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Ein „Nie Wieder“ muss wirken – auch in der Einwanderungsgesellschaft

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„Nie Wieder“: Erinnerungskultur verliert ihre Glaubwürdigkeit, wenn sie historische Sensibilität nur selektiv anwendet. Wer aus der Geschichte lernen möchte, darf nicht nur auf vergangene Opfer schauen, sondern muss aktuelle Entwicklungen erkennen.

Das Forum für Komparative Theologie an der Universität Paderborn organisiert regelmäßig das Format „Paderborner Gespräche“. Thema der letzten Veranstaltung war „Erinnerung suchen – Verletzlichkeit tragen“.

Die Organisatoren und Moderatoren des Abends Mohammed Abdelrahem, Yael Attia und Katja Grashöfer kamen mit den Referenten Ella Ponizovsky Bergelson, Martina Aras und Cemil Sahinöz ins Gespräch. Gemeinsam mit den Zuhörern, u.a. der muslimischen Hochschulgruppe DMMK, entwickelten sich daraus spannende Dialoge zum Umgang mit der Erinnerungskultur. Meine eigenen Thesen möchte ich hier kurz wiedergeben.

Geschichte wiederholt sich?

Der große muslimische Gelehrte und der Wegbereiter der Soziologe Ibn Khaldun schrieb einst den Satz: „Die Geschichte wiederholt sich.“ Dieser Satz klingt zunächst pessimistisch. Doch er beschreibt eine historische Realität, die Gesellschaften immer wieder verdrängen. Menschen glauben häufig, dass historische Katastrophen einzigartige Ausnahmen gewesen seien.

Dabei ähneln sich die gesellschaftlichen Mechanismen oft erschreckend stark. Ausgrenzung beginnt selten plötzlich. Sie wächst langsam, normalisiert sich schrittweise und tarnt sich fast immer als etwas Vernünftiges, Notwendiges oder Gesellschaftsschützendes.

Deutschland verfügt zweifellos über eine ausgeprägte Erinnerungskultur. Gedenkstätten, Bildungsprogramme, Schulunterricht und öffentliche Rituale sind Ausdruck eines ernsthaften historischen Verantwortungsbewusstseins. Doch die entscheidende Frage lautet nicht, ob erinnert wird. Die entscheidende Frage lautet, ob die Gesellschaft die Mechanismen erkennt, die damals wirkten und heute erneut entstehen können.

Denn „Nie wieder“ bedeutet nicht nur, historische Ereignisse emotional zu erinnern. Es bedeutet auch zu analysieren, welche gesellschaftlichen, politischen und psychologischen Mechanismen überhaupt dazu geführt haben, dass solche Entwicklungen entstehen konnten. Nur wer Ursachen erkennt, kann Wiederholungen vorbeugen. Erinnerungskultur darf sich deshalb nicht nur auf das Gedenken konzentrieren, sondern muss auch Frühwarnsystem gesellschaftlicher Entwicklungen sein.

Foto: USHMM | Lizenz: Public Domain

Erinnerung wird oft museal statt gesellschaftlich verstanden

Viele Formen der Erinnerungskultur konzentrieren sich stark auf die Vergangenheit als abgeschlossene historische Epoche. Genau darin liegt jedoch eine Gefahr. Erinnerung darf nicht nur rückwärtsgewandt sein. Sie muss gegenwartsfähig bleiben.

Wenn Erinnerung nur noch aus ritualisierten Formeln besteht, verliert sie ihre gesellschaftliche Schutzfunktion. „Nie wieder“ wird dann zu einem moralischen Symbolsatz, der zwar oft ausgesprochen wird, aber im Alltag kaum praktische Konsequenzen entfaltet. Man erinnert sich an historische Verbrechen, erkennt jedoch ähnliche Dynamiken, Strukturen und Mechanismen in der Gegenwart nicht rechtzeitig. Daher ist es wichtig, eine moralische Brück zur Gegenwart zu bauen.

Denn Diskriminierung beginnt nicht erst mit Gewalt. Sie beginnt mit Sprache, mit Pauschalisierungen, mit ständiger Verdächtigung, mit medialen Bildern, die bestimmte Gruppen immer wieder mit Problemen, Gefahr oder gesellschaftlicher Belastung verbinden. Sie beginnt dort, wo Menschen nicht mehr als Individuen wahrgenommen werden, sondern nur noch als Vertreter einer vermeintlich problematischen Gruppe. Vor allem wenn man der Diskriminierung gegenüber gleichgültig ist oder sie als normal empfindet, verbreitet sie sich rasant. 

Besonders problematisch ist dabei, dass Diskriminierung im Alltag häufig unsichtbar bleibt. Sie zeigt sich oft nicht offen, sondern versteckt sich hinter Witzen, beiläufigen Bemerkungen oder scheinbar harmlosen Sprüchen. Auch institutioneller Rassismus bleibt für viele unsichtbar, weil Betroffene die Benachteiligung häufig alleine erleben. Bei der Wohnungssuche, auf dem Arbeitsmarkt oder im Kontakt mit Behörden erleben Menschen Ausgrenzung oftmals subtil und ohne Zeugen. Gerade weil viele diese Mechanismen nicht unmittelbar sehen, muss Diskriminierung umso deutlicher sichtbar gemacht und benannt werden.

Ausgrenzung beginnt mit gesellschaftlicher Gewöhnung

Daher radikalisieren sich Gesellschaften selten abrupt. Viel häufiger gewöhnen sie sich Schritt für Schritt an neue Formen der Abwertung. Darin liegt die eigentliche Gefahr.

Wenn Menschen aufgrund ihres Namens schlechtere Chancen auf dem Wohnungsmarkt haben, wenn religiöse Symbole automatisch Misstrauen erzeugen oder wenn ganze Bevölkerungsgruppen unter Generalverdacht geraten, dann entstehen gesellschaftliche Muster, die ernst genommen werden müssen.

Viele Betroffene berichten nicht von einzelnen spektakulären Ereignissen, sondern von einer dauerhaften Atmosphäre subtiler Abwertung, wie z.B. von Blicken, Bemerkungen oder von der ständigen Erwartung, sich erklären oder distanzieren zu müssen. Solche Erfahrungen mögen für Außenstehende klein wirken. In ihrer dauerhaften Wiederholung entfalten sie jedoch eine enorme psychologische Wirkung.

Besonders problematisch ist dabei die gesellschaftliche Tendenz zur Relativierung. Menschen hören häufig Sätze wie: „Das war bestimmt nicht so gemeint“ oder „Du bist zu empfindlich“. Dadurch entsteht eine zweite Verletzung. Nicht nur die Diskriminierung selbst belastet die Betroffenen, sondern auch die Erfahrung, mit ihrem Schmerz nicht ernst genommen zu werden. Betroffene sind dann doppelt belastet, da sie nicht wissen, wohin sie mit ihrem Problem hingehen können.

Viele Betroffene erleben zusätzlich ein tiefes Gefühl der Ohnmacht. Sie haben das Gefühl, dass sie sich gegen bestimmte gesellschaftliche Strukturen kaum wehren können. Deshalb ist es wichtig, Menschen nicht nur zuzuhören, sondern ihnen auch Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Dazu gehört, Grenzen setzen zu dürfen, Unterstützung zu suchen und das eigene Erleben ernst zu nehmen, statt sich selbst ständig infrage zu stellen.

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Foto: LSE

Ab wann Diskriminierung?

Dabei darf niemals vergessen werden, dass die Wahrnehmung der Betroffenen entscheidend ist. Viel zu oft wird versucht, Diskriminierung ausschließlich aus der Perspektive derjenigen zu bewerten, die sie verursacht haben. Doch entscheidend ist auch, wie Aussagen und Handlungen beim Gegenüber ankommen. Der islamische Gelehrte Mewlana Rumi formulierte es sinngemäß treffend: „Es kommt nicht darauf an, was du sagst, sondern was dein Gegenüber davon versteht.“ Viele Betroffene beginnen irgendwann an sich selbst zu zweifeln und fragen sich: „Bin ich zu empfindlich?“ Genau dieses Schuldgefühl verstärkt die psychische Belastung zusätzlich.

