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Krieg als Umwälzung? Im Nahen Osten werden neue Allianzen möglich

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Pakistan, die Türkei, Ägypten und Saudi-Arabien entwickeln sich inmitten des Iran-Kriegs zu einem neuen regionalen Machtblock. Zusammengenommen stellen sie die politisch und militärisch einflussreichsten Länder mit muslimischer Mehrheit weltweit dar.

(The Conversation). Der pakistanische Premierminister Shehbaz Sharif gab bekannt, dass in den frühen Morgenstunden des 8. April ein zweiwöchiger Waffenstillstand zwischen den USA und dem Iran vereinbart worden sei. Vertreter beider Seiten nahmen an weiteren Unterhandlungen in der Hauptstadt Islamabad teil. Von Natasha Lindstaedt

Dies geschah weniger als zwei Wochen, nachdem Pakistan Gespräche mit Saudi-Arabien, Ägypten und der Türkei ausgerichtet hatte, bei denen die vier Länder ein Ende der Feindseligkeiten am Golf forderten.

Das Treffen etablierte das Quartett als primären Verhandlungskanal zwischen Teheran und Washington und könnte den Beginn einer neuen regionalen Ordnung signalisieren, die darauf abzielt, die Dominanz Israels und des Iran nach dem Krieg einzudämmen.

Schon vor Kriegsbeginn Ende Februar waren sowohl Tel Aviv als auch Teheran in der Region isoliert. Eine Annäherung von Israel an Saudi-Arabien, die das ursprüngliche Ziel der Abraham-Abkommen von 2020 war, ist ausgeschlossen. Sie zielten darauf ab, die Beziehungen zwischen Israel und anderen Staaten im Nahen Osten zu normalisieren.

Die VAE und Bahrain unterzeichneten im Rahmen der Abkommen Verträge mit Israel. Die Saudis haben jedoch seit langem erklärt, dass sie ihre Kontakte nicht normalisieren werden, bevor ein palästinensischer Staat gegründet wird, was in der Knesset in einer Abstimmung im Jahr 2024 ausgeschlossen wurde. Berichten zufolge will Saudi-Arabien Israel durch Syrien als Transitland für ein Glasfaserkabel ersetzen, das das Königreich mit Griechenland verbindet.

Die Türkei brach ihre Israelbeziehungen im Jahr 2024 aufgrund des Krieges gegen den Gazastreifen ab. Und die Beziehungen von Tel Aviv zu Katar verschlechterten sich im September 2025 als Folge eines israelischen Angriffs auf Hamas-Führer in Doha. Dieser zog eine einstimmige Verurteilung durch den UN-Sicherheitsrat nach sich.

Die einzigen wichtigen Verbündeten des Iran sind Russland und, in weitaus geringerem Maße, China sowie die Houthi-Rebellen im Jemen. Seit Beginn des Irankriegs hat sich Peking von Teheran distanziert. Die Huthi haben sich kürzlich zur Unterstützung des Iran in den Krieg eingeschaltet, wurden jedoch in den letzten Jahren durch israelische Angriffe geschwächt.

Die soliden Beziehungen von Katar und Teheran sind zerbrochen, nachdem seine Raketen am 18. März die wichtigste Gasanlage des Landes, Ras Laffan, getroffen hatten. Und die teilweise Entspannung zwischen ihm und Saudi-Arabien, die 2023 nach Jahren der Feindseligkeiten durch China vermittelt wurden, ist nun infolge der einseitigen Angriffe auf saudische Energieanlagen zunichte gemacht worden.

Vor diesem Hintergrund, in dem sowohl der Iran wie Israel als regionale Paria gelten, haben Pakistan, Saudi-Arabien, die Türkei und Ägypten ihre Bemühungen um Stabilität im Nahen Osten verstärkt.

Diese vier Länder haben einige gemeinsame Interessen, die ihren Wunsch erklären, die Region neu zu gestalten. Sie alle unterhalten politische und wirtschaftliche Beziehungen zu den USA und sind Mitglieder von Donald Trumps „Board of Peace“. Das 2026 gegründete Gremium hat sich zum Ziel gesetzt, globale Konflikte zu bewältigen und dauerhaften Frieden sowie den Wiederaufbau in Gaza zu erreichen.

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Foto: OrangeSalt, Shutterstock

Jedes Land leistet zudem wichtige Beiträge zu ihrem aufstrebenden Bündnis. Pakistan besitzt Atomwaffen, Saudi-Arabien besitzt die weltweit zweitgrößten Ölreserven, Ägypten kontrolliert den Zugang zur lebenswichtigen Wasserstraße des Suezkanals und die Türkei ist Mitglied der NATO.

Alle verfügen über eine recht fortschrittliche Rüstungsindustrie und haben zusammen eine Bevölkerung von 500 Millionen Menschen. Zusammengenommen stellen sie die politisch und militärisch einflussreichsten Länder mit muslimischer Mehrheit weltweit dar.

Doch diese vier Nationen sind nicht unbedingt natürliche Verbündete, und ihre Beziehungen waren im Laufe der Jahre von Turbulenzen geprägt. Ägyptens Verhältnis zu Saudi-Arabien beispielsweise wurde oft als „schwierige Ehe“ beschrieben.

Ägypten

Foto: Daniel Torok | Lizenz: gemeinfrei

Kairo war einst die treibende Kraft des panarabischen Nationalismus, einer Ideologie, die eine säkulare und einheitliche arabische politische Identität fördert.

Das Königreich hat diese Bewegung historisch gesehen als Bedrohung angesehen. Doch seit Abdel Fattah el-Sisi 2014 als ägyptischer Präsident an die Macht kam, wurden ihre Differenzen überwunden. Er bot 2015 staatliche und militärische Unterstützung für die saudische Operation gegen die Huthi an, woraufhin beide ihre Verteidigungsbeziehungen vertieften.

Insbesondere unter der Führung von Recep Tayyip Erdoğan hat sich Ankara als regionale Führungsmacht und Problemlöser positioniert. Doch auch die Türkei hat Phasen angespannter Beziehungen zu anderen regionalen Mächten durchlebt. Die von Ankara zu Kairo verschlechterten sich drastisch, nachdem der ägyptische Präsident Mohammed Mursi, ein enger Verbündeter, 2013 durch einen Staatsstreich gestürzt worden war.

2022 kam es zu einem Annäherungsprozess der beiden Ländern, gefolgt von einer Annäherung zwischen der Türkei und Ägypten im Jahr 2025. Erdoğan besuchte im Februar 2026 Kairo und Riad und hat verschiedene geo-ökonomische Rahmenkonzepte vorgeschlagen, um Asien mit Europa zu verbinden.

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Dazu gehört der sogenannte Nahost-Korridor, ein geplanter Wirtschaftskorridor, der die wirtschaftliche Integration zwischen Asien, dem Persischen Golf und Europa fördern soll.

Pakistan hat Saudi-Arabien hingegen bislang nicht zu Hilfe gekommen, als es im aktuellen Konflikt von Iran angegriffen wurde. Und das trotz der Unterzeichnung eines strategischen gegenseitigen Verteidigungsabkommens zwischen den beiden Ländern im Jahr 2025.

Saudi-Arabien, Ägypten, Pakistan und die Türkei waren nicht immer einer Meinung. Doch ihre Zweckbündnisse gewinnen nun zunehmend an Bedeutung, da die regionale Isolation Israels und Irans zunimmt.

* Im Rahmen einer CC-Lizenz übersetzt und veröffentlicht.

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Sudan: größte humanitäre Katastrophe der Welt

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Die Gesundheitsinfrastruktur des Sudan ist unter dem Druck des Konflikts zusammengebrochen. (IPS). Über 70 Prozent der Gesundheitseinrichtungen sind nicht funktionsfähig. Krankenhäuser wurden bombardiert, geplündert oder besetzt. Von Sania Farooqui Das […]

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Papst Leo: „Möge der Wahnsinn des Krieges ein Ende haben“

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Der Papst erachtet die weltpolitische Lage offenbar für so dramatisch, dass er zu einem weltweiten Friedensgebet aufrief. (KNA/IZ). Überraschung am 11. April vor dem Petersdom: „Wir wollen der ganzen Welt […]

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Die Rolle der Geografie und die Straße von Hormus

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Es gibt Orte, an denen die Geografie aufhört, bloße Landschaft zu sein, und zur Grammatik wird. Die Straße von Hormus ist ein solcher Ort.

(iz). Etwa vierzig Kilometer an der engsten Stelle breit, flankiert von iranischen Küstenbergen im Norden und der kahlen Felsküste Omans im Süden, verbindet sie den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und damit mit dem offenen Indischen Ozean.

Durch diesen Schlund fließen an normalen Tagen etwa zwanzig Prozent des weltweiten Erdöls und ein Viertel des globalen Flüssigerdgases. Es ist, als hätte die Erdgeschichte ein Nadelöhr in den Planeten gestanzt, durch das sich die Lebensadern der industrialisierten Welt zwängen müssen.

Seit dem 28. Februar 2026 ist dieses Nadelöhr verstopft. Nach amerikanisch-israelischen Luftangriffen auf iranische Atomanlagen hat Teheran die Straße von Hormus blockiert – mit Seeminen, bewaffneten Schnellbooten, Drohnenschwärmen und der schlichten physischen Präsenz einer Flotte, die zwar keinen Vergleich mit der US Navy aushält, aber an dieser einen Stelle nicht siegen muss, sondern nur stören.

Am 13. April 2026 verkündete Präsident Trump seinerseits eine Seeblockade iranischer Häfen. Zwei Blockaden, ein Chokepoint. Der Ölpreis kletterte über 103 Dollar pro Barrel. Vor Hormus stauen sich mehr als zweihundertdreißig Tanker, eine Armada des Wartens, beladen mit Öl, das nirgendwo hinfließen kann.

Man kann diese Krise lesen als das, was sie vordergründig ist: ein geopolitischer Konflikt um Irans Atomprogramm, eine Eskalationsspirale zwischen Washington und Teheran, ein Schock für die Weltwirtschaft. Man kann sie aber auch lesen als Bestätigung eines Satzes, den ein amerikanischer Marineoffizier vor vielen Jahren formulierte:

Wer die Seewege beherrscht, beherrscht den Welthandel –und damit die Weltpolitik. Der Mann hieß Alfred Thayer Mahan. Seine Ideen sind so alt wie das Dampfschiff und rufen angesichts des Drohnenschwarms über Hormus nach einer Aktualisierung.

Mahan und Geografie: Der Mann, der den „Middle East“ erfand

Alfred Thayer Mahan wurde 1840 in West Point geboren, wo sein Vater Dennis Hart Mahan als legendärer Professor für Militärtechnik lehrte – ein Mann, der noch den Geist Napoleons in die amerikanischen Kadettenköpfe pflanzte.

Der Sohn wählte nicht die Armee, sondern die Marine, diente im Bürgerkrieg auf der Seite der Union und verbrachte danach Jahrzehnte als wenig begeisterter Seeoffizier auf verschiedenen Schiffen. Das Denken über das Meer –machte ihn zum wirkungsmächtigen Marinetheoretiker der Neuzeit.

1885 wurde er Dozent, bald darauf Präsident des Naval War College in Newport, Rhode Island. Dort verfasste er sein Hauptwerk: The Influence of Sea Power upon History, 1660–1783, erschienen 1890. Das Buch ist eine historische Studie über den Aufstieg des britischen Empire, aber sein eigentlicher Gehalt ist strategisch.

