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Suche nach dem Sinn des Lebens

Foto: Jan H. Andersen, Shutterstock

Ich erinnere mich noch sehr gut an den herzerdrückenden Moment in meinem Leben, an dem ich in meinem Kinderzimmer weinend auf dem Boden lag und von Gott wissen wollte, was er von mir will. 17 Jahre alt, den Kopf voller Fragen und die Erkenntnis von der Belanglosigkeit meiner eigenen Existenz. Im Vergleich zur kompletten Menschheit und zum Universum war und bin ich doch nur ein Staubkorn, unbedeutend und verschwindend klein – und doch bin ich und mein eigenes Leben real, existent und voller Emotionen. Ein Text von Martin Amin Kaminski

(iz). Ein kleines Universum um mich selbst herum existiert mit allem, was zu einem Leben dazugehört. Die Familie, die Schule, die Freunde, die Vergangenheit und die Zukunft und doch reißen all diese Dinge, die sich Fäden anfühlen, Fäden, welche mit mir und meinem Leben verbunden sind, mit dem Tod. Ein temporäres Universum. Wozu also all dies? Wieso? Kind sein, erwachsen werden, arbeiten und Karriere machen und… und dann? Am Ende sterbe ich und lasse alles hinter mir.

Ich konnte es nicht verstehen und ich konnte Gott nicht verstehen und ich war wütend und deprimiert über diese Gedanken, welche gleichzeitig Erkenntnis und Erkenntnislosigkeit für mich waren. Ich war so wütend auf Gott, dass ich Dinge zu ihm aussprach, für die ich heute tiefste Scham empfinde. Ich war wütend darüber, dass mir niemand plausible Antworten geben konnte. Die Menschen, mit denen ich sprach, Priester, Lehrer, Menschen, von denen ich dachte, dass sie sich ernsthaft mit solchen Fragen auseinandergesetzt haben, dass diese Menschen sich entweder keine Gedanken dazu gemacht haben oder verwirrende oder gar unsinnige Antworten gegeben haben.

Was will Gott von mir? Dann kam der Islam.

Überzeugt davon, dass es eine Kraft gibt, welche das Dasein von der Inexistenz in die Existenz rückte, war ich schon immer. Es fühlte sich so an, als ob ich komplett von der prophetischen Botschaft abgeschnitten gewesen bin. Ich glaubte an die Kirche als Erbenträger Jesu, habe aber das Vertrauen an die Lehren der Kirche verloren und glaubte nicht mehr daran, dass es die Lehre von Jesus ist, wie er sie als Prophet gelehrt und gelebt hat.

Wie ich zum Islam kam, will ich nicht tief erläutern, letztlich stand die Behauptung im Raum, dass der Koran heute genau derselbe ist wie zur Zeit des Propheten Muhammad. Es war genau das, was ich gesucht hatte. Die Botschaft Gottes an seinen Propheten, welche bis heute unverändert blieb. Wenn dies nämlich tatsächlich so ist, dann müsste ich nur verstehen, was im Koran steht und was Gott mir durch ihn sagen will. Mit 21 Jahren wurde ich Muslim und mit 22 Jahren habe ich angefangen, Islamische Theologie zu studieren. Die Antwort auf meine Frage fand ich schnell im Koran, denn in ihm steht, dass er die Menschen erschaffen hat, damit diese ihm dienen.

Da war die Antwort doch! Das war’s schon. Schwarz auf weiß. Gott sagt mir mit einem Satz ganz genau, wieso ich existiere.

Es dauerte eine Weile, bis ich mich zu fragen traute, was Gott denn damit meine? Was soll das heißen, dass er mich nur erschuf, damit ich ihm diene? Das Studium der Islamischen Theologie war für mich persönlich ein extrem bereicherndes und prägendes Studium, denn es war nicht nur das akademische Studium, sondern auch außeruniversitärer Unterricht, reicher Austausch mit anderen Studierenden und charakterliche Entwicklung. Die eigentliche Frage blieb mir aber unbeantwortet. Ich verstand diesen Vers nicht.

Wenn ich mich frage, was Gott von mir verlangt, würde ich sagen, dass es die Berücksichtigung Gottes im Leben ist. Er möchte, dass wir ihn nicht vergessen und die beste Berücksichtigung Gottes im Leben ist das tägliche Gebet. Deswegen bete und faste ich und mache mir noch immer viele Gedanken über Gott im Laufe meines Tages. Ich berücksichtige ihn, ähnlich, wie ich meine Mama bis zum Erwachsenenalter und zum Teil auch heute noch ständig im Gedächtnis mitgetragen hatte und deswegen keinen Mist baute, pünktlich zu Hause war und mir Mühe in der Schule gegeben habe, weil ich meine Mutter nicht enttäuschen wollte.