Wer bestimmt also, ab wann eine Handlung, ein Spruch Diskriminierung war? Hier zählt ganz klar das Gefühl des Betroffen. Ob eine Erfahrung als diskriminierend empfunden wird, kann deshalb nicht ausschließlich von der Absicht der handelnden Person abhängig gemacht werden. Natürlich gibt es Situationen, in denen Menschen keine bewusste Diskriminierungsabsicht hatten. Dennoch kann eine Aussage oder Handlung verletzend wirken und bei Betroffenen das Gefühl erzeugen, abgewertet oder ausgeschlossen zu werden. Deshalb muss das Empfinden der Betroffenen ernst genommen werden. Eine Gesellschaft, die Diskriminierung wirksam bekämpfen möchte, darf sich nicht nur fragen, was gemeint war, sondern auch, was tatsächlich ausgelöst wurde.

Erinnerung darf keine Hierarchie des Leids schaffen

Eine demokratische Gesellschaft muss in der Lage sein, verschiedene Formen von Diskriminierung gleichzeitig ernst zu nehmen. Antisemitismus muss kompromisslos bekämpft werden. Gleichzeitig darf die Gesellschaft nicht blind für antimuslimischen Rassismus, antischwarzen Rassismus oder andere Formen der Ausgrenzung werden.

Erinnerungskultur verliert ihre Glaubwürdigkeit, wenn sie historische Sensibilität nur selektiv anwendet. Wer aus der Geschichte lernen möchte, darf nicht nur auf vergangene Opfer schauen, sondern muss auch aktuelle Mechanismen der Entmenschlichung erkennen.

Dabei geht es nicht um Gleichsetzungen historischer Verbrechen. Geschichte wiederholt sich niemals identisch. Aber gesellschaftliche Dynamiken ähneln sich oft erstaunlich stark. Deshalb bleibt der Satz von Ibn Khaldun so aktuell.

Eine demokratische Gesellschaft muss früh reagieren

Das eigentliche Problem vieler Gesellschaften besteht darin, dass sie Gefahren erst erkennen, wenn sie bereits eskaliert sind. Doch demokratische Verantwortung beginnt viel früher.

Sie beginnt dort, wo Menschen systematisch ausgeschlossen werden, wo Vorurteile politisch normalisiert werden oder wo Minderheiten nur noch als Sicherheitsfrage oder kulturelles Problem diskutiert werden.

Eine funktionierende Erinnerungskultur müsste deshalb viel stärker präventiv wirken. Sie müsste Menschen befähigen, Mechanismen frühzeitig zu erkennen. Nicht erst Gewalt, sondern bereits ihre gesellschaftlichen Vorstufen.

Räume des Zuhörens

Gerade deshalb braucht es Räume des Zuhörens. In Therapie, Beratung und Seelsorge ist Zuhören eine der wichtigsten Kompetenzen überhaupt. Betroffene brauchen zunächst Menschen, die ihnen ohne Relativierung zuhören und ihnen Raum geben, über das Erlebte zu sprechen. Heilung beginnt oft genau dort, wo Schmerz ausgesprochen werden darf. Erst wenn Menschen ihre Erfahrungen erzählen können, ohne sich rechtfertigen zu müssen, entsteht das Gefühl, wieder gesehen und ernst genommen zu werden.

Verletzlichkeit ist dabei keine Schwäche, sondern etwas zutiefst Menschliches. Problematisch wird Verletzlichkeit erst dann, wenn Menschen mit ihrem Schmerz alleine gelassen werden. Deshalb müssen Gesellschaften lernen, Verletzlichkeit gemeinsam zu tragen, damit daraus keine Isolation entsteht. Betroffene brauchen sichere Räume, in denen ihre Erfahrungen ernst genommen werden und in denen sie nicht nur symbolisch eingeladen, sondern tatsächlich in Entscheidungsprozesse einbezogen werden.

Solche Räume schaffen Begegnung, Dialog und die Möglichkeit, unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen. Gerade in polarisierten Zeiten braucht eine demokratische Gesellschaft Orte, an denen Menschen einander zuhören, voneinander lernen und gemeinsam Verantwortung für gesellschaftlichen Zusammenhalt übernehmen.

Foto: Islamische Gemeinde Penzberg, Twitter

Kennenlernen

Wichtig ist deshalb vor allem echte Begegnung. Viele Vorurteile entstehen dort, wo Menschen einander nicht kennen. Ali, der Schwiegersohn des Propheten Muhammed, sagte einst sinngemäß: „Der Mensch ist Feind dessen, was er nicht kennt.“ Durch Begegnung und Kennenlernen erkennen Menschen häufig, wie viele Gemeinsamkeiten sie miteinander teilen. Darin liegt eine der wichtigsten Voraussetzungen für gesellschaftlichen Zusammenhalt.

„Nie wieder“ ist kein historischer Satz, sondern eine tägliche Aufgabe

Die größte Gefahr moderner Gesellschaften besteht nicht darin, dass sie sich für unmoralisch halten. Die größte Gefahr besteht darin, dass sie überzeugt sind, aus der Geschichte bereits ausreichend gelernt zu haben.

Doch Erinnerung ist niemals abgeschlossen. Sie ist kein Denkmal aus Stein, sondern eine gesellschaftliche Haltung, die sich jeden Tag neu bewähren muss.

„Nie wieder“ bedeutet deshalb nicht nur, an Vergangenes zu erinnern. Es bedeutet vor allem, heutige Mechanismen der Ausgrenzung zu erkennen, bevor sie sich gesellschaftlich verfestigen. Dann erst entscheidet sich, ob Erinnerungskultur tatsächlich schützt oder nur beruhigt.

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„Palästina, 1896“: Ein wichtiger Blick auf uns und auf Gaza

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Ein wichtiges Buch über Palästina, Gaza und die deutschen Debatten: Der Autor Muhammad Sameer Murtaza denkt beim Thema verschiedene Stränge zusammen.

(iz). Es gibt verschiedene Weisen, wie ein kritisches Milieu in Deutschland auf die Tragödie des palästinensischen Volkes und die fortschreitende Militarisierung des Nahen Ostens blickt.

Neben einem authentisch betroffenen Publikum haben manche Akteure in muslimischen Dunstkreisen diesseits und jenseits des Atlantiks das Thema für die eigene Sichtbarkeit instrumentalisiert. Dabei geraten jene ruhigen, analytische Stimmen ins Hintertreffen, die sich der bequemen Logik des Schwarz-Weiß verweigern.

Zu ihnen zählt der Autor sowie Islam- und Politikwissenschaftler Dr. Muhammad Sameer Murtaza. Als Philosoph hat er sich mit Arbeiten zur Philosophiegeschichte ebenso profiliert wie durch seine Texte zu Gewaltlosigkeit im neueren muslimischen Denken.

Sein Zugang ist geprägt von Reflexivität und Selbstkritik – eine Haltung, die sich durch sein Werk zieht. Mit zahlreichen Büchern und Essays, die im wissenschaftlichen Format und in Medien erscheinen, hat er sich als relevante Stimme in der Debatte um ein intellektuell ernstzunehmendes Islamverständnis im deutschsprachigen Raum etabliert.

In den letzten Jahren hat Murtaza Arbeiten vorgelegt, die den Nahostkonflikt, Palästina und Antisemitismus bewusst zusammendenken und aus einer muslimisch-deutschen Perspektive reflektieren. In dieser Kombination liegt die Relevanz seines Ansatzes. Sein Werk macht ihn zu einer der produktivsten Stimmen der deutschmuslimischen Gegenwartsdebatte.