Mahan identifizierte sechs Elemente der Seemacht: geografische Lage, Küstengestalt, Ausdehnung des Territoriums, Bevölkerungszahl, Nationalcharakter und Regierungsform. Aus diesen Faktoren destillierte er eine zentrale These von betörender Schlichtheit:

Die See ist die große Verbindungsfläche der Welt. Wer sie kontrolliert, kontrolliert den Handel. Wer den Handel kontrolliert, kontrolliert den Reichtum. Und wer den Reichtum kontrolliert, kontrolliert die Macht.

Das Buch schlug ein wie eine Breitseite. Kaiser Wilhelm II. befahl, es auf jedes Schiff der deutschen Flotte zu legen. Die japanische Marine übersetzte es umgehend. Was Clausewitz für den Landkrieg formuliert hatte – den Krieg als Fortsetzung der Politik –, leistete Mahan für die See: Er gab der Seemacht eine Theorie, eine Sprache und eine Rechtfertigung.

Doch das vielleicht atemberaubendste Vermächtnis Mahans liegt nicht in der Strategie, sondern in der Kartografie des Geistes. Im September 1902 veröffentlichte er in der Londoner „National Review“ einen Aufsatz mit dem Titel „The Persian Gulf and International Relations“.

Darin verwendete er einen Begriff, der bis dahin nicht existiert hatte: the Middle East. Mahan meinte damit nicht eine Kultur, nicht eine Zivilisation oder ein Volk. Er bescheibt eine maritime Lage – jene Zone zwischen dem Suezkanal und Singapur, in der sich die britischen Seewege nach Indien kreuzten und in der Russlands Expansion nach Süden aufgehalten werden musste.

Der „Middle East“ entstand nicht aus Ethnografie, sondern aus einer Seekarte. Es war ein strategischer Imperativ, bevor es ein geografischer Name wurde. Bis heute leben Hunderte Millionen Menschen in einer Region, deren Name von einem Mann stammt, der sie nie besucht hat.

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Foto: GRAPHIC DESIGN BLOG

Mahans Blick auf den Nahen Osten

Mahan sah den Persischen Golf, wie er alles sah: als Geometrie. Der Golf war für ihn das Schlüsselbecken der eurasischen Seekontrolle, ein Gewässer, das in seiner strategischen Bedeutung Gibraltar und Malta entsprach – das „Malta und Gibraltar“ des Indischen Ozeans, wie er es nannte.

Sein Blick war imperial und naval zugleich. Der Golf interessierte ihn nicht als Heimat von Fischern, Perlentauchern und Beduinen, sondern als Verlängerung des britischen Seekorridors nach Indien, als Gegengewicht zu russischer Expansion, als Drehscheibe einer Weltordnung, die auf offenen Seewegen beruhte.

In Mahans Logik war die Straße von Hormus das, was er einen „Chokepoint“ nannte – eine jener engen Stellen, an denen Geschichte entschieden wird. Chokepoints sind die Engpässe der Weltpolitik: der Suezkanal, die Straße von Malakka, der Panamakanal, die Dardanellen, und eben Hormus.

An diesen Orten schrumpft der Ozean zum Korridor, und wer den Korridor hält, hält den Schlüssel. Mahan dachte nicht ethnisch, nicht kulturell oder religiös. Er dachte geometrisch, definierte Positionen, Distanzen, Strömungen, Tiefenwasser und Ankergründe. Der Nahe Osten war in seiner Vorstellung ein Schachbrett, kein Teppich aus Geschichten.

Diese Reduktion war zugleich seine Stärke und seine Blindheit. Sie erlaubte ihm, Zusammenhänge zu sehen, die kulturell denkenden Zeitgenossen entgingen – etwa die Verbindung zwischen der Transsibirischen Eisenbahn und der britischen Flottenstation in Aden.

Aber sie machte ihn auch taub für alles, was sich nicht in Seemeilen messen ließ: die religiöse Dynamik der Region, den arabischen Nationalismus, der gerade erwachte, die soziale Sprengkraft des Öls, das man damals erst zu ahnen begann. Mahan lieferte eine Grammatik der Macht – aber keine Semantik der Lebenswelt.

Die Grammatik des Krieges

Kein Denker steht allein. Mahans eigentlicher Gegenspieler betrat vierzehn Jahre nach dem Erscheinen von „The Influence of Sea Power“ die Bühne: Halford Mackinder, ein britischer Geograf, der 1904 vor der Royal Geographical Society seine berühmte „Heartland“-These vortrug.

Mackinder argumentierte, dass die Ära der Seemacht zu Ende gehe. Die Eisenbahn, so seine Überlegung, verwandle das eurasische Kernland– jenen riesigen Raum von der Wolga bis zum Jangtsekiang, unzugänglich für Seeflotten – in eine Festung, die von innen heraus die Welt beherrschen könne.

Die Spannung zwischen Mahan und Mackinder wurde zum strukturierenden Dualismus des zwanzigsten Jahrhunderts. Seemacht gegen Landmacht, das angloamerikanische Modell offener Meere gegen das russisch-deutsche Modell der Binnenherrschaft.

Der Erste Weltkrieg, der Zweite, der Kalte Krieg– sie alle lassen sich entlang dieser Achse lesen. Die USA und Großbritannien als Seemächte, die ihre Herrschaft durch Flottenbasen, Handelsrouten und maritime Allianzen projizieren. Russland und –zeitweise – Deutschland als Landmächte, die den eurasischen Kontinent als strategische Tiefe nutzen.

Carl Schmitt, der brillante und kompromittierte Kronjurist des zwanzigsten Jahrhunderts, erhob diesen Dualismus in den Rang der Politischen Theologie. In „Der Nomos der Erde“ (1950) und in seiner kurzen, dichten Schrift „Land und Meer“ (1942) deutete Schmitt die Unterscheidung von See- und Landmacht als politisch-metaphysische Grundspannung.

Das Land, so Schmitt, ist der Ort der Ordnung, der Grenze, des Nomos – das Gesetz wächst aus dem Boden. Das Meer dagegen ist der Ort der Freiheit, aber auch der Gesetzlosigkeit, des Piraten und des Händlers, die im selben Wasser fahren. Die Weltgeschichte, in Schmitts Lesart, ist ein Kampf zwischen der Ordnung des Festen und der Fluidität des Meeres.

Schmitt geht jedoch weiter als eine bloße Metaphysik der Elemente. In seiner Analyse ist jede der drei klassischen Domänen – Land, See, Luft – nicht nur ein Kriegsschauplatz, sondern eine eigene Rechtsordnung. Das Land erzeugt Grenze und Besitz, Eigentum und Souveränität; es ist der Ursprung des Nomos als Landnahme, als konkrete Ordnung.

Das Meer dagegen kennt keine feste Grenze, keinen Nomos im Sinne des Bodens – es ist der Raum der freien Bewegung, des Handels, aber auch des Kaperns, des Piraten, der keiner staatlichen Ordnung untersteht. Schmitt beschreibt die Weltgeschichte des Rechts deshalb als permanenten Kampf um die Frage: Welche Ordnung – die des Landes oder die des Meeres – soll gelten?

Das Common Law, so Schmitt, ist im Kern ein maritimes Recht, während das kontinentaleuropäische Recht Landrecht ist, verwurzelt in Boden, Grenze und staatlichem Monopol. Der Erste Weltkrieg war für Schmitt auch ein Krieg dieser Rechtsordnungen: die Seeblockade Englands gegen das Landrecht Deutschlands.

Dann kam das Flugzeug – und es fügte eine dritte Rechtsordnung hinzu, die keine der beiden alten akzeptierte. Die Luft kennt keine Grenzen, keine Küstenlinien und keine Hoheitsgewässer: Sie ist der absolute Bewegungsraum.

Giulio Douhet, ein italienischer General, veröffentlichte 1921 sein Werk „Il dominio dell’aria“ – Die Luftherrschaft – und argumentierte, dass das Flugzeug alle bisherigen Strategien entwerte. Wer die Luft beherrsche, könne sowohl Land als auch See von oben kontrollieren. Das Vertikale trat gleichberechtigt neben das Horizontale. Der Krieg wurde dreidimensional.

Der Philosoph Martin Heidegger hätte diese Entwicklung vermutlich als Ausdruck des „Ge-stells“ gedeutet – jener technischen Verfassung der Moderne, die das Seiende nicht mehr als konkreten Ort erschließt, sondern als abstrakte Ressource.

Das Flugzeug ist Symbol des Ge-stells im reinsten Sinne: Es löst den Menschen vom Boden, verwandelt die Landschaft in eine Karte, den Ort in eine Koordinate. Die Welt wird zur Vogelperspektive.

Was Mahan noch als physische Geografie dachte – die Küste, die Meerenge, der Hafen –, wird aus der Luft zur abstrakten Fläche, zum Planquadrat. Die „Entbergung“ des Raums durch das Flugzeug ist die technische Verwandlung von Ort in Position.

Und heute? Heute ist die Drohne die Vollendung und zugleich die Auflösung von Mahans Welt. Iran, so berichten westliche Geheimdienste, kann zehntausend Drohnen pro Monat produzieren – billige, schwarmfähige, präzise Waffen, die keine Piloten brauchen und die teuren Flugzeugträger und Kampfflugzeuge der fünften Generation herausfordern.

Die asymmetrische Kriegsführung, die Iran im Persischen Golf betreibt, ist eine Anti-Mahan-Strategie in Reinform. Mahan glaubte an die „decisive battle“– die entscheidende Seeschlacht, in der eine überlegene Flotte die feindliche vernichtet und damit die Seeherrschaft erringt. Iran verweigert diese Schlacht.

Statt die US-Flotte in offener See herauszufordern, setzt Teheran auf permanente Erosion: Seeminen in den Fahrrinnen, Schnellboote mit Raketen, Drohnenschwärme, die zu klein sind für konventionelle Flugabwehr, Störsender, die Navigationsgeräte in die Irre führen, und die schiere Geografie einer Meerenge, in der ein Flugzeugträger so verwundbar ist wie ein Elefant in einer Gasse.

Die Kontrolle erfolgt nicht durch Präsenz, sondern durch Sperrung. Das Ziel ist nicht die Beherrschung des Meeres, sondern die Verweigerung des Meeres.

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Foto: Defense.gov Photos | Lizenz: Public Domain

Die Straße von Hormus 2026: Mahan in Echtzeit

Die Fakten: Nach den amerikanisch-israelischen Luftangriffen auf iranische Atomanlagen blockierte Iran die Straße von Hormus. Teherans Kalkül war simpel und brutal: Wenn ihr unsere Souveränität angreift, schneiden wir die Lebensader der Weltwirtschaft durch.

Es ist die Logik des Schwächeren, der seinen einzigen Trumpf ausspielt – die Geografie. Die Straße ist eng genug, dass sie sich mit begrenzten Mitteln sperren lässt, und wichtig genug, dass ihre Sperrung die ganze Welt betrifft.

Am 13. April 2026 reagierte US-Präsident Trump mit einer Gegenblockade: amerikanische Kriegsschiffe vor iranischen Häfen, ein Embargo auf iranische Öl- und Gasexporte, durchgesetzt mit der Feuerkraft einer Trägerkampfgruppe.