Eine ähnliche Beziehung pflegte und pflege ich mit Gott; jedoch im Sinne einer Gott-Mensch-Beziehung. Ich akzeptierte die Gebote und Verbote, aber ganz ehrlich, verstehen, warum Gott mich in die Existenz brachte, das tat ich noch immer nicht – bis mir irgendwann aufgefallen ist, dass ich diese Frage immer aus meiner eigenen Perspektive gestellt habe. Auf der Existenzebene Gottes kann ich mir diese Frage gar nicht beantworten, da ich keine Empathie zu Gott aufbauen kann. Wie könnte ich das als menschliches Wesen mit allem, was zum Menschsein dazugehört?

Meine Wahrnehmung ist mit der von Gott doch gar nicht vergleichbar. Er ist Gott und ich bin ein Mensch. So simpel, wie es klingen mag, aber das erstmal zu verstehen und zu verarbeiten, hat mich Zeit und Gedanken gekostet. Ich erkannte, dass dieses Leben, meine Gedanken, meine Wahrnehmung dazu geführt haben, dass ich einen Sinn, einen Wert in meinem Leben sehen möchte. Ich wollte etwas, wofür ich den ganzen und jeden Tag arbeiten kann. So arbeiten, wie man es von einigen erfolgreichen Menschen wie Elon Musk kennt, der täglich daran arbeitet, Raketen herzustellen, die den Menschen letztlich auf den Mars schicken sollen (ja, ich bin ein Fan von Musks Arbeit). Solche Menschen beeindrucken mich, Menschen mit unendlichem Elan, Menschen, die ihr Leben für eine Aufgabe buchstäblich hergeben.

Ich erkannte, dass meine Suche nach der Antwort, wieso Gott mich und mein Leben schuf, in Wirklichkeit eine Suche nach etwas war, womit ich mein Ego brüsten konnte. Ich wollte wertvoll sein. Ich wollte etwas Besonderes vor Gott sein, aber es ist Gott, der besonders ist und nicht ich. Das heißt nicht, dass ich oder irgendein Mensch wertlos ist, denn schließlich sagt Gott selbst, dass er die Kinder Adams, die Menschen, ehrt. Es ist vielleicht eine bittere Erkenntnis für mich und vielleicht auch für den Leser dieser Worte, aber es sind meine ehrlichen Gedanken. Man könnte sich fragen, ob ich depressiv bin. Glücklicherweise ist das definitiv nicht der Fall! 

Ich möchte ehrlich sein. Oft war es während des Theologiestudiums so, dass ich nur studierte, um gesehen zu werden – jetzt oder in Zukunft. Die meiste Zeit habe ich es aber gar nicht gemerkt bzw. mir eingeredet, dass es einen anderen Grund gab. Ich wollte lehrend sein und lebte gelernte Bescheidenheit. Eine lange Zeit habe ich auch gelernt, damit mein mir geliebter Lehrer mit mir zufrieden ist und mich toll findet. Schreibe ich diesen Text hier vielleicht deswegen, damit die Menschen meinen Namen sehen? Ja, ich denke, dass es zu einem gewissen Teil leider so ist, aber das ist nicht der Hauptgrund und es war zu Beginn kein Antrieb. Die Gedanken kamen aber trotzdem. Mein Ego kämpft mit diesen Gedanken und meine Gefühle lieben es, mich zu belügen; aber es ist die Wahrheit, dass ein Teil in mir es einfach liebt, wie ein Kind gelobt zu werden.

Also nochmal, warum schuf Gott mich? Die Antwort steht noch immer im Koran, nämlich, damit ich ihm diene. Möchte Gott, dass ich nur noch in der Moschee schlafe und diese Welt vergesse? Er hätte 50 tägliche Gebete verlangen können2, aber es sind nur eine Handvoll Gebete, ein paar Stunden ohne Nahrung und der Verzicht auf wirklich wenige Dinge im Leben und ich möchte auch nicht vergessen, dass es auch Gottesdienst sein kann, wenn ich meine Kinder so gut wie möglich zu erziehen versuche.

Was das Leben für mich ist? Aslamtu – ich akzeptiere das Gottsein Gottes und mein Menschsein.

Was der Sinn des Lebens für mich ist? Es ist ein geduldiges und schönes Abwarten auf den Tod, auf die bestmögliche Art und Weise, ohne Gott zu vernachlässigen, gar zu ignorieren, mit der Hoffnung darauf, dass Gott damit zufrieden ist und es gibt so viele Dinge auf dieser Welt, mit der man schön und geduldig das Leben verbringen kann.

Der Gelehrte Ash-Shuqayr, ein enger Schüler von Sheikh Ramadan al-Buti, sagte einmal unter Tränen der Erinnerung an seinen Lehrer, dass dieser (al-Buti) sagte: „Yaum au Yaumayn/Ein oder zwei Tage. Könnt ihr nicht ein oder zwei Tage geduldig auf dieser Welt verharren?“.

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