Der Autor plädiert für eine differenzierte Kritik am Einsatz von Gewalt und ihren Subjekten – und für ein muslimisches Selbstverständnis, das sich der Komplexität der Gegenwart nicht entzieht.

Palästina oder verdrängte Diskurse in Deutschland

Soeben ist sein neues Buch „Palästina, 1896: Nakba, Gaza und der verdrängte Diskurs in Deutschland“ erschienen. Darin reflektiert er seine eigene Sprecherposition – ein wichtiger Ausgangspunkt. Einerseits sei er ein hier geborener „deutscher Staatsbürger“.

Zugleich gelte man für einen „beachtlichen Teil der Mehrheitsgesellschaft“ nicht als Bestandteil des „deutschen Wir“. Diese „verfassungsfeindliche Unterscheidung“ trete klar hervor, „sobald der Nahostkonflikt unsere Diskurse bestimmt“.

Mit Blick auf den Israel-Hamas-Krieg erkennt er Parallelen zur Zeit nach 9/11: Es „werden Mitbürger muslimischen Glaubens seit dem 7. Oktober 2023 wieder misstrauisch als Terroristensympathisanten beäugt“.

Trotz eingeforderter Loyalitätsbekundungen (und einer nicht zur Verfassung gehörenden Staatsräson) bleibe „stets ein Restverdacht“. Eine solche Form des Diskurses, so seine Diagnose, erfasst sowohl die Mehrheitsgesellschaft als auch „muslimische Mitbürger“.

Zugleich kritisiert Murtaza die hierarchische Diskursführung des offiziellen Deutschland im Umgang mit seinen Muslimen nach dem 7. Oktober 2023. Er fragt, mit welchem Recht ein Teil der Bevölkerung beansprucht, einem anderen vorzuschreiben, was er zu denken und zu sagen habe.

„Es scheint so, als sei es nicht gewollt, dass muslimische Mitbürger eigene Beiträge zur Diskursmatrix Schoa, Erinnerungskultur, Staatsräson und zum Nahostkonflikt einbringen. Ihre Beiträge werden als eine ungebetene Einmischung in das deutsch-jüdische und deutsch-israelische Verhältnis empfunden.“

Seine Diagnose der hiesigen Gesprächsführung zum Konflikt fällt entsprechend wenig schmeichelhaft aus: „Es geht weniger um Fakten als um Deutungshoheit und Ausschlussmechanismen. Doch eine Demokratie, die Millionen Bürger systematisch überhört, schwächt sich selbst, überlässt Diskurse den Ideologen und unterbindet Gespräche, die von Zwischentönen und Differenzierung leben.“

Zwangsräumungen

Foto: Ryan Rodrick Beiler, Shutterstock

Kein religiöser Konflikt

Zugleich formuliert er einen zentralen Einwand gegen die religiöse Aufladung eines Konflikts, der wesentlich um Ressourcen, Land und Kontrolle geführt wird.

„Der Nahostkonflikt ist kein Religionskonflikt. Er wird vereinfacht als solcher wahrgenommen, weil sich der israelische Staat als ‘jüdischer Staat’ und die Hamas als ‘islamischer Widerstand’ bezeichnen. Das Ergebnis: Weltweit lassen sich Juden und Muslime zu Parteisoldaten der israelischen Regierung oder der Hamas mobilisieren.

Jeder Waffengang zwischen Israelis und Palästinensern verstärkt und verfestigt Antisemitismus und Muslimfeindlichkeit im politischen Westen – sowohl in den jeweiligen Mehrheitsgesellschaften als auch innerhalb der beiden Religionsgemeinschaften“, schreibt er in der Einleitung seines Textes.

Der Autor spannt einen Bogen von der „Metaebene“ und der historischen Vorgeschichte über Propaganda und eine „alternative Ebene“ bis zu „Gesprächen über Israel und Palästina“. Er schließt mit Betrachtungen zur hiesigen „Diskursebene“ und dem Versuch, den Nahostkonflikt im Kontext von Frieden zu denken.

Die Metaebene im Blick

Die Metaebene des Buches legt das theoretische Fundament für Murtazas Blick auf Palästina, Gaza und den deutschen Diskurs. Ausgangspunkt ist die These, dass der Nahostkonflikt ohne eine kritische Betrachtung der westlichen Moderne nur verkürzt verstanden werden kann.

Die Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, aus der Französischen Revolution und der Aufklärung hervorgegangen, markieren zwar eine historische Zäsur, bleiben aber von Anfang an von einem „Schatten“ begleitet: Kolonialismus, Sklavenhandel, Ausbeutung ganzer Kontinente und die Herabwürdigung nicht-europäischer Kulturen.

Damit entsteht eine dauerhafte Diskrepanz zwischen universalistischem Anspruch und partikularer Praxis – ein struktureller Widerspruch, in dessen Licht der Autor auch das Handeln Israels betrachtet.

Von hier aus öffnet der Autor die Perspektive des Globalen Südens: Für viele Gesellschaften jenseits Europas waren Menschenrechte und Demokratie nie reine Emanzipationsprojekte, sondern zugleich Instrumente einer paternalistischen Überordnung. Der Kolonialismus erscheint ihm als „liberaler Autoritarismus“, gespeist aus der Überzeugung westlicher Überlegenheit und einer selbst auferlegten Zivilisierungsmission.

Diese Haltung wirkt, so seine Diagnose, bis in die Gegenwartspolitik fort – in Entwicklungszusammenarbeit, Interventionen und einem „liberalen Imperialismus“, der zur Not mit militärischen Mitteln Demokratie exportieren will. Der Globale Süden registriert dies als Muster: Werte werden proklamiert, aber selektiv angewandt.

Europas Verhältnisse brachten den Zionismus hervor

Der Autor erklärt, wie die europäische „Judenfrage“ – Europas Unfähigkeit, jüdische Minderheiten gleichberechtigt zu integrieren – zur Entstehung des Zionismus führte. 

Theodor Herzls politische Idee wird dabei nicht als religiöse Bewegung, sondern als säkularer Ethnonationalismus dargestellt, der von Anfang an koloniale Züge trug: Ignoranz gegenüber der ansässigen palästinensischen Bevölkerung, Vertreibungsgedanken und ein Überlegenheitsgefühl.

Dieser Teil mündet in der detaillierten Darstellung der Nakba – der systematischen Vertreibung von 700.000 Palästinensern 1947/48. Und er zeigt auf, dass dies kein Unfall des Krieges war, sondern Bestandteil einer bewussten Strategie.

Sorge Massenflucht Ägypten Wüstenlager

Foto: Get Archive, PICRYL | Lizenz: gemeinfrei

Eine Frage der Deutungshoheit

Der dritte Teil wendet sich den Deutungsrahmen zu, in denen Israel, Palästina und Gaza international verhandelt werden, und legt frei, wie stark Wahrnehmung durch Narrative strukturiert ist. Ausgangspunkt ist das im Westen verbreitete Bild Israels als „Schutzwall der Freiheit“ inmitten eines feindlichen arabischen Umfelds.

Murtaza liest diese Selbstbeschreibung als Fortschreibung kolonialer Denkfiguren: hier der aufgeklärte, demokratische Westen, dort eine diffuse, bedrohliche Peripherie. Ohne Israel seine demokratischen Institutionen abzusprechen, insistiert er auf den Widerspruch eines Staates, der sich zugleich als säkular und als dezidiert ethnisch‑religiös definiert – und verweist unter anderem auf die Einstufung Israels im V‑Dem‑Index, um diese Spannung zu unterstreichen.