Irans Armee nannte dies „Piraterie“ – ein Wort, das Carl Schmitt gefallen hätte, denn es verweist auf genau jene Gesetzlosigkeit des Meeres, die er beschrieben hatte. Wie dieses Problem zu lösen ist, beschäftigt nun die ganze Welt.

Sicher ist heute nur, dass die ökonomischen Folgen der Blockaden verheerend sind. Der Ölpreis durchbrach die Hundert-Dollar-Marke und pendelt sich bei über hundertdrei Dollar ein. Banken warnen vor einem „geopolitischen Inflationsschock“. Europäische Industrien, die auf Flüssigerdgas aus Katar angewiesen sind, suchen hektisch nach Alternativen. 

Raffinerien in Indien und Südkorea fahren die Produktion herunter. Die Versicherungsprämien für Tanker im Golf haben sich verfünffacht. Es ist, als hätte jemand den Wasserhahn der Weltwirtschaft zugedreht – nicht ganz, aber genug, dass überall der Druck sinkt.

Mahan würde diese Situation mit grimmiger Zufriedenheit betrachten. Alles, was er beschrieben hat, stimmt: Der Chokepoint ist real, die Seeherrschaft entscheidend, die Geografie unbarmherzig.

Aber er hätte vermutlich einen entscheidenden Aspekt nicht vorhergesehen: dass der Unterlegene – Iran, ohne Flugzeugträger, ohne Hochseeflotte, ohne globales Bündnissystem – durch Minen, Drohnen, Satellitenstörsender und asymmetrische Guerillataktik den Chokepoint genauso effektiv sperren kann wie eine konventionelle Großmachtflotte.

Die decisive battle, auf die Mahan alles setzte, findet nicht statt. Stattdessen ein zähes, nervenaufreibendes Ringen um jeden Kilometer Fahrrinne, ein Krieg der tausend Nadelstiche. Mahan hat die Bühne richtig beschrieben – aber das Stück, das darauf gespielt wird, hätte er nicht erkannt.

Jenseits Mahans?

Die Frage, die sich nach Hormus stellt, ist nicht, ob Mahan recht hatte, sondern ob seine Beschreibung noch ausreicht, um die Welt zu lesen. Denn seit Mahan hat sich die Dimensionalität der Macht vervielfacht.

Zur See, zum Land, zur Luft sind der Weltraum und der Cyberraum getreten – die vierte und fünfte Dimension der Kriegsführung. Über der Straße von Hormus tobt ein unsichtbarer Krieg um Navigationssatelliten: Störsender verwirren die GPS-Signale der Tanker, neue Technologie gaukelt ihnen falsche Positionen vor, elektronische Kriegsführung blendet Radarsysteme.

Die Kontrolle über Kommunikations- und Navigationssysteme wird zur neuen Seekontrolle – wer die Signale beherrscht, beherrscht die Fahrrinne, auch ohne ein einziges Schiff darin. Es ist eine Machtform, die Mahan nicht kannte: die Herrschaft über das Unsichtbare.

Künstliche Intelligenz und autonome Waffensysteme verschieben die Gleichung weiter. Die Europäische Union legte 2026 einen Plan vor, der die Entwicklung autonomer Kampfsysteme beschleunigen soll.

Drohnenschwärme, die nicht von Menschen gesteuert werden, sondern von Algorithmen, die in Millisekunden über Angriff oder Ausweichen entscheiden – das ist die Vollendung von Douhets Luftherrschaft und zugleich ihre Transzendenz. Die decisive battle wird zur algorithmischen Entscheidung, schneller als jeder Admiral denken kann, unsichtbar, unpersönlich, unwiderruflich.

Und doch: Der Chokepoint bleibt. Das ist die hartnäckige Wahrheit, die sich allen technologischen Revolutionen widersetzt. Man kann den Cyberraum hacken, man kann Satelliten stören, man kann mit Algorithmen Systeme überfluten – aber die Straße von Hormus kann man nicht digitalisieren.

Sie ist da, physisch, geologisch und unwiderruflich. Vierundfünfzig Kilometer Wasser zwischen zwei Felswänden. Kein Code der Welt macht sie breiter, kein Algorithmus macht sie unnötig, solange die Welt auf Öl und Gas angewiesen bleibt. Die physische Geografie ist hartnäckiger als jede Technologie. Darin hat Mahan recht behalten, über alle Revolutionen hinweg.

Was also bleibt von Mahan?

Die Grammatik der Macht hat sich verändert – ihre Topografie nicht. Wir leben in einer Welt, die Mahan verstehen würde, auch wenn er ihre Werkzeuge nicht kennt. Er würde die Drohnen nicht begreifen, aber er würde die Karte begreifen. Er würde den Cyberkrieg nicht fassen, aber die Blockade.

Nur: In seinen Seekarten kamen keine Menschen vor – nur Flotten, Häfen und Distanzen. Der Nahe Osten war ein Schachbrett. Die Perlentaucher von Bahrain, die Fischer von Bandar Abbas, die Händler von Maskat – sie existierten in seiner Theorie nicht, weil sie damals strategisch irrelevant waren.

Diese Blindheit ist nicht nur ein persönliches Versäumnis, sondern ein strukturelles Problem jeder geopolitischen Theorie, die den Raum nur als Machtraum denkt und nicht als Lebensort verschiedener Zivilisationen.

Und noch eine Frage wirft das Drohnenzeitalter auf, die Mahan und Schmitt gleichermaßen überfordert hätte: Wann ist Frieden? Die klassischen Rechtsordnungen kannten eine klare Schwelle – Kriegserklärung, Waffenstillstand und Friedensvertrag.

Die Grenze zwischen Krieg und Frieden war eine juristische Linie, auch wenn die Realität sie oft überschritt. Im Zeitalter der Drohne ist diese Linie verschwunden. Eine Drohne, die jeder aus handelsüblichen Komponenten zusammenbauen kann, die keiner offiziellen Armee angehört, die per Telemetrie aus einem Container in einer Industriestadt gesteuert wird – sie kennt keine Kriegserklärung.

Sie tötet in Friedenszeiten, sie zerstört Infrastruktur ohne den formalen Akt des Krieges, sie macht aus dem Friedenszustand einen Graubereich, den das Völkerrecht noch nicht begriffen hat. Was bedeutet diese Innovation für unsere künftigen Vorstellungen von Krieg und Frieden, als unterscheidbaren Gegensätzen?

Frieden, so scheint es, ist heute weniger ein rechtlicher Zustand als ein temporäres Ausbleiben von Eskalation. Schmitt hätte diese Erosion des Freund-Feind-Schemas als das Ende des Politischen als solchem beschrieben – jenen Zustand, in dem nicht mehr erkennbar ist, wer mit wem im Krieg ist und wer es nicht ist. Mahan hätte nach der feindlichen Flotte gesucht und keine gefunden. Nur Schwärme. Nur Signale. Nur Störungen.

Vor Hormus, in den dunklen Gewässern des Persischen Golfs, liegen zweihundertdreißig Schiffe vor Anker. Ihre Lichter spiegeln sich im Wasser. Unter ihnen der Meeresboden, unbewegt seit Jahrmillionen.Über ihnen die Drohnen, summend wie mechanische Insekten.

Und irgendwo, in der Logik dieses Bildes, der Schatten eines Mannes, der vor über einem Jahrhundert eine Idee hatte, die sich bis heute nicht vollständig leugnen lässt: dass die Geometrie der Erde die Grenzen der Macht vorgibt.

Alfred Thayer Mahan hat in einer Sprache geschrieben, die uns bekannt vorkommt. Das humanitäre Desaster, das jeden Krieg begleitet und das Schicksal der Zivilbevölkerung kümmerte ihn wenig. Er hat vergessen, dass in den Räumen, die er definierte, auch Menschen vorkommen. Das ist sein Erbe – und seine Grenze.

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Evangelikale im Krieg: wie eine Prophezeiung

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Krieg am Golf: Nachdem die USA und Israel den bombardierten, stellten einige der loyalsten evangelikalen Anhänger von US-Präsident Trump den Krieg rasch als religiösen Kampf dar.

(The Conversation). Am Morgen, als die Angriffe begannen, schrieb der amerikanische Evangelist Franklin Graham auf X: „Betet für unser Militär bei der Operation gegen den Iran, für Präsident @realDonaldTrump und dafür, dass das iranische Volk von den Fesseln des Islam befreit wird.“ Mehr als 1.000 Zivilisten wurden seitdem getötet. Von André Gagné

In meinem Buch „American Evangelicals for Trump“ erkläre ich, wie eine der zeitgenössischen Interpretationen der „Endzeit“, der prämillennialistische Dispensationalismus, unter US-Evangelikalen nach wie vor großen Einfluss hat. Dispensationen werden als unterschiedliche Zeitabschnitte in der Geschichte angesehen, von denen man glaubt, dass sie von Gott bestimmt wurden, um die Angelegenheiten der Welt zu regieren und zu ordnen.

Diese Ideologie dient sowohl als Methode zur Auslegung der Bibel wie als Rahmen zum Verständnis ihrer Geschichte. Er lehrt, dass Christus vor der Endzeit wiederkehren und eine tausendjährige Herrschaft des Friedens und der Gerechtigkeit auf Erden einleiten wird, die gemeinhin als das Millennium bezeichnet wird.

Seit dem US-Angriff auf den Iran hat Greg Laurie, Gründer und Pastor der Harvest Christian Fellowship in Kalifornien, eine Reihe von Videos veröffentlicht, in denen er seine dispensationalistische Auslegung der aktuellen Events propagiert. Für ihn ist das nächste Ereignis auf „Gottes Kalender“ als die „Entrückung“ der Gemeinde bekannt, bei der „wiedergeborene“ Gläubige in den Himmel aufgenommen werden.

Foto: US-DoD/gemeinfrei

In manchen Auslegungen biblischer Prophezeiungen folgt auf sie die „Große Trübsal“, eine siebenjährige Zeit des Aufruhrs. Man glaubt, dass währenddessen das jüdische Volk seinen Tempel in Jerusalem wiederaufbauen wird, göttliche Gerichte die Erde heimsuchen werden und eine politische Figur namens Antichrist an die Macht gelangen wird.

Diese Zeit gipfelt bei dieser Weltanschauung in einer endgültigen Konfrontation zwischen Jesus und den vom Antichristen gegen Israel versammelten Völkern, genannt Armageddon. Danach soll Jesus sein tausendjähriges Reich von Jerusalem aus errichten, wobei die Nationen der Welt letztlich unter seine Herrschaft gebracht werden. Einige Evangelikale interpretieren den Konflikt von Iran und Israel durch dieselbe eschatologische oder „Endzeit-/Ende der Geschichte“-Brille.

Ihrer Auslegung zufolge werde der Iran in einigen prophetischen Auslegungen als eines der Länder identifiziert, die dazu bestimmt seien, eine Rolle in einem Konflikt zu spielen, der in Hesekiel 38–39 beschrieben wird und oft als die Schlacht von Gog und Magog bezeichnet wird.

Die evangelikale Influencerin Traci Coston bediente sich zudem einer numerologischen Wendung, um Darstellungen von Trump als neuen König Cyrus zu untermauern – eine Vorstellung, die von Lance Wallnau, einem einflussreichen Unternehmer aus der Pfingstbewegung, populär gemacht wurde.

Trump machte sich solche Ansichten über sich selbst zunutze und teilte am 9. März auf seinem Truth-Social-Account eine Prophezeiung aus dem Jahr 2007 von Kim Clement, einem Musiker, Pastor und beliebten Propheten, der 2016 verstorben ist.

