und kompensieren zu können.
Andere wiederum wähnen sich am falschen Ort gestrandet, idealisieren andere örtliche Lebensumstände, entfremden sich von ihrem tatsächlichen Lebensmittelpunkt durch den Rückzug in Diskussionen, die nichts mit ihrer Lebenswirklichkeit zu tun haben. Eine solche Haltung negiert die Sinnhaftigkeit, die Zweckbestimmung der eigenen Existenz. Sie verstellt den Blick dafür, dass nicht die Zeit und der Ort der eigenen Existenz in Frage gestellt werden müssen, sondern der Zustand, in dem man sich befindet.
Es fehlt eine Antwort auf oder auch nur eine Diskussion über diese buchstäblich existenziellen Grundfragen muslimischen Lebens. Wohin man blickt, geht es darum, wie man als Muslim in Deutschland lebt. An einem Rand konzentriert man sich darauf, wie der Offenbarungstext als Grundlage des Glaubens angeblich verändert werden muss. Am anderen Rand wird der Imperativ „Lies!“ zum Heilsangebot verklärt. Quasi ein muslimisches Reenactment als Sehnsucht einer wiederkehrenden Rekonstruktion idealer Vorstellungen.
Derweilen beschäftigt sich die muslimische Mitte mit einer Religionsfolklore ohne geistige Auseinandersetzung um die Frage, warum wir Muslime in Deutschland leben, was der Grund unserer Existenz ist, welche Bedeutung die erlebten gesellschaftlichen Schwierigkeiten für unseren Glauben haben.
Die entscheidende Frage ist aber: Was haben wir als Muslime beizutragen zu dem gesellschaftlichen Leben in Deutschland? Die große muslimische Mitte hat jedes Gespür dafür verloren, dass sie muslimischem Leben nicht nur einen Raum mit der korrekten Gebetsrichtung bieten muss. Wo bleiben die Diskussionen um die religiösen Grundbegriffe im Hier und Jetzt? Wenn aber selbst die auf den ersten Blick als vollkommen unislamisch zu beschreibende Dichotomie „Deutscher vs. Muslim“ von Muslimen adaptiert statt entlarvt wird (siehe oben), was bleibt dann von der Religion Allahs?
These: Einheit wird falsch debattiert
Die Debatten um muslimische Einheit drehen sich stets nur um die äußere Form, um die Institutionalisierung einer solchen als Ersatz für ihre Substantiierung. Im Grunde setzt sich hier die Problematik fort, welche oben beschrieben wurde. Alle Mühe konzentriert sich auf das Gefäß einer Einheit, von der völlig unklar ist, mit welcher einheitlichen Essenz sie gefüllt werden soll.
These: Es fehlt an innerer Solidarität
Nie war es so leicht, gesellschaftlich aktive Muslime im öffentlichen Ansehen herabzusetzen und so aus öffentlichen Diskursen auszuschließen. Dies gilt für Einzelpersonen genauso wie für Religionsgemeinschaften. Bei der Auseinandersetzung mit diesem Phänomen ist die Hoffnung auf innermuslimische Unterstützung vergebens. Weder auf institutioneller, noch auf individueller Ebene kann man mit öffentlicher Solidarität rechnen.
Zu fragil ist das soziale Kapital muslimischer Einzelpersonen, die jederzeit selbst mit den gleichen Praktiken unter Feuer genommen werden könnten. Auf institutioneller Ebene wiederum scheinen die Verwundungen der Vergangenheit noch so zu schmerzen, dass mit dem Hinweis auf frühere Negativerfahrungen ausbleibender Solidarität nun die eigene faktisch verweigert wird.
These: Nähe zur Politik
Je mehr Religionsgemeinschaften sich auf Fragen des rechtlichen Status konzentrieren, umso mehr geraten sie in Gefahr, ihre spirituelle Vitalität zu verlieren. Die inhaltliche Fähigkeit, neue Impulse in das religiöse Leben der Muslime einzuspeisen, erodiert ohnehin schon. Die Beschäftigung mit Fragen der verfassungsrechtlichen und damit auch gesellschaftspolitischen Anerkennung führt zu weiteren Konflikten bei Aspekten der religiösen Deutungshoheit und der Teilhabe bei gemeinsamen Angelegenheiten zwischen Religionsgemeinschaften und dem Staat.