Dem Narrativ der existenziellen Einkreisung stellt der Text eine nüchterne Betrachtung der regionalen Lage gegenüber. Friedensverträge mit Ägypten und Jordanien, die Normalisierung der Beziehungen mit Golfstaaten, wiederholte saudische Angebote im Rahmen einer Zwei‑Staaten‑Lösung – all dies zeichnet das Bild eines Umfelds, das deutlich weniger geschlossen feindlich ist, als es die gängige Rhetorik suggeriert.

Wo von einem „Meer arabischen Hasses“ gesprochen wird, macht Murtaza auf Kooperationen, Sicherheitsabkommen und ökonomische Interessen aufmerksam. Scharf fallen seine Beobachtungen aus, wenn er auf explizit rassistische Aussagen einzelner Regierungsmitglieder eingeht, die Araber herabsetzen und damit die Vorstellung kultureller Überlegenheit fortschreiben.

Der dritte Teil erfüllt im Gefüge des Buches eine doppelte Funktion: Er dekonstruiert die offiziellen und halboffiziellen Erzählungen, mit denen Gewaltpolitik legitimiert wird, und er verankert den Konflikt zugleich im Rahmen eines universalen Rechtsanspruchs.

Die Kritik an „Propaganda“ richtet sich nicht nur an Israel, sondern auch an jene westlichen Diskurse, die durch selektive Empörung und historische Analogien das Bild eines permanent bedrohten Ausnahmestaats stabilisieren.

Indem Murtaza dem die nüchternen Befunde des IGH und eine transnationale Perspektive entgegenstellt, bereitet er den Boden für den folgenden Teil, in dem es um mögliche Alternativen zu Gewaltspiralen und Abschottungslogik geht.

Gibt es Alternativen?

In der „alternativen Ebene“ wendet sich Murtaza von der Diagnose der Gewaltspiralen den Möglichkeiten eines anderen Umgangs mit dem Konflikt zu. Ausgehend vom Bild des „Gordischen Knotens“ argumentiert er, dass sich die verfahrene Lage weder durch militärische Überlegenheit noch durch terroristische Gewalt lösen lässt. 

Beide Strategien stabilisierten sich gegenseitig: Staatliche Repression nährt Radikalisierung, Anschläge legitimieren wiederum massive Gewalt und Einschränkungen von Rechten. Stattdessen plädiert der Autor für eine konsequente Suche nach Ansätzen, die auf gleichen Rechten, Rechtsstaatlichkeit und der Anerkennung von Leid auf beiden Seiten beruhen.

Terrorismus verurteilt er nicht nur moralisch, sondern auch als politisch „lächerlich“, weil er die eigenen Ziele untergräbt, Verbündete verschreckt und die Logik der militärischen Antwort stärkt.

Als positive Gegenfigur entwickelt Murtaza den gewaltlosen Widerstand und verweist auf historische Vorbilder wie die Anti‑Apartheid‑Bewegung oder bürgerrechtliche Kämpfe in anderen Teilen der Welt. Er zeigt, dass zivilgesellschaftliche Initiativen, Boykottformen und rechtliche Schritte langfristig mehr bewirken können als spektakuläre Anschläge, weil sie die universalen Maßstäbe, auf die sich der Westen offiziell beruft, gegen dessen eigene Doppelstandards in Stellung bringen. 

Zugleich rückt er „vergessene“ Akteure ins Blickfeld, etwa palästinensische Christen, die die einfache religiöse Frontstellung zwischen „jüdischem Staat“ und „islamischem Widerstand“ durchbrechen.

In der nüchternen Darstellung von Folter und Misshandlungen in israelischen Haftanstalten zeigt er schließlich, wie sehr auch ein demokratischer Staat seine moralische Glaubwürdigkeit verspielt, wenn er auf systematische Entwürdigung setzt. Die alternative Ebene ist kein fertiger Friedensplan, sondern eine Bündelung von Prinzipien und Praktiken, die aus der Logik von Vergeltung und Überlegenheit ausbrechen sollen.

Gaza Regierung

Foto: Alisdare Hickson, CC BY-NC SA 2.0

Lassen sich friedliche Wege finden?

In der „Friedensebene“ bündelt Murtaza seine zuvor entwickelten Fragen und Analysen zu einer Art normativem Prüfstein: Unter welchen Bedingungen ist Frieden überhaupt denkbar?

Er knüpft an seine beiden ersten Dialogfragen an (universelle Geltung der Menschenrechte, Unzulässigkeit von Völkerrechtsbrüchen) und ergänzt eine dritte Dimension: Kritik an israelischer Politik darf nicht in die Delegitimierung des Staates als solchem kippen, so wie umgekehrt die Berufung auf Israels Existenzrecht nicht dazu dienen darf, jede Kritik zu immunisieren.

Frieden setzt für ihn voraus, dass die beteiligten Akteure sich auf einen gemeinsamen normativen Boden einigen: gleiche Rechte statt ethnischer Hierarchien, Anerkennung beider Traumata (Schoa und Nakba) und der Verzicht auf selektive Empörung.

Konkrete politische Modelle – Zwei‑Staaten‑Lösung, binationaler Staat, Konföderation – bewertet er weniger als technische Blaupausen denn als jeweils nur dann tragfähig, wenn sie diese Grundbedingungen erfüllen.

Frieden ist in seiner Darstellung kein Moment der Versöhnungsromantik, sondern ein langfristiger Prozess, der Entmilitarisierung von Identitätspolitik, Abrüstung von Feindbildern und die Wiederentdeckung des Gegenübers als verletzlichen Menschen verlangt. 

Deshalb schließt der Teil nicht mit einem „Masterplan“, sondern mit einer nüchternen Aufforderung, Machtinteressen konsequent an Prinzipien zu messen – und nicht umgekehrt die Prinzipien an die Macht anzupassen.

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Tipps & Tricks: So können Zweifel ein Feindbild aufbrechen

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Erst schlagen, dann denken? Das darf nicht sein. Eine Forschergruppe hat nun Techniken entwickelt, wie man Feindseligkeit und Hass gegenüber dem politischen Gegner in der Gesellschaft abbauen kann.

(KNA). Die Studie „Bridging the Divide“ (Brücken schlagen) zeigt Wege auf, um Gewalt in der Gesellschaft zu reduzieren: Das berichtet der Wissenschaftler Steffen Moritz im Interview der „Süddeutschen Zeitung“.

Moritz leitet am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf den Forschungsbereich Neuropsychologie und Psychotherapie. „Bei den meisten unserer Probanden konnten wir in der Studie Feindseligkeiten und Hass reduzieren.“

Der Wissenschaftler hat nach eigenen Angaben eine Methode entwickelt, die ursprünglich zur Behandlung schwerer psychischer Störungen gedacht war – das Metakognitive Training (MKT). Mit dieser Methode könne man Zweifel säen und verdeutlichen, dass man nicht vorschnell urteilen sollte, sondern erst weitere Informationen sammeln muss.

Aus der ersten Anwendung dieser Fragetechnik sei eine Studie geworden, während der die Wissenschaftler gegenseitige Vorurteile von religiösen Gruppen reduzieren konnten. „Es ist uns gelungen, Vorbehalte von Muslimen gegenüber dem Christentum und vor allem dem Judentum zu reduzieren und andersherum.“

Bei der aktuellen Studie ging es nach Moritz’ Worten nun um Vorurteile, die Anhänger der Grünen und der AfD gegeneinander hegten. Ihnen seien Fragen gestellt worden zu verbreiteten politischen Stereotypen, deren Antwort ein Aha-Erlebnis auslöste. 

„Vermeintliche Gewissheiten über den ideologischen Gegner entpuppten sich als falsch“, so Moritz. Wem derart die Augen geöffnet würden, der sei bereit, die eigene Einstellung zu überdenken – und vor allem mögliche Konsequenzen wie Gewalt in Schach zu halten.