Unter einigen Trump-nahen Führern in neopfingstlichen und -charismatischen Kreisen wird der Konflikt mit dem Iran als geistlicher Kampf interpretiert. Sie betrachten das Weltgeschehen als Teil eines andauernden Kampfes zwischen göttlichen und dämonischen Mächten und glauben, dass die Gebete der Christen dazu beitragen, das, was sie als böse Mächte ansehen, zurückzudrängen.

Währung Iran

Foto: rawf8, Shutterstock

Lou Engle, ein US-amerikanischer neo-charismatischer Prophet, schrieb einen Tag vor dem Angriff, dass sich im Jahr 2006 eine Gruppe von 70 Gläubigen in Boston zu einer 40 Tage und Nächte dauernden Gebetszeit versammelt habe.

Er bezog sich dabei auf die Prophezeiung aus Jeremia 49,34–38, in der das Gericht über Elam – eine antike Region im heutigen Süden des Iran – angekündigt wird. Unter Berufung auf diesen Text sagte er, die Gläubigen hätten gebetet, „Gott möge den Bogen des Islam zerbrechen und seinen Thron im Iran errichten“.

Das jüdische Purimfest, das am 2. und 3. März gefeiert wurde, wurde herangezogen, um den aktuellen Krieg als geistliche Auseinandersetzung zu erklären. Diese Sichtweise gründet sich darauf, dass einige dieser pro-Trump-Pfingstführer Beispiele für kosmische Kämpfe in biblischen Texten sehen.

Die Vorstellung von einem weltweiten Erwachen in der Endzeit ist nicht neu. Die frühen Pfingstler glaubten ursprünglich, sie lebten in dieser Phase und dass die Gabe der Zungenrede für die Mission gegeben worden sei. Ausgestattet mit der übernatürlichen Fähigkeit, nicht erlernte Sprachen zu sprechen, konnten sie nun in die ganze Welt hinausgehen und das Evangelium vor der Wiederkunft Christi verkünden.

Später vertrat die Bewegung aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, bekannt als New Order of the Latter Rain, eine Gruppe, die 1948 in North Battleford, Saskatchewan, eine Erweckung erlebte, eine ähnliche Sichtweise.

Foto: The White House | gemeinfrei

Ihre Ansichten hatten letztlich einen tiefgreifenden Einfluss auf die charismatische Bewegung weltweit. Die „New Order“ spaltete sich von den klassischen Pfingstlern in Kanada ab, da sie unter den Pfingstlern eine „geistliche Dürre“ empfanden und nun nach einer neuen geistlichen Erfahrung suchten.

Wenn US-Außenminister Marco Rubio sagt, dass das iranische Regime „Entscheidungen auf der Grundlage von Theologie trifft, und zwar ihrer eigenen, apokalyptischen Auslegung der Theologie“, und Kriegsminister Pete Hegseth erklärt, dass „verrückte Regime wie der Iran, die von prophetischen islamistischen Wahnvorstellungen besessen sind, keine Atomwaffen besitzen dürfen; das ist gesunder Menschenverstand“, dann stellt diese Rhetorik Teheran als ein Land dar, das in einzigartiger Weise von religiösem Extremismus getrieben wird.

Dennoch wurden trumpistisch-orientierte christliche Führer im Oval Office willkommen geheißen, um dem Präsidenten im Gebet die Hände aufzulegen, während Trump prophetische Botschaften über seinen Aufstieg zur politischen Macht verstärkt hat und seinen Anhängern damit signalisierte, dass seine Präsidentschaft göttlich vorherbestimmt sei.

Der Kontrast ist auffällig. Wenn religiöser Glaube die Politik von Rivalen prägt, wird er als gefährliche Theologie abgestempelt. Tritt er jedoch in Washington auf, wird er als göttliche Vorsehung dargestellt.

* Übersetzt und veröffentlicht im Rahmen einer CC-Lizenz.

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Ein Rückblick auf den Ramadan in Zeiten der Krise

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Der vergangene Ramadan war nicht nur ein spirituelles Ereignis, vielmehr stand er unter dem Schatten des Feuers, das in den vergangenen Monaten am Golf aufflammte, als Raketen und Drohnen zentrale Öl- und Gasanlagen trafen und in Brand setzten.

(iz). Zwischen Explosionen von Energieinfrastruktur, zeitweiligen Produktionsstopps und der lähmenden Dauerpräsenz von Kriegsbildern erlebten viele Gläubige einen Monat des Fastens, der zugleich Rückzug und Besinnung bedeutete. Denn gerade im Moment, in dem das Äußere unruhig wird, verdichtet sich die innere Erfahrung zu etwas Einfachem und Wesentlichem: dem Loslassen des eigenen Willens.

Wer fastet, erfährt das Fließende der Identität: Hunger und Durst lösen jene starre Vorstellung des Selbst auf, die sonst das Zentrum unserer Wahrnehmung bildet. Mit dem Verzicht entsteht kein Mangel, sondern eine andere Form von Gegenwart – das, was der Soziologe Hartmut Rosa die „Unverfügbarkeit des Weltbezugs“ nennt. Man kann die Erfahrung nicht erzwingen, sie bleibt Gabe.

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Foto: PlanetZ/Adobe Stock

Dieses Nichtwollen, das sich im Verzicht formt, schafft Raum für Hoffnung: auf ein gutes Schicksal für uns selbst und andere. Und darin öffnet sich die Nähe zum Wort der Offenbarung, das den Menschen nicht als Herren, sondern als Hörenden begreift. So zeigt sich, dass der Islam keine Ideologie, keine Weltanschauung im säkularen Sinn ist, sondern eine fortwährende Übung im Hören und Erkennen – eine spirituelle Anthropologie.

Ramadan ist keine Flucht aus der Welt. Das Fasten, das Gebet und der nächtliche Dialog mit dem eigenen Gewissen sind keine asketischen Praktiken zur Abschottung, sondern Formen der Resonanz.

Im Zustand des Gebetes entstehen Mitgefühl und Bewusstsein für das Elend anderer; insbesondere für diejenigen, die in den brennenden Zonen rund um die angegriffenen Städte und Energieanlagen leben und deren Lebensgrundlagen – Arbeit, Wasser, Luft – in Mitleidenschaft gezogen werden.

Viele Muslime erinnerten in diesem Monat an die Namen der Kriegsopfer. Sie taten es nicht, um zu politisieren, sondern um ein Zeichen zu setzen. Innen und außen geraten in Balance: das Innerliche dient als sensorische Verfeinerung des Blicks in die Welt.

Aus diesem Ramadan ergibt sich eine doppelte Lehre. Zum einen müssen wir unsere Erkenntnisverfahren überdenken – in einer Zeit, in der Bilder dominieren und Worte schwinden. Zum anderen verlangt das Politische eine neue Form des Denkens, die Identität nicht als Abgrenzung, sondern Identität als Durchlässigkeit vorstellt.

Und schließlich zwingen uns die zivilen Opfer, die Angriffe auf Energieinfrastruktur, die massiven Brände und die ökologischen Folgeschäden zu einer unbequemen Frage: Wie lässt sich politisch handeln, ohne in eine Logik abzurutschen, in welcher „der Zweck alle Mittel heiligt“?

Es war in diesem Monat leichter, auf Essen und Trinken zu verzichten, als das Handy aus der Hand zu legen. Jeden Abend fluteten neue Bilder aus der Golfregion durch die Feeds: Angriffe auf Israel, Feuerbälle über Öl- Terminals, zerstörte Anlagen in Saudi-Arabien, den Emiraten, Katar; die Medien versorgten uns mit Karten, Pfeildiagrammen und Expertenpanels. Die Wucht dieser Bilder lähmt mehr, als sie aufrüttelt.

Susan Sontag schrieb in „Über Fotografie“, dass Bilder zwar das Gewissen anstacheln, aber selten ethische Erkenntnis hervorrufen. „Fotos, die von sich aus nichts erklären können,“ schreibt sie, „fordern unwiderstehlich zu Deduktion, Spekulation und Phantastereien auf“. Der entscheidende Punkt: Ohne ein politisches Bewusstsein führen Bilder ins moralische Nichts. Heute, da jede Ideologie ihre eigene Bildwelt erschafft, gilt dies mehr denn je.

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Foto: cendhika/Adobe Stock

Fotos, einst Ersatz für Lesen, sind vielfach zum Ersatz für Denken geworden. Jede Bewegung, jede Nation bastelt aus Millionen von Motiven ihr eigenes Puzzle der Wahrheit. Das Resultat: eine überreizte Wahrnehmung, die innerlich abstumpft.

Der Ausweg führt nicht über visuelle Askese, sondern über Sprache – über Worte, die Bedeutung freilegen, statt bloß zu beeindrucken. Unser Anspruch muss sein, inhaltlich Beiträge zu schaffen, die nicht nur schockieren wollen, sondern Bedeutung vermitteln und uns verstehen lehren.

Als Gläubige wissen wir: Rituale verändern uns. Doch in einer Zeit, in der Religion als politisches Symbol missbraucht wird, droht diese Kraft sich zu verkehren. Identitätspolitik definiert, „wer wir sind“, über Abgrenzung und Konflikt, nicht über Glauben.

Dagegen lässt sich der Ramadan als transversale Praxis verstehen – nicht als Manifestation einer Gruppe, sondern als Übung, das Eigene zu relativieren und den anderen einzubeziehen. Der Verzicht öffnet den Blick, um im Nächsten nicht die Differenz, sondern das Gemeinsame zu erkennen.

Byung-Chul Han hat in seinem neuen Buch „Ohne Respekt. Eine soziale Krise“ (2026) eine scharfe Diagnose gestellt: Meinung darf nicht Identität werden; Respekt setzt Distanz voraus. „Wer sich zu einer Meinung als Identität bekennt“, lautet sein programmatischer Gedanke, „verliert die diskursive Freiheit, die Distanz zur eigenen Meinung voraussetzt“.

Diese Einsicht trifft das Herz unserer gegenwärtigen Krise. Wenn politische Ansichten zu Selbstausdrücken werden, verschwindet die Bereitschaft zum Dialog. Die religiöse Praxis – vom Gebet bis zur Fastenzeit – erlangt hier eine ungeahnte, andere politische Bedeutung: Sie lehrt uns, Distanz zu uns selbst zu wahren. Han fasst die Argumentation wie folgt zusammen: „Das Politische beginnt nicht mit der Feinderklärung, sondern mit dem Respekt als Aufmerksamkeit für den anderen. Fehlender Respekt führt zum Verfall des Politischen.“

Nikolaus von Kues sprach einst von der „Einheit in der Vielfalt“; der Fähigkeit, Differenzen zu denken, ohne sie zu verabsolutieren. In diesem Sinn bewahrt Religion ihre kritische Kraft gerade dann, wenn sie Macht, Nation und Ideologie gegenüber skeptisch bleibt. Für Muslime heißt das: Politik darf nicht zum festen Bestandteil des eigenen Ichs werden, sonst verliert man die Freiheit zur Prüfung, eine Fähigkeit, die jede Dogmatik übersteigt. 