Die diskursive und mediale Macht ist derart asymmetrisch verteilt, dass bei Meinungsverschiedenheiten am Ende die Religionsgemeinschaften öffentlichen Schaden nehmen. Dabei ist auch anhand jüngster Erfahrungen festzustellen, dass staatliche Stellen sogar in Kauf nehmen, islamische Religionsgemeinschaften wider besseren Wissens in die Nähe zu extremistischem Gedankengut zu rücken.
Deshalb darf die Statusfrage nicht zum Zweck der Existenz islamischer Religionsgemeinschaften werden – die eigene religiös-inhaltliche Aufstellung und Fortentwicklung muss die Priorität muslimisch-institutionellen Handelns sein, wollen sie am Ende nicht zu staatlich anerkannten Turnvereinen verkümmern. Die Statusfrage ist weniger für die islamischen Religionsgemeinschaften eine Herausforderung. Sie ist vielmehr eine demokratische Reifeprüfung für unser Land und staatliche Stellen. Sind wir so gefestigt in unserem demokratischen Gemeinwesen, dass wir auch islamischen Religionsgemeinschaften ihre ihnen zustehenden religionsverfassungsrechtlichen Ansprüche zugestehen? Sind wir davon überzeugt, dass auch islamische Religionsgemeinschaften zu den unverzichtbaren, nichtstaatlichen Körperschaften gehören, die als zivilgesellschaftliche Regulierungskräfte eben jene Werte und Inhalte hervorbringen, die der demokratische Staat selbst nicht in der Lage ist, zu schaffen? Und hier vervollständigt sich der Kreis: Die letzte Frage wird nur zu bejahen sein, wenn sich die islamischen Religionsgemeinschaften mit ihren religiösen Inhalten in diese Gesellschaft einbringen. Die politische und verfassungsrechtliche Diskussion um Statusfragen allein wird nicht reichen.
These: Wir brauchen Revitalisierung
Die Seichtigkeit reformatorischer Ansätze macht deutlich, dass öffentlicher Lärm ohne praktische, authentische Bezüge ins Gemeindeleben nur eine Anhäufung von immer gleichen Zwischenrufen bleiben wird. Aus einer Kakophonie apodiktischer Parolen wird nichts Fruchtbares für das muslimische Leben hervorgehen.
Andererseits ist auch der Zustand der Selbstorganisationen noch belastet von einer Generation der Sachwalter, der immer freundlichen, immer vornehm lächelnden Diplomaten des Glaubens, die den Herausforderungen des muslimischen Lebens in Deutschland dauerhaft fremd geblieben sind. Von ihnen ist kein leidenschaftlicher Einsatz für eine Diskussion über die Grundlagen muslimischer Glaubenswirklichkeit zu erwarten. Auf all jene, die mehr Gewissheiten als Fragen mitbringen, können sich Muslime nicht verlassen, wenn sie Diskussionen über das Warum und das Wie ihres Lebens angesichts der immer größeren Herausforderungen führen wollen.
Ein Patentrezept wird es auch an dieser Stelle nicht geben. Sicher ist nur, dass keine der etablierten Institutionen für sich allein eine Lösung wird anbieten können. Zu groß sind die individuellen Schwächen und Defizite bei allen Beteiligten. Nur wenn man gewillt ist, sich darauf einzulassen, dass eigene Schwächen durch die Stärken anderer ausgeglichen werden, dass eigene Irrtümer durch die Argumente des Anderen korrigiert werden, kann so etwas wie eine geschwisterliche Unterstützung zur Realität werden. Der Weg zur Einheit führt über das Eingeständnis eigener Unvollkommenheit.

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