USA hass soziale medien

Foto: momius, Adobe Stock

Der Experte rät davon ab, den politischen Gegner stellen zu wollen: Dies rufe sofort Abwehr hervor. Sinnvoller sei, einander zuzuhören und ein Gespür dafür zu bekommen, wie der andere ticke.

Moritz: „Dann kann man Argumente entkräften und versuchen, dem anderen zu neuen Einsichten zu verhelfen, ohne dass der gleich die Seiten wechseln muss.“

„Mein Wunsch ist, dass die Fragetechnik Eingang findet zum Beispiel in den Schulunterricht, Kinder sollen lernen zu diskutieren und sich nicht niederzuschreien“, betont der Wissenschaftler.

„Wir als Gesellschaft müssen weiter auch mit Menschen reden, die weit links oder rechts stehen.“ – Die Studie wurde von Forschenden der Universitäten Hamburg und Augsburg durchgeführt.

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Debatte: Der „Westen“ ist kein Gegensatz zu „Islam“

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Hamid Dabashi ist ein bedeutender iranischer Intellektueller, der hinterfragt, wie Begriffe wie „der Westen“ und „der Islam“ im gegenwärtigen Denken konstruiert werden. (iz). Im Bereich der Kultursoziologie und der Islamischen […]

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(Islam)Debatte: eine sehr deutsche Form

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Debatte: In den letzten Monaten versteigt sich ein ressentimentgeladner Diskurs zur Leugnung bestehender Muslimfeindlichkeit. (iz). Immer mehr Stimmen behaupten, „antimuslimischer Rassismus“ sei eine linke Erfindung. Wer so argumentiert, bestreitet, dass […]

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Eko Fresh zur „Stadtbild“-Debatte

Eko Fresh stadtbild

Die „Stadtbild“-Debatte dreht sich immer weiter. Jetzt mischt auch der Rapper Eko Fresh mit. Was dahinter steckt und was daran neu ist, erklärt eine Soziologin.

(KNA). „Nee, wir sind brav, wir sind deine Putzkräfte“, rappt Eko Fresh. „Unsere Mamas feuert man für paar Schmutzreste, sofort kontrolliert, wenn ich mich in den Bus setze.“ Von Nikolas Ender

Der Song mit dem Namen „Friedrich“ geht, seitdem ihn der 42-jährige türkischstämmige Rapper in den Sozialen Medien gepostet hat, durch die Decke.

Was hinter den Zeilen steckt: das Gefühl, wegen des eigenen Aussehens wie Dreck behandelt zu werden; dass die eigenen Mütter in unterbezahlten Jobs arbeiten müssen, sozial prekär angestellt, ohne zu wissen, ob sie nicht jeden Moment diese Stelle verlieren; dass man „Racial Profiling“ erlebt, also dass Polizisten oder Zugpersonal nur wegen des Aussehens kontrollieren. Allein mit mehr als 100.000 Likes auf TikTok scheint Eko Fresh einen Nerv getroffen zu haben.

„Es sind nicht nur zwölfjährige Jungs, die Eko Freshs Musik gut finden“, sagt die Soziologin Heidi Süß von der Internationalen Hochschule IU in Erfurt, die sich seit langem mit Rap beschäftigt. „Freshs Fans kommen aus allen möglichen Alterskohorten. Viele von ihnen haben einen Migrationshintergrund und selbst Rassismus erlebt.“

Foto: Ö. Mutlu/X

Mit dem Lied knüpft Eko Fresh an eine Debatte an, die Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) vor etwa zwei Wochen bei einer Pressekonferenz ausgelöst hatte. „Bei der Migration sind wir sehr weit“, sagte der Kanzler. Binnen eines Jahres habe man die Zahl der Asylantragsteller um etwa 60 Prozent reduziert.

Und dann kam der entscheidende Satz, um den sich seitdem eine Debatte dreht in Deutschland; einem Land, das in einer der größten Wirtschaftskrisen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs steckt: „Aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem, und deswegen ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt auch in sehr großem Umfang Rückführungen zu ermöglichen und durchzuführen.“

Nach einem Kritikhagel bekräftigte der Kanzler seine Aussage noch mal – mit einer Erklärung, mit der Rapper Eko Fresh seinen Song einleitet: „Lieber Friedrich, du hast echt bezaubernde Töchter. Wir auch – aber unsere hausen in Löchern.“

In der Erklärung nach der CDU-Präsidiumsklausur hatte Merz gesagt: „Fragen Sie Ihre Kinder, fragen Sie Ihre Töchter, fragen Sie in Ihrem Freundeskreis herum. Alle bestätigen, dass das ein Problem ist.“ Das Problem – das ist laut Merz und einigen seiner CDU-Kollegen, die sich der Kritik angeschlossen haben, das viel besprochene „Stadtbild“.

Fresh beschäftigt mehr als das. Ihm geht es in seinem Song auch um die Armut, die Menschen in ihren eigenen vier Wänden erleben. Er fragt sich: Denkt der Kanzler auch an Frauen aus der Türkei, aus den arabischen Ländern oder anderen Gebieten? Oder spricht er nur für „weiße“ Frauen?

Kurzum: Wenn Merz über das Stadtbild spricht, beschäftigt ihn dann auch die wirtschaftliche Lage von Frauen mit Migrationshintergrund, die – so Eko Fresh – „in Löchern hausen“? Fresh wirft die Frage auf, für wen der Kanzler spricht, der ein Repräsentant aller Bürger des Landes ist. Dem Rapper geht es auch um migrantische weibliche Perspektiven.

„Rap war schon immer politisch“, erklärt Soziologin Süß. „In den Songtexten kamen immer auch mal Politikernamen vor.“ Rapper haben zum Beispiel über Angela Merkel gerappt, weil die Ex-Kanzlerin für viele eine weiße Mehrheitsgesellschaft repräsentierte.

Aber den Bundeskanzler so direkt mit Vornamen anzusprechen, ihm sogar einen ganzen Track zu widmen, so wie jetzt Friedrich Merz, sei eher die Ausnahme, so die Wissenschaftlerin.

„Die Erfahrung, sich fremd im eigenen Land zu fühlen, machen immer noch viele Menschen mit Migrationshintergrund“, sagt Süß. Fresh rappte dazu auch schon 2013 in seinem Lied „Quotentürke“: „Ganz egal, wie sehr ich mich auch änder’, ich bleib’ immer dieser Scheißausländer.“

Es lässt sich im Rap-Genre aber noch weiter zurückgehen: Die Heidelberger Hip-Hop-Gruppe Advanced Chemistry brachte bereits Anfang der 90er Jahre ein Rap-Lied zum Thema heraus. Es heißt: „Fremd im eigenen Land“. Heute hieße das Lied womöglich „Fremd im eigenen Stadtbild“. 

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Wenn Platons Weisheit auf Rhetorik trifft

Platon

Demokratie im Stress oder warum es sich lohnt, wieder Platon zu lesen. Einordnung einer aktuellen Debatte.

(iz). Es sind selten die lautesten Sendungen, in denen man den Puls einer Gesellschaft spürt, sondern die höflich geführten. So wirkte die ARD-Talkshow „Caren Miosga“ vom 17. November 2025 zunächst wie eine dialogische Insel im politischen Dauerfeuer.

Doch hinter dem ruhigen Tonfall zeigte sich eine Diagnose von bemerkenswerter Schärfe: Deutschland befindet sich in einer Vertrauenskrise – nur noch knapp die Hälfte der Bürger hält die Demokratie für funktionsfähig, fast 80 Prozent zweifeln an der Problemlösungsfähigkeit der Politik.

Platon oder wenn Kulturen aufeinandertreffen

In dieser Kulisse trafen der Jurist und Bestsellerautor Ferdinand von Schirach, die Grünen-Politikerin Ricarda Lang und Martin Machowecz, Chefredakteur der „Zeit“, aufeinander.