Gerade die aktuelle Golfkrise stellt uns vor eine doppelte Herausforderung. Einerseits sehen wir, wie Konfliktparteien Energieanlagen, Häfen, Exportterminals zu strategischen Zielen machen und damit nicht nur militärische, sondern zivile Lebensadern treffen – mit langfristigen Folgen für Versorgung, Umwelt und globale Stabilität.

Andererseits wissen wir, dass kein Krieg – weder der Angriffskrieg noch der Verteidigungskrieg – sich auf einen moralischen Blankoscheck berufen darf, in dem der Zweck alle Mittel heiligt. Weder Religion noch Recht können der Maxime zustimmen, dass jedes Mittel erlaubt sei, wenn das Ziel nur hoch genug erscheint.

Aus islamischer, christlicher und säkular-rechtlicher Perspektive gilt: Es gibt Tabus, die nicht überschritten werden dürfen – die bewusste Tötung von Zivilisten, der Angriff auf elementare Lebensgrundlagen, die mutwillige Zerstörung der Umwelt, der Einsatz von Waffen, deren Wirkung sich nicht auf Kombattanten begrenzen lässt.

Das humanitäre Völkerrecht ist, bei all seinen Defiziten, der Versuch, diese Einsicht in Normen zu fassen; es verbietet etwa unterschiedslose Angriffe und verpflichtet zur Schonung von Zivilpersonen und kritischer Infrastruktur, soweit militärisch verantwortbar. Ohne diese Bindung verlieren wir die Fähigkeit Krieg und Frieden zu unterscheiden.

Gleichzeitig wäre es weltfremd, die Frage zu verdrängen, wie man auf Regime reagiert, die offen nach Langstreckenwaffen und Atomwaffen streben und ihre Nachbarschaft bedrohen. Wer nur auf ein abstraktes Ideal der Reinheit verweist, ohne die Sicherheitsinteressen der bedrohten Gesellschaften ernst zu nehmen, riskiert eine Hypermoral, die im Ernstfall handlungsunfähig macht.

Die schwierige Aufgabe politischer Ethik besteht darin, zwei Sätze gleichzeitig wahr sein zu lassen: Erstens, dass es absolute Grenzen der Mittel gibt, die auch im Namen der Selbstverteidigung nicht überschritten werden dürfen; zweitens, dass Untätigkeit gegenüber einem Regime, das nach Vernichtungswaffen strebt, selbst moralisch fragwürdig sein kann. 

Eine verantwortliche politische Theologie wird daher fragen: Welche Formen der Abschreckung, der Diplomatie, der Sanktionen, der begrenzten militärischen Intervention sind mit diesen Tabus vereinbar – und wo beginnt die Grenzüberschreitung, in der wir das, was wir schützen wollen, selbst untergraben?

Sie wird weder den Präventivkrieg leichtfertig legitimieren noch sich in einem moralischen Rigorismus einrichten, der reale Gefahren ignoriert. Zwischen Zynismus („alles ist erlaubt“) und Hypermoral („handeln ist immer schuldhaft“) entsteht ein schmaler Korridor verantwortlicher Politik.

Europa ist der Raum, in dem wir frei reden, denken und zweifeln dürfen. Diese Freiheit ist kein Gegensatz zur Religiosität, sondern ihr Komplement: Nur, wer frei ist, kann auch wahrhaft glauben. Religion kann – und muss – ein Korrektiv politischer Meinung sein, indem sie auch die eigenen Handlungen kritisch befragt. Glaubwürdigkeit entsteht, wenn Prinzipien wie das Völkerrecht nicht selektiv angewendet, sondern universell gelten – auf „uns“ ebenso wie auf „die anderen“.

Papst

Screenshot: Vatican News

Der Papst erinnerte jüngst daran, wie dünn die Linie zwischen Information und Propaganda geworden ist. In einer Botschaft an Journalistinnen und Journalisten mahnte Leo XIV. am 16. März 2026, die Medien müssten in Kriegszeiten besonders wachsam gegenüber der Gefahr sein, zum „Megafon der Macht“ zu werden, und hätten die Pflicht, Leid sichtbar zu machen und den Krieg „durch die Augen der Opfer“ zu erzählen.

Diese Worte enthalten eine einfache Wahrheit: Je weniger ein Krieg sich moralisch rechtfertigen lässt, desto stärker der Drang, ihn religiös oder schicksalhaft zu überhöhen. Eine verantwortliche politische Theologie aber erkennt: Gott ist nicht verfügbar als Legitimationsquelle für sinnlose Gewalt.

Je weniger Krieg sich moralisch und rechtlich rechtfertigen lässt, desto größer die Versuchung, ihn in einen quasitranszendenten Rahmen zu heben, in dem das Unvertretbare als notwendig, schicksalhaft oder heilig erscheint. Eine Religion, die ihre eigene Botschaft ernst nimmt, wird hier widersprechen: Sie besteht auf der Begrenztheit jeder Macht und auf der Unverfügbarkeit Gottes für Kriegspropaganda.

Genau darin liegt auch ein europäischer Standortvorteil: In offenen Gesellschaften können religiöse Stimmen, rechtliche Argumente und philosophische Kritik zusammenwirken, um diese Verklärungen zu entlarven – auch dann, wenn sie aus dem eigenen Feld kommen.

Ramadan hat uns gelehrt, was Verzicht bedeutet – nicht nur auf alltägliche Speisen, sondern auf gewohnte Gewissheiten. Er hat gezeigt, dass Erkenntnis aus Unterbrechung erwächst, nicht aus dem Aufenthalt im Dauerrauschen der Medien. Inmitten der Bilderflut brauchen wir wieder Worte, die verbinden, statt zu spalten. Und im politischen Diskurs brauchen wir Formen der Distanz, die uns ermöglichen, zuzuhören, ohne uns selbst zu verlieren.

Die Golfkrise zwingt uns, die Frage nach legitimen Mitteln im Konflikt neu zu stellen: Weder religiös noch rechtlich dürfen wir eine Politik akzeptieren, die behauptet, „der Zweck heilige alle Mittel“, aber wir dürfen uns auch nicht in eine Moral flüchten, die jede verantwortliche Reaktion auf reale Bedrohungen blockiert.

Zwischen beiden Extremen könnte ein neues, vom Geist des Ramadan geprägtes Politisches entstehen: kritisch, selbstreflexiv – und dennoch bereit, Verantwortung zu übernehmen. Vielleicht beginnt genau hier die Wiedergewinnung des Politischen – jenseits von Meinungskult und Identitätskampf –, als eine Praxis des Hörens, des Maßhaltens und des Hoffens.

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Ein völkerrechtswidriger Krieg ohne klaren Ausgang

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Die USA und Israel haben am 28. Februar einen völkerrechtswidrigen Krieg gegen den Iran begonnen, dessen Ausgang und Folgen noch nicht abzusehen sind.

(iz). Der ansonsten eher zurückhaltend auftretende Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier trat am 24. März anlässlich des 75-jährigen Bestehens des Auswärtigen Amtes ungewohnt undiplomatisch auf.

Er bezeichnete den von den USA und Israel begonnenen Irankrieg als „Völkerrechtsbruch“. Dieser Krieg sei für ihn völkerrechtswidrig, daran gebe es wenig Zweifel. Darüber hinaus bezeichnete er ihn als „politisch verhängnisvollen Fehler“. Er sei vermeidbar und unnötig gewesen.

Foto: US-DoD/gemeinfrei

Die bisher als „präventiv“ und „begrenzt“ präsentierte Aggression gegen Teheran hat sich innerhalb eines Monats zu einem offenen Regionalkrieg entwickelt, der sich nach wie vor einer klaren Prämisse entzieht, jedoch einer fatalen Logik der Eskalation folgt.

Dazu passt, dass der US-Präsident seit Beginn der Angriffe am 28. Februar wiederholt von unterschiedlichen Absichten, der Dauer des Konflikts und einem Endszenario sprach.

Mal war der Krieg fast entschieden, in anderen Momenten sollte er noch mehrere Wochen anhalten. So widerrief er am Morgen des 23. März ein für diesen Tag angekündigtes Ultimatum zur Öffnung der Straße von Hormus.

Am 28. Februar 2026 begannen koordinierte Luft- und Raketenangriffe auf iranische Führungseinrichtungen, Kommandozentralen, die Luftabwehr sowie Nuklearanlagen. Bei den ersten Schlägen wurde Revolutionsführer Ali Khamenei getötet, viele Spitzenfunktionäre kamen ums Leben.

Die von Washington als „Epic Fury“ bezeichnete Operation begann, obwohl die indirekten Nuklearverhandlungen unter omanischer Vermittlung offiziell noch nicht gescheitert waren. Bereits am ersten Tag wurde dabei eine iranische Schule getroffen, bei der nach dortigen Angaben bis zu 180 Schülerinnen ums Leben kamen.

In den ersten Stunden antwortete der Iran mit massiven Salven auf Israel, US-Basen in der Region sowie auf Ziele in Nachbarstaaten. Ein Teil der Angriffe wurde abgefangen, es gab jedoch Tote, Verletzte und erhebliche Schäden an der Infrastruktur. Schnell weitete sich das Schlachtfeld aus.

Während Tel Aviv und Washington weitere Wellen gegen Raketenstellungen, Marineeinheiten im Golf und dortige Einrichtungen flogen, nahm Teheran gezielt Städte in Israel, Luftwaffenstützpunkte und logistische Knotenpunkte in der Region ins Visier.

Foto: Dan Scavino | Lizenz: gemeinfrei

Innerhalb einer Woche waren mehr als ein Dutzend Staaten betroffen, so durch Überflüge, Raketenabbrüche, Cyberangriffe und Störungen des zivilen Luft- und Schiffsverkehrs. In der Straße von Hormus und im Golf von Oman wurden iranische und US-Schiffe beschossen. Tanker meldeten Vorfälle und die ersten Handelsschiffe änderten ihre Routen oder stellten ihre Fahrten ein.

Parallel zum externen Krieg verschärft sich die innere Repression im Iran: Schon im Januar 2026 hatten Sicherheitskräfte die größten Proteste seit 1979 mit tausenden Toten niedergeschlagen. Nun nutzt die neue Führung unter Mojtaba Khamenei den Kriegszustand, um Oppositionelle, Journalisten und Aktivisten weiter zu verfolgen.

Die Intensität der Raketenangriffe seitens Teherans hat mittlerweile etwas abgenommen, doch der Konflikt ist nicht entschieden. Die US-israelische Koalition kontrolliert die Lufträume und Seewege nur teilweise.

Foto: Avash Media//Wikimedia Commons | Lizenz: cc BY 4.0

Das Raketenarsenal des Irans ist geschwächt, aber nicht ausgeschaltet, und die Führungsstruktur des Regimes hat sich unter neuem Oberhaupt stabilisiert. Währenddessen droht jeder weitere eskalierende Schritt, wie die Zerstörung von Infrastruktur – etwa Entsalzungsanlagen, Wasser- und Elektrizitätswerke –, den Konflikt zu entgrenzen und zu verschärfen.

Trump ist sich bewusst, dass der Krieg im Land und bei Verbündeten auf Ablehnung stößt und die Weltwirtschaft destabilisiert. Am 16. März stiegen die Ölpreise auf über 87,59 Euro pro Barrel.

Netanjahu hingegen will ihn nicht beenden, ohne dem Iran eine entscheidende Niederlage zuzufügen, die zumindest dessen Atom- und Raketenprogramme beendet.

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Zwischen Drohnen und Bomben – Helfer über Ausnahmezustand in Beirut

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Während Bomben fallen: Als Nahostbeauftragter des Hilfswerks Misereor ist Frank Wiegandt für den Libanon, Jordanien, Syrien und Irak zuständig. Die neue Eskalation erlebt er hautnah mit.

Beirut/Rom (KNA). Dass über Beirut Drohnen kreisen, sind die Menschen gewohnt. Doch seit dem 2. März fallen Bomben, der Libanon befindet sich im Ausnahmezustand. Mitten drin: Frank Wiegandt, Nahostbeauftragter des Bischöflichen Hilfswerks Misereor, das viele Projektpartner in der Region hat und etwa Geflüchteten hilft.

Wiegandt spricht im Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) über Solidarität zwischen Christen und Muslimen, psychologische Kriegsführung und argwöhnische Blicke für einen Mitteleuropäer. Von Sabine Kleyboldt

Frage: Herr Wiegandt, wie erleben Sie derzeit die Situation im Libanon?

Frank Wiegandt: Ich wurde am Montagmorgen gegen 2.30 Uhr in meiner Wohnung in der Innenstadt von Beirut durch Explosionen geweckt, die auf Bombenangriffe der israelischen Armee folgten. Diese reagierte damit auf die kurz zuvor erfolgten Angriffe der schiitischen Miliz Hisbollah auf Ziele in Nordisrael.

Seither dauern die Bombenangriffe an, Drohnen kreisen ununterbrochen mit ohrenbetäubendem Getöse über Beirut. Den Lärm der Drohnen kannte ich schon, allerdings nur tagsüber und sporadisch; jetzt hört man die Drohnen auch in der Nacht, und das ist wirklich zermürbend und hat mit psychologischer Kriegsführung zu tun.

Frage: Wie blicken die Menschen auf die neue Eskalation?

Frank Wiegandt: Die libanesische Tageszeitung „L’Orient le Jour“ titelte am Dienstag: „Treibt die Hisbollah den Libanon in den Selbstmord?“ Das resümiert ganz gut die Situation, wie ich finde.

Es ist Krieg; die Menschen sind resilient, aber sie sind auch müde. Schon wieder mussten sie ihre Heimat verlassen, wieder wissen sie nicht, wann sie zurückkehren werden und in welchem Zustand sie ihre Häuser vorfinden werden.

Frage: Im Libanon gilt das Zusammenleben zwischen Christen und Muslimen als vorbildlich – jetzt immer noch?

Frank Wiegandt: Es gibt viel Solidarität. Libanesische Christen und Muslime sammeln Spenden und helfen ihren Landsleuten, die getroffen wurden oder flüchten mussten. Auch die Partnerorganisationen von Misereor mobilisieren sich. Es werden Unterkünfte, Nahrungsmittel, Hygieneartikel, aber auch psychosoziale Betreuung für die geflüchteten Menschen angeboten.

Die Schulen sind seit Montag geschlossen und der Verkehr ist deutlich geringer als üblich. Doch die Straßen sind voll von Autos der Menschen aus dem Südlibanon, die nach den Angriffen der israelischen Armee aus ihren Städten und Dörfern mit ihren Familien nach Beirut geflohen sind, um sich einigermaßen in Sicherheit zu bringen.

Die Menschen übernachten in ihren Autos, in Schulen, in Moscheen und Kirchen, in Zelten am Meer. Die, die es sich leisten können, wohnen im Hotel.

Foto: Gabriele Pedrini, Shutterstock

Frage: Wer sind „die Schuldigen“ dieses neuen Kriegs?

Frank Wiegandt: Es gibt die Wut auf die israelische Armee und auf die „Zionisten“, aber stärker noch gibt es die Wut auf die eigenen Leute, die Führungsriege der Hisbollah, die offenbar blind ergeben die Befehle der iranischen Mullahs befolgte und Israel angriff. Das gab der israelischen Armee den Vorwand, sofort zurückzuschlagen.

Es war eigentlich allen klar, dass die gegenwärtige israelische Regierung die Hisbollah ein für alle Mal aus dem Weg räumen wollte und auf den richtigen Augenblick dafür wartete.

Das Handeln und Vabanquespiel der Hisbollah wird vielfach als unpatriotisch und eigentlich verräterisch bezeichnet, da es die Interessen einer fremden Macht, des iranischen Regimes, über die Sicherheit und das Gemeinwohl der libanesischen Bevölkerung stellt.

Am 26. September 2024 wurde der langjährige Anführer der Hisbollah, Hassan Nasrallah, von einem gezielten Luftschlag der israelischen Armee getötet. Heute ist die Hisbollah zwar geschwächt, aber immer noch da. Trotz vieler Ankündigungen und Versprechungen ist es der libanesischen Regierung bisher nicht gelungen, die Hisbollah zu entwaffnen und zu entmachten.

Libanon

Foto: Freepik.com

Frage: Welche Reaktionen erleben Sie derzeit als Mitteleuropäer im Libanon?

Frank Wiegandt: Wenn ich jetzt die Corniche entlang gehe, spüre ich die argwöhnischen Blicke, die sich auf mich richten. Sie scheinen zu sagen: „Was machst du hier, sind wir auch deinetwegen oder wegen deinesgleichen hier gestrandet?“ Das ist natürlich Unsinn, aber ich kann es den Menschen nicht verdenken. Die Wahrheit ist nicht simpel, und im Krieg machen sich alle schuldig. Mein Eindruck ist aber auch der, dass die Hisbollah durch ihr Handeln ihren letzten Kredit bei der Bevölkerung verspielt hat.

Die Menschen verstehen nicht, warum die Hisbollah, trotz besseren Wissens und Warnungen der Regierung, den Libanon in diesen Krieg hineingezogen hat. So sieht das auch der lateinisch-katholische Bischof von Beirut, César Essayan. Als ich ihn am Dienstag traf, rief er mir zu: „Sind die alle verrückt geworden? Wird das jetzt der dritte Weltkrieg?“

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Dubai – ein Symbol unter Beschuss

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Über das entpolitisierte Paradies Dubai inmitten einer hochpolitisierten Region.

(iz). Dubai ist in diesen Kriegstagen weniger eine Stadt als ein Symbol für ein Versprechen, das die Golfmetropolen der Welt gegeben haben: dass man hier, zwischen Meer und Wüste, einen sicheren Transit‑ und Luxuskorridor buchen könne, während ringsum ungelöste Konflikte brodeln.

Nun fallen Trümmer auf die Stadt, Alarmsignale der Mobiltelefone schneiden durch das klimatisierte Mall‑Atrien, und plötzlich verschiebt sich die Semantik: „Dubai“ bedeutet nicht mehr nur Shopping, Stopover, Expo‑Erinnerungen – sondern rückt gefährlich nah an den Sound von „Kriegszone Naher Osten“.

Dubai als Touristen-Symbol – und sein Riss

Über Jahrzehnte wurde Dubai als „sunny, safe, tax‑free oasis“ vermarktet, als Oase der Planbarkeit, in der fast 90 Prozent der Bewohner Expats sind und Sicherheit selbst zur Ware geworden ist.

Der Aufstieg vom Perlendorf zur globalen Drehscheibe folgte einer klaren Dramaturgie: Emirates als fliegende Brücke seit 1985, das Burj Al Arab als architektonische Ikone seit 1999, Eigentumsrechte für Ausländer in den 2000ern, bis hin zu einem Wirtschaftsmodell, in dem Öl nur noch einen winzigen Bruchteil des Bruttoinlandsprodukts ausmacht, während Handel, Tourismus, Immobilien und Finanzdienstleistungen die Stadt tragen.

Dieses Dubai war ein Versprechen an Reisende, Wohlhabende und den globalen Mittelstand: Du kannst durch den Nahen Osten reisen, ohne ihn wirklich berühren zu müssen – in einem klimatisierten, entpolitisierten „safe cosmopolitan space“.

Genau dieses Versprechen wird im Irankrieg beschädigt, wenn Bilder fliegender Drohnen und Evakuierungen vom Palm Jumeirah um die Welt gehen, und wenn Flugausfälle, Luftraumwarnungen und höhere Versicherungskosten den bislang reibungslos surrenden Transitknoten ins Stocken bringen. Mit jeder Reisewarnung, mit jedem Storno rutscht Dubai ein Stück aus der Sphäre der Imagination („Oase“) in die Sphäre der Geopolitik, in der kein Ort sich auf Dauer entziehen kann.

Gleichzeitig bleiben die Finanzmärkte nicht unberührt: Börsen öffnen nur verkürzt oder bleiben tageweise geschlossen, die Kurse von Airline‑Aktien, Hotelketten und Duty‑free‑Betreibern stehen unter Druck, weil Investoren das politische Risiko neu einpreisen.

Entscheidend wird sein, wie lange dieser Ausnahmezustand dauert: Ein kurzer Schock lässt sich in die Erzählung resilienter Modernität einbauen. Ein langgezogener Konflikt hingegen könnte Geschäftsmodelle, Renditeerwartungen und touristische Routinen grundlegend verschieben.

Gelassenheit im Ausnahmezustand

Paradox ist, dass die Alltagserfahrung vieler Bewohner dieser Tage eher von Gelassenheit erzählt als von Panik. Auf den ersten Blick bleibt der Strom der SUVs vor den Malls, das Flanieren auf den Promenaden, das entspannte Leben in den Cafés: keine Hamsterkäufe, kein sichtbarer Kollaps der Versorgung, das Leben geht weiter, als hielte die Stadt demonstrativ an ihrer eigenen Normalität fest.

Die Regierung bemüht sich, Preise zu stabilisieren, Subventionen zu justieren und Lieferketten offen zu halten – nicht nur aus Fürsorge, sondern auch, um das Narrativ der Steuerbarkeit der Lage aufrechtzuerhalten. Die Kommunikationsstrategie ist dabei Teil der psychologischen Infrastruktur: Warn‑Apps, Hinweise, wann Schutz gesucht werden soll, und wann man „normal“ weiterarbeiten kann, suggerieren eine kontrollierte Ausnahme.

In dieser Mischung aus High‑Tech‑Sicherheitsstaat und alltäglicher Routine entsteht ein Bild von Bürgern und Residents, die gelernt haben, mit geopolitischer Volatilität zu leben, ohne ihr Lebensmodell preiszugeben – ein Habitus der Ruhe, der selbst wieder zur touristischen Ressource werden könnte.

Die strategische Logik der Flugabwehr

Jenseits der Glas‑und‑Stahl‑Oberfläche Dubais arbeitet in diesen Wochen eine zweite, unsichtbare Maschine: die Flugabwehr, in die die Emirate seit Jahren Milliarden investiert haben. THAAD‑Batterien, Patriot‑Systeme, hochreichweitige Radare wie AN/TPY‑2 fügen sich mit eigenen Rüstungsprojekten wie „SkyKnight“ zu einem vielschichtigen Schutzschirm, der ballistische Raketen in großer Höhe, billige Drohnen und Marschflugkörper in tieferen Lagen abfangen soll.

Die nackten Zahlen der aktuellen Angriffe – hunderte Raketen und Drohnen, eine angegebene Abfangrate von über 90 Prozent, bei sehr wenigen Todesopfern – erzählen von einem technologischen Großversuch unter Ernstfallbedingungen, bei dem die Verteidigung zwar nicht alle Schäden verhindert, aber die Zerstörung auf ein politisch verkraftbares Minimum reduziert. Der Staat zeigt sich vorbereitet und als Herr der Lage.