Was folgte, war ein lehrbuchartiges Zusammentreffen zweier politischer Kulturen: Schirach, der mit der Ruhe eines spätantiken Moralisten sprach, und Lang, die mit moderner, digital geschulter Rhetorik auf die Herausforderungen einer fragmentierten Öffentlichkeit reagierte.

Screenshot: ARD/Carmen Miosga

Der Streit drehte sich um Lügen und falsche Versprechen, Social-Media-Inszenierungen, den Dauerwahlkampf – und die Frage, ob unser System den Kompromiss allmählich verlernt.

Er lobte Langs rhetorisches Talent, stellte allerdings die Wirksamkeit politischer Kommunikation infrage: „Alles toll – aber es funktioniert nicht.“ Sie hielt dagegen, verteidigte die Debatte auf TikTok als Zugang zu jungen Wählern und kritisierte die Union, die „nicht einmal ihre eigenen Leute überzeugen“ könne.

Zugleich prallten zwei Demokratietherapien aufeinander: Lang forderte mehr Streitkultur, Schirach warnte vor der „Infantilisierung der Politik“ durch virale Selbstinszenierungen und plädierte für radikale Strukturreformen.

Schirach schlägt große Reformen vor

Staunend nahm das Publikum drei konkrete Vorschläge des Schriftstellers zur Kenntnis: Große Grundgesetzreform. Eine umfassende Neugestaltung der Verfassung mit teilweiser Entmachtung des Parlaments, um Stillstand zu brechen. „Machen Sie eine große Grundgesetzreform!“ – das sei der Weg aus der Koalitionslähmung.

Direkte Kanzlerwahl: Der Bundeskanzler wird direkt für sieben Jahre gewählt, ohne Möglichkeit einer zweiten Amtszeit. Sein Argument: „So entsteht Unabhängigkeit von Parteizwängen.“

Autonome Gesetzgebung: Der Kanzler darf drei Gesetze pro Legislatur eigenständig verabschieden – sie müssen nur vom Verfassungsgericht geprüft werden, nicht durchs Parlament debattiert. Nur so – fasste Schirach zusammen – können „schnelle, effektive“ Maßnahmen in Bereichen wie Infrastruktur oder Migration umgesetzt werden.

Wahlergebnisse merz

Foto: Ryan Nash Photography, Shutterstock

Keiner will ein „Weiter so!“

Einig waren sich die Diskutanten über die Gefahr des Stillstandes eines „Weiter so“, denn es droht die Stärkung der Extreme. Spätestens beim Thema AfD wurde es hitzig: Lang sah ein Verbot als legitim an, Schirach als „Offenbarungseid“ eines überforderten demokratischen Systems.

Die Sendung markierte damit mehr als eine Diskussion über Tagespolitik: Sie entblößte die tiefe Spannung zwischen Weisheit und Rhetorik in einer Öffentlichkeit, die immer stärker auf Tempo, Empörung und Effekte setzt. Ein Konflikt, den schon Platon vor 2.400 Jahren sezierte – und der angesichts der politischen Gegenwart überraschend aktuell wirkt.

Weisheit trifft Medienrealität: Warum Platon wieder relevant wird

Wir leben in einer Zeit, in der Politiker bewusst Lügen verbreiten, Fakten zu „Meinungen“ umdefiniert werden und Social-Media-Algorithmen Empörung belohnen. Genau deshalb, schreibt die Philosophin Angie Hobbs, wirkt Platon heute erstaunlich zeitgenössisch.

Sein Befund aus dem „Staat“ und dem „Phaidros“ ist eindeutig: Eine Gesellschaft bleibt nur dann gerecht und stabil, wenn ihre Führenden und ihre Bürger nach Wahrheit streben – nicht nach Macht, Aufmerksamkeit oder dem nächsten Wahlsieg.

Wer absichtlich Falsches sagt, der „Sophist“, beschädigt nicht nur das geistige Klima, sondern auch die Gemeinschaft selbst. Für Hobbs ist der moderne „post-truth politician“ schlicht der alte Sophist – nur mit besserer PR-Abteilung.

Platon versteht politische Kommunikation nicht als Schlagabtausch, sondern als Dialektik: ein hartnäckiges, gemeinsames Ringen um Erkenntnis. Die heutige Medienrealität könnte davon kaum weiter entfernt sein.

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Talkshows, Twitter-Dramen, Parlamentsbühnen – oft gewinnt nicht, wer recht hat, sondern wer lauter, schlagfertiger, emotionaler auftritt. Hobbs fasst es scharf zusammen: „We have become addicted to eristic (Streit um des Sieges willen) instead of dialectic (Streit um der Wahrheit willen).“

Im „Gorgias“ liefert Platon dafür ein bis heute treffendes Bild. Der echte Staatsmann ist der Arzt: einer, der bittere, aber heilende Medizin verschreibt. Der Populist ist der Koch: jemand, der serviert, was sofort schmeckt – Steuersenkungen, Feindbilder, einfache Lösungen. Gute Politik, so Platon, muss manchmal unbequem sein. Sie soll Menschen aus ihrer Höhle führen, nicht noch attraktivere Schatten an die Wand werfen.

Schon vor 2.400 Jahren warnte Platon vor dem geschriebenen Wort: Es könne nicht antworten, sich nicht verteidigen und sei anfällig für Missverständnisse. Hobbs zieht die Parallele zu Tweets und Memes – scheinbare Mini-Dialoge, die meist monologisch und hochgradig emotionalisierend wirken.

Wer heute Politik macht oder sie kommentiert, sollte Platon nicht als antiken Staubfänger lesen, sondern als hellsichtigen Beobachter unserer Gegenwart. Der Essay von Angie Hobbs ist dafür einer der stärksten Einstiege der letzten Jahre.

Literatur: Angie Hobbs, „Why Plato Matters Now“, The Philosopher 2023; Platon: Staat VII–X, Gorgias, Phaidros.

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Stadtbild: Wo sind wir eigentlich?

Stadtbild

Die Debatte über das Stadtbild übersieht wichtige Fragen zum öffentlichen Raum und der Bildersprache. Eine Chance für Muslime zur Positionierung.

(iz). Bildersprache statt Sachpolitik: Der Beitrag von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) zur Migrationspolitik, die das „Stadtbild“, also die urbane Erscheinung und Atmosphäre in deutschen Städten, beeinflussen soll, löste eine heftige Debatte aus.

Er betonte, dass seine Regierung die Asylzahlen von August 2024 bis August 2025 um 60 % gesenkt habe, aber „im Stadtbild noch dieses Problem“ bestehe. Er bezog sich damit in erster Linie auf die sichtbare Präsenz von Migranten ohne dauerhaften Aufenthaltsstatus, die er mit Sicherheitsproblemen, Kriminalität und einer Beeinträchtigung des urbanen Raums in Verbindung brachte. Auf Nachfrage präzisierte er später: Migration sei wirtschaftlich notwendig (etwa für den Arbeitsmarkt), es gebe jedoch „Probleme“ durch Personen ohne gültigen Status.

Stadtbild oder Klagen über die oberflächliche Betrachtung

In den sozialen Medien beklagen dennoch Tausende Bürgerinnen und Bürger mit Migrationshintergrund die fatalen Nebenwirkungen dieser oberflächlichen Bemerkung des Kanzlers. Sie kritisieren, dass nicht das Verhalten, sondern das Aussehen die alltägliche Beurteilung von Menschen in der Öffentlichkeit bestimme.

Diese „Bildsprache“ verlagere politische und strukturelle Fragen – etwa Armut, Bildung oder Integration – in den Bereich des Sichtbaren. Kritiker betonen, dass er damit Politik auf Wahrnehmung reduziere: Migration werde zu einem visuellen Ordnungsproblem, nicht zu einem komplexen sozialen Prozess.