Die Systeme sind nicht nur militärische Hardware, sondern Teil des Geschäftsmodells: Sie schützen Flughäfen, Seehäfen, Freihandelszonen und die Skyline, die als Kulisse für den globalen Kapitalverkehr dient. Jede erfolgreich abgefangene Rakete ist zugleich eine Investition in das Narrativ, dass selbst der Krieg hier nur „am Rand“ stattfindet – als Lichtblitz am Nachthimmel, der den Betrieb nicht grundsätzlich lahmlegt.

Zugleich macht die hohe Sichtbarkeit dieser Verteidigungsanstrengungen deutlich, dass die vermeintliche Entpolitisierung Dubais immer schon auf einer massiven Militarisierung des Luftraums beruhte – auf einer technopolitischen Architektur, die der Tourismusindustrie den Rücken freihalten sollte.

Foto: Defense.gov Photos | Lizenz: Public Domain

Zwischen US‑Israel‑Koalition und Golfinteressen

Der Krieg legt auch die Bruchlinien zwischen den Interessen der US‑Israel‑Koalition und denen der Golfstaaten frei. Während Washington und Jerusalem auf eine harte Linie gegenüber Teheran setzen, haben die Emirate und andere Golfmonarchien immer wieder eine diplomatische Lösung der iranischen Nuklearfrage gefordert und dem Westen in der aktuellen Eskalation die Nutzung ihrer Basen und ihres Luftraums für offensive Operationen verweigert.

Sie wollen nicht Schauplatz eines Stellvertreterkriegs werden– sind aber zugleich unmittelbare Zielscheibe iranischer Raketen, in größerer Zahl als Israel selbst.

Die offizielle Haltung wirkt trotzdem betont maßvoll: Die Opfer werden beklagt, auch die iranischen Zivilisten – etwa getroffene Schulkinder in Teheran – finden Eingang in die empathische Anteilnahme, als wolle man zeigen, dass dieser Krieg keine ethnokonfessionelle Schlacht sein soll, sondern eine Tragödie, die Menschen auf beiden Seiten trifft.

Die Botschaft nach innen lautet: Vertraut auf die Führung, auf unsere eigenen Fähigkeiten, unser Land zu verteidigen; nach außen: Wir sind keine Frontstaaten im Dienst einer fremden Agenda, sondern Akteure mit eigener strategischer Rationalität, die einen ideologisch aufgeladenen Krieg möglichst eindämmen wollen.

Dass die Emirate keinerlei Interesse an politischem Islam – weder in iranischer noch in jihadistischer Variante – haben, markiert dabei den Rahmen: Stabilität, Säkularität im Alltag, wirtschaftliche Offenheit stehen höher als jede ideologische Frontstellung.

Al Habtoors Einspruch gegen Stellvertreterlogik

In diese Konstellation hinein spricht der einflussreiche Geschäftsmann Khalaf Al Habtoor, und seine Worte finden viel Beachtung in der Stadt. Er schreibt, man wisse sehr genau, warum man angegriffen werde, und ebenso, wer die Region in diese Eskalation hineingezogen habe, ohne seine Verbündeten zu konsultieren – ein klarer Hinweis darauf, dass Teile der Golfelite die strategischen Entscheidungen der US‑Israel‑Koalition als fahrlässig empfinden.

Wenn er betont, die Golfstaaten bräuchten keinen äußeren „Schutz“ und nichts sei kostbarer als das Leben unserer Söhne, keine Allianz den Preis wert, artikuliert sich darin ein souveränes Selbstverständnis, das die Logik klassischer Schutzmachtbeziehungen aufkündigt. „Wir brauchen euren Schutz nicht… haltet nur eure Hände von uns fern“ – in diesem Satz steckt der Wunsch, der eigenen Wohlstands‑ und Sicherheitsarchitektur zu trauen, statt als Schachfigur in einem globalen Rüstungsbusiness zu enden, das von jeder neuen Krise profitiert.

Al Habtoors Kritik am Waffenhandel – als Geschäft, das Konflikte eher nährt als eindämmt – wirkt wie eine selten ausgesprochene Selbstdiagnose der Region: Das, was die Skyline schützt, ist zugleich Teil eines global agierenden Industriekomplexes, der Kriegszyklen verlängert. Insofern ist seine Intervention auch eine Verteidigung Dubais als Lebensform: einer Wirtschaftsmetropole, die sich nicht permanent neu als Schlachtfeld verfügbar machen lassen will.

Foto: Jeremy Kemp, via Wikimedia Commons | Lizenz: Public Domain

Finanzielle Hebel – Dubai als Druckmittel

Doch Dubai ist mehr als touristisches Symbol und militärisch geschützter Knoten – es ist seit Jahrzehnten einer der wichtigsten Schatten‑Durchgänge der iranischen Ökonomie. Über Firmenregister, Free Zones und Finanzkonstruktionen fließen Milliarden an iranischem Kapital durch Emirate‑Konten: Briefkastenfirmen, inoffizielle Wechselstuben, informelle Netzwerke sorgen dafür, dass Öleinnahmen kanalisiert, Sanktionen umgangen, Devisen beschafft und globaler Handel ermöglicht werden.

Dieses Geflecht bildet die unsichtbare Rückseite der Skyline, eine Grauzone, in der geopolitische Feindschaft und ökonomische Koexistenz sich berühren. Mit den iranischen Angriffen wächst nun der Druck, dieses Netzwerk als Hebel einzusetzen. Nach Berichten, die auf das „Wall Street Journal“ zurückgehen und von internationalen Medien aufgegriffen wurden, prüfen die Emirate die Möglichkeit, iranische Vermögenswerte in Milliardenhöhe einzufrieren: Konten mutmaßlicher IRGC‑Frontfirmen, Geldströme über Schattenbanken und inoffizielle Exchanges, bis hin zu möglichen maritimen Maßnahmen gegen iranische Schiffe.

Ein solcher Schritt würde Teherans Zugang zu Fremdwährungen und Handelsnetzen drastisch einschränken – potenziell wirksamer als manche militärische Option – und erklärt, warum in sozialen Medien bereits spekuliert wird, die in Emirate‑Banken liegenden Vermögen der Revolutionsgarden könnten den Krieg schneller beenden als jede Rakete.

Für Dubai selbst wäre das ein riskantes Manöver: Es würde Teile seines Finanzökosystems beschneiden und das Image als neutraler, transnationaler Umschlagplatz belasten, zugleich aber die Rolle der Stadt als strategischer Akteur im Finanzkrieg unterstreichen.

Unter der Oberfläche der Luxushotels wird hier eine stille, ökonomische Frontlinie gezogen, an der sich entscheidet, ob die Golfstädte reine Kulissen bleiben oder ihre Macht als Gatekeeper globaler Kapitalströme offensiv nutzen. Auf der anderen Seite weisen die Golfstaaten darauf hin, dass ihre Investitionen in den USA neu bewertet werden könnten. Eine Aussicht, die nicht nur in den USA Sorgen auslösen dürfte.

Foto: Wikipedia Commons

Aussichten: Verwundbarkeit und Beharrungskraft

Die Frage nach Dubais Zukunft in Zeiten des Irankrieges ist keine Prognosefrage allein, sondern eine Frage nach der Haltbarkeit eines bestimmten Zivilisationsentwurfs. Kurzfristig zeigen die Daten eine erstaunliche Resilienz: Trotz Angriffen, Flugstörungen und verunsicherten Investoren kehrt die Stadt binnen Tagen weitgehend zum Normalbetrieb zurück, zwar buchen Touristen um, verschieben, stornieren – aber viele Auswärtige brechen Dubai nicht den Rücken.

Die Hochhäuser stehen, die Strände füllen sich, das Nachtleben dimmt vielleicht das Licht, aber es geht nicht aus. Langfristig hängt alles an der Dauer und Intensität des Konflikts – und daran, ob es den Emiraten gelingt, das Bild des sicheren Transit‑ und Luxuskorridors glaubhaft zu reparieren.

Gelingt es, die Angriffe als einmaligen Schock zu rahmen, flankiert von hwirksamer Luftverteidigung und klug dosiertem Finanzdruck auf Teheran, dann könnte Dubai sogar gestärkt aus der Krise hervorgehen: als Stadt, die gezeigt hat, dass ihr Sicherheitsversprechen mehr ist als Marketing.

Zieht sich der Krieg dagegen über Monate oder gar Jahre, werden Versicherer, Fluglinien, Konzerne und Individualreisende ihre Risikomodelle neu zeichnen – und der Golf könnte einen Teil seines touristischen und finanziellen Magnetismus an andere, sichere wahrgenommene Korridore verlieren.

Vielleicht wird man Dubai dann einmal als Labor eines 21. Jahrhunderts lesen, in dem der Versuch unternommen wurde, ein entpolitisiertes Paradies inmitten einer hochpolitisierten Region zu erschaffen – und in dem sich, unter Raketenfeuer, zeigte, wie dünn die Trennwand zwischen Duty‑free‑Shop und geopolitischer Frontlinie tatsächlich ist.

Die kommenden Monate werden entscheiden, ob die Stadt diese Trennwand neu verstärken kann – oder ob der Rauch der Trümmer sich tiefer in das kollektive Gedächtnis der Reisenden einbrennt, als es jede Imagekampagne je wieder aufhellen kann. Die Situation ist gefährlich, denn wenn die ökonomischen Perspektiven in den Wohlstandszentren wegbrechen, könnte der gesamte Raum dauerhaft destabilisiert werden.

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Die Zeit der Bomben: Irankrieg wird unvermindert fortgeführt

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Während Bomben auf den Iran und viele Staaten der Region fallen, wirken die Aggressoren und die EU-Länder plan- und konzeptlos.

(iz, KNA, GFP.com). Ab dem Morgen des 28. Februar 2026 markierten die gemeinsamen amerikanisch-israelischen Angriffe auf iranische Ziele eine neue Phase des seit Jahren eskalierenden Schattenkriegs – erstmals als offener, regionaler Krieg geführt.

Seit 28. Februar fallen Bomben und Raketen

Am 28. Februar gegen Vormittag Ortszeit starteten massive Angriffe mit US‑Projektilen, Drohnen und israelischen Jets auf Ziele in West‑ und Zentraliran, darunter Luftabwehr, Raketenstellungen und Anlagen mit Bezug zum Nuklear‑ und Raketenprogramm.

Tel Aviv sprach von etwa 500 getroffenen militärischen Zielen und der größten Kampagne seiner Luftwaffe. US-Präsident Trump erklärte die Operation zu einer großangelegten Offensive zur Zerstörung von Irans Raketenindustrie, Seestreitkräften und nuklearen Kapazitäten. Entgegen den Behauptungen deutscher Kommentatoren geht es weder Washington noch Tel Aviv in erster Linie um „Freiheit“ oder „Demokratie“ in der Islamischen Republik.

Fast zeitgleich schlossen Iran, Israel und Nachbarstaaten ihren Luftraum; die USA signalisierten, dass diplomatische Optionen als ausgeschöpft gelten. Internationale Reaktionen reichten von scharfer Kritik an der Gefährdung der regionalen Stabilität bis zu Erklärungen der Unterstützung für das „Selbstverteidigungsrecht“ Israels und der USA.

Iran antwortet und weitet den Krieg auf die gesamte Region aus

In den Stunden nach den ersten Angriffen reagierte Teheran mit einem breiten Spektrum von Drohnen‑ und Raketenangriffen. Ziele sind weiterhin Israel, US‑Basen in der Region, zivile Objekte in Jordanien, Kuwait, Bahrain, Katar, Irak, Saudi‑Arabien und den VAE sowie zivile Flughäfen und Häfen der Nachbarstaaten.

Teheran schloss der Straße von Hormus, womit ein neuralgischer Punkt des Welthandels und der Energieversorgung getroffen ist. Die Ölpreise sprangen deutlich nach oben, asiatische Börsen geraten unter Druck.

Politisch verschiebt sich damit der Konflikt von einer bilateralen Konfrontation hin zu einem offenen regionalen Krieg, der Golfmonarchien, Irak, Libanon und de facto europäische Akteure über Militärbasen und Energieabhängigkeit einbindet. Sollten die USA angeblich Pläne zur Mobilisierung kurdischer Kräfte im Iran realisieren, dürfte nach Ansicht von Beobachtern auf die Türkei nicht abseits bleiben.

Die Arabische Liga warnte vor einem „vollumfänglichen regionalen Krieg“ und drängt auf Deeskalation, während Teheran nach Tötung von Ayatollah Ali Khamenei und unzähligen hochrangigen Funktionären des Machtapparats jede Verhandlung mit Washington kategorisch ausschließt.

Die Opferzahlen im Iran steigen rapide an

Im Iran führen die Angriffe seit Beginn zu hunderten zivilen Toten und Verletzten in mehreren Provinzen. Die Aggression trifft dicht besiedelte urbane Räume, Schulen werden geschlossen, Familien fliehen aus besonders gefährdeten Vierteln. Die Internetverbindung bricht landesweit auf wenige Prozent ein, was Informationsfluss, Koordination von Hilfe und die Arbeit humanitärer Organisationen massiv behindert.

Unterbrechungen von Strom, Transportwegen, Gesundheitsdiensten und Versorgungsnetzen verstärken eine vorhandene strukturelle Krise. Wasserknappheit, steigende Preise und hohe Arbeitslosigkeit treffen insbesondere einkommensarme Haushalte, Tagelöhner und informell Beschäftigte.

Kinder, Ältere, Menschen mit Behinderungen und Kranke gelten als besonders gefährdet, da sie von funktionierenden öffentlichen Diensten und Medikamenten abhängen, während Binnenvertriebene und Flüchtlinge aufgrund prekärer Wohnverhältnisse und knapper Ressourcen doppelt exponiert sind.

Das Lager der Angreifer ist plan- und kopflos

Politisch steht Washington vor der Spannung zwischen dem Anspruch, Irans Sicherheitsapparat „zu zerschlagen“, und der Gefahr, in einen langwierigen Krieg ohne klar definiertes Endziel hineingezogen zu werden. Für Israel verschränken sich der Angriff gegen den Iran, die anhaltenden Operationen in Gaza und die neue Front im Libanon zu einem Mehrfrontenkrieg, der militärisch beherrschbar sein mag, aber enorme diplomatische und innenpolitische Kosten erzeugt.

Auf iranischer Seite schafft die Tötung Khameneis ein Machtvakuum mit unklarer Nachfolge, in dem Hardliner jede Form von Zugeständnissen als existenzielle Bedrohung rahmen und damit die Eskalationsspirale eher antreiben als bremsen. 

Mit Raketen, Drohnen und Flüchtlingsbewegungen, die längst Grenzen überschreiten, ist die Region in eine Konstellation eingetreten, in der ein einzelner Fehlkalkulationsmoment genügen kann, um den Krieg weiter auszuweiten. Währenddessen ist die humanitäre Bilanz nach wenigen Tagen katastrophal und wird absehbar anwachsen.

Foto: Deutscher Bundestag/Thomas Imo/photothek

Berlin stellt sich grundlos auf die Seite eines Angriffskriegs

Die USA und Israel erhalten bei ihrem zweiten Krieg gegen den Iran binnen neun Monaten erneut die Rückendeckung der Bundesregierung. Bundeskanzler Friedrich Merz teilte am Sonntag mit Blick auf den völkerrechtswidrigen Überfall auf Iran mit, er wolle keine „völkerrechtliche Einordnungen“ des Krieges vornehmen.

Es sei „jetzt nicht der Moment, unsere Partner und Verbündete zu belehren“. Im Gegensatz dazu forderte er Iran auf, „diese wahllosen Angriffe sofort zu beenden“.

Deutsche Muslime rufen zur Deeskalation auf

Der Koordinationsrat der Muslime in Deutschland blickt nach eigenen Angaben mit großer Besorgnis auf die jüngste militärische Eskalation im Zusammenhang mit dem Iran. Die Entwicklungen drohen, eine ohnehin fragile Region weiter zu destabilisieren und neues Leid über die Zivilbevölkerung zu bringen.

Das Gremium rief in einer Erklärung vom Montag alle beteiligten Akteure eindringlich dazu auf, unverzüglich Schritte zur Deeskalation einzuleiten, das internationale Recht zu respektieren und zu einer politischen Lösung zurückzukehren. „Die internationale Gemeinschaft steht in der Verantwortung, weitere Eskalationen zu verhindern und Wege zu eröffnen, die langfristig Sicherheit und Stabilität fördern.“

Die OIC verurteilt Attacken gegen Ziele in arabischen Ländern

Ungeachtet der Darstellung von Präsident Massud Peseschkian, die Tötung von Khamenei durch die USA und Israel sei eine „Kriegserklärung an Muslime“, hat der Weltverband 57 muslimischer Staaten ein Ende der Eskalation und die Rückkehr an den Verhandlungstisch gefordert. In einer am Abend des 28. Februar verbreiteten Erklärung verurteilte die Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) in Riad die Angriffe Teherans auf benachbarte Mitgliedstaaten.

Das OIC-Generalsekretariat sprach mit Bezug auf iranische Luftangriffe auf Ziele in Saudi-Arabien, mehreren Golfstaaten und Jordanien von „Aggression“ und „einer inakzeptablen Eskalation“. Diese bedrohe die Stabilität der gesamten Region und habe schwerwiegende Folgen für Frieden und Sicherheit.

Die Verletzung der Souveränität von OIC-Mitgliedern und völkerrechtlicher Grundsätze durch den Iran stelle einen gefährlichen Präzedenzfall dar, so der islamische Staatenverband. Er verlangte die Wahrung gegenseitigen Respekts und Nichteinmischung in innere Angelegenheiten.

Leider wie immer: Jerusalem und palästinensische Gebiete werden zu Opfern des Teheraner Vorgehens

Im Felsendom nahm eine Studentengruppe gerade an einem Qur’anunterricht teil, als Alarm ertönte. Kaum jemand habe sich bewegt, berichtet eine Studentin. Zwar sei der Bereich geschlossen worden, aber die Besucher auf dem Plateau der Al-Aksa-Moschee hätten alle Ruhe bewahrt.

Auch außerhalb des Damaskustors zur Altstadt waren die Geschäfte zunächst geöffnet, auf den Straßen herrschte Treiben. Und im Garten der Dormitio, der deutschen Benediktiner-Abtei auf dem Zionsberg, ging die Zitronenernte ungestört weiter.

Dann aber gab es kurz nach 10 Uhr auch für Jerusalem Alarm. Die Bewohner suchten Schutzräume auf. Über der Stadt wurden Raketen gesichtet. Mehrere laute Explosionen waren zu hören, als das israelische Abwehrsystem erfolgreich ein Geschoss abfing. Die deutsche Schmidt-Schule am Rand der Altstadt schickte die Schülerinnen nach Hause.

Später entdeckte man im Hof der Schule zwei etwa 40 Zentimeter große Trümmerteile. Auch beim Sultanspool westlich der Altstadt fiel ein umfangreicheres Raketenstück nieder und sorgte für starke Rauchentwicklung. Der Platz vor der Klagemauer war inzwischen verwaist. Nach Tel Aviver Angaben feuerte der Iran rund 30 Raketen in Vergeltung ab.

Foto: diloka107, Freepik.com

Dramatische Folgen für die Weltwirtschaft sind nicht abzusehen

Die ersten Ausläufer der zu erwartenden Konsequenzen des unnötigen Angriffs auf den Iran zeigte sich bereits an deutschen Tankstellen. Preise stiegen im Schnitt um 20 ct/Liter an. Ökonomen befürchten langfristig ein erneutes Absinken des Wirtschaftswachstums im Euroraum sowie eine Zunahme inflationärer Effekte. An vielen Börsen – von Europa bis Ostasien – sackten die Kurse ab.

„Wir sehen hier nicht nur eine Energiekrise, sondern eine sicherheitspolitische Eskalation mit gravierenden völkerrechtlichen und wirtschaftlichen Folgen. Die Dauer dieses illegalen und sinnlosen Krieges ist nun entscheidend. Für Verbraucher bedeutet jeder weitere Tag höhere Preisschwankungen, steigende Beschaffungskosten und das Risiko erneuter deutlicher Preissteigerungen für Energie. Anders als 2022 wird es diesmal vor allem um die Senkung der Nachfrage gehen“, sagte Dr. Pauline S. Heinrichs vom Londoner King’s College.

„Der beschleunigte Ausbau erneuerbarer Energien ist eine Frage strategischer Souveränität. Jede zusätzliche Kilowattstunde aus Wind- und Solarenergie reduziert die Abhängigkeit von fossilen Staaten und fossilen Brennstoffen – und damit die Anfälligkeit für genau solche geopolitischen Schocks“, meint der Ökonom Lukas Scholle. Er ist Chefredakteur des kritischen Wirtschaftsmagazins „Surplus“.

Eine der Lehren aus dem Iran-Krieg müsse eine möglichst schnelle Energiewende sein. Fossile Energie sei eine zentrale ökonomische Grundlage für Kostenschocks – vom Gas aus Russland bis Öl aus dem Nahen und Mittleren Osten.

Sudan Hunger

Foto: WFP/Ali Khalafalla

Empfänger internationaler Hilfe leiden jetzt schon unter den Effekten des Kriegs

Die Kriegshandlungen im Nahen Osten bringen die Logistik für Hilfslieferungen in Engpässe. Die humanitären Lieferketten gerieten zunehmend unter Druck; Grund seien Behinderungen der Schifffahrt, aber auch gesperrte Lufträume, sagte der Regionaldirektor des Welternährungsprogramms WFP, Samer Abdeljaber, am 3. März in Genf. Das von den Vereinten Nationen getragene WFP ist mit seinem Transportnetz und seinen technischen Möglichkeiten einer der wichtigsten Akteure der Nothilfe weltweit.

Abdeljaber verwies auf Risiken für Schiffe in der Straße von Hormus und drohende Angriffe im Roten Meer. Die Störungen führten zu höheren Transportkosten, längeren Lieferzeiten und einer geringeren Containerverfügbarkeit. Die Beschränkungen im Luftverkehr sorgten für Probleme beim Austausch der Crews und erschwerten Einsätze.

Das WFP und Partnerorganisationen versuchten, sich der Situation anzupassen, etwa durch die Nutzung von Transitrouten in der Türkei, Ägypten, Jordanien und Pakistan sowie Landkorridoren zwischen den VAE und der Levante. Wichtig seien ägyptische Häfen und der Suezkanal. Beide stellten Knotenpunkte für die Region dar, so Adeljaber.