Noch gibt es eine große Mehrheit in der Bevölkerung, die versteht, dass Kriminalität oder asoziales Verhalten kein integraler Bestandteil irgendeiner Kultur oder Religion sind. Die Probleme der Massenmigration lassen sich nur gemeinsam lösen – nicht gegen die Minderheiten, sondern mit ihnen.

Positiv gewendet, verknüpft die Debatte zwei entscheidende Aspekte künftiger Gesellschaftspolitik: Wer sind wir, und wo sind wir? Welche Identitäten entstehen im urbanen Raum des 21. Jahrhunderts? Wohin sollen sich unsere Städte entwickeln?

Darüber lohnt es sich, jenseits der Macht der Bilder, tiefer nachzudenken. Auch für Muslime ist es eine Herausforderung, eine positive Vision des Stadtlebens zu definieren.

Die Macht der Bilder oder die Macht des Raums?

Ganz unabhängig von der Rolle der Migration in unserer Gesellschaft muss man feststellen, dass sich unsere Städte in den letzten Jahrzehnten stark verändert haben. Der grenzenlose Kapitalismus hat den Raum entdeckt – und ihn besetzt. Wohnraum ist zur Ware geworden, Nachbarschaft zum Standortfaktor, und die Verödung der Innenstädte ist Realität.

Henri Lefebvre (1901–1991), französischer Philosoph und Soziologe, hat sich intensiv mit dem Verhältnis von Raum, Gesellschaft und Macht beschäftigt. Seine Raumtheorie („Théorie de l’espace“) entwickelte er vor allem in seinem Werk „La production de l’espace“ (1974; Die Produktion des Raums), das zu den einflussreichsten Ansätzen der kritischen Raumforschung, Stadtsoziologie und Geografie zählt.

Für ihn ist der Raum selbst zur Produktionskraft geworden: Nicht mehr nur Arbeit und Kapital, sondern auch der urbane Raum – sein Takt, seine Atmosphäre, seine soziale Dichte – sind Teil der ökonomischen Maschine. Wo sich Kapital verdichtet, entstehen auch Spannungen: Vertreibung, unbezahlbare Mieten, Verteilungskämpfe, das Gefühl, dass das eigene Leben in der Stadt immer weniger Platz hat.

Ein Blick in die Lebenswelt europäischer Städte zeigt den Wandel. Berlin war einst ein Labor sozialer Durchmischung; heute ist es ein Marktplatz der Spekulation. Ganze Stadtviertel verändern sich sichtbar. Die Mieten steigen schneller als die Löhne, und alte Strukturen werden verdrängt. Die Stadt der Künstler, Studierenden und Handwerkerinnen verwandelt sich in eine Stadt der Investoren.

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Foto: imago | Ina Peek

Gegenorte statt „Problemviertel“

Es mag überraschen, doch gerade in den verdrängten Rändern – in Neukölln, Wedding oder Moabit – bleibt etwas erhalten: ein urbanes Leben, das sich nicht planen lässt. Hier zeigt sich, dass das, was oft als „Problemviertel“ gilt, in Wahrheit zur sozialen Basis des Funktionierens gehört.

Überall in Europa – in den Cafés von Marseille, den Hinterhöfen von Rotterdam oder auf den Märkten Wiens – entfaltet sich eine andere Urbanität: eine, die sich der ökonomischen Logik entzieht. Hier ist Stadt nicht Produkt, sondern Praxis, ein Ort, an dem gewohnt, gehandelt, gebetet und improvisiert wird. Saskia Sassen nennt diese Räume „counter-geographies“ – Orte, an denen Menschen, oft Migrantinnen und Migranten, die Globalisierung von unten neu schreiben. 

Sie schaffen Verbindungen, Infrastrukturen und Ökonomien, die im Schatten der offiziellen Planung entstehen. Ohne diese informellen Strukturen würde keine europäische Stadt mehr funktionieren. Müllabfuhr, öffentlicher Transport, Pflegeheime, Gastronomie – sie alle ruhen auf migrantischer Arbeit, auf den Händen jener, die im Diskurs oft nur als „Zuwanderer“ erscheinen, im Alltag aber die Stadt am Laufen halten.

Ob es uns gefällt oder nicht: Moderne Städte im Zeitalter der Globalisierung sind kein Postkartenidyll mehr. Richard Sennett spricht von der Notwendigkeit eines „offenen Stadtplans“ – einer Architektur, die Wandel erlaubt und das Unfertige zulässt. Eine Stadt, ein Beziehungsgeflecht, das sich verändert, ohne seine Bewohner zu verlieren.

Diese notwendige Offenheit ist die Basis einer kulturellen Haltung: Moscheen, Märkte, Teestuben, Shisha-Bars und Imbisse sind keine Bedrohung der europäischen Stadt, sondern ihre zeitgenössische Fortsetzung. Sie zeigen, dass Urbanität immer schon Mischung war – von Kulturen, Sprachen, Rhythmen, Religionen und Konflikten.

Kein Recht auf Stillstand

In dieser Welt des Wandels gibt es kein Recht auf Stillstand. Die politische Romantik vieler Konservativer träumt den Traum vergangener Tage: die Stadt als Immunsystem, der Staat, der sich hinter Grenzzäune zurückzieht und den störenden Fremdkörper einfach abschiebt. Die Abwertung der anderen als „kulturlos“ stiftet keine eigene Kultur.

Notwendig ist ein breiter gesellschaftlicher Konsens, der gutes Verhalten honoriert, Kultur fördert und gemeinsames Handeln gegen Straftäter und Kriminelle organisiert. Eine gerechte Stadtpolitik muss über Identitätspolitik hinausgehen. Sie darf nicht nur fragen, wie jemand aussieht und wer dazugehört, sondern wie Teilhabe räumlich ermöglicht wird.

Die Kämpfe um Mieten, um öffentlichen Raum, um Zugänge zu Bildung und Pflege sind keine ethnischen Konflikte, sondern Auseinandersetzungen um Raumverteilung im Kapitalismus. Das heißt nicht, die Probleme der Migration zu leugnen – Drogenhandel, Gewalt gegen Frauen, Segregation, Sprachbarrieren und religiöse Spannungen sind real.

Aber sie entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern im dichten Geflecht aus Wohnungsnot, Arbeitsmarkt, Planungspolitik und Spekulation. Sind sie Symptome eines Systems, das Raum immer mehr als Ware begreift und nicht als Gemeingut?

In einer offenen Stadt würde der Wochenmarkt neben der Moschee und das Seniorencafé neben dem Halal-Restaurant nicht als Zeichen einer „Parallelgesellschaft“ gelesen, sondern als Ausdruck eines erweiterten urbanen Sinns: der Fähigkeit, Unterschiede räumlich zu organisieren, ohne sie negativ zu bewerten.

Am Kottbusser Tor: Kuppel und Minarett der Mevlana-Moschee prägen seit einiger Zeit das Stadtbild. (Foto: Shutterstock)

Was sind Stadt und Raum?

Denker wie Lefebvre wandten sich gegen die Vorstellung, die Stadt sei ein neutrales, leeres Gefäß, in dem gesellschaftliche Prozesse einfach stattfinden. Der Raum ist ein soziales Produkt: Er wird durch gesellschaftliche Praktiken, Machtverhältnisse, ökonomische Strukturen und symbolische Bedeutungen hervorgebracht. Jeder Raum ist also aktiv, dynamisch und historisch bedingt – nicht passiv oder vorgegeben. Lefebvre entwickelt ein Modell, um die soziale Produktion des Raums zu beschreiben.

Es besteht aus drei Dimensionen: dem physischen, materiellen Raum des Alltags – Straßen, Gebäude, Bewegungen –, also dem Raum, wie er gelebt und erfahren wird; dem Raum der Planer, Architekten, Politiker und Wissenschaftler – also den abstrakten, geplanten und vermessenen Räumen; und dem symbolischen, imaginären, emotionalen Raum – dem Raum, wie Menschen ihn deuten, erinnern und mit Bedeutung aufladen.

Eine zentrale politische Forderung Lefebvres (bereits 1968 formuliert): Jeder Mensch soll das Recht haben, an der Gestaltung und Nutzung des urbanen Raums teilzunehmen. Dieses „Recht auf Stadt“ ist eine Forderung nach Demokratisierung, Teilhabe und kollektiver Aneignung des urbanen Lebens.

Die umstrittene Aussage von Merz repräsentiert Lefebvres „konzipierten Raum“ – den abstrakten, von Eliten (Politik, Planer, Medien) diktierten Blick auf die Stadt, der Minderheiten unsichtbar macht, sie nur als Arbeitskräfte akzeptiert oder gar als Bedrohung pathologisiert. 

Das „Recht auf Stadt“ fordert stattdessen, dass Minderheiten – etwa Geflüchtete oder ethnische Gruppen – nicht als Objekte von Politik behandelt werden, sondern als Subjekte mit Stimme.

Es geht um das Recht auf Sichtbarkeit und Präsenz: Versammlungen oder kulturelle Praktiken sind – solange sie sich im gesetzlichen Rahmen bewegen – keine „Störungen“, sondern legitime Aneignungen des Raums, die Vielfalt bereichern.

Ja, es gibt die Probleme auf unseren Straßen, an Bahnhöfen oder in öffentlichen Anlagen. Nur, die Politik kann aus ihrer Verantwortung, in Bildung, Kultur und Sicherheit zu investieren, nicht entlassen werden.

Wer sich politisch äußert, ohne klare Differenzierung, stimmt das Gefühl der Bevölkerung auf den Straßen. Das Konzept der Psychogeografie, geprägt von Guy Debord, geht davon aus, dass das städtische Umfeld ein „unsichtbares Skript“ enthält, das Wahrnehmung und Verhalten lenkt. Wenn Menschen sich innerhalb einer Stadt bewegen, begegnen sie heute räumlichen Manifestationen sozialer Macht und Ohnmacht: Gated Communities, „Problemviertel“ oder teure Neubauquartiere.

Es lohnt sich, derartige Entwicklungen vorurteilsfrei auf sich wirken zu lassen. Das „Herumdriften“ (dérive) – das absichtslose Erkunden der Stadt – dient dazu, diese unterschiedlichen Dynamiken sichtbar zu machen und zu erleben.

Die Beschreibung einzelner Gruppen mittels negativer Bilder – wie dies in den Medien alltäglich geworden ist – birgt die Gefahr, die positive Gestaltungskraft von Migration grundsätzlich zu verleugnen. Migration kann, wenn man genau hinschaut, neue emotionale, kulturelle und affektive Dimensionen in urbane Räume einbringen.

In aktuellen Stadtforschungen, etwa zu „Berliner Topographien“, wird Migration sogar als konstitutiv für das Stadtbild verstanden: Sie prägt nicht nur die ökonomische, sondern auch die kulturelle und emotionale Landschaft einer Stadt.

Durch Spaziergänge, Begegnungen oder Stadterkundungen lässt sich untersuchen, wie Migrantinnen und Migranten – und nicht zuletzt Muslime – Räume gestalten und transformieren. Die direkte Begegnung ersetzt hier die distanzierte Sprache der Bilder. Die Psychogeografie bietet eine emotionale und erkenntniskritische Perspektive auf urbane Räume, die Migration nicht als „Problem“, sondern als bewegende Kraft versteht – eine Kraft, die die kollektive Atmosphäre, die ästhetische Wahrnehmung und das Machtgefüge des Stadtbilds tiefgreifend verändert.

Sie zeigt, wie gelebte Migration in das emotionale Geflecht der Stadt eingeschrieben ist und wie Menschen durch Bewegung, Erinnerung und Wahrnehmung die Stadtlandschaft immer wieder neu schaffen.

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Foto: imago/Steinert

Muslimen bietet sich eine Gelegenheit

Für Muslime bietet die Debatte die Gelegenheit, ihre eigene Rolle im Gemeinwesen zu justieren und – wenn nötig – das eigene Verhalten in der Stadt kritisch zu hinterfragen. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis unsere religiösen Einrichtungen nicht mehr nur in Hinterhöfen oder Gewerbegebieten zu finden waren.

Heute ist die Funktion der Moschee im Stadtbild vielfältig. Sie ist ein Raum mit Regeln – etwa zur Reinheit, zum Verhalten oder zu spirituellen Übungen. Zugleich ist sie ein offener Ort, der sich als Dienstleister und Begegnungsraum in der Nachbarschaft versteht.

Die Moschee strukturiert den Alltag der Gläubigen durch die Gebetszeiten – eine Form der Zeitordnung, wie Foucault sie als typisch für Heterotopien beschreibt. Das Bauwerk ist einerseits Teil des städtischen Raums, andererseits ein heiliger Ort, der sich von seiner Umgebung abgrenzt. Sie kann damit eine „Gegenplatzierung“ zur säkularen, profanen Welt darstellen.

Wenn sie vollständig in die gesellschaftliche Ordnung integriert ist, verliert sie jedoch ihre „Gegenort“-Funktion und öffnet ihre Türen als Begegnungsraum. Dann wird sie zum Topos, zum gewöhnlichen Ort innerhalb der Ordnung, nicht außerhalb oder gegenüber ihr. Topophilie (aus dem Griechischen tópos = Ort, philia = Liebe) meint die emotionale Bindung der Menschen zu bestimmten Orten – also eine liebende Zuneigung oder tiefe Affinität zu Räumen, die für sie bedeutungsvoll sind.

Diese Orte sind nicht nur geografisch oder architektonisch wichtig, sondern vor allem symbolisch, sinnlich und persönlich aufgeladen. Die Stadt erkaltet ohne solche Räume, in denen es nicht nur um Konsum geht, sondern um wesentliche Sinnfragen des Lebens – mitten in der Stadt. Dass Menschen unterschiedliche kulturelle oder religiöse Entwürfe leben, schützt uns vor der Uniformität, die das technologische Zeitalter hervorbringt.

Es ist wichtig, dass wir Muslime uns nicht nur im Rahmen der Identitätspolitik um uns selbst drehen, sondern uns auf den Stadtraum und die Landschaft um uns herum einlassen.

Auch unsere Einstellung verändert sich, wenn uns bewusst wird, wo wir leben: Die Geschichte unseres Ortes zu verstehen, die Umgebung zu erkunden und das Geistesleben unserer Nachbarschaft aufzunehmen, gehört zu unserem Leben dazu und prägt eine neue Identität. Auf diese Weise tragen wir zu einer Erneuerung der Kultur und zur Sinnstiftung bei. 

Auf gesellschaftspolitischer Ebene besteht die Herausforderung darin, jenseits der rein reaktiven Klage, unsere Beiträge für ein harmonisches Zusammenleben und für Problemlösungen zu definieren. Fest steht: Es gibt für rechtschaffene Muslime keinen Grund, sich zurückzuziehen. Vielmehr gehören gesellschaftliches Engagement an dem Ort, an dem wir leben, und vorbildliches Verhalten zu unseren wichtigsten Aufgaben.

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Wie Karten unser Weltbild beeinflussen

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Karten sind heute aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Doch hinter jeder steckt weit mehr als bloße Orientierung – sie spiegeln die Entwicklung von Wissenschaft, Macht und Ideologien wider. (iz). […]

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Befindet sich das Land auf der schiefen Bahn